Leitfaden zur Genderrelevanz im Kunst- und Kulturbereich

Gleiche Teilhabe als Frage der Gerechtigkeit und als gesetzliche Vorgabe

"Wiens Kulturpolitik steht für Weltoffenheit, Vielfalt und den Mut, neue Wege zu gehen", so Andreas Mailath-Pokorny, amtsführender Stadtrat für Kultur und Wissenschaft, der sich mit der Einführung des Frauenkulturberichtes schon 2001 klar zu den Prinzipien des "Gender Mainstreaming" in der Kulturförderung bekannte.

Unbestritten ist, dass selbst Anfang des 21. Jahrhunderts Frauen im Kunst- und Kulturbereich nicht im selben Ausmaß vertreten sind wie Männer, jedenfalls nicht ihrem Anteil an der Bevölkerung, nicht ihren Begabungen und ihrer Ausbildung entsprechend. Auch wenn heute keine Gesetze oder offen formulierte Wertehaltungen wie "Frauen gehören hinter den Herd und nicht ins Orchester" (Herbert von Karajan, 1979) Frauen vom Kunst- und Kulturbetrieb fernhalten, vielschichtige Gründe erzeugen nach wie vor eine "gläserne Decke".

Neben dem schlichten Argument der gesellschaftlichen Gerechtigkeit ergibt sich durch die neue Staatszielbestimmung "Gender Budgeting" in der österreichischen Bundesverfassung ab 2013 die gesetzliche Anforderung an Politik und Verwaltung, bei der Budgetplanung Überlegungen zur tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern anzustellen. Das betrifft auch den Bereich Förderungen und Subventionen.

Der vorliegende Leitfaden soll daher helfen den Blick zu schärfen, wie eine Institution, ein Projekt beziehungsweise eine Forschungsarbeit Frauen und Männern gleichwertige Chancen bieten und Genderaspekte in die künstlerische oder wissenschaftliche Arbeit stärker einbeziehen kann.

Geschlechterverhältnis in Institutionen und Projekten

Zählt allein die Qualität?

"Wir fördern die Qualität und nicht das Geschlecht" ist eine gängige Antwort, wenn nach der Anzahl von Künstlerinnen im Gesamtkontext eines künstlerischen Bereichs, einer Institution, eines Vereins gefragt wird.

Dieses Argument verschleiert, dass stillschweigend die Geschlechtszugehörigkeit sehr wohl eine Rolle spielt. Tradierte Sichtweisen über "Aufgaben" und Erwartungen über das Verhalten von Frauen und Männern sowie gesellschaftliche Rahmenbedingungen wirken sich immer noch nachteilig auf Frauen in der Gesellschaft und damit auch im Kulturbereich aus.

Maria Lassnig: "Ich hatte die dumme Vorstellung, dass das Gute von selbst entdeckt wird. Die Belehrung, als ich sah, wie die Kollegen überall dabei waren und ich nicht, hat sehr geschmerzt (...). Genialität wird meist mit genialem Gehabe und Auftreten verwechselt."

Zahlen schaffen Klarheit

Die richtige Einschätzung möglicher Benachteiligungen oder Diskriminierungen von Frauen oder Männern im Kunst- und Kulturbetrieb ist nur möglich, wenn solide Zahlen und Fakten zur Diskussion stehen:

  • Wie viele Frauen und Männer sind in Führungspositionen, sowohl in der administrativen als auch in der künstlerischen beziehungsweise wissenschaftlichen Leitung?
  • Wer kann Einfluss auf die inhaltliche Programmgestaltung beziehungsweise die Projektplanung nehmen - Frauen oder doch eher Männer?
  • Gibt es Überlegungen, wie der Frauenanteil in Führungspositionen im administrativen Bereich erhöht werden kann, analog zu Frauenförderbestrebungen in Wirtschaft und Verwaltung?
  • Wie hoch ist der Frauen- und Männeranteil an allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern beziehungsweise Wissenschafterinnen und Wissenschaftern?

Beispiel Wiener Festwochen

Grafik: Frauenanteil im Bereich Kostüme bei den Wiener Festwochen

Im Bereich Kostüme sind 89 Prozent der Beschäftigten Frauen und elf Prozent Männer.

Grafik: Frauenanteil im Bereich Musikalische Leitung bei den Wiener Festwochen

90 Prozent der musikalischen Leitungs-Tätigkeiten führen Männer, zehn Prozent führen Frauen aus.


Beispiel Filmförderung durch den Filmfonds

Grafik: Regiseurinnen-Anteil bei von der Stadt Wien geförderten Filmen

Im Bereich Regie zeigt sich, dass bei den von der Stadt Wien geförderten Filmen der Frauenanteil zumindest bei 23 Prozent liegt. Der Frauenanteil an Filmregisseurinnen liegt in Österreich nur bei 18 Prozent.

