Elke Graf

Mit "Umsicht und Weitsicht" setzt sich Elke Graf als Geschäftsführerin des pro:woman Ambulatoriums für Sexualmedizin und Schwangerenhilfe für die "Selbstbestimmung über den eigenen Körper" ein (vergleiche Wiener Frauenpreis 2015, Jury-Begründung). Für ihr Engagement wurde Graf 2015 mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet.

Biografie und beruflicher Werdegang

Elke Graf mit dem Frauenpreis 2015

Preisträgerin Elke Graf

Elke Graf wurde 1968 in Mürzzuschlag geboren. Nach Besuch der HTL absolvierte Graf einen Master of Business Administration. Im Jahr 2005 übernahm die Betriebswirtin die Geschäftsführung des bereits bekannten Ambulatoriums am Fleischmarkt. Unter ihrer Leitung wurde die Tagesklinik komplett umgebaut, der Tätigkeitsbereich wurde erweitert. pro:woman versteht sich als Ansprechpartnerin in allen Belangen, "nicht nur auf der medizinischen Ebene, sondern auch auf der psychosozialen Ebene." (zitiert nach Wiener Frauenpreis 2015: Elke Graf) Mit der neuen Geschäftsführerin bekam das Ambulatorium auch einen neuen Namen. Der Name soll eine Botschaft sein: "pro:woman ist eine Botschaft an die Frauen - es gibt jemanden, der sie nicht im Stich lässt." (zitiert nach pro:woman: "30 Jahre Ambulatorium für Sexualmedizin und Schwangerenhilfe")

Engagement für straffreien Schwangerschaftsabbruch

Seit 1975 ist der Schwangerschaftsabbruch bis zum Ende des dritten Monats in Österreich straffrei. Das Parlament stimmte dieser so genannten "Fristenlösung" zu. Letztendlich hätten sich "jene Kräfte durchgesetzt, die die Frauen in ihrer Entscheidungsfreiheit respektieren", erinnert sich der ehemalige ärztliche Leiter der Wiener Semmelweis-Klinik Alfred Rockenschaub, der an der Ausarbeitung der rechtlichen Grundlagen beteiligt war (vergleiche ebenda). Ein Jahr nach der Fristenlösung eröffnete Rockenschaub gemeinsam mit der international tätigen NGO IPAS eine private Ordination. Dort fanden die ersten straffreien Schwangerschaftsabbrüche in Österreich statt. Drei Jahre später wurde aufgrund der großen Nachfrage das "Ambulatorium für Schwangerenhilfe" am Fleischmarkt 26 gegründet.

Heute beschäftigt das Ambulatorium ein Team von Fachärztinnen und Fachärzten, Psychologinnen, Lebens-, Sozial- und Familienberaterinnen, Pädagoginnen und diplomierten Krankenschwestern. Mehr als 35 Jahre Erfahrung haben laut Elke Graf gezeigt, "wie individuell die Situation einer ungewollten Schwangerschaft erlebt wird." (zitiert nach ebenda) pro:woman setzt deshalb ganz stark auf Beratung und Information. Es wird kein Schwangerschaftsabbruch ohne eine umfassende ärztliche und psychologische Beratung durchgeführt. Entscheidet sich eine Frau für den Abbruch, bietet das Ambulatorium neben einer persönlichen Betreuerin bei Bedarf eine intensive psychologische Beratung - egal wie lange der Eingriff zurückliegt (vgl. Website von pro:woman, "Unsere Beratung").

