Fledermaus (Microchiroptera)

Merkmale und Lebensweise

Braunes Langohr im Flug

Braunes Langohr (Plecotrus auritus)

Erkennungsmerkmale

Fledermäuse gehören zu den Säugetieren und sind Leichtgewichte in dieser Gruppe. Neben Flughunden sind sie die einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können. Ihre Flügel haben zum Teil eine beträchtliche Spannweite. Die feinen Flughäute werden zwischen dem Körper, den Armen, Händen und Fingern sowie dem kurzen Schwanz aufgespannt.

Die stark verlängerten Finger sind in die Flughäute integriert. Aus diesem Grund hat die Ordnung der Fledertiere den Namen Chiroptera ("Handflügler") erhalten. Dieses Merkmal unterscheidet sie von den Vögeln. Deren Federkleid breitet sich zwischen Ober- und Unterarm sowie den Mittelhandknochen aus und ihre Fingerknochen sind stark reduziert.


Wasserfledermaus bei der Jagd über stillem Gewässer

Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) bei der Jagd über stillem Gewässer

Lebensweise

Fledermäuse haben, einmalig unter den Landtieren, ein spezielles System zur Orientierung und zum Beutefang entwickelt: die Ultraschall-Echoorientierung. Damit können sie unabhängig vom Tageslicht auf Beutesuche gehen. Durch das von der Umwelt zurückgeworfene Echo ihrer selbst ausgestoßenen Rufe können sie nicht nur kleinen Hindernissen ausweichen, sondern erbeuten gleichzeitig fliegende Insekten und Spinnentiere.

Selbst die kleinsten heimischen Fledermäuse, die Mücken- und die Zwergfledermaus mit weniger als 10 Gramm Körpergewicht, frisst dabei über den Sommer ein viertel Kilogramm Insekten.

Wasserfledermäuse (Myotis daubentonii) können sogar kleinere Fische erbeuten.

In Österreich sind fast alle Fledermausarten reine Insektenfresser. Weltweit gibt es aber nicht nur Insektenjäger, sondern auch Fleisch-, Früchte- und Blattfresser, und sogar einige Arten, die sich vollständig auf den Fischfang spezialisiert haben. "Blutsaugende", oder besser blutleckende Fledermäuse gibt es in Mitteleuropa nicht. Die einzigen bekannten 3 Arten, die sich vom Blut von Nutztieren ernähren, kommen ausschließlich in Mittel- und Südamerika vor.

Fortpflanzungsbiologie und Quartiere

Wochenstube des Großen Mausohrs auf einem stillen Dachboden

Wochenstube des Großen Mausohrs (Myotis myotis) auf einem stillen Dachboden

Fortpflanzungsbiologie

Ab April kommen die Weibchen in sogenannten Wochenstuben zusammen, um ihre Jungen zu gebären und aufzuziehen. Als Wochenstube kommen je nach Art unterschiedliche Strukturen infrage, von Dachböden über Spalten an Gebäuden bis zu Baumhöhlen. Auch die Anzahl der Weibchen, die sich in einer Wochenstube einfinden, schwankt zum Teil beträchtlich und kann von einigen wenigen bis zu über 1.000 Tieren reichen.

Abhängig von der Fledermausart und Witterung beträgt die Tragzeit 6 bis 8 Wochen. Die Jungen kommen im Juni oder Juli zur Welt. In der Regel zieht ein Weibchen ein Junges pro Jahr auf. Zwillingsgeburten kommen vor, sind aber eher selten. Schon in der ersten Nacht lassen die Mütter den Nachwuchs zum Jagen alleine und kommen alle 2 bis 4 Stunden zurück,um sie zu säugen. Sobald die Jungen selbstständig sind, lösen sich die Wochenstuben langsam auf. Eine junge Fledermaus ist mit circa 4 bis 5 Wochen flugfähig.


Mopsfledermaus in einer Spalte in einer Felswand

Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus) im Winterquartier

Quartiertypen

Fledermäuse nutzen eine Vielzahl an Strukturen als Quartier oder Wochenstube. Während einige Arten bevorzugt Dachböden nutzen - und dort zum Teil in beträchtlichen Zahlen auftreten können - nutzen andere Arten vor allem Spalten an Gebäuden und an Felswänden. Einige Arten sind als Quartier vor allem auf Baumhöhlen angewiesen. Alle Arten haben gemeinsam, dass sie ihre Quartiere und besonders die Wochenstuben über viele Jahre wiederkehrend nutzen.

Großer Abendsegler (Nyctalus noctula) am Quartierbaum.

Großer Abendsegler (Nyctalus noctula) am Quartierbaum. Die Art ist in Wien prioritär bedeutend.

