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Mitschrift

* instrumentaler Hip-Hop *
Niki Glattauer: Wir sind hier am Hauptplatz des sogenannten Museumsquartiers. Das ist eines der größten Kulturareale in Europa. Und das gefällt mir hier deswegen so gut, weil es zeigt, wie man mitten in der Stadt Gebäude sehen kann, wenn sie nicht von Autos verstellt sind. Wir sind hier in keinem Park, sondern in einer Betonlandschaft. Bestehend aus ganz modernen Gebäuden, als alten Gebäuden, Barock ... Jetzt-Zeit. Und kein einziges Auto. Es heißt hier: Enzos statt Autos. Enzos sind diese hübschen blauen Dinger zum Beispiel, die wir hier sehen. Man kann hier im Sommer sitzen. Man braucht kein Auto anschauen. Es sind hundert von diesen Dingern da. Ich fühl mich da immer wohl.
* langsamer Hip-Hop *

Eva Blimlinger: Ich steh hier am Julius-Tandler-Platz im neunten Bezirk in Wien. Und es ist ein besonders misslungenes Beispiel von Baukultur. Vor einigen Jahren wurde er "neu" gemacht, aber leider nicht verbessert, sondern verschlechtert. Besonders die Freiflächen oder den kommerzfreien Raum betreffend. Es gibt einen großen Platz vor dem Bahnhof, wo aber einfach drei Buden herumstehen, Blumen, Döner etc. Im Sommer hat McDonald's sozusagen dort seinen Garten. Es gibt aber keine Möglichkeit, sich dort in anderer Weise aufzuhalten. Am gegenüberliegenden Teil am Julius-Tandler-Platz waren eigentlich Bänke vorgesehen, die wurden dann wieder entfernt, aufgrund der Beschwerden der Geschäftsleute. Weil hier die Angst war, dass Obdachlose sich niederlassen. Und man hat dann jetzt im Sommer hier auch nur Gastgärten, also wieder keinen kommerzfreien Raum. Den Verkehr hat man einfach nacheinander geordnet. Ohne zu überlegen, wie könnte man so eine Durchzugsstraße grundlegend verändern. Die Radspur ist immer sehr gefährlich für Radfahrer.

Siegfried Mattl: Also meine Wahrnehmung der letzten Jahre ist, dass kleine Eingriffe in der Stadt, scheinbar unspektakuläre Veränderungen in der Bauordnung mehr für die Veränderung der Stadt implizieren als Großprojekte. Und eines der für mich eher traurigen Beispiele von solchen Folgewirkungen sehen wir am Wiener Naschmarkt. Wo die Öffnung hin zur Gastronomie, die zuvor immer sehr bescheiden war, dazu geführt hat, dass immer mehr der traditionellen Obst- und Gemüsestände, die den Naschmarkt ausgezeichnet und ihm seinen Stellenwert gegeben haben, verschwinden. Das hat sicher mehrere Ursachen. Auch ökonomische Ursachen, Änderungen in Verhaltensformen, Erwartungshaltungen der Menschen. Aber hier ist zweifelsohne, würde ich sagen, in einem Herzstück der Stadt ein bisschen "der Damm gebrochen". Und da hoff ich doch, dass hier wieder Maßnahmen gesetzt werden, die solche Traditionsträger der Stadt, die ich ganz wichtig finde, auf Dauer wieder sicher machen.
* langsamer Hip-Hop *

Eva Blimlinger: Ich stehe hier am Schillerplatz im Schillerpark. Der Schillerpark ist einer der ganz wenigen Parks in den inneren Bezirken mit konsumfreier Zone. Es ist hier möglich sich auszuruhen, zu lesen, Musik zu hören. Es gibt viele Bänke. Es gibt auch viele Denkmäler in dem Park. Und es gibt hier keine Möglichkeit, zu konsumieren. Aber es gibt die Möglichkeit, sich zu erholen. Es gibt also einen "Erholungszwang".