"Sich zu einem Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden, ist die alleinige Sache der Frau", wird auf der Website von pro:woman klargestellt (vergleiche ebenda, "Entscheidungsfreiheit!") "Hier geht es um eine selbstbestimmte Entscheidung im Leben einer Frau. Sie entscheidet zu welchem Zeitpunkt und wie viele Kinder sie bekommt", betont Graf im Porträt als Frauenpreisträgerin (zitiert nach Wiener Frauenpreis 2015: Elke Graf). In der konkreten Situation gehe es genau darum, "diese richtige Entscheidung zu treffen." (zitiert nach ebenda) Graf weist darauf hin, dass immer auch "die Gesellschaft mitspielt, dass der Druck von außen mitspielt" (zitiert nach ebenda). Manchmal würden Frauen denken, unrichtig oder moralisch verwerflich zu handeln. Deshalb sei es wichtig zu erkennen, "dass es hier nicht um Standpunkte geht, sondern darum, dass die Entscheidungsfreiheit der Frau respektiert wird." (zitiert nach pro:woman "30 Jahre Ambulatorium für Sexualmedizin und Schwangerenhilfe") Die Frage nach dem "warum" stellt für pro:woman ein Tabu dar.

Finanzielle Unterstützungen für Betroffene

Ein Schwangerschaftsabbruch in einem privaten Institut kostete in Österreich im Jahr 2013 zwischen 490 und 630 Euro (vergleiche derstandard.at, 2013: "Jährlich 20.000 bis 30.000 Abtreibungen in Österreich"). In Wien gibt es für Frauen in einer wirtschaftlichen Notlage die Möglichkeit, eine Kostenübernahme zu beantragen (vergleiche Stadt Wien: "Finanzielle Unterstützung bei Schwangerschaftsabbruch"). Eine Beratung ist dabei, so die Recherchen von diestandard.at, verpflichtend, auch wenn dies nicht der gesetzlichen Formulierung entspricht. Für private Institute zahlt die Stadt einen Teilbetrag von rund 300 Euro. "Den Restbetrag zu den tatsächlichen Kosten übernehmen wir dann aus unserem internen Sozialbudget", erklärt Graf im Interview mit diestandard.at (vergleiche diestandard.at, Sandra Ernst Kaiser: "Bezahlter Abbruch auf Österreichisch"). Dabei bedauert Graf, dass durch die Kostenübernahme die Anonymität verloren geht. Für pro:woman ist Anonymität aber ein wichtiges Anliegen.

Ganz allgemein sind die Rahmenbedingungen für einen Schwangerschaftsabbruch immer noch nicht österreichweit angeglichen. Abbrüche in öffentlichen Krankenhäusern sind nur in Wien, Linz und Salzburg möglich. Auch müssen Frauen den Abbruch in der Regel selbst bezahlen. Im Gegensatz dazu werden in anderen europäischen Ländern Abbrüche und Verhütungsmittel von staatlichen Einrichtungen übernommen. Obwohl die Stadt Wien hier einen anderen Weg beschreitet, wird das Angebot der Kostenübernahme bei finanzieller Notlage von der MA 40 laut diestandard.at nicht beworben (vergleiche ebenda). Dies zeigt, dass das Thema Schwangerschaftsabbruch in Österreich immer noch ein heikles Thema darstellt.

Zentrum für Männer

Seit 1994 bildet das Zentrum für Vasektomie einen wichtigen Bestandteil des Ambulatoriums. Das Zentrum wendet sich an Männer, die sich partnerschaftlich mit Verhütung auseinandersetzen. Doch obwohl die Sterilisation von Männern an Bedeutung gewonnen habe, seien auch hier Aufklärung und Information wichtig. "Es gilt nach wie vor, viele Mythen rund um das Thema zu beseitigen", ist in der Publikation zum 30-jährigen Jubiläum von pro:woman zu lesen (vergleiche pro:woman: "30 Jahre Ambulatorium für Sexualmedizin und Schwangerenhilfe"). Auch die Sterilisation der Frau stellt eine operative Möglichkeit der Langzeitverhütung dar, die im Ambulatorium angeboten wird. Viele Frauen greifen zu dieser Methode, um von Hormonen unabhängig zu sein.

