Marlene Streeruwitz

Marlene Streeruwitz wurde 2010 für ihre "literarische Auseinandersetzung mit Rollenbildern" mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet.

Marlene Streeruwitz

"Und. Wie kann dann ich zu meiner Stimme kommen. Wie kann ich als Frau zu einer Stimme kommen. Denn. Neben allen Hierarchien ist auch die Nichtbeachtung der Frau in der Passion enthalten. Und damit aufgetragen. Wie kann ich eine andere Geschichte erzählen und trotzdem verstanden werden", fragt Marlene Streeruwitz anlässlich der Verleihung des Bremer Literaturpreises 2012. "Denn. Es ginge doch darum, jeder Person ihren eigenen Text zu verschaffen." ("Theorie in Bewegung". Rede zum Preis in Bremen am 26. Jänner 2012., zitiert auf der Homepage von Marlene Streeruwitz: www.marlenestreeruwitz.at).

Biografie, Werk und Auszeichnungen

Marlene Streeruwitz wurde 1950 in Baden bei Wien geboren. Sie studiert Slawistik und Kunstgeschichte.

Mitte der 1980er-Jahre verfasst sie ihre ersten Texte, zunächst Hörspiele ("Der Paravent") und Theaterstücke ("Waikiki-Beach"). Sie führt auch Regie an größeren Theatern, etwa bei Jean Genets "Elle" im Wiener Schauspielhaus (1992).

Unter dem Titel "Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre" erscheint 1996 ihr erster Roman, der im darauffolgenden Jahr mit dem Mara Cassens-Preis ausgezeichnet wird. Sie reklamiert eine feministische Perspektive und will die Lebenswelten unterschiedlicher Frauen "literaturfähig" machen, in diesem Fall die der dreißig jährigen Helene, die nach der Trennung von ihrem Ehemann um ihre ökonomische Existenz und die ihrer Kindern kämpft.

Auch in späteren Romanen stehen meistens Frauen im Mittelpunkt: Nachwelt (1999) berichtet von Margarethes Reise nach Los Angeles auf den Spuren der Bildhauerin Anna Mahler, Entfernung (2006) begleitet Selma nach London, wo sie die Terroranschläge 2005 erlebt. Die Schmerzmacherin (2011) erzählt von Amys Erfahrungen in einer privaten Sicherheitsfirma. "Kreuzungen" (2008) stellt erstmals einen männlichen Protagonisten ins Zentrum. Da Streeruwitz der Frage nachgehen will, "wie materielle Macht gelebt wird" ist das Portrait eines mächtigen und einflussreichen Mannes, der auch noch selbst an seiner Situation zu leiden hat, für sie eine logische Konsequenz. Das wird mir alles nicht passieren... Wie bleibe ich FeministIn" (2010) fasst elf Kleinstromane zusammen, die vorwiegend Frauen an Entscheidungspunkten in ihrem Leben darstellen. Marlene Streeruwitz nimmt sich in ihren Texten kein »Blatt vor den Mund«, sie bringt ihre gesellschaftskritischen Aussagen »gnadenlos auf den Punkt«, wie die Jury des Frauenpreises 2010 ihre Entscheidung argumentiert. "Wie mit einem Skalpell seziert sie ihre Figuren -egal, ob Mann oder Frau- und legt sie Schicht um Schicht frei". Mit ihrer reduzierten, im Fluss unterbrochenen Sprache will sie herrschaftliche Ideologie frei legen. Einen Sinn herstellen, wo keiner ist, widerstrebt ihr: "Die Sprache darf keine Einheit, keinen umfassenden Zusammenhang vorgaukeln. Den gibt es nicht" (zitiert in: Der Standard, 25.9.1999).

Im Wintersemester 1995/96 hat sie an der Universität Tübingen eine Poetikdozentur inne, in der sie sich mit der Frage beschäftigt, wie Frauen in einer patriarchalen Welt, die nicht zuletzt in der Sprache ihren Niederschlag findet, zu einem je eigenen Ausdruck kommen können. "Sein. Und Schein. Und Erscheinen" (1997) heißt der Text, der aus diesen Vorlesungen hervorgeht.

