Ruth Klüger

Ruth Klüger wurde 2008 in der Kategorie "Gedenkjahr 1938" mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet.

Ruth Klüger (rechts) mit der zweiten Preisträgerin

Johanna Dohnal und Ruth Klüger (v.l.n.r.)

Ruth Klüger "lädt [...] zur Auseinandersetzung ein, dazu, uns ein eigenes Urteil zu bilden", wie Eva Geber einmal in einer Laudatio über sie gesagt hat (Eva Geber (2011) Laudatio auf Ruth Klüger zur Überreichung des Theodor Kramer Preises. In: AUF – Eine Frauenzeitschrift 2011/Nr. 153, Seite 56 bis 57, Seite 57). Das vergangenheitspolitische, feministische wie literarische Engagement der Germanistin und Schriftstellerin hat es vielen Menschen ermöglicht, sich mit Vergangenheit wie Gegenwart auseinanderzusetzen.

Biografie, Werk und Auszeichnungen

Ruth Klüger wird 1931 in Wien geboren. In der von Antisemitismus und Verfolgung geprägten Kindheit helfen Bücher und Worte, sich im zunehmenden Ausgeschlossensein über Wasser zu halten. Von einer Schule nach der anderen und schließlich aus der Familienwohnung vertrieben, legt sie ihren Erstnamen Susanne aus Protest ab. Im Alter von elf Jahren wird sie mit der Mutter Alma Klüger und der Großmutter väterlicherseits nach Theresienstadt deportiert. Gemeinsam mit ihrer Mutter und der in Auschwitz-Birkenau adoptierten Schwester Ditha gelingt auf einem Todesmarsch zwischen den Konzentrationslagern Christianstadt/Groß-Rosen und Bergen-Belsen die Flucht. Sie schlagen sich bis nach Straubing durch, wo sie von der US-amerikanischen Armee befreit werden. Den nach einer Inhaftierung aus Wien geflohenen Vater Viktor Klüger und den Halbbruder Georg sieht sie nicht mehr wieder, sie wurden im Nationalsozialismus ermordet. Ein Jahr nach Kriegsende absolviert Ruth Klüger das Notabitur und beginnt an der Philosophisch-Theologischen Fakultät in Regensburg zu studieren. Nach knapp zwei Jahren in Bayern emigriert sie im Oktober 1947 in die USA.

Universitäre Laufbahn und Auszeichnungen

Als junge Frau eine universitäre Laufbahn anzustreben war in den frühen 1960er-Jahren nicht unbedingt vorgesehen. "Und ich wollte was werden. Ich wollte unabhängig sein" (zitiert in: sz-magazin.sueddeutsche.de, 10/2012). Ruth Klüger arbeitet im Büro und lange als Bibliothekarin, bevor sie den Wunsch, Literaturwissenschaftlerin zu werden, umsetzen kann. Nach dem in New York 1952 absolvierten Studium der Bibliothekswissenschaften und der Anglistik entschließt sie sich, an der "University of California" in Berkely Germanistik zu studieren. Deutsche Sprache und Literatur sind für die bedeutende Kleist-Forscherin, wie sie rückblickend festhält, "ein Rucksack, das portative Gepäckstück par excellence, in das man alles Gute und Schöne und Notwendige hineinstopfen konnte" und "ein Buckel, ein Makel, den man loswerden wollte, aber nicht konnte" (Zerreißproben 2013, Seite 14/15).

Nach ihrer Promotion 1967 zum barocken Epigramm ist Ruth Klüger an zahlreichen US-amerikanischen Universitäten tätig. Von 1980 bis 1986 hat sie die Professur für Germanistik an der "University of Princeton" inne. Als Frau wird ihr die universitäre Karriere schwer gemacht: "Was ich geschrieben oder gedacht habe, war bedeutungslos" (zitiert in: sz-magazin.sueddeutsche.de, 10/2012). Dementsprechend groß ist ihr Einsatz für Frauen in der Literatur, etwa in ihren bekannten Werken "Frauen lesen anders. Essays" (1996) und "Was Frauen schreiben" (2010), oder als aktives Mitglied der "Modern Language Association Commission on the Status of Women in the Profession". Dabei zeigt die Germanistin auf, dass feministisches Denken nicht nur mit Frauen zu tun hat, sondern dem Kampf um eine bessere Gesellschaft verschrieben ist. Denn "[e]in echter Humanismus ist ein Feminismus", wie sie kürzlich betont hat (zitiert aus: ahs-rahlgasse.at). Auch dürfen die feministischen Erfolge des letzten Jahrhunderts in ihren Augen nicht als selbstverständlich oder gegeben angesehen werden. "Man kann nicht nachgeben, wenn man auch viele Dinge erreicht hat. Es gibt noch zu viel, das auf der Kippe steht" (zitiert in: sz-magazin.sueddeutsche.de, 10/2012).

