Ina Wagner

Ina Wagner wurde 2011 in der Kategorie "Informations- und Kommunikationstechnologie" mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet.

Als Professorin für Multidisziplinäres Systemdesign und Computer Supported Cooperative Works (CSCW) hat Ina Wagner einen neuen und einzigartigen Forschungsbereich in Österreich etabliert. Zugleich hat die Physikerin, Bildungswissenschafterin und Informatikerin feministische Pionierarbeit an der Technischen Universität Wien geleistet. Für ihren Einsatz erhält sie 2011 den Frauenpreis der Stadt Wien.

Biographie

Ina Wagner, geboren 1946, ist schon als Schülerin mit ihrem als Maschinenbauer tätigen Vater in Arbeitswerken von VW, Opel und Ford unterwegs. Später wird sie zu den für sie damals so faszinierenden Fertigungsstraßen der Automobilindustrie zurückkehren, um Zusammenhänge zwischen Arbeit und Technik zu erforschen. An der Universität Wien studiert sie Physik und beginnt danach als eine von wenigen Frauen ein Doktorat in Kernphysik. Zudem absolviert sie ein Studium Irregulare mit Nebenfach Pädagogik und beschäftigt sich mit Philosophie und Erkenntnistheorie. Ihr gesellschaftskritisches Engagement führt sie von Anfang an in interdisziplinäre Forschungsbereiche.

Universitätsprofessuren

Nach der Promotion 1972 arbeitet Ina Wagner als Assistentin am Institut für Festkörperphysik der Universität Wien. Bereits dort versucht sie, ein eigenes Forschungsfeld aufzubauen, um alternative Zugänge zur Didaktik der Physik zu erforschen. 1979 folgt die Habilitation an der Universität für Bildungswissenschaft in Klagenfurt. In den 1980er-Jahren wird Wagner von der Frauenabteilung des Sozialministeriums mit den Forschungsprojekten "Mädchen in nichttraditionellen Lehrberufen", "Frauen in ungelernten Berufen" und "Frauenarbeit im automatisierten Büro" beauftragt. Dabei verfasst sie eine der weltweit ersten Studien zur Büroautomation. Somit gelangt sie schließlich zur Informatik, wo sie weiterhin Pionierarbeit leisten wird.

1987 wird Ina Wagner an die Fakultät für Informatik an der Technischen Universität Wien berufen. Sie ist die zweite Frau, die an der TU Wien einen Lehrstuhl erhält und die erste, die von außerhalb berufen wird. Bis zu ihrer Pensionierung 2011 leitet sie das Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung, wo sie einen neuen Forschungsbereich im Schnittfeld von Technik, Sozialwissenschaft, Design, Kunst und Frauenforschung begründet. Die ersten Jahre an der TU sind schwierig, "ich kann nicht sagen, ob es daran lag, dass ich eine Frau bin oder daran, dass ich immer politisch engagiert war oder weil ich eine Art habe, interdisziplinär zu arbeiten, die der Technik sehr fremd ist" (zit. in: diestandard.at, 15.01.2012). So habilitiert sie sich 1998 ein zweites Mal, um in ihrem Fachgebiet "Multidisciplinary Design and Computer Supported Cooperative Works" anerkannt zu werden. Die Weigerung, einen Habilitationsvortrag zu halten, sorgt für Aufregung. Doch das Statement ist klar, "nach so vielen Gastvorträgen [habe ich das] nicht mehr nötig" (ebenda).

Ina Wagner absolvierte Forschungsaufenthalte an der Harvard University, am Wissenschaftszentrum Berlin, am Wellesley College (USA), und in London, Paris, Kopenhagen und Frankfurt. Von 1983 bis 1985 ist sie Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie. Anfang der 1990er-Jahre hält sie einen "Endowed Chair in Interdisciplinary Studies" an der Technischen Hochschule Darmstadt. Ohne ihre internationale Vernetzung hätte sie, so Wagner rückblickend, "den Forschungsschwerpunkt gar nicht etablieren können" (zitiert in: diestandard.at, 15.1.2012).

"Menschliche Technik"

Technologie soll nicht an den Menschen vorbei entwickelt werden. Mit diesem Ziel engagiert sich Ina Wagner in unterschiedlichsten Forschungsfeldern. Sie möchte "verstehen, wie Personen ihre Arbeit verrichten", um mit ihnen gemeinsam "Ideen für neue unterstützende technische Systeme und Anwendungen zu entwickeln" (zitiert aus: www.frauenspuren.at). Sie gehört zu den ersten WissenschaftlerInnen, die Themen der Gesundheitsfürsorge im Forschungsbereich Computer Supported Cooperative Works einbringen. Wagner leitet Feldstudien zur Gesundheits- und Krankenpflege in Österreich und Frankreich, weitere Forschungen führen sie in die Chirurgie, die Onkologie und die Radiologie. Die ethischen und politischen Aspekte der Informations- und Kommunikationstechnologien stellen eines ihrer großen Anliegen dar. So war sie Mitglied des Information Society Forum (1996 bis 1998) und der Europäischen Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der Neuen Technologien (1998 bis 2001) der Europäischen Kommission. Seit 2001 ist sie Mitglied der österreichischen Bioethikkommission.

