Sabine Derflinger

Sabine Derflinger wurde 2012 in der Kategorie "Film" mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet.

Sabine Derflinger

"Ich arbeite gern mit reduzierten Ausgangsideen. Oft sind diese auch vage. Manchmal ist es auch bloß ein bestimmtes Gefühl, das mich in eine Filmgeschichte hineintreibt", erklärt Regisseurin Sabine Derflinger. In ihren Dokumentationen und Spielfilmen stellt sie Frauen in den Mittelpunkt und porträtiert zugleich "behutsam, brutal, offen und schonungslos", wie die Jury des Frauenpreises argumentiert. Sie ist außerdem die erste Frau, die in der 40-jährigen Geschichte der österreichischen "Tatort"-Serie Regie geführt hat. "Es ist fantastisch, den Leuten etwas zu zeigen, das sie von ihrem Standpunkt aus nicht sehen können", beschreibt Derflinger ihre Motivation (zitiert aus: www.sabine.derflinger.org).

Biografie, Werk und Auszeichnungen

Sabine Derflinger wird 1963 in Wels geboren und wächst in Vöcklabruck auf. Dass sie später Filme machen will, weiß sie relativ bald. Als 1983 eine Regieassistentin bei einem Filmprojekt ausfällt, wird sie angelernt und arbeitet in den folgenden Jahren in verschiedenen Positionen am Set, hauptsächlich aber als Produktionsassistentin. Während Frauen in der Branche heute noch immer in der Minderheit sind, war die "Idee, als Frau Filmregisseurin zu sein" während der frühen 1980er-Jahre in etwa so skurril "wie am Mond fliegen", erzählt sie (zitiert aus: www.kirtag.org).

Bestimmte politische Themen sind ihr aber ein Anliegen und sie fasst den Entschluss, bei Dokumentarfilmen Regie zu führen. Für "Geraubte Kindheit" erhält sie den Hans Cermak Preis (1994), "Achtung Staatsgrenze", eine gemeinsam mit Bernhard Pötscher realisierte Dokumentation über Schubhaft, wird 1996 mit dem oberösterreichischen Interkulturpreis ausgezeichnet. Im selben Jahr erhält sie ihr Diplom an der Filmakademie Wien ab, wo sie seit 1991 Buch und Dramaturgie studierte. Ihr Filmportrait über die "Rounder Girls" wird 1998 mit dem Grünpreis ausgezeichnet, 2000 gründet sie dok.at mit, die Interessensgemeinschaft Österreichischer Dokumentarfilm.

Zunehmend reizt sie auch das Spielfilmgenre. Ihr erstes Projekt ist "Vollgas" (2001), in dem sie die Geschichte einer Saisonkellnerin an einem Winterschiort erzählt – eine Kulisse, die sich ihrer Meinung nach für "ein verdichtetes Österreichbild" anbietet (zitiert auf: www.film.at). Der Film wird zu einem großen Erfolg und in Saarbrücken mit dem Max Ophüls Preis (2002) ausgezeichnet. Künftig widmet sie sich sowohl dem Dokumentarfilm als auch dem wesentlich breitenwirksameren Medium des Spielfilms, versucht aber immer wieder die Grenzen zwischen beiden zu verschieben. 2003 werden ihr der Kulturpreis des Landes Oberösterreich und der Österreichische Förderpreis für Filmkunst verliehen.

2004 dreht sie die Dokumentation "Schnelles Geld", die Momentaufnahmen junger wohnungsloser Menschen in Wien zeigt, sowie den Spielfilm "Kleine Schwester", der nicht nur beim Münchner Filmfest prämiert wird, sondern auch den deutschen Fernsehpreis ver.di bekommt (2005). "42 plus" (2007) ist die Geschichte von Christine, die trotz ihrer schwierigen Ehe gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer pubertierenden Tochter auf die italienische Insel Ischia in den Urlaub fährt und sich dort auf eine Affäre mit einem sehr viel jüngeren Mann einlässt.

"Eine von 8" (2008) ist eine Dokumentation über die Schauspielerin Frederike und die Straßenbahnfahrerin Marijana, die sich bei der Chemotherapie kennen lernen: Eine von acht Frauen erkrankt in Österreich im Lauf ihres Lebens an Brustkrebs. Es ist das Portrait zweier Frauen, die den Kampf gegen eine lebensbedrohliche Krankheit aufgenommen haben und sich gegenseitig über ihre Hoffnungen und Ängste austauschen. Das Spezifische an der Herangehensweise ist in diesem Film, dass die Protagonistinnen selbst mit Kameras ausgestattet werden, um ihren Alltag unabhängig von gemeinsamen Drehterminen filmen und dabei die Intensitätsgrade selbst wählen können, mit der sie bestimmten Situationen darstellen. Auch in dieser Dokumentation verzichtet Sabine Derflinger auf Effekte und stellt Beobachtungen ins Zentrum. "Ich will einen nüchternen Blick auf etwas werfen", erklärt sie "mit dem die meisten von uns nicht konfrontiert werden wollen, nämlich mit der Tatsache, irgendwann einmal sterben zu müssen".

