Julya Rabinowich

Julya Rabinowich wurde 2014 in der Kategorie "Literatur und Kunst" mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet.

Julya Rabinowich hält den Wiener Frauenpreis 2014 in den Händen.

"Das fruchtbarste Gebiet von allen ist Westeuropa, das alle ernährt. Da gibt es Korn, da gibt es Arbeit. Alle wollen wir nur einen Löffel vom Honig, ein Gläschen nur von der Milch, die in Europa fließt". Julya Rabinowichs jüngster Roman "Die Erdfresserin" (2012) erzählt Dianas Geschichte: Weil sie nach ihrem Regiestudium damit kein Geld verdienen kann, arbeitet sie in Westeuropa illegalisiert als Sex-Arbeiterin, unter anderem um für ihren kranken Sohn Medikamente kaufen zu können. In Wien versucht sie ihrer Abschiebung zu entkommen, bis sie die Nachricht erhält, dass ihr Sohn in akuter Gefahr ist. Auch wenn sie gerade selbst mit den Nerven am Ende ist, muss sie sich ihren Weg zurück suchen. Die Handlung nimmt für Diana keine gute Wendung, dennoch bleibt sie eine widerständige Kämpferin.

Mit diesem Roman will Rabinowich den Blick auf Frauen lenken, die wie die Protagonistin mit restriktiven Gesetzen, struktureller Gewalt und Rassismus konfrontiert sind, deren Lebensrealität aber niemand sehen will, wie sie in einer Lesung am Literaturhaus Salzburg im September 2012 erklärt. Es ist bereits der dritte Roman der Autorin, Malerin, Dolmetscherin und Kolumnistin Julya Rabinowich, die sich in den vergangen zehn Jahren in der deutschsprachigen Literaturszene etabliert hat.

Biografie, Werk und Auszeichnungen

Julya Rabinowich kommt 1970 in Leningrad (dem heutigen St. Petersburg) auf die Welt. Als sie sieben Jahre alt ist, zieht ihre Familie nach Wien - eine Erfahrung, die sie rückblickend als "entwurzelt" und "umgetopft" werden beschreibt. Von 1993 bis 1996 studiert sie am Dolmetschinstitut der Universität Wien. Daran anschließend besucht sie das psychotherapeutische Propädeutikum. 1998 wird sie an der Universität für Angewandte Kunst Wien aufgenommen. Den Schwerpunkt in diesem 2006 abgeschlossenen Studium legt sie auf Malerei. Die Malerei sei familiär nahe liegend gewesen, das Schreiben ihr eigener künstlerischer Ausdruck. Dabei habe das Malen durchaus ihr Schreiben beeinflusst: "Früher habe ich mit Farben gemalt, jetzt mit Worten", sagt sie (zitiert in: derStandard.at 19.11.2008).

2003 nimmt sie beim Literaturwettbewerb "schreiben zwischen den kulturen" der "edition exil" teil und gewinnt prompt den ersten Platz. In den Folgejahren veröffentlicht sie Texte in verschiedenen Anthologien, wie etwa "Eisfischen" (2006), "Chaoten und Pedanten" (2007), "Wienzeilen" (2009) und "How I fucked Jamal" (2009). Sie erhält mehrere Stipendien, darunter ein Stipendium der Wiener Wortstätten (2006), das Projektstipendium des Bundeskanzleramts (2009) sowie das Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien (2010, 2012).

Debutroman "Spaltkopf"

2008 erscheint ihr Debutroman "Spaltkopf". Julya Rabinowich selbst beschreibt die Handlung der Erzählung als "Entwurzelung einer jüdischen Familie und deren Umtopfung, Zerfall und Neudefinition" (zitiert in: derStandard.at, 19.11.2008).

Die Protagonistin Mischka kommt im Alter von sieben Jahren mit ihren Eltern und der Großmutter nach Wien, weil die Lebensumstände für die jüdische KünstlerInnenfamilie in der Sowjetunion untragbar geworden sind. Migration und die dadurch entstandenen Konflikte sind wichtige Themen dieses Romans, sie stellen aber keineswegs die einzige Ebene dar. Es geht darin auch um das Erwachsenwerden, die Beziehungen zwischen den Generationen, Familiengeheimnisse und die Funktion des Verdrängens und des Erinnerns. Der Spaltkopf ist eine von Rabinowich erfundene russische Märchenfigur, mit dessen Erscheinen Mischka gedroht wird, wenn sie zum Beispiel abends nicht ins Bett gehen will. Er saugt Seele und Erinnerung aus. Es gibt nur eine Rettung: "Du musst ihn sehen. Wenn du ihn sehen kannst, hat er keine Macht mehr über dich" (Seite 21f.), erklärt die Mutter Mischka. Über weite Teile des Romans gibt es zwei Erzählstimmen, neben jener der Protagonistin auch die des Spaltkopfs, der als Gedächtnisspeicher (verdrängter) Erinnerungen interpretiert werden kann und dessen Stimme erst verstummt, als sie sich während eines Besuchs in ihrer ehemaligen Wohnung mit ihrer eigenen Vergangenheit und der ihrer Familie auseinandersetzt (Muaremi, Jetta (2013) Erinnern und Erzählen in "Spaltkopf" von Julia Rabinowich. Diplomarbeit, Wien).

