Tamar Çitak

Tamar Çitak wurde 2007 im Bereich "Gewaltschutz" mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet.

Tamar Çitak ist Sozialarbeiterin und Beraterin in der "Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie". In Österreich macht jede fünfte Frau Gewalterfahrungen in ihrem direkten Umfeld – betroffen sind Frauen aus allen sozialen Schichten. Die Täter sind dabei fast immer männlich, "vom Kommerzialrat bis zum Arbeitslosen gibt es alles", erzählt Tamar Çitak (zitiert in: Falter 32/06).

Die Interventionsstelle berät Frauen, die Gewalt erfahren haben oder deren Kinder Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Tamar Çitaks Fokus liegt bei Migrantinnen mit Gewalterfahrungen, da diese oft besonders von struktureller Gewalt, wie ökonomischer Benachteiligung oder restriktiven Aufenthaltsbestimmungen, bedroht sind. "Gewalt ist Gewalt, nur die Umstände sind anders" (dieStandard.at, 6.12.2004), betont sie. Gewalt ist dabei ein komplexes Phänomen, das oft nicht in allen Facetten verstanden wird: Während physische Gewalt verhältnismäßig stark im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, werden andere Aspekte, wie sexuelle, seelische oder finanzielle Gewalt oft ausgeblendet.

Biografie

Tamar Çitak wird 1963 in Istanbul geboren. Für das Studium kommt sie 1983 nach Wien und inskribiert Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität.

Aus familiären Gründen kehrt sie für einige Jahre nach Istanbul zurück und lässt sich vom Studium beurlauben. Als sie 1991 wieder nach Wien zieht, muss sie sich der Frage stellen, wie sie mit ihrem Studierendenvisum eine Arbeitsbewilligung erhalten kann. Die Stadt Wien öffnet damals ein Arbeitsplatzkontingent für die Nachmittagsbetreuung von Kindern mit Migrationshintergrund und so kommt Tamar Çitak zum Verein Wiener Jugendzentren. Sie sieht die multiplen Schwierigkeiten, mit denen Mädchen kämpfen, und widmet sich dort feministischer Mädchenarbeit. Weil ihr die Arbeit dort aber nicht die Möglichkeit einer intensiveren Einzelfallbetreuung gibt, wechselt sie 1995 zum "Wiener Integrationsfonds" (heute: MA 17). Sie ist entsetzt über die Dimension der Gewalt, mit denen Frauen konfrontiert sind. Obwohl sie eigentlich nur für den 5. Bezirk zuständig ist, kommen Frauen aus ganz Wien zu ihr, weil sie damals die einzige türkischsprachige Beraterin ist. Sie dolmetscht, geht mit den Frauen zur Polizei und vor Gericht - Tätigkeiten, die weit über den Arbeitsbereich des Integrationsfonds hinausgehen.

Nachdem 1998 die "Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie" eröffnet wird, wird sie häufig von den dort arbeitenden Sozialarbeiterinnen kontaktiert. Am "Tag der offenen Tür" sieht sich Tamar Çitak die Interventionsstelle näher an und ist überzeugt von der Arbeit, die dort geleistet wird. Sie bewirbt sich und erhält noch während des Vorstellungsgesprächs eine Stellenzusage. Neben ihrer Teilzeitanstellung in der Interventionsstelle ist sie zunächst noch in einem Frauenhaus in St. Pölten tätig.

Orient Express – Beratung für türkische Frauen

Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits einige Jahre ehrenamtlich im Vorstand des Vereins "Orient Express" aktiv. Die 1986 unter dem Namen "Verein türkischer Frauen" gegründete Organisation ist ursprünglich eine Beratungseinrichtung von und für türkische Frauen. Mit der Zeit entwickelt sich das Thema Zwangsverheiratung zu einem der Schwerpunkte. Immer mehr Mädchen und Frauen kommen, um sich über ihre Rechte und Möglichkeit zu informieren. "Orient Express" leistet Aufklärungsarbeit zu diesem Thema und reklamiert Zwangsverheiratung in die Diskussion über häusliche Gewalt hinein. Äußerst wichtig ist Tamar Çitak dabei eine Verbindung von antisexistischer und antirassistischer Politik. So wurde lange darüber diskutiert, erklärt sie, wie für das Thema Zwangsehe eine kritische Öffentlichkeit geschaffen werden kann, ohne dem Rassismus zuzuarbeiten oder den Eindruck zu erwecken, die Mehrheit muslimischer Frauen sei davon betroffen. Rassistinnen und Rassisten werden immer irgendwelche Anknüpfungspunkte finden, argumentiert sie schließlich, es geht um das Leben von Mädchen und jungen Frauen. Zwangsheirat ist eine Form häuslicher Gewalt - "und Punkt".

Im Übrigen führen ihrer Meinung nach gerade restriktive Fremdengesetze vermehrt zu Heiratsmigration (vgl. dieStandard.at, 6.12.2004).

"Orient Express" berät und unterstützt in verschiedenen Phasen. Hat sich eine Frau noch nicht entschieden, ob sie eine Ehe eingehen wird oder nicht, wird sie vom Verein begleitet und bestärkt, bis sie ihre Entscheidung getroffen hat. Wenn sich eine Frau akut in Gefahr befindet, gegen ihren Willen verheiratet zu werden, wird sie anonym untergebracht. Wenn möglich, wird versucht, mit ihren Eltern zu sprechen. Im Sommer 2013 ist nun die erste lange geplante "Notwohnung" eingerichtet worden, in die unmittelbar von Zwangsverheiratung betroffenen Mädchen und Frauen unterkommen können und intensive Betreuung erhalten. Mit der Umsetzung des von ihr ausgearbeiteten Konzepts schließt Tamar Çitak ihre langjährige Tätigkeit im "Orient Express" ab.

Engagement für Migrantinnen

In zahlreichen Workshops, Vorträgen und Publikationen befasst sich Tamar Çitak mit der Frage, ob und wie asylsuchende Frauen und Migrantinnen von österreichischen und europäischen Gewaltschutzgesetzen profitieren können. Während das österreichische Gewaltschutzgesetz mit seinem Wegweiserecht prinzipiell einem sehr hohen Standard genügt, können insbesondere Frauen ohne gesicherten Aufenthaltstitel oder mit eingeschränkten Möglichkeiten finanzieller Unterstützung/Transferleistungen, nicht darauf zurück greifen. Das Einklagen von Unterhalt kann sehr lange dauern, viele Migrantinnen aus Drittstatten, die noch nicht lange in Österreich leben, haben zudem keinen Anspruch auf Sozialhilfe. Nicht selten muss sie Frauen in der "Interventionsstelle" so lange vertrösten, bis sie einen eigenen Aufenthaltstitel haben und kann ihnen nur eine temporäre Auszeit in einem Frauenhaus ermöglichen. "Ich werde nicht aufhören, ein eigenständiges Aufenthalts- und Arbeitsrecht für alle Migrantinnen zu fordern", erklärt sie (zitiert in dieStandard.at, 6.12.2004). Mit der Fremdenrechtsnovelle 2011 haben sie dieses Recht teilweise erhalten. Kurzfristig wäre es wichtig zu erreichen, dass in jenen Fällen, wo eine einstweilige Verfügung erwirkt wurde, vom Sozialamt beziehungsweise von der MA 40 generell Überbrückungsgeld gezahlt wird. Auch wäre es wünschenswert, wenn eine Aufenthaltsgenehmigung nicht jährlich, sondern nur alle drei Jahre verlängert werden muss, um Existenzängste zu verringern. Für Frauen mit multiplen Schwierigkeiten ist es nahezu unmöglich, alles in einem Jahr unterzubringen, vom Absolvieren der Sprachkurse bis hin zur Sicherung einer finanziellen Basis. Während ihrer Meinung nach große Fortschritte in der Kooperation mit Polizei und Gerichten im Gewaltschutzbereich zu verzeichnen sind, kritisiert sie den Mangel an leistbaren Therapieangeboten und die fehlenden Sensibilisierung von GerichtsdolmetscherInnen.

In Österreich muss man sich endlich bewusst werden, erklärt sie, dass dies längst ein multikulturelles Land ist, in dem viele Sprachen gesprochen werden. Der Mensch muss zählen, nicht welche Sprache sie oder er spricht, oder woher ihre oder seine Eltern und Großeltern gekommen sind. Persönlich setzt Tamar Çitak vor allem bei jungen Menschen an. Von der jüngeren Generation wünscht sie sich auch, dass sie sich wieder stärker für feministische Themen und die Anliegen der Frauenbewegungen interessiert.

Tätigkeiten von Tamar Çitak im Gewaltschutzbereich

  • Verein "Orient Express" (bis 2012). Beratung und Unterstützung von Migrantinnen, unter anderem zum Thema Zwangsverheiratung; Konzeptionalisierung der "Notwohnung"
  • Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie
  • Publikationen im Gewaltschutzbereich, zum Beispiel: Çitak, Tamar (2008): "Das Österreichische Gewaltschutzgesetz und die Einrichtung der Interventionsstelle Ein multi-institutionelles Interventionssystem gegen Gewalt in der Familie". In: Sauer, Birgit; Strasser, Sabine (Hgg.) Zwangsfreiheiten. Multikulturalität und Feminismus. Wien, Seite 148 bis 156
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