Sie versteht die Filme, bei denen sie Regie führt, nicht als ihr alleiniges Werk; sie möchte sich Zeit nehmen, um mit den Schauspielerinnen und Schauspielern gemeinsam Rollen weiterzuentwickeln. Sabine Derflinger greift Anregungen auf und hat dabei nicht das Bedürfnis, alles detailliert vorzuschreiben. "Ich bin immer auf der Suche nach neuen Erzählmöglichkeiten und die Grenze zwischen Spiel- und Dokumentarfilm reizt mich", ist auf ihrer Homepage zu lesen. Den Anspruch, alles unter Kontrolle zu haben und im Vorfeld abklären zu können, hat sie längst aufgegeben. Vielmehr arbeitet sie mit den Möglichkeiten, die aus dem Moment heraus entstehen.

Neben ihrer Regietätigkeit ist sie immer wieder auch im Bereich Produktion aktiv, wie etwa in Clarissa Thiemes "Was bleibt" (2009), der die Leerstellen aufzeigt, die der Krieg in Bosnien Herzegowina zurückgelassen hat, oder Jasmila Zbanics "For those who can tell no Tales" (2013), der die Autorin Kym nach Bosnien begleitet. 2010 gründet sie die Produktionsfirma Derflinger Film.

In "Tag und Nacht" (2011) greift sie das feministisch sehr kontroversiell diskutierte Thema Sexarbeit auf. Hanna und Lea, zwei junge Frauen, die seit ihrer Kindheit eine enge Freundschaft verbindet, entscheiden sich bei einem Escort Service zu arbeiten. Auch wenn die beiden das freiwillig tun, so würden patriarchale Machtverhältnisse dabei doch nicht ausgeschaltet und der Preis sei hoch, so die Aussage des Filmes. In der österreichischen "Tatort"-Folge "Angezählt" (2013) verschiebt sie diese Thematik in den Kontext von Frauenhandel, Zwang, Missbrauch und extremer Gewalt. 2014 wird sie dafür mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

"Angezählt" ist bereits der zweite österreichische "Tatort" von Sabine Derflinger, davor hatte sie bereits "Falsch verpackt" (2012) gedreht. In "Borowski und das Meer" führt sie 2014 bei einem Kieler Tatort Regie. Die Unterwasseraufnahmen und die Art und Weise, in der die Küstenlandschaft in die Handlung einbezogen werden, erinnern in mancher Hinsicht an eine Dokumentarfilmästhetik. Die Umgebung "hat sich auf die Geschichte, den Rhythmus der Erzählung und den Schnitt übertragen" (zitiert aus: www.daserste.de), erklärt Derflinger.

In den letzten Jahren sammelt sie auch zahlreiche Erfahrungen im Seriengenre. So führt sie Regie bei einigen Folgen von "Paul Kemp - Alles kein Problem" (2013), mit Harald Krassnitzer als Mediator Paul in der Hauptrolle. "Vier Frauen und ein Todesfall" erzählt die Abenteuer von vier selbstberufenen Detektivinnen, die den Machenschaften in der Ortschaft Ilm auf den Grund gehen. Im Frühsommer 2014 übernimmt Sabine Derflinger in der ORF-Serie "Vorstadtweiber", einem Portrait von fünf Ehefrauen aus der besseren Gesellschaft, die in ihren Vorstadtvillen langsam von der Realität eingeholt werden, die Regie der ersten fünf Folgen (Ausstrahlung für 2015 geplant). Ihr neuestes Projekt, der TV-Spielfilm "Twilight over Burma", über die Kärntnerin Inge Sargent, (Drehbeginn im September 2014 in Österreich) führte sie unter anderem auch zu Dreharbeiten nach Asien.

Filme und Serien (Auswahl)

  • "Tatort – Angezählt" (2013), Krimiserie, ORF
  • "Vier Frauen und ein Todesfall" (2013), Serie, ORF
  • "Tag und Nacht" (2011), Spielfilm
  • "Eine von 8" (2008), Dokumentarfilm
  • "42plus" (2007), Spielfilm

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