Die meisten Arten im dicht bebauten Stadtgebiet sind sogenannte "Spaltenbewohner". Sie nutzen Spalten an Gebäuden, hinter loser Rinde oder an Felswänden und Steinbrüchen. An Gebäuden in Wien liegen diese Quartiere meist hinter Wandverschalungen, in Dehnungsfugen und in anderen engen Hohlräumen ab circa 1 bis 1,5 Zentimetern Breite. Sommerquartiere werden, mit Ausnahme der Wochenstuben, abhängig von Temperatur und Witterung häufig gewechselt, zum Teil sogar täglich. Dennoch sind es immer wieder dieselben Quartiere, zwischen denen die Tiere wechseln.

Im Winter nutzen Fledermäuse in Mitteleuropa vor allem Höhlen oder Keller für ihren Winterschlaf. Dabei verringern die Tiere ihre Körpertemperatur auf circa 1 bis 2 Grad Celsius über der Umgebungstemperatur. Da ein Aufwachen aus dem Winterschlaf die Tiere viel ihrer Energiereserven kostet, sollten Störungen unbedingt vermieden werden.


Spalten zwischen Häusern, die gerne von Fledermäusen als Quartier genutzt werden

Spalten zwischen Häusern werden gerne von Fledermäusen als Quartier genutzt

Lebensraum

Verbreitung von Fledermäusen in Wien

In Österreich kommen 28 der 38 Europäischen Fledermausarten vor. Wien alleine beherbergt 22 dieser Arten und ist somit derzeit im deutschsprachigen Raum die Hauptstadt mit der vielfältigsten Fledermausfauna. Der hohe Artenreichtum in Wien hängt vermutlich vor allem mit der Vielfalt an unterschiedlichen Lebensräumen im Stadtgebiet und deren Nutzung durch einzelne Arten zusammen.

Manche Arten sind stark auf einen Lebensraumtyp spezialisiert, wie zum Beispiel die Bechsteinfeldermaus (Myotis bechsteinii) und die Nymphenfledermaus (Myotis alcathoe). Diese bevorzugen naturnahe, alte Wälder, wie es sie in Wien im Lainzer Tiergarten gibt.

Andere Arten, wie der Große Abendsegler (Nyctalus noctula) oder die Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus), kommen hingegen bis in die dicht bebauten Stadtteile und Parks im Zentrum vor. Die Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) wiederum nutzt bevorzugt Bereiche in direkter Nähe zu Gewässern, wie beispielsweise an der Donau. Letztlich kommen also fast überall in Wien Fledermäuse vor.

Fledermausnachweise im Stadtplan

Die Karte zeigt Fledermausnachweise im Wiener Stadtgebiet, die im Rahmen einer von der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22) beauftragten Studie von der KFFÖ (Koordinationsstelle für Fledermausschutz und -forschung in Österreich) erhoben wurden.

Gefährdung und Schutz

Fledermäuse in der Falle zwischen Fenster und Fensterabdeckung

Fledermäuse in der Falle zwischen Fenster und Fensterabdeckung

Gefährdung

Fledermäuse in Österreich gehören heute zu den am stärksten gefährdeten Wirbeltiergruppen. Alle 22 Arten, die in Wien vorkommen, sind nach dem Wiener Naturschutzgesetz und der Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie der Europäischen Union streng geschützt.

Ursachen für die Gefährdung sind unter anderem Lebensraumveränderungen und Quartierverluste. In der Stadt sind für den Fledermausschutz vor allem Bautätigkeiten wie Renovierungen, thermische Sanierungen und andere Bauvorhaben entscheidend, da durch diese immer wieder unbemerkt Fledermaus-Quartiere verloren gehen. Der rechtliche Schutz erstreckt sich deswegen nicht nur auf die Tiere selbst, sondern vor allem auch auf ihre Quartiere. Diese müssen bei bei Bautätigkeiten erhalten werden.

Neben dem Verlust von geeigneten Quartieren ist der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft und der damit verbundene immer stärkere Rückgang von Insekten eine der Hauptgefährdungsursachen. Insekten sind die wichtigste Nahrungsgrundlage der heimischen Fledermausarten.

Großes Mausohr im Flug

Großes Mausohr (Myotis myotis) - eine große dachbodenbewohnende Fledermaus-Art. Die Tiere fressen besonders gerne große Käfer.

Auch Strukturen und Bereiche an Fassaden sowie Taubennetze können Fallen für Fledermäuse sein. Wenn Sie Fledermäuse unter einem Taubennetz oder in einer anderen ausweglosen Situation bemerken, melden Sie dies bitte der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22) unter der Telefonnummer +43 1 4000 73440.

