Wer in einer europäischen Hauptstadt leben will, sieht sich mit hohen Mietkosten konfrontiert. Wien ist anders: Der Durchschnittspreis pro Quadratmeter liegt hier deutlich unten jenen von Städten wie Berlin oder London. Warum das so ist und welche Schwerpunkte die Stadt beim Wohnbau setzt, beantwortet Bürgermeister Michael Ludwig im Interview mit MEIN WIEN.
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Wien und der soziale Wohnbau, das hat Geschichte. Wo liegen die Ursprünge?
Michael Ludwig: Das Modell des geförderten Wohnbaus ist über viele Jahrzehnte aufgebaut worden. Der Grund war die schlechte Lebens- und Wohnsituation in der Monarchie. Ab dem Zeitpunkt, ab dem die Sozialdemokratie in Wien mit Mehrheit regiert hat, also ab dem 4. Mai 1919, war Wohnen immer ein besonderer Schwerpunkt. Es ist gelungen, den Menschen bis heute 220.000 Gemeindewohnungen zur Verfügung zu stellen und zusätzlich 200.000 geförderte Miet- und Genossenschaftswohnungen.
Das kostet eine Menge Geld. Zahlt sich das aus?
Ludwig: Ja, das zahlt sich aus: für die Menschen, die als Mieterinnen und Mieter in diesen Häusern leben. Und es zahlt sich aus für den Wirtschaftsstandort. Es gibt europäische Städte, wo die Mietkosten so hoch sind, dass sich durchschnittliche Einkommensbezieherinnen und Einkommensbezieher diese Wohnungen nicht mehr leisten können. Wenn sich Angestellte in den Betrieben nur mehr Wohnungen weit außerhalb leisten können, verliert ein Wirtschaftsstandort an Bedeutung.
Die Einkommensgrenzen für den Gemeindebau sind recht hoch. Warum ist er nicht nur finanziell Schwächeren vorbehalten?
Ludwig: Uns ist wichtig, dass es in Wien eine funktionale Durchmischung gibt. Das heißt, dass Wohnen, Arbeit, aber auch Bildungseinrichtungen und Grünflächen miteinander in Relation stehen. Das gilt ebenfalls für die soziale Durchmischung.
Wir wollen keine Ghettos für Reiche, aber auch keine Ghettos für Arme, wie das in anderen Städten der Fall ist. Das muss man mit Wohnbauprogrammen gezielt fördern. Es soll bis zum gehobenen Mittelstand die Möglichkeit geben, den geförderten Wohnbau in Anspruch zu nehmen. 62 Prozent der Wiener Bevölkerung leben in einer geförderten und damit leistbaren Wohnung. Das bedeutet, dass es eine breite soziale Streuung gibt.
Für geförderte Wohnungen verrechnen Bauträger einen Finanzierungsbeitrag. Gibt es dafür Unterstützung?
Ludwig: Ja, Genossenschaften können von den Mieterinnen und Mietern Anteile einheben. Deshalb haben wir vorgesehen, dass es entsprechende Darlehen gibt, die wir als Stadt Wien zur Verfügung stellen. Sie sind mit einem Prozent günstig verzinst, haben eine lange Laufzeit und wirtschaftlich schwächere Haushalte können sich damit eine geförderte Genossenschafts- oder Mietwohnung leisten.
Seit Kurzem gibt es neue Regeln für das Wohn-Ticket, quasi die Eintrittskarte in den sozialen Wohnbau. Was ist neu und warum gibt es diese Änderung?
Ludwig: Die Vergabe im geförderten Wohnbau muss an die konkreten Lebensverhältnisse der Menschen angepasst werden. Wir haben einerseits eine sehr junge Bevölkerung, andererseits am anderen Ende der Alterspyramide Menschen, die pflegebedürftig sind. Den Wohnbau, aber auch die Zugänglichkeit diesen Voraussetzungen anzupassen, geschieht laufend. Jetzt wieder: Wir wollen einen Schwerpunkt für junge Menschen setzen, die einen schnellen Zugang zum geförderten Wohnbau finden sollen, aber auch für pflegebedürftige Menschen oder für Alleinerziehende mit besonderen Herausforderungen.
Welche Rolle spielt der Klimaschutz bei Neubauprojekten und Sanierungen?
Ludwig: Wir haben seit vielen Jahren ein Klimaschutzprogramm, an dem konsequent gearbeitet wird. Das hat dazu geführt, dass die CO₂-Emissionen pro Kopf halb so hoch sind wie im Österreichschnitt. Ein bedeutender Verursacher ist der Wohnbau. Rund 40 Prozent der Energie wird beim Bauen und Wohnen verwendet. Daher ist die thermisch-energetische Wohnhaussanierung ein Schwerpunkt. Auch Gründerzeithäuser und Häuser, die weit vor dieser Zeit errichtet wurden, werden mit klimaschutzrelevanten Maßnahmen begleitet, damit diese Gebäude klimafit werden.
Kurzzeitvermietung ist auch in Wien ein beliebtes Geschäftsmodell. Was tut die Stadt, damit der Wohnraum nicht an den Tourismus verloren geht?
Ludwig: Kurzzeitvermietungen gibt es vor allem in attraktiven Städten wie Barcelona, Amsterdam und Paris. Auch daher habe ich gefordert, dass es auf EU-Ebene eine politisch verantwortliche Person gibt. Mit Dan Jørgensen ist das erstmals ein Kommissar, der neben Energie auch Wohnen im Portfolio hat. Wir sind als Stadt vorangegangen und haben eine Regelung, die Kurzzeitvermietungen auf maximal 90 Tage im Jahr beschränkt. Damit wir das kontrollieren können, gibt es ab Jahreswechsel ein Register.
Versuche, diese Regelungen durch Umwidmung in Beherbergungsbetriebe zu umgehen, verhindern wir. Das ist wichtig, um Wohnungen der Bevölkerung zugänglich zu machen und unlautere Konkurrenz gegenüber Hotels und Pensionen zu verhindern.
Warum hat sich Wien gegen die Privatisierung von Wohnungen entschieden, anders als der Bund oder andere Städte?
Ludwig: Uns war und ist es wichtig, dass der geförderte Wohnbau den Menschen erhalten bleibt. Ich stehe als Bürgermeister dafür ein, dass wir keine Privatisierungen im Gemeindebau vornehmen. Denn auch in Zukunft soll es für alle leistbaren Wohnraum geben. Und sind Wohnungen erst verkauft, gibt es am Wohnungsmarkt keine Lenkungsmöglichkeit mehr für die Stadt.