Spaltkopf wird mit der Buchprämie für ein besonders gelungenes Debut des Bundeskanzleramts (2008) sowie dem Rauriser Literaturpreis (2009) ausgezeichnet. Tess Lewis übersetzt den Roman unter dem Titel Splithead (2011) ins Englische. In ihrer Übersetzung wird er für den "International Impac Dublin Literary Award" 2013 nominiert. Mit Kategorisierungen ihres Werkes (etwa als "Migrationsliteratur" oder "Frauenliteratur" kann Julya Rabinowich nichts anfangen: "Menschen schreiben menschliche Literatur – auch unmenschliche. Weitere Unterscheidungen finde ich nicht sinnvoll" (zitiert in: derStandard.at, 11.2.2011).

Theaterstücke

Julya Rabinowich schreibt auch zahlreiche Theaterstücke. Ihre erste Uraufführung findet 2007 im Wiener WUK statt, gespielt wird ihr Stück "nach der Grenze". Es folgen Uraufführungen am Schauspielhaus ("Romeo +- Julia" 2008), am Nestroyhof ("Orpheus im Nestroyhof" 2008), am Volkstheater ("Stück ohne Juden" 2010, "Auftauchen. Eine Bestandsaufnahme" 2010) sowie am Landestheater Niederösterreich ("Tagfinsternis" 2014). Flucht und Asyl sind Themen, die auch in ihren Theaterstücken immer wieder auftauchen. Dabei greift sie auf ihre Erfahrungen als Dolmetscherin für Flüchtlinge zurück, die sie seit 2006 unter anderem zu therapeutischen Sitzungen begleitet. So erzählt etwa "Fluchtarien. Monolog für drei Stimmen und eine Tastatur" (Uraufführung 2009 am Volkstheater) die Geschichte dreier Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen nach Europa kommen, aus Tschetschenien, Nigeria und Chile. Eingearbeitet in das Stück finden sich die Kommentare eines Posters, wobei sie auf Originale aus Online-Foren zurückgreift. Das Posting "Menschenrechte muss man sich erst verdienen" eines Users zu einem Zeitungsartikel, in dem es um Migration ging, schockierte sie besonders und gab den Ausschlag für die "Fluchtarien" (derstandard.at, 6.7.2009).

Herznovelle

2011 erscheint ihr zweiter Roman Herznovelle. War ihr erster Roman autobiographisch geprägt, so wählt sie für diese Protagonistin bewusst eine ganz andere Identität. Zu Beginn der Erzählung steht diese vor einer riskanten Herzoperation. Die Operation selbst verläuft zu ihrer eigenen Überraschung völlig problemlos, sie hat wieder Aussichten auf ein Leben in Gesundheit. Doch irgendwie scheint die Operation sie verändert zu haben, sie kann nicht mehr einfach zurück in ihr altes Leben und in ihre alte Beziehung. Aus Verzweiflung stürzt sie sich in eine obsessive Liebe zu dem Arzt, der im wahrsten Sinne des Wortes ihr Herz berührt hat. Sie beginnt, ihn zu stalken, doch er erwidert ihre Gefühle nicht, ihre Schilderung der Folgen seines Eingriffs lassen ihn ungerührt: "Das hat mich verändert. Dinge ausgemerzt. Narben geglättet. Erregungsleitungen punktgenau ultrahocherhitzt" (Seite 111). Bisweilen werden ihre Emotionen beim Lesen auch körperlich spürbar, wie etwa der "Puls, der sich aus der Brust zwischen meine Ohren verlagert hat", ein "Herzklopfen wie ungeduldiges Schlagen auf lange verschlossene Türen" (Seite 49). Die "Herznovelle" ist unter anderem eine Geschichte darüber, was angesichts des Todes an Bedeutung verliert - oder gewinnt. Sie wird für den "Prix du Livre Européen" nominiert.

Kolumnen

Seit März 2012 schreibt Julya Rabinowich wöchentlich die Kolumne "Geschüttelt, nicht gerührt" im "Album" des "Standard", wo sie aktuelle Themen sprachgewandt diskutiert und darin Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ebenen des Politischen herstellt.

Textauswahl

  • "Spaltkopf", Wien 2008
  • "Herznovelle", Wien 2011
  • "Die Erdfresserin", Wien 2012

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