Da Fledermäuse so stark gefährdet sind, hat die MA 22 im Rahmen des Wiener Arten- und Lebensraumschutzprogramms "Netzwerk Natur" einen Schwerpunkt auf sie gelegt. Neben der Montage von geeigneten Fledermaus-Quartieren im Wiener Stadtgebiet sind auch die naturnahe Gestaltung von Grünflächen und Grünstrukturen und die Vermeidung von baulichen Fallen Schwerpunkte.


Fledermaus-Ersatzquartier an einer Fassade

Fledermaus-Ersatzquartier an einer Fassade im 17.Bezirk

Folgende Fledermausarten sind in Wien als prioritär bedeutend eingestuft und stehen besonders im Zentrum einzelner Maßnahmen:

  • Großer Abendsegler (Nyctalus noctula)
  • (Kleine) Bartfledermaus (Myotis mystacinus)
  • Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteini)
  • Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposeridos)
  • Graues Langohr (Plecotus austriacus)
  • Großes Mausohr (Myotis myotis)
  • Wimpernfledermaus (Myotis emarginatus)
  • Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus)

Schutzmaßnahmen

Um die Lebensbedingungen von Fledermäusen langfristig zu verbessern, können Sie auch selbst einen Beitrag leisten:

  • Bitte stören Sie Fledermäuse nicht in ihren Quartieren. Besonders im Winter kostet ein Aufwachen aus dem Winterschlaf die Tiere überlebensnotwendige Energie.
  • Geplante Renovierungen von Gebäuden, an denen es Fledermausquartiere gibt, oder an denen Fledermausquartiere vermutet werden, dürfen Sie nur in Abstimmung mit der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22) durchführen. Bitte kontaktieren Sie die MA 22 unter der Telefonnummer +43 1 4000 73440 oder per E-Mail: post@ma22.wien.gv.at. Fledermausquartiere zu zerstören, ist gesetzlich verboten.
  • Erhalten Sie offene Dachstühle und Gebäudeverschalungen, damit Fledermäuse weiterhin einfliegen können.
  • Schaffen Sie im Zuge eines Umbaus neue Quartiere.
  • Bieten Sie, wenn möglich, mehrere Quartiere an. Fledermäuse wechseln regelmäßig ihre Quartiere, um den Befall von Parasiten zu verringern oder wegen Temperaturschwankungen.
  • Fledermausquartiere erhalten Sie im Naturschutz-Fachhandel oder können Sie selbst bauen:
  • Setzen Sie bitte keine Chemie im Garten ein und verwenden Sie keine giftigen Holzschutzmittel für Dachstühle und Verschalungen.
  • Verzichten Sie auf Fliegenfänger im Garten. Auch diese scheinbar ungefährlichen Materialien können für Fledermäuse Gefahren darstellen.
  • Fördern Sie die Natur mit Naturwiesen, Wildgehölzen und natürlichen Gewässern.

Die MA 22 unterstützt Sie gerne fachlich bei Sanierungsmaßnahmen und möglichen Konflikten.

Machen wir uns bewusst, dass die Großstadt Lebensraum für Menschen und Tiere in gleichem Maße ist.

Fledermaus gefunden

Kleine Hufeisennase an einem Zweig hängend

Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros). Diese kleine Fledermausart nutzt ihre Nase zur Orientierung.

Fund einer Fledermaus

Fledermäuse sind Wildtiere und sollten grundsätzlich am Fundort belassen und nicht angegriffen werden.

Fledermäuse können gefährliche Krankheiten übertragen. Falls Sie es nicht vermeiden können, das Tier zu berühren, verwenden Sie unbedingt dicke Arbeitshandschuhe.

Versuchen Sie keinesfalls, Fledermausfindlinge selbst aufzuziehen. Fledermäuse sind äußerst empfindliche Tiere mit sehr speziellen Ansprüchen an Lebensraum und Nahrung.

Wenn Sie eine Fledermaus in einer Notlage gefunden haben, aus der sich das Tier nicht selbst befreien kann - zum Beispiel unter einem Taubennetz oder eindeutig verletzt am Boden -, kontaktieren Sie bitte die Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22).

  • Telefon: +43 1 4000 73440
  • Erreichbar während der Amtsstunden: Montag bis Donnerstag von 8 bis 15.30 Uhr, Freitag von 8 bis 14 Uhr

Außerhalb dieser Zeiten oder bei Nichterreichen wenden Sie sich bitte an:

Publikationen

Zum Bestellen oder Herunterladen

Sie können die Broschüren "Fledermäuse in Wien. Eine Nachtgeschichte." und "Spaltenbewohnende Fledermäuse - Tiere an Gebäuden, Architektur und Bauen" auch als gedrucktes Exemplar beim Folder-Telefon: +43 1 4000-73420 (Tonband) oder per E-Mail unter komm@ma22.wien.gv.at kostenlos anfordern.

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Wiener Umweltschutzabteilung (Magistratsabteilung 22)
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