"Logistik wird spannend, wenn sie sichtbar, verständlich erklärt und mit dem Alltag verbunden wird."

Martin Posset ist CEO von thinkport VIENNA - logistics innovations hub und beschäftigt sich mit der Frage, wie Logistik nachhaltiger, effizienter und zukunftsfähiger gestaltet werden kann. Gemeinsam mit dem Team von thinkport VIENNA arbeitet er an der Schnittstelle von Logistik, Stadt, Wirtschaft, Forschung und Innovation.
Seit mehreren Jahren führt thinkport VIENNA im Rahmen von Gemma Zukunft durch den Hafen Freudenau. Bei den Spaziergängen wird ein Teil Wiens sichtbar, der im Alltag oft verborgen bleibt: Die Teilnehmer*innen erleben, wie Wasserstraße, Schiene und Straße zusammenspielen, welchen Weg Güter durch die Stadt nehmen und welche Rolle der Hafen Wien für Versorgung, Wirtschaft und eine nachhaltige Logistik der Zukunft spielt.
Im Interview spricht Martin Posset darüber, warum der Hafen im funktionalen Herzen Wiens liegt, weshalb Logistik uns alle betrifft und warum gerade der Blick hinter die Kulissen bei den Gemma-Zukunft-Touren immer wieder für Aha-Momente sorgt.
Wie erklärt Ihr Euren Job all jenen, die zum ersten Mal von thinkport VIENNA hören? Was erwartet die Teilnehmer*innen bei einer Tour durch den Hafen Freudenau?
Posset: thinkport VIENNA - logistics innovations hub ist ein Verein zur Förderung von Innovation in der Logistik. Als Innovationshub entwickeln und begleiten wir Lösungen für eine nachhaltige und effiziente urbane Güterlogistik mit Fokus auf Klimaschutz und Lebensqualität. Gemeinsam mit einem Netzwerk aus Forschung, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft machen wir zukunftsweisende Ansätze sichtbar und umsetzbar.
Bei unseren Spaziergängen wird Logistik konkret: Die Teilnehmer*innen erleben den Hafen Wien am Standort Freudenau als aktiven Wirtschaftsstandort und sehen, wie Wasserstraße, Schiene und Straße im Güterverkehr ineinandergreifen. Im Terminal zeichnen wir den Weg eines Containers gedanklich nach, beobachten die schienengebundenen Portalkräne beim Umschlag und zeigen, wie Container weltweit identifiziert, gesteuert und kontrolliert werden - und welche Rolle neue Technologien dabei spielen. Dabei sehen wir auch, wie eng der Hafen mit unserem Alltag verbunden ist - von der Versorgung der Stadt bis zur Rückführung von Materialien in neue Kreisläufe.
Der Spaziergang zählt zu den Dauerbrennern im Programm von Gemma Zukunft. Wundert Euch dieses große Interesse?
Posset: Das große Interesse freut und überrascht uns gleichzeitig. Heuer wurde die Anmeldung um Mitternacht geöffnet, bereits um 9 Uhr war der Spaziergang ausgebucht und viele Personen standen auf der Warteliste. Manche haben sogar ihren Urlaub rund um die Tour geplant. Deshalb haben wir natürlich einen zusätzlichen Termin angeboten.
Der Hafen Wien ist für viele ein verborgener Stadtteil. Gleichzeitig betrifft Logistik uns alle - beim Einkaufen, Bauen, bei der Energieversorgung oder Entsorgung. Diese Verbindung macht die Spaziergänge besonders spannend. Wir wissen, wie viel Begeisterung dieser Ort auslösen kann - umso mehr freut es uns, diese Begeisterung weitertragen und mit anderen teilen zu können.
Für die Anreise vom Stadtzentrum bis zum Hafen müssen Teilnehmer*innen 30 bis 60 Minuten einplanen. Wie sehr liegt dieses Logistikzentrum tatsächlich im Herzen der Stadt?
Posset: Vielleicht nicht im touristischen, aber eindeutig im funktionalen Herzen Wiens. Im Hafen werden Waren gebündelt, umgeschlagen, gelagert und weiterverteilt. Das bleibt im Alltag oft unsichtbar, ist aber wesentlich für das Funktionieren und die Versorgung der Stadt. Die stadtnahen Logistikflächen ermöglichen es, große Warenmengen nahe dem Zentrum zu bündeln und Güterströme sowohl in die Stadt hinein als auch aus ihr heraus effizient abzuwickeln.