Die Chance als Regisseurin einen Oscar zu gewinnen ist dagegen noch verschwindend gering: Der Oscar für die beste Regie ging 2010 nach 81 Jahren erstmals an eine Frau.


Bezahlung

Bekommen Frauen und Männer bei gleichwertiger Position, Qualifikation und Arbeitsleistung die gleiche Bezahlung?

  • Wer arbeitet eher ehrenamtlich, Frauen oder Männer?
  • Gibt es eine klare Haltung gegen jede Form der sexuellen Belästigung?
  • Gibt es in größeren Häusern eine Frauenbeauftragte, die als offizielle und vertrauliche Ansprechperson bei beruflicher Diskriminierung oder sexueller Belästigung zur Verfügung steht?
  • Wie ist der Männeranteil an Teilzeitkräften beziehungsweise an den prekär Beschäftigten?
  • Wird auf eine Erhöhung des Anteils von Frauen und Männern in untypischen Berufsfeldern beziehungsweise in Bereichen, in denen sie unterrepräsentiert sind, geachtet?
  • Gibt es - in größeren Institutionen - einen Frauenförderungsplan mit konkreten Zielen und Maßnahmen?

Geschlechterverhältnis im Publikum

Pointiert betrachtet ergibt sich oft folgendes Bild: Männer gestalten das Programm und Frauen stellen das Publikum. Eine differenziertere Betrachtung, wer mit dem Angebot erreicht werden soll und wer tatsächlich erreicht wird, sollte zum Standard gehören.

Interessant sind jedenfalls folgende Fragestellungen:

  • Wer nutzt das kulturelle Angebot und wer kann das Angebot nutzen? Gibt es Informationen über die Zusammensetzung des Publikums nach Alter, Geschlecht, sozialer Herkunft?
  • Wird das Angebot eher von Frauen oder von Männern nachgefragt? Was könnten mögliche Gründe für große geschlechtsspezifische Unterschiede sein?
  • Wurde die mögliche Wirkung auf unterschiedliche Gruppen bedacht und Maßnahmen überlegt, mögliche Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts oder anderer gesellschaftlicher Faktoren zu vermeiden?
  • Wer wird sich von dem Angebot, dem Werk eher angesprochen fühlen, Frauen oder Männer?
  • Wird bei der Gestaltung von Werbematerialien oder Programmheften auf eine diskriminierungsfreie Sprache und Bildauswahl geachtet?

Genderaspekte bei Planung und Vermittlung

Gender sichtbar machen

Das Thema Gleichstellung zieht sich durch alle Bereiche und endet nicht mit dem reinen "Köpfe zählen". Tradierte Sichtweisen und Rahmenbedingungen wirken sich immer noch nachteilig auf weibliche Kunstschaffende beziehungsweise die Wertschätzung ihrer Werke aus. Diese Einstellungen gilt es kritisch zu hinterfragen und perspektivisch zu überwinden.

Wichtig ist daher, sich Genderaspekte bereits bei der thematischen Konzeption von Programmen, Ausstellungen oder Forschungsprojekten sowie bei der Vermittlung bewusst zu machen:

  • Wird das Thema Gleichstellung der Geschlechter in der Programmplanung/beim Forschungsprojekt/bei der Ausstellungskonzeption et cetera aufgegriffen?
  • Fließen Überlegungen zur gesellschaftlichen Konstruktion von (Zwei-)Geschlechtlichkeit ein? Werden diese Überlegungen auch sichtbar? Das Wien Museum thematisierte bei der Ausstellung "Madness and Modernity. Kunst und Wahn um 1900" Porträts der Jahrhundertwende im Hinblick auf die Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit.
  • Gibt es Raum und Ressourcen für Überlegungen, manche Inhalte ganz bewusst geschlechtsspezifisch (mit bewusstem Bezug nur auf Frauen bzw. Männer) zu verarbeiten oder zu vermitteln?
  • Gibt es Offenheit, Geschlechterdiskurse aufzuzeigen und bewusst zu thematisieren - ohne weibliche Kunstschaffende damit in ein spezielles Eck zu drängen?
  • Wird das traditionelle Rollenverhalten der Geschlechter in Frage gestellt? Beim Schauspielprogramm der Wiener Festwochen wurde mit der zeitgenössischen Fassung "El desarrollo de la civilización viendra" von "Nora oder Ein Puppenheim" die traditionellen Rollenbilder thematisiert.
  • Wird die Stereotypisierung durch starre Rollenbilderzuweisungen, kulturelle Diskriminierung, Sexismus, Rassismus et cetera bei der Programmgestaltung, der Bildauswahl und Erläuterungen in Katalogen vermieden werden?

Download

Vollständiger Leitfaden mit Literaturnachweisen und Literaturangaben

Leitfaden herunterladen (280 KB PDF)

Verantwortlich für diese Seite:
Kulturabteilung (Magistratsabteilung 7)
Kontaktformular