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Interview mit Performancekünstler Oliver Hangl

"Der öffentliche Raum ist für mich der demokratischste Raum einer Stadt."

Oliver Hangl mit Over-Ear-Headphones und Mikrofon
Oliver Hangl

Der Performancekünstler und Urbanist Oliver Hangl bereichert Gemma Zukunft seit Jahren mit seinen Guerilla Walks und Silent Walking Discos. Gemeinsam bewegen sich die Teilnehmenden mit Funk-Kopfhörern durch öffentliche und halb-öffentliche Räume Wiens, im Fall der Walking Discos sogar tanzend.

In dieser Saison veranstaltete er zudem ein Baulückenkonzert am Nordwestbahnhof mit der Band Naked Lunch. Hangl, als Spezialist für Zwischenräume, verwandelte den Ort, an dem einst Züge ankamen und Waren umgeschlagen wurden und auf dem bald ein neuer Stadtteil entsteht, in eine temporäre Konzertbühne. Im Interview erzählt er über seine Erfahrung mit dem Eurovision Song Contest (ESC), das urbane Publikum und die Besonderheit seiner Formate.

Die heurige Gemma Zukunft-Saison stand zu Beginn ganz im Zeichen des ESC. Du hast im April und Mai mehrere Touren, aber auch ein Baulückenkonzert im Rahmen von Gemma Zukunft Angeboten. Wie hast du die Stadt in dieser Zeit erlebt?

Hangl: Alle meine Projekte für Gemma Zukunft fanden noch vor dem ESC statt. Bei den beiden Guerilla-Walks habe ich in einer Art Live-Feldforschung die große Erzählung rund um das Event bei Zufalls-Passant*innen hinterfragt und bin dabei fast ausschließlich auf positive Erwartungen gestoßen. Die lokale Zivilgesellschaft im Ausnahmezustand? Davon war wenig zu spüren. Die anlaufende Tourismusmaschine schien den urbanen Alltag nicht zu beeinträchtigen, im Gegenteil: Viele Wiener*innen freuten sich auf die besondere Energie, die die vielen internationalen Gäste in die Stadt bringen würden. Besonders überrascht hat mich das Spezialwissen vieler Gesprächspartner*innen. Da wurden persönliche Favoritenlisten hervorgeholt und schräge Anekdoten aus Jahrzehnten ESC-Geschichte erzählt. Natürlich sind wir auch ein paar Wiener Grantler*innen begegnet, denen der ESC "für die Fisch" war und völlig am Allerwertesten vorbeiging. Wäre es anders gewesen, hätte ich mir Sorgen um die Wiener DNA gemacht.

Eine Gruppe von Menschen geht mit Kopfhörern am Kopf durch die Stadt.
Die Straße als Ort gemeinsamer Entdeckungen

Silent Walking Discos und Gehsteigdiscos machst du bereits seit Jahren und das ganz unabhängig vom ESC. Wie bist du auf diese Formate gekommen?

Hangl: Als ich 2001 erstmals ein Kopfhörerkonzert umgesetzt habe, war mir schnell klar, dass ich die Möglichkeiten der isolierten akustischen Wahrnehmung im Kollektiv künstlerisch weiter erforschen möchte. Damals gab es nur wenige Kopfhörer zu mieten, also kaufte ich vorerst 50 Stück und initiierte 2003 die erste Silent Gehsteigdisco. Die Resonanz war überwältigend. Erst später habe ich erfahren, dass es weltweit 3 weitere Akteure gab, die mit ähnlichen Formaten experimentierten. Das hat mich zusätzlich motiviert. Kommerzielle Veranstalter haben die Silent Disco-Idee dann weltweit sehr rasch kopiert, auch in Wien gibt es seit 2011 eine Event Agentur. In meinen künstlerischen Arbeiten initiiere ich gerne offene Prozesse in urbanen Räumen und bevorzugt auch sogenannten Unorten, die zu prototypischen Frei- und Experimentalräumen werden, wenn das Publikum sie mehr oder weniger aktiv selbst nutzt. Ich finde es spannend, vertraute Räume für einen Moment aus ihrem Alltag herauszulösen. Wenn Menschen mit Kopfhörern durch die Straßen tanzen oder gemeinsam Musik hören, verändert sich der Blick auf die Umgebung. Plötzlich wird der Gehsteig zur Tanzfläche, der öffentliche Raum zum Begegnungsort.

Du sprichst oft davon, dass es sich bei deinem Publikum um ein "urbanes Publikum" handelt. Wen meinst du damit und was suchen diese Menschen bei deinen Formaten?

Hangl: Meine Formate sind bewusst niederschwellig. Die meisten sind kostenlos und konsumfrei zugänglich. Dadurch erreichen sie Menschen unterschiedlichster Altersgruppen, Lebensrealitäten und sozialer Hintergründe. Gleichzeitig gibt mir das die Freiheit, auch experimentellere Inhalte zu präsentieren. Ein gutes Beispiel ist meine mittlerweile über 57-teilige Baulückenkonzert-Reihe. Dort trat unter anderem das zeitgenössische Musikensemble Klangforum Wien in einem ehemaligen Baustofflager auf. Das ist äußerst anspruchsvolle E-Musik! Dennoch kamen über 300 Besucher*innen, und die große Mehrheit blieb bis zum Schluss. Viele erlebten das Ensemble zum ersten Mal live. Auch das Klangforum war begeistert, weil sich hier ein völlig neues Publikum erschloss. Wenn ich von einem "urbanen Publikum" spreche, meine ich neugierige Stadtbewohner*innen, die ihre Stadt nicht nur nutzen, sondern aktiv erleben wollen. Sie suchen nach authentischen Erfahrungen jenseits klassischer Kultur- und Freizeitangebote. Sie möchten Orte entdecken, Geschichten hören, Menschen begegnen und Teil eines gemeinsamen Erlebnisses werden. Dabei geht es oft um mehr als Unterhaltung. Es geht auch um die Frage, wie wir in der Stadt zusammenleben und wie wir den öffentlichen Raum anders denken und nutzen können.

Der öffentliche Raum spielt in deinen Performances und Projekten eine besondere Rolle. Was macht diesen Raum so spannend? Wie hat sich der öffentliche Raum in Wien in den vergangenen Jahren verändert?

Hangl: Der öffentliche Raum ist für mich der demokratischste Raum einer Stadt. Hier begegnen sich Menschen unabhängig von Alter, Herkunft, Beruf oder sozialem Hintergrund. Man braucht kein Ticket, keine Mitgliedschaft und keine Einladung, um Teil davon zu sein. Genau darin liegt sein enormes Potenzial für Kultur, Begegnung und gemeinschaftliche Erlebnisse. Was passiert, wenn wir vertraute Orte temporär anders nutzen? Ein Gehsteig wird zur Tanzfläche, eine Baulücke zum Konzertsaal, eine Straße zum Ort gemeinsamer Entdeckungen. Solche Interventionen verändern den Blick auf die Stadt und zeigen, dass öffentlicher Raum mehr sein kann als bloßer Durchgangsraum. Aus künstlerischer Sicht fordert mich vor allem seine Unkontrollierbarkeit heraus und so spielt auch der Zufall in vielen meiner Projekte eine zentrale Rolle. Wer reagiert wie auf unerwartete Situationen? Wer handelt, wer beobachtet nur - und was lassen wir überhaupt zu? In Wien beobachte ich seit Jahren eine spannende Entwicklung: Themen wie Aufenthaltsqualität, Begrünung, Klimaanpassung und die vielfältige Nutzung des öffentlichen Raums sind stärker in den Fokus gerückt. Gleichzeitig wächst das Interesse der Menschen, ihre Stadt aktiv mitzugestalten. Diese Offenheit spüre ich auch bei meinen Projekten.

Eine Band spielt ein Freiluftkonzert.
Die Band Naked Lunch bei einem Baulückenkonzert

Bei deinen Konzerten hast du schon ganz viele österreichische Stars auf die Bühne gebracht: Von Garish über Cari Cari bis hin zu Bipolar Feminin, von Ernst Molden und Elektro Guzzi bis hin zu Naked Lunch. Welchen Star hättest du gerne mal bei einem Baulückenkonzert?

Hangl: Für mich steht bei der Kuratierung nicht der Prominentenstatus im Vordergrund, sondern die künstlerische Qualität und nicht zuletzt auch meine persönliche Begeisterung für den Act. Bevor ich eine Booking-Anfrage stelle, muss ich eine Band unbedingt live erlebt haben. Zwischen einer großartigen Platte und einem überzeugenden Live-Konzert liegen manchmal Welten. Zum Glück gibt es in Österreich unglaublich viele spannende Musiker*innen. Meine Wunschliste ist daher noch lang.

Und welchen Wiener Ort würdest du gerne mal in ein Konzert verwandeln?

Hangl: Aktuell habe ich einen ganz klaren Favoriten: die Schleuse beim Kraftwerk Freudenau. Der Arbeitstitel steht auch schon fest: Einschleuskonzert. Die Idee ist denkbar einfach: Das Publikum steht am Ufer, die Band spielt auf der begrünten Schleuseninsel, dazwischen liegt das Wasser. Die Schleuse selbst wird zur natürlichen Bühne und gleichzeitig zur Kulisse. Und das Schöne daran: Dort darf die Musik auch einmal lauter sein, ohne jemanden zu stören. Jetzt fehlt eigentlich nur noch jemand, der beim Hafen oder bei der Kraftwerksverwaltung anruft und sagt: "Machen wir das!"

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