Welche Vorteile hat Wien gegenüber anderen Städten, wenn es um Logistik geht - und welche Rolle spielt der Hafen dabei?
Posset: Wien liegt am Schnittpunkt mehrerer wichtiger europäischer Verkehrsachsen und mit der Donau an einer der zentralen europäischen Wasserstraßen. Der Hafen Wien verbindet als trimodaler Logistikstandort Wasserstraße, Schiene und Straße. Hinzu kommen die Nähe zum Zentralverschiebebahnhof und zum Flughafen sowie kurze Wege in die Stadt und die gesamte Stadtregion. Der Hafen ist dabei weit mehr als ein Umschlagplatz. Er bietet Flächen für Lagerung und Bündelung, verknüpft internationale Transportketten mit regionalen Güterströmen und dient zugleich als Praxis- und Erprobungsraum für neue Logistiklösungen.
Auch bei innovativer urbaner Logistik genießt Wien international einen guten Ruf - das erleben wir in der Zusammenarbeit mit europäischen Partner*innen immer wieder. Gleichzeitig verfolgt die Stadt klare Ziele: Sie will die urbane Logistik weiterentwickeln, um die hohe Lebensqualität zu sichern und Wien als attraktiven Wirtschaftsstandort zu stärken.
Wie sieht Eurer Meinung nach die Logistik der Zukunft in Wien und auf der Donau aus?
Posset: Die Logistik der Zukunft muss klimaverträglich, resilient und flexibel sein. Dafür müssen alle Verkehrsträger intelligent zusammenspielen. Österreich nimmt eine strategische Rolle bei der Entwicklung eines leistungsfähigen und schiffbaren Donaukorridors sowie in der internationalen Zusammenarbeit ein. Der Gütertransport auf der Donau ist insbesondere für schwere oder übergroße Ladungen relevant; regulatorische Anpassungen sollten zudem Teil- und gemischte Ladungen erleichtern. Auch die Schiffsantriebe verändern sich: Alternative Kraftstoffe sowie elektrische und hybride Lösungen gewinnen an Gewicht.
Auch die Kreislaufwirtschaft rückt stärker in den Fokus: Wien will seinen konsumbasierten Materialfußabdruck pro Kopf bis 2050 gegenüber 2019 halbieren und bis 2030 eine Recyclingquote von über 60 Prozent erreichen. Damit nehmen Rück- und Sekundärrohstoffströme zu. Zwischenlagerung, Aufbereitung und Wiedereinbringung in den Wirtschaftskreislauf werden wichtiger - der Hafen kann als multimodale Drehscheibe eine zentrale Rolle bei Bündelung und Weitertransport übernehmen.
Was sind die schönsten oder überraschendsten Momente bei einer Gemma-Zukunft-Tour? Welche Learnings habt ihr in den letzten 3 Jahren gemacht?
Posset: Am schönsten sind die Aha-Momente: wenn aus dem abstrakten Begriff "Logistik" ein konkretes Bild und reales Erlebnis wird. Viele sind überrascht von den Dimensionen des Hafens und davon, dass all das innerhalb Wiens stattfindet.
Besonders berührt hat uns die Rückmeldung einer Teilnehmerin, die kurzfristig über die Warteliste nachgerückt war. Noch auf dem Heimweg rief sie ihren Vater an, der selbst Speditionskaufmann gewesen war, und erzählte ihm von der Tour. Solche Reaktionen zeigen, dass eine Hafenführung persönliche Erinnerungen wecken und einen ganz neuen Blick auf die eigene Stadt eröffnen kann.
Unser wichtigstes Learning: Logistik wird spannend, wenn sie sichtbar, verständlich erklärt und mit dem eigenen Alltag verbunden wird. Die Menschen möchten hinter die Kulissen schauen, Zusammenhänge verstehen und Fragen stellen. Diesen Dialog nehmen wir auch in unsere Innovationsarbeit bei thinkport VIENNA und im Hafen Wien mit.





