Johanna Rachinger

Johanna Rachinger wurde 2003 für ihr "persönliches Engagement für betriebliche Frauenförderung" mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet.

Immer wenn unter den Gästen im Wirtshaus ihrer Eltern eine Frage aufkommt, die nicht beantwortet werden kann, wird Meyers Lexikon von seinem Platz in der Gaststube hervorgezogen und daraus vorgelesen. Johanna Rachinger hat dabei den Eindruck, dass sie aus Büchern viel lernen kann. In ihrer Kindheit und Jugend liest sie begeistert die Romane von Astrid Lindgren und Hermann Hesse und entscheidet sich schließlich dafür, in Wien Theaterwissenschaft und Germanistik zu inskribieren.

Biografie

Während des Studiums kommt die 1960 in Putzleinsdorf (OÖ) geborene Johanna Rachinger mit dem Feminismus in Berührung und so arbeitet sie nach ihrer Promotion 1986 zunächst als Lektorin beim Wiener Frauenverlag. Nach ihrer Tätigkeit als Leiterin der Buchberatungsstelle im Österreichischen Bibliothekswerk wechselt sie 1992 in den Ueberreuter-Verlag. Nur drei Jahre später wird sie - im Alter von 35 Jahren - zur Geschäftsführerin ernannt. Seit 2001 ist sie nun Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek.

Generaldirektion der Nationalbibliothek

Johanna Rachinger ist die zweite weibliche Generaldirektorin in der Geschichte der Österreichischen Nationalbibliothek.

Die Frauenbewegung hält sie keineswegs für gescheitert: Zwar müssen Frauen ihrer Einschätzung nach noch immer deutlich härter arbeiten als Männer, um ernst genommen zu werden, dennoch hätten sich zahlreiche Türen für sie geöffnet. Frauen in Führungspositionen stehen in der Verpflichtung, andere Frauen zu unterstützen, findet Rachinger.

Rund die Hälfte der etwa 390 MitarbeiterInnen in der Österreichischen Nationalbibliothek sind heute Frauen und das gilt auch für leitende Positionen. Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt eingestellt und es wird darauf geachtet, dass alle MitarbeiterInnen Möglichkeiten zur Weiterbildung wahrnehmen können. Gerade bei den Arbeitsgruppen, in denen das eigene Können unter Beweis gestellt werden kann, achtet Rachinger darauf, dass die Hälfte von Frauen geleitet wird. Nicht zuletzt sieht sie die Einführung eines Mindestgehalts von 1.500 Euro brutto als Maßnahme, von der vor allem Frauen profitieren. An eine von ihr eingestellte Gleichbehandlungsbeauftragte können sich MitarbeiterInnen im Falle einer Diskriminierung wenden. Jährlich wird in der Österreichischen Nationalbibliothek nun in ihrem Auftrag evaluiert, welchen Handlungsbedarf es noch gibt (vgl. Interview mit Johanna Rachinger in: dieStandard, 4.9.2007). Generell ist es ihr ein Anliegen, die Österreichische Nationalbibliothek als einen Ort zu gestalten, an dem Frauen ihre Karriere verfolgen können.

Für ihr Engagement in betrieblicher Frauenförderung wird ihr 2003 der Frauenpreis verliehen.

Dabei beschreibt Rachinger die Österreichische Nationalbibliothek als Institution, in der ihre Bemühungen durchaus auf Anklang gestoßen sind: Anlässlich der 20-jährigen Jubiläumsfeier von Ariadne, der frauenspezifischen dokumentarischen Serviceeinrichtung in der Österreichischen Nationalbibliothek, betont Johanna Rachinger, dass gerade auch dieses Projekt die Hauspolitik mitgeprägt hat, neue Benutzerinnen und Benutzer gewonnen und einen wichtigen Beitrag zur Frauen- und Geschlechterforschung geleistet hat.

Restitution von Objekten aus der NS-Zeit

Als eine der wichtigsten Umsetzungen in ihrer Tätigkeitsperiode versteht die Generaldirektorin die Restitution von Objekten, die während des Nationalsozialismus enteignet wurden. Über 50.000 Gegenstände wurden als Raubgut eingestuft. Die aktiven Bemühungen um die raschestmögliche Rückgabe von Raubgut wurden von einer vorbehaltlosen wissenschaftlichen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit begleitet, die die Vorreiterrolle der Österreichischen Nationalbibliothek eindrucksvoll belegen. Alle Restitutionen an namentlich bekannte Erbinnen und Erben sind vollzogen. Als erste Bundesinstitution hat die Österreichische Nationalbibliothek 2010 erbloses Raubgut an den "Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus" übergeben.