Neben ihren literarischen Texten sind auch Essays, theoretische Texte und Vorlesungen für sie ein Medium, um sich mit den Verknüpfungen von Sprache mit männlicher Hegemonie, Kapitalismus, Faschismus und Rassismus auseinanderzusetzen. In "Tagebuch der Gegenwart" (2002) oder der Vorlesungssammlung "Gegen die tägliche Beleidigung" (2004) beschäftigt sie sich mit politischen Entwicklungen wie die schwarz-blaue Regierung und analysiert die "Architektur der Macht" in Österreich. Die Autorin veröffentlicht auf ihrer Homepage eine Vielzahl an Essays zu tagespolitischen Themen - kritische und pointierte Gedanken, unter anderem zum Binnen-I, der Occupy Bewegung oder dem Katholizismus. Im Dezember 2013 stellt sie im Rahmen der Karl Kraus Vorlesungen zur Kulturkritik ihr Buch "Ware Mensch" vor, das die Selbstauslieferung der eigenen Person in "postneoliberalen" Verhältnissen als Auslöschung fundamentaler Menschenrechte diskutiert.

Auszeichnungen

Marlene Streeruwitz' literarisches Werk ist mehrfach ausgezeichnet worden, etwa mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur (1999), dem Herman-Hesse-Preis (2001), dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis (2002) oder dem Droste-Preis (2009). Den Badener Kulturpreis nimmt sie 2004 nicht an, da Benita Ferrero-Waldner die Laudatio halten sollte, von deren PräsidentInnenschaftswahlkampf sie sich nicht vereinnahmen lassen möchte.

2012 wird "Die Schmerzmacherin" mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. In seiner Übersetzung in das Schwedische von Yvonne Immens ist dieser Roman (Smärtans ängel) der erste Text, der auf der Plattform Writersreadwriters als E-Book erhältlich ist. Dabei handelt es sich um ein internationales feministisches Kooperationsprojekt von Autorinnen und Übersetzerinnen, das sich gerade im Aufbau befindet. 2011 stand der Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

"Nachkommen", "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland"

Von dieser Erfahrung inspiriert, erscheint 2014 ihr Buch "Nachkommen". Darin rückt Streeruwitz erneut eine junge Frau ins Zentrum: Nelia Fehn, Tochter der verstorbenen Autorin Dora Fehn, ist mit ihrem Erstlingswerk "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland" als bisher jüngste Autorin für den Deutschen Buchpreis nominiert. Detailreich werden die Ereignisse der "provinziellen Oscarnacht" geschildert, mit all den größeren und kleineren Skandalen, den neidischen Blicken. Durch diese Art der Inszenierung, kritisiert Streeruwitz, gerät das Kunstwerk selbst in den Hintergrund: "Das ist der Tod, das ist das Ende von Literatur" (zitiert in: Ö1, Intermezzo, 5.10.2014). Nelia gewinnt den Preis nicht, sie hat sich mit ihrer Ernsthaftigkeit und Schroffheit der Vermarktung ihres Körpers widersetzt. Streeruwitz will keinem entfremdenden Eskapismus zuarbeiten, sondern versteht Literatur als Kulturtechnik mit subversivem Potenzial - die allerdings gegenwärtig vom Aussterben bedroht ist, wie sie betont. Die "politische Sprengkraft von Literatur" liegt darin, dass mit ihrer Hilfe "die Sinnlosigkeit" notiert werden kann (ebenda). "Nachkommen" stand 2014 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

In einer Art Nachholverfahren macht sich Streeruwitz daran, Nelia Fehns Erstlingswerk schließlich auch noch zu veröffentlichen. "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland" (2014) erzählt die Geschichte von Cornelia, die ihre Halbschwester Sidonie auf der Insel Kreta besucht, wo sie ein veganes Ferien-Resort leitet und von ihrem Mann Angelos unterdrückt wird. Cornelia will zu einer Demonstration nach Athen fahren, um sich mit ihrem Geliebten, dem Anarchisten Marios, zu treffen. Unerwarteter Weise wird ihre Reise zu einer Begegnung mit der ökonomischen Krise und Zwangsverhältnissen.

Textauswahl

  • "Nachkommen.", Roman, Frankfurt/Main 2014
  • "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland.", Roman, Frankfurt/Main 2014
  • "Die Schmerzmacherin.", Roman, Frankfurt/Main 2011
  • "Waikiki-Beach. Und andere Orte. Die Theaterstücke.", Frankfurt/Main 2002, 2. Auflage
  • "Gegen die tägliche Beleidigung. Vorlesungen.", Frankfurt/Main 2004

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