Frauenförderung

Lange Zeit ist sie die einzige Frau in der Kurie der Professorinnen und Professoren an der TU Wien, wo sie sich vehement für Frauen in Wissenschaft und Technik einsetzt. Im Rahmen ihrer zweijährigen Tätigkeit als Vorsitzende des Gleichbehandlungskreises im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst verfasst Ina Wagner gemeinsam mit Silvia Ulrich 1994 den ersten Frauenförderplan. Mit Kolleginnen baut sie den Gleichbehandlungskreis an der TU Wien auf. "Jede einzelne Frau, die wir damals in eine Professorinnenposition gebracht haben, war ein riesiger Kampf", erzählt sie rückblickend (zit. in: diestandard.at, 15.1.2012). Als Mentorin versucht sie jungen Frauen zu vermitteln, "sich viel zuzutrauen, sich nicht entmutigen zu lassen, eigene Ideen auch gegen Widerstände zu verfolgen" (zitiert aus: www.frauenspuren.at). Dementsprechend sind Frauen an Wagners Institut stark vertreten, Forschungen mit hohem Frauenanteil werden besonders gefördert. Dem kommen auch Mittel aus EU-Projekten zugute, mit denen sich Wagner als eine der ersten in Österreich auseinandergesetzt hat.

Zwölf Jahre lang untersucht Wagner Arbeitsprozesse in der Architektur und Stadtplanung - nicht wie in den Design Studies üblich im Labor, sondern direkt vor Ort. Im Rahmen des EU-Projekts Integrated Project City ist sie an der Entwicklung eines Instruments zur gemeinschaftlichen Stadtplanung beteiligt: Das Mixed Reality Tent - ein mobiles Labor für partizipative Stadtplanung - dient der Visualisierung realer Stadtszenen, die interaktiv verändert werden können. 2008 wird es in der "European City of Science exhibition" in Paris ausgestellt. Wie in ihren anderen Forschungen geht es darum, unterschiedliche soziale Welten zu überbrücken - zwischen jenen, die in Städten leben, und jenen, die urbane Räume gestalten.

Die Arbeitssituation von Frauen stellt ein Kernthema Ina Wagners dar. Im Fokus steht unter anderem die Frage, wie der Einsatz von Technik im mehrheitlich von Frauen getragenen Dienstleistungssektor weibliche Arbeitsbiographien prägt. Dabei untersucht sie Spannungen, die zwischen den zeitlichen Bedürfnissen von Frauen und der durch Technik zeitlich festgelegten Arbeitsorganisation entstehen. Für ihr Engagement im Bereich der Geschlechterdemokratie wird sie 2011 mit dem Gabriele Possanner Staatspreis geehrt.

Auch in ihrer Pension unterrichtet Ina Wagner als Professorin an der University of Oslo und an der Sydney University of Technology. Da es - wie an vielen Universitäten – an Geld mangelt, hatte Ina Wagner nicht die Möglichkeit zu emeritieren. Ihre Professur wird derzeit gerade nachbesetzt, was lange Zeit nicht gesichert war. In ihrer Pension unterrichtet sie allerdings als Professorin an der University of Oslo und an der Sydney University of Technology.

Publikationen

  • Bratteteig, T., Wagner, I. (2014): Disentangling Participation: Power and Decision-Making in Participatory Design. Springer
  • Bratteteig, T. and Wagner, I. (2013): Moving healthcare to the home: the work to make homecare work. In Proceedings of ECSCW 2013, Paphos, Cyprus, Sep 20-25, Springer London, 141 bis 160
  • Balka, E., Bjorn, P. and Wagner, I. (2008): Steps Toward a Typology for Health Informatics, in Proceedings of CSVW 2008, San Diego, USA, November 2008
  • Schmidt, K. and Wagner, I. (2004): Ordering systems, Coordinative practices and artifacts in architectural design and planning, in Computer Supported Cooperative Work 13: 349 bis 408
  • Wagner, I. (1995) Hard Times: The Politics of Women's Work in Computerised Environments, in European Journal of Women’s Studies 2, pp. 295 bis 314
  • Volst, A. and Wagner, I. (1992): Balanceakt modernes Leben: Berufsbiographien 'ungelernter' Frauen, in Feministische Studien 1, pp. 70 bis 86

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