Sasha Pirker: Ich glaube an das Potenzial bzw. das subversive Element von Stadtmöblierung. Wir sprechen hier von Hunderten wenn nicht Tausenden Stationen, die in der ganzen Stadt verbreitet sind. D.h., hier hab ich Möglichkeiten: Ich kann auf Materialien anspielen, das haptische Element einbringen. Ich kann damit spielen, dass diese Haltestellen gleichzeitig auch zu einem Wahrzeichen der Stadt werden. Und ich kann dazu beitragen, dass sich auch eine Gesellschaft durch eine gute Architektur näherkommt. Dieses Beispiel ist ein gutes Beispiel. Hier finden sich die Leute ein. Hier hab ich auch einen sehr guten Sichtschutz. Wenn ich mich ganz langsam umdrehe, was ich jetzt tue, sehe ich auch die Straßenbahn, die kommt. Diese Station ist nicht vollgepflastert mit Plakaten und Wahlwerbung. Schade find ich, dass dieses schöne Modell einer Formensprache und einer Materialsprache nicht übernommen wurde für eine Weiterentwicklung. Und deswegen gehen wir zur nächsten Station.

Sasha Pirker: Die Farbe ist metallgrau - trister geht's nicht. Ich mein, wir stehen hier alle und frieren. D.h., hier befindet sich nicht einmal ein Grad Temperaturunterschied. Aufgrund dieses fliegenden Daches oder Pultdaches - ich sage, das ist nur ein ästhetisches Mittel - kommen Wind und Regentropfen hier herein, und alle stehen hier irgendwie hinten. Hier sollte ja eine Glasfläche sein, wie bei allen Stationen weltweit, dass sowohl der Fahrer sieht, ob sich Menschen in der Station befinden, bzw. auch die Wartenden sehen, ob sich die Straßenbahn nähert. Und hier: Bei jeder Station ist entweder ein Wahlplakat oder auf dieser Seite eben eine schon sehr vergilbte Wien-Karte. D.h., ich muss raustreten. Wenn ich Glück hab, steht dann die Tasche noch da und ist nicht runtergefallen. Weil hier gibt's * Kraftlaut * natürlich auch Potenzial.
* instrumentaler Hip-Hop *

Tarek Leitner: Urbanität besteht für mich vielfach darin, etwas Neues ums Eck zu entdecken. So ein bisschen der Dschungel der Stadt. Und das entsteht durch das kleinteilige Weiterwachsen der Stadt. So wie's hier einst war. Da geht's nicht um alte Fassaden, sondern darum, dass der Aktionsradius uns Menschen näher ist als dort, wo wir jetzt Neues errichten. Wo's meist große Immobilieninvestments sind mit einer 100 Meter langen, gleich aussehenden Fassade ohne Überraschungen. Und die in der Regel unten - weil's so praktisch ist - auch nur Müllräume, Autoabstell- plätze und Garagentore bietet. Das generiert kein urbanes Leben. Das lässt kein Leben vor diesen Fassaden zu. Und das ist nicht das, was wir uns von Urbanität wünschen.

Gerfried Sperl: So hässlich ist das Hotel "Marriott" gar nicht. Warum ist es ein ganz schlechtes Beispiel für die Wiener Baukultur? Deswegen: Das Marriott ist ein überdimensioniertes Salettl. Und so etwas gehört in einen Park nach Mödling oder Perchtoldsdorf, aber nicht in die Eleganz der Wiener Ringstraße.

Tarek Leitner: Dieses Gebäude ist ein gutes Beispiel dafür, dass sehr viel errichtet wird, was ausschließlich wirtschaftlichem Rendite-Denken unterliegt und letztlich keinen gestalterischen Willen hatte. Ein Gebäude wie dieses, wo Lagerplätze vermietet werden, muss natürlich ganz billig errichtet werden, um den Geschäftszweck wirtschaftlich zu erfüllen. Aber das steht dann in unserer Lebensumgebung. Die Kernthese meines Buches "Mut zur Schönheit" ist auch, dass wir uns immer mehr zumuten lassen, weil es wirtschaftlich ist, aber letztlich niemand es so wollen hat. Das sind Dinge, die passieren uns - leider jetzt auch zunehmend mitten in der Stadt und nicht nur in diesen ohnedies gescheiterten Landschaften rund um die Städte, wo wir Diskontmarkt-Agglomerationen haben.
* langsamer Hip-Hop *

Gerfried Sperl: Das neue WU-Zentrum ist deswegen ein hervorragendes Beispiel für richtige und moderne Baukultur, weil es nicht nur ein ... .. Großereignis der Architektur in europäischen Dimensionen ist. Sondern weil es auch neue Konzepte des Studierens und der Organisation einer Universität ausdrückt. Und ich nehme deswegen den Bau von Zaha Hadid heraus, weil dort ein Studienzentrum und eine Bibliothek versammelt sind, die beide etwas für mich ausdrücken: eine Abkehr von den alten, hierