Ruth Wodak

Ruth Wodak wurde 2006 für "Besondere Leistungen im Bereich Forschung und Wissenschaft" mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet.

Feminismus und kritische Wissenschaft lassen sich gut miteinander vereinbaren, findet Ruth Wodak, die den Frauenpreis der Stadt Wien 2006 für ihre außerordentliche wissenschaftliche Tätigkeit verliehen bekommt. "Kritisch" bedeutet für die Mitbegründerin der so genannten "Critical Discourse Analysis" das Bestreben, Machtverhältnisse nicht als gegeben hinzunehmen, sondern transformieren zu wollen. Dabei gilt es, ideologische Positionen transparent zu machen und alternative Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. In diesem Sinne hat Ruth Wodak ihre Forschung der Thematisierung und Bekämpfung von Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Klassismus gewidmet.

Biografie, Werk und Auszeichnungen

Die 1950 in London geborene Ruth Wodak wächst in Belgrad dreisprachig auf. Mit den Eltern spricht sie deutsch, Englisch ist die Unterrichtssprache in der internationalen Schule, Serbokroatisch lernt sie über ihr Umfeld. Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre studiert sie an der Universität Wien Slawistik, osteuropäische Geschichte und Sprachwissenschaft. Für ihre Dissertation über das Kommunikationsverhalten von Angeklagten vor Gericht wird sie 1974 mit dem renommierten Theodor Körner Preis ausgezeichnet. (Wodak, Ruth (1976): "Das Sprachverhalten von Angeklagten bei Gericht". Königstein). Sie habilitiert sich 1980 mit einer Arbeit über therapeutische Kommunikation und wird drei Jahre später zur außerordentlichen Professorin ernannt. (Wodak, Ruth (1980): "Das Wort in der Gruppe. Linguistische Studien zur therapeutischen Kommunikation". Wien). Nachdem ihr 1990 der Hertha Firnberg Staatspreis für besondere Leistungen auf dem Gebiet von Wissenschaft und Forschung verliehen wird, erhält sie 1991 schließlich den Lehrstuhl für Angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Wien.

Analyse politischer Sprache

In den Jahren zuvor beginnt Ruth Wodak sich für die Analyse politischer Rhetorik zu interessieren. Den zeitgeschichtlichen Kontext dafür bietet nicht zuletzt die Waldheim-Affäre, in der antisemitische Argumentationen öffentlich aktualisiert werden. Sie untersucht Erinnerungspolitiken nach 1945, beschäftigt sich unter anderem mit Wahlkampfrhetoriken. Im Jahr 1989 gibt sie das Buch "Language, Power and Ideology" heraus (Wodak, Ruth (1989) (Hg.): "Language, power and ideology". Amsterdam), in dem politische Diskurse aus unterschiedlichen historischen Momenten interdisziplinär untersucht werden, um darüber Rückschlüsse auf Machtmechanismen zu ziehen. 1991 findet in Amsterdam ein Treffen zwischen Ruth Wodak, Norman Fairclough und Teun van Dijk statt, das häufig als der formale Beginn der Kritischen Diskursanalyse betrachtet wird. (Einige der Angaben in diesem Portrait sind aus folgendem Interview zitiert: Kendall, Gavin (2007): "What Is Critical Discourse Analysis? Ruth Wodak in Conversation With Gavin Kendall". In: Forum Qualitative Sozialforschung 8(2)).

Eines der zentralen Interessen dieses Wissenschaftsfeldes ist die Analyse dessen, wie über (politische) Diskurse Menschen in bestimmte Kategorien eingeteilt werden, welche positiven oder negativen Attribute diesen Gruppen in weiterer Folge zugeschrieben werden und wie darauf basierende Diskriminierung gerechtfertigt wird. Kritische Diskursanalyse geht davon aus, dass insbesondere eine Einteilung von Menschen in "wir" und "sie", die oft mit einer Zweiteilung von "Gut" und "Böse" einhergeht, für Machtverhältnisse charakteristisch ist.

Als persönlichen Beitrag zu dieser heterogenen Disziplin sieht Ruth Wodak ihre historische und interdisziplinäre Ausrichtung. Auch wenn sie als Linguistin argumentative Strategien und Metaphern analysiert, so geht es ihr dennoch immer auch um die materiellen Verhältnisse, in die sie eingebettet sind. Ihr ist es ein Anliegen, gesellschaftstheoretische Überlegungen mit tiefgehenden empirischen Untersuchungen zu verbinden. Die Zuerkennung des Wittgenstein-Preises für Spitzenforschung 1996 ermöglicht eine mehrjährige interdisziplinäre Teamforschung.

Wissenschaftliche Laufbahn, Engagement und Auszeichnungen

Im Laufe ihrer wissenschaftlichen Karriere leitet sie unter anderem Projekte zur Konstruktion individueller, kollektiver und (trans)-nationaler Identitätspolitiken, zu Migration, Diskussionen rund um Neutralität und NATO in Österreich und Ungarn oder Erinnerungspolitiken nach dem Nationalsozialismus. In zahlreichen Projekten arbeitet sie mit ihren ehemaligen Studierenden zusammen. Von 1999 bis 2002 hat sie eine Forschungsprofessur an der "Österreichischen Akademie der Wissenschaften" inne. Sie wird von zahlreichen Universitäten wie der "University of Uppsala" und der "Örebro University" (Schweden), "Stanford University" USA, Carleton University (Kanada), Georgetown University (in Washington DC, USA als "Davis Chair for Interdisciplinary Studies") – um nur einige zu nennen – als Gastprofessorin eingeladen. Gleichzeitig ist es ihr ein Anliegen, sich nicht im akademischen Elfenbeinturm zu verschanzen – auch wenn darin das Risiko liegt, sich angreifbar zu machen. Insofern wirft sie stets die Frage auf, wie die eigene Forschung emanzipatorisch genutzt werden kann. Wie ist es möglich, Wissen zu produzieren, das in politische Prozesse interveniert und zum Abbau von Machtverhältnissen und Diskriminierungen herangezogen werden kann?

2003 wird ihr der "Willy und Helga Verkauf-Verlon Preis" durch das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) für antifaschistische Publizistik verliehen. Sie engagiert sich bei der österreichischen Anlaufstelle des "European Monitoring Centre for Racism, Xenophobia and Anti-Semitism" der Europäischen Union (seit 2007 Fundamental Rights Agency). Dort bleibt sie auch als Ko-Direktorin aktiv, als sie 2004 ihren Arbeitsschwerpunkt an die "University of Lancaster" (UK) verlegt.

In den darauf folgenden Jahren interessieren sie insbesondere neuere Formen des Rechtspopulismus. Dabei beschäftigt sie sich einerseits mit dem österreichischen Kontext und analysiert zum Beispiel die Strategien von FPÖ-Wahlkampfplakaten. Was macht den Erfolg dieser Rhetoriken aus, fragt sie, und wie kann ihnen widerstanden werden? Gleichzeitig setzt sie sich mit europaweiten Tendenzen auseinander: Sie ist Mitherausgeberin des Sammelbandes "Rightwing Populism across Europe: Politics and Discourse" (2013), in dem Expertinnen und Experten für zahlreiche europäische Kontexte vor dem Hintergrund des Aufstiegs von rechtspopulistischen Parteien und Gruppierungen Länderstudien zu gegenwärtigen Rassismen sowie traditionellen und neuen Antisemitismen publizieren. (Wodak, Ruth; Mral, Brigitte; Khosravinik, Majid (Hgg.) (2013): "Right Wing Populism in Europe: Politics and Discourse". London)

Ruth Wodaks Perspektive ist stets an den Verflechtungen von Machtverhältnissen orientiert. So gilt ihr Interesse nicht zuletzt der Frage, wie etwa rassistische und sexistische Diskurse miteinander verknüpft sind. In diesem Sinne fordert sie auch vom Feminismus Komplexität ein. Sie weist darauf hin, dass die Erfahrungen von Frauen nicht verallgemeinert werden können, sondern immer auch von anderen Faktoren, wie ökonomischen Ressourcen, politischen Haltungen, rassistischen Diskriminierungen et cetera abhängig sind.

Auf die Verleihung des Wiener Frauenpreises (2006) folgen weitere Auszeichnungen wie beispielsweise die "Kerstin Hesselgren Professur des schwedischen Parlaments" (2008). Sie erhielt das "Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich" (2011). Sie ist Mitglied der "Academia Europae" und wird 2013 zum Mitglied der "British Academy of Social Sciences" gewählt. In Lancaster wurde sie, als erste Frau, zur "Distinguished Professor" ernannt. 2010 wurde sie zum Mitglied der "Academia Europaea" ernannt.

Wichtige Publikationen

  • Wodak, Ruth; Nowak, Peter; Pelikan, Johanna; Gruber, Helmut; De Cillia, Rudolf; Mitten, Richard (1990): "Wir sind alle unschuldige Täter!" Diskurshistorische Studien zum Nachkriegsantisemitismus. Frankfurt/Main
  • Wodak, Ruth (1996): "Disorders of Discourse". London
  • Wodak, Ruth (Hg.) (1997): "Gender and Discourse". London; Thousand Oaks; New Delhi
  • Wodak, Ruth; Heer, Hannes; Manoschek, Walter; Pollak, Alexander (2008): "The discursive Construction of History - Remembering the Wehrmacht's War of Annihilation". Hampshire; New York.
  • Wodak, Ruth (2011): "The discourse of politics in action: politics as usual." 2. überarbeitete Auflage. Basingstoke
  • Wodak, Ruth (Hg.) (2013): "Critical Discourse Analysis - Four volumes". London

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