Christine Scholten

"Ich glaube, dass es ganz wesentlich ist, genau an diesem Ort, wo man sich eh schon am stärksten fühlt, noch ein bisschen Kraft hineinzulegen", konkretisiert Christine Scholten den viel beschworenen Begriff Empowerment (zitiert nach Wiener Frauenpreis 2015: Dr.in Christine Scholten). Dies hat Scholten als Internistin in Favoriten, Vorstandsmitglied des Vereins respekt.net und Mitbegründerin der Initiative "Nachbarinnen" auch vorgelebt. Dafür wurde ihr im Jahr 2015 der Wiener Frauenpreis verliehen.

Biografie und beruflicher Werdegang

Christine Scholten mit dem Frauenpreis 2015

Preisträgerin Dr.in Christine Scholten

Christine Scholten wurde 1963 in Wien geboren. Bereits während des Medizinstudiums engagierte sich Scholten ehrenamtlich als Bewährungshelferin. In den Ferienzeiten absolvierte sie Pflegedienste in Spitälern der Stadt Wien. Nach der Fachausbildung im AKH entschloss sich Scholten für das Zusatzfach Kardiologie und blieb bis 2005 im AKH tätig. Im selben Jahr gründete die Internistin eine eigene Praxis für Innere Medizin und Kardiologie mit allen Kassen in Favoriten. 2008 wurde die Praxis zur Gruppenpraxis erweitert, in der Scholten bis 2016 arbeitete. "Ich habe das Gefühl, dass ich durch sehr viel Glück und sehr viel Zufall hineingeboren wurde in eine Situation, die das Leben sehr leicht macht", reflektiert Scholten den eigenen Werdegang (zitiert nach Wiener Frauenpreis 2015: Dr.in Christine Scholten). Da dies viele Frauen nicht hätten, sei es ihr schon immer ein großes Anliegen gewesen, andere Frauen zu stärken.

Engagement für Migrantinnen

"Eine gestärkte Frau, die eigene Ziele hat, die auch den Weg kennt, um diese Ziele erreichen zu können, hat einen völlig anderen Blick auf die Welt", weiß Scholten von ihrem Engagement für die Selbstbestimmung von Frauen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Christine Scholtens Logik ergibt Sinn: Frauen sind schon stark, und diese Stärke gilt es, zu unterstützen. Diesen Ansatz hat Scholten bereits als Internistin verfolgt und gezeigt, dass man auch im eigenen Beruf etwas tun kann. Wer schon mal in der Gruppenpraxis in der Pernerstorfer Straße war, hat das vielleicht auch bemerkt: Dort ist etwas anders. Im Wartebereich hängen Bücher an der Wand, es gibt Romane aus Österreich und aus aller Welt. Frauen aller Konfessionen arbeiten in der Praxis. Damit werden neben der sprachlichen auch weitere Barrieren der Kommunikation zwischen dem medizinischen Personal und den Patientinnen und Patienten abgebaut. Schon hier hat Christine Scholten "wesentliche Integrationsarbeit" (zitiert nach: Jury-Begründung Wiener Frauenpreis 2015) geleistet - und auch selbst begonnen, Türkisch zu lernen.

Projekt "Nachbarinnen"

Das von Christine Scholten und der Sozialarbeiterin Renate Schnee im Jahr 2012 initiierte Projekt "Nachbarinnen" folgt einer wirksamen Idee. Frauen mit Migrationserfahrung gehen als Nachbarinnen auf Frauen in der eigenen Wohnumgebung zu. "Man geht schauen, ob was gebraucht wird und bringt, was man bringen kann." (zitiert nach Wiener Frauenpreis 2015: Dr.in Christine Scholten) Der Namen des Vereins ist Programm. Denn die im Verein ausgebildeten Frauen nehmen, so Scholten, den Begriff der NachbarInnenschaft in ihren Kulturen noch sehr ernst. Im Fachterminus sei dies "aufsuchende Sozialarbeit" (zitiert nach ebenda). Und tatsächlich hat der Verein 2013 in Kooperation mit der Alpen Adria Universität IFF und dem AMS Wien 16 Frauen als soziale Assistentinnen ausgebildet. Zwölf Absolventinnen des kostenlosen fünfmonatigen Lehrgangs wurden im selben Jahr beim Verein angestellt.

Die Nachbarinnen sind Frauen mit Muttersprache Türkisch, Farsi, Arabisch, Somali und Tschetschenisch. Die Kommunikation in der Muttersprache und die geteilte Lebenserfahrung der Migration stellen eine Schlüsselqualifikation der Nachbarinnen dar. Mit dem transkulturellen Wissen können viele Hürden schnell genommen werden. Die von Förderungen und privaten Spenden getragene Tätigkeit der Nachbarinnen hat drei Standbeine: Neben der Unterstützung auf Amtswegen stehen die Stärkung der Frau und der Kinder im Mittelpunkt. Seit Beginn begleiten die Nachbarinnen auch Flüchtlingsfamilien. Lag der Schwerpunkt ursprünglich bei migrantischen Familien, werden mittlerweile genauso viele Flüchtlinge unterstützt. Jedoch habe sich die Tätigkeit des Projekts durch die Ankunft der vielen Flüchtlinge im Jahr 2015 nicht wesentlich verändert, erklärt Scholten im Porträt als Frauenpreisträgerin.

In der Dankesrede für die Verleihung des 16. Bruno Kreisky Menschenrechtspreises erzählt Scholten von der Arbeit der Nachbarinnen an einem Beispiel: "Amina darf ab nun alleine innerhalb der Wohnanlage skaten, egal mit wem und sie darf alleine gehen. Sie muss ihr Handy aufgedreht in der Hosentasche haben, die Eltern dürfen nur anrufen, wenn es um etwas extrem Wichtiges geht. Wenn die Eltern ohne wichtigen Grund anrufen, darf Amina eine ihr zugedachte Aufgabe im Haushalt für eine Woche abgeben. Wenn die Eltern sich an diese Vereinbarung halten, bekommt Amina von uns Lernhilfe." (zitiert nach Christine Scholten, 2015: Dankesrede "Nachbarinnen in Wien", Verleihung der 16. Bruno Kreisky Preise für die Verdienste um die Menschenrechte) Durch die Kooperation "Nachbarin-Eltern-Kind" kann die zentrale Bedeutung des Schulerfolgs in der Familie verankert werden. Auch für die Weiterbildung der Eltern gibt es Beratung, Jugendliche werden auf dem Weg in die Arbeitswelt unterstützt. Zur Stärkung der gesamten Familie gehören schließlich auch Erziehungs- und Gesundheitsthemen. Als Internistin ist natürlich Christine Scholten für die Gesundheitsberatung der Frauen und ihrer Familien zuständig. Sie und Renate Schnee sind als Projektleiterinnen ehrenamtlich tätig.

Neben der individuellen Begleitung bieten die Nachbarinnen auch kollektive Formate. Für Erziehungsthemen habe sich der Familientisch bewährt. "Ein solcherart angeleitetes Gespräch ermöglicht in vertrauter Atmosphäre sehr persönliche Reflexionen und somit neue Handlungsmöglichkeiten in der Erziehung." (zitiert nach Nachbarinnen in Wien: Tätigkeitsbericht 2015/2016) Ein weiteres Lernformat stellt das Bildungsfrühstück dar. Es ist ein "Lernort für Lebensstrategien" (zitiert nach ebenda), bei dem in Fachvorträgen Themen wie Erziehung, Mietrecht, Schule, seelische Gesundheit und Frauenrechte vermittelt und diskutiert werden. Die Frauen können Fragen in der Muttersprache stellen. Das große Interesse zeige, wie sehr sich dieses Format bewährt: "Mittlerweile wünschen sich die Teilnehmerinnen schon Themen, die sie interessieren und wo sie noch etwas lernen möchten." (zitiert nach ebenda)

Das höchste Integrationsziel ist, so der Tätigkeitsbericht der Nachbarinnen, eine anerkannte Arbeit. Auch hier sucht der Verein konkrete Ansatzpunkte. Als Teilprojekt des Vereins gibt es deshalb ein eigenes Unternehmen: die Nähwerkstatt. Frauen ohne Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt machen durch das Erlernen der Schneiderei und die erste Anstellung in Österreich einen großen Schritt in Richtung Selbstbestimmung. Durch die Aufträge soll sich die Werkstatt in der Zukunft sogar selbst finanzieren können.

Sogenannte "gute Integration" ist für die Nachbarinnen "eine Selbstverständlichkeit" (zitiert nach ebenda). Denn indem sich die Frauen besser zurechtfinden und weiterentwickeln können, bringen sie sich in der Folge auch in die Gesellschaft ein. So schaffen die Nachbarinnen "langfristig Verbesserung bei den betreuten Familien, in den betroffenen Communities und hindern das Anwachsen von sozialen Folgekosten in der Gesellschaft." (zitiert nach ebenda) In einer Social Return on Investment (SROI) Analyse der Wirtschaftsuniversität Wien wurde der gesellschaftliche Mehrwert der Nachbarinnen berechnet: 2014 hat jeder investierte Euro einen Gegenwert von 4,61 Euro geschaffen.

Verein respekt.net

Auch im Verein respekt.net hat sich Scholten für mehr gesellschaftliche Teilhabe engagiert. Von 2013 bis 2015 ist sie im Vorstand des Vereins tätig. Respekt.net setzt sich für eine funktionierende Demokratie ein und entwickelt innovative Konzepte, um die Teilnahme an politischen Prozessen zu fördern. Ein Projekt des Vereins ist die Crowdfunding-Plattform: Dort können Initiativen ein öffentliches Forum und finanzielle Unterstützung für ihre Vorhaben finden.

Vielfache Auszeichnungen

Für ihr Engagement im Projekt "Nachbarinnen" wurde Christine Scholten vielfach ausgezeichnet. Gemeinsam mit Renate Schnee wird Scholten 2013 in der Kategorie "Humanitäres Engagement" zur Österreicherin des Jahres gekürt. Darüber hinaus werden die Nachbarinnen unter anderem mit folgenden Preisen ausgezeichnet: 2014 Wiener Gesundheitspreis und die SozialMarie, 2015 den Bruno Kreisky Menschenrechtspreis und 2016 den Alexander Friedmann Preis. "Wenn wir alle hier in diesem Land sehen würden, was da für Potenzial in den Frauen steckt, die zu uns kommen, und wie viel wir von diesen Frauen lernen können... Dann hätten es erstens die Frauen leichter, die zu uns kommen, und wir hätten eben sehr viel mehr Möglichkeit, das Leben anders zu sehen und schöner zu sehen", so das persönliche Fazit von Christine Scholten (zitiert nach Wiener Frauenpreis 2015: Dr.in Christine Scholten). Sie habe für sich, für ihre Töchter und die eigene Familie sehr viel gelernt.

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