Buchdigitalisierung in der Nationalbibliothek

Mit umfassenden Digitalisierungsprojekten, die wichtige Schritte hin zu einer Demokratisierung des Wissens darstellen, hat Rachinger die Bibliothek in die moderne Wissensgesellschaft geführt. So sind mit ANNO (AustriaN Newspapers Online) bereits Millionen Seiten österreichischer Zeitungen eingescannt und öffentlich zugänglich gemacht worden. Dabei handelt es sich um historische, urheberrechtlich nicht mehr geschützte Bestände, deren Inhalte mit der Digitalisierung gleichzeitig vor dem zeitlichen Zerfall gesichert werden. Jährlich kommt eine Million neuer Zeitungsseiten dazu. 2013 feierte ANNO sein 10-jähriges Jubiläum mit einem Wettbewerb, in dem Leserinnen und Leser aufgefordert wurden, die skurrilsten Zeitungseinträge zwischen 1568 und 1942 herauszusuchen.

Mit gemischten Gefühlen wird hingegen Rachingers Vorstoß in punkto Buchdigitalisierung begegnet. Unter dem Namen "Austrian Books Online" sollen hunderttausende urheberrechtsfreie Bücher von dem Unternehmen Google digitalisiert und im Internet zugänglich gemacht werden. Rachinger argumentiert, dass durch dieses Projekt eine Vielzahl an Büchern Leserinnen und Lesern weltweit und kostenlos zugänglich gemacht wird; eine öffentliche Finanzierung dieses Projekts sei, so Rachinger, nicht möglich gewesen. Während an der Public-Private-Partnership mit Google teilweise heftige Kritik geübt worden ist, wählt die Tageszeitung "Die Presse" Johanna Rachinger gerade für dieses Projekt zur "Österreicherin des Jahres 2010" im Bereich Kulturmanagement. Zwei Jahre später folgt die Auszeichnung "WU-Managerin des Jahres 2012".

Das angesichts der zunehmenden Digitalisierung von Büchern häufig artikulierte Unbehagen teilt Johanna Rachinger nicht. Zwar kann sie verstehen, dass viele Menschen das physische Buch an sich als Kunstwerk betrachten. Sie erinnert gleichzeitig aber an andere historische Momente, die Veränderungen brachten - so etwa die Veröffentlichung der Reclam-Heftchen im 19. Jahrhundert oder die "Erfindung" des Taschenbuchs in den 1950er-Jahren - und ebenfalls auf Widerstand gestoßen sind. Das physische Buch werde in den kommenden Jahren zwar als Leitmedium abgelöst werden, nicht aber verschwinden. Sie selbst bezeichnet sich in dieser Hinsicht als hybride Nutzerin: Zu Hause oder im Urlaub hält sie lieber ein physisches Buch in Händen, unterwegs findet sie ihren eReader praktischer.

Virtuelle Lesesäle werden ihrer Prognose zufolge auch nicht am Stellenwert der physischen Bibliothek rütteln. Menschen bräuchten neben Wohn- und Arbeitsplätzen auch noch dritte Orte, an denen sie sich real begegnen, ist Rachinger überzeugt. Dass dies für viele die Österreichische Nationalbibliothek ist, zeigen kontinuierlich steigende BesucherInnenzahlen, meint Rachinger: An die 1.000 LeserInnen kommen täglich in die Lesesäle. Obwohl die virtuelle Bibliothek ständig größer wird, wächst auch ihr physischer Buchbestand aufgrund der Pflichtabgabe jedes in Österreich erschienenen Werkes jährlich um rund 50.000 Exemplare. Die Kapazitäten des vier Etagen tiefen Speichers unter dem Burggarten werden in den kommenden Jahren, und damit früher als gedacht, erschöpft sein; die Zeit drängt somit, eine Lösung zu finden.

Johanna Rachinger favorisiert einen Speicherplatz unter dem Heldenplatz. Mit der direkten Anbindung zu den Lesesälen wäre damit sicherlich die ökologischste Lösung gefunden. Johanna Rachinger. "Und auch, weil dort jener Mann gestanden ist, der Bücher verbrennen ließ. Gerade dieser Platz wäre also ein idealer Ort für das Gedächtnis der Republik." (zitiert in: der Standard, 28.11.2011).

Die Österreichische Nationalbibliothek während der Leitung von Johanna Rachinger

  • Transformation der Österreichischen Nationalbibliothek in ein vollrechtsfähiges Unternehmen
  • Restitution und Aufarbeitung der NS-Vergangenheit
  • Maßnahmen zur betrieblichen Frauenförderung
  • Aufbau einer umfassenden digitalen Bibliothek, u.a. ANNO und Austrian Books Online
  • Verbesserte Benützerservices mit erweiterten Öffnungszeiten
  • Stärkung der wissenschaftlichen Forschung
  • Etablierung eines vielfältigen Veranstaltungsprogramms

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