Aufklärung und Beratung

Ein zentrales Tätigkeitsfeld der Institution ist auch die Prävention von Schwangerschaftsabbrüchen. "Wir wünschen uns mehr Aufklärung", so Graf (zitiert nach Wiener Frauenpreis 2015: Elke Graf). Sie sieht Bedarf an mehr Verhütungskompetenz in allen Altersstufen. Bei jungen Menschen, aber auch bei Frauen und Männern, die bereits Kinder haben. Deshalb bietet die Tagesklinik direkt vor Ort kostenlose Beratungen für Einzelpersonen, Paare und Gruppen an. Schulklassen werden zu Workshops in die Klinik eingeladen: "Die Menschen öffnen sich auch mehr, wenn sie zu uns herkommen", weiß Graf aus Erfahrung (zitiert nach ebenda) Auf der Website von pro:woman finden sich zahlreiche Informationen zu Verhütungsmethoden. Die Internetplattform www.proU.at bietet Informationen speziell für junge Menschen.

Damit reagierte pro:woman auf einen bedenklichen Trend: Eine Statistik des Ambulatoriums zeigte, dass immer mehr sehr junge Frauen einen Schwangerschaftsabbruch bei pro:woman vornehmen lassen. War 2003 nur ein Prozent der Klientinnen zwischen 14 und 19 Jahre alt, waren es 2007 11 Prozent. 2016 waren es rund 7 Prozent. Auch das Unwissen über den eigenen Körper sei besorgniserregend: "90 Prozent wissen nicht, wann sie ihren Eisprung haben", erzählt Graf (zitiert in diepresse.com, 2009, Artikel von Judith Lecher: "Verhütung: Teenager skandalös uninformiert"). "Verhütung und der eigene Körper dürfen nicht länger tabu sein", betont sie im Interview mit der Wiener Zeitung (zitiert in wienerzeitung.at, 2009, Artikel Von Petra Tempfer: "30 Jahre Abtreibungsklinik am Wiener Fleischmarkt"). Hier seien Eltern und öffentliche Institutionen gefordert.

pro:woman Award

In ihrer Arbeit sieht sich Graf "mit den komplexen Bereichen der Familienplanung, der Verhütung, des Schwangerschaftsabbruchs und sexueller Rollenbilder konfrontiert." (zitiert nach pro:woman: "pro:woman Award 2012") Vernetzung mit anderen Institutionen und wissenschaftlicher Forschung haben deshalb einen hohen Stellenwert. Im Jahr 2010 hat das Ambulatorium anlässlich seines 30-jährigen Bestehens erstmals den pro:woman Award verliehen. Hervorragende wissenschaftliche Arbeiten zu Familienplanung, Verhütung, Schwangerschaftsabbruch und sexuellen Rollenbildern wurden prämiert. Der mit 2.000 Euro dotierte Preis wurde auch 2012 und 2014 vergeben und zuletzt um die Themenbereiche Gender Studies und Frauenpolitik erweitert.

Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen

Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen über den eigenen Körper muss weiterhin erkämpft werden. Dies bekommen die Mitarbeiterinnen von pro:woman direkt zu spüren. Seit vielen Jahren wird das Ambulatorium von fundamentalistischen Abtreibungsgegnerinnen und Abtreibungsgegnern heftig angegriffen. "Man hat es also nicht leicht, wenn man für selbstbestimmtes Leben von Frauen in der Praxis eintritt", würdigt die Jury des Wiener Frauenpreises das Engagement von Elke Graf und ihrem Team (vergleiche Wiener Frauenpreis 2015, Jury-Begründung). pro:woman leistet gestern wie heute einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Fristenlösung umgesetzt werden kann. Dies bringt die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Beate Wimmer-Puchinger anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Klinik zum Ausdruck: "Ohne ihren Mut und Einsatz hätte die Umsetzung der Fristenregelung nicht passieren können." (zitiert nach pro:woman: 30 Jahre Ambulatorium für Sexualmedizin und Schwangerenhilfe") Dementsprechend stellt das Selbstbestimmungsrecht von Frauen für Elke Graf ebenso einen Auftrag für die Zukunft dar: "pro:woman ist auch eine Botschaft an uns selbst, die Aufforderung, nicht aufzuhören, die Rechte der Frauen zu respektieren." (zitiert nach ebenda)

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