Es ist ihr Sinn für das Wirkliche, gerade dort wo es sehr schmerzhaft und widersprüchlich ist, mit dem Ruth Klüger Menschen zum Nachdenken bringt und internationale Anerkennung erlangt. Nach Princeton wechselt sie an die "University of California" in Irvine, wo sie neben Forschung und Lehre als langjährige Herausgeberin der Zeitschrift "German Quarterly" tätig ist. 1993 wird Klüger der Rauriser Literaturpreis verliehen. Das Preisgeld widmet sie einer Roma-Institution, um auf lange verdrängte Opfer des Nationalsozialismus aufmerksam zu machen. Es ist die erste von unzähligen Auszeichnungen, die ihr wissenschaftliches und schriftstellerisches Werk würdigen, wie der Thomas-Mann-Preis (1999) oder der Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil (2011). 2003 kommt Ruth Klüger als Gastprofessorin nach Wien - eine Zeit, die ihr jedoch aufgrund schlechter Erfahrungen am Institut nicht in guter Erinnerung geblieben ist (Spiegel.de, 31.8.2006). Hingegen konnte sie an der Germanistik der Georg-August-Universität Göttingen fruchtbare Anknüpfungspunkte für eine jahrelange Zusammenarbeit finden.

Werke

Während ihrer Tätigkeit als Leiterin des kalifornischen Studienzentrums in Göttingen erleidet Ruth Klüger 1989 einen schweren Unfall mit dem Fahrrad. Nach der Genesung entschließt sie sich, ihre Kindheitserinnerungen zu Papier zu bringen. Im Spannungsbogen von erzählter Zeit und Zeit der Erinnerung berichtet sie in "Weiter leben. Eine Jugend" (1992) als Jugendliche und über Sechzigjährige von den Stricken zwischen Schicksal und Zufall. Hier sind auch ihre ersten Gedichte abgedruckt, mit denen sie die unsäglichen Appelle durchstehen und ihren Verstand retten konnte. Noch als Jugendliche hatte die junge Überlebende und Zeugin ihre Gedichte an die Öffentlichkeit gebracht, doch die "Hessische Post" druckt nur einen Teil davon ab. Nicht nur das einzelne Individuum, "auch eine Gesellschaft kann Teile ihrer Vergangenheit verdrängen", wie Ruth Klüger in ihrer Rede im österreichischen Parlament anlässlich des Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus festhält (5. Mai 2011). Diese Erfahrung macht Ruth Klüger immer wieder, aber sie lässt sich davon nicht abhalten mitzureden. Ihre Memoiren, aber auch ihre kritischen Äußerungen gegenüber dem entschärfenden "Pathos von Gedächtnisstätten" (Geber 2011, Seite 56) geben vielen eine Chance, sich mit "der großen jüdischen Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, die heutzutage die Shoah oder der Holocaust genannt wird" (Klüger, 5. Mai 2011) auseinanderzusetzen.

2008 erscheint das zweite Erinnerungsbuch "Unterwegs verloren". Die Kritik vermerkt einen zynischen Ton. Damit wird jedoch Ruth Klügers politisches Statement verfehlt - um "mit Ungerechtigkeiten umzugehen, gegen die man nichts machen kann" (zitiert in: sz-magazin.sueddeutsche.de, 10/2012). Die Poetik und Politik der Autorin liegen in der Auseinandersetzung, die sie eröffnet. Hierfür hat sie sich auch immer wieder mit ihrer Geburtsstadt konfrontiert, wo "jeder Pflasterstein […] antisemitisch für mich [ist]" (zit. in: Spiegel.de, 31.8.2006). Ruth Klüger bringt sich dennoch regelmäßig in Wien ein, wie in zahlreichen Wiener Vorlesungen oder zuletzt im Bundesgymnasium Rahlgasse. Dort liest sie im Mai 2012 aus ihrem Buch "Weiter leben" vor und bietet Schülerinnen und Schülern Raum zur Diskussion.

Mit Zerreißproben (2013) veröffentlicht Ruth Klüger schließlich ihren ersten umfassenden Gedichtband, wobei sie ihre Gedichte mit Kommentaren versieht. "Ich möchte Gedichte vorstellen, die etwas mit meinem Leben zu tun hatten, und sagen, was es war. Oft war es etwas, was ich verdrängen wollte und das sich nicht verdrängen ließ" (Zerreißproben 2013, Seite 9). Durch die Auslegung der eigenen Lyrik bricht sie ein Tabu. Denn traditionell sollen Gedichte, wie Frauen, so die Analogie der Autorin, "einfach, in ihrer ganzen Schönheit 'da sein'" (ebenda, Seite 7). Dem widerspricht Ruth Klügers feministisches wie literarisches Engagement. Denn Gedichte beinhalten für sie wie Träume die Möglichkeit, "sich Luft zu verschaffen" (ebenda, Seite 9).

Textauswahl

  • Frauen lesen anders. Essays, München 1996
  • Katastrophen. Über deutsche Literatur, München 1997
  • Zerreißproben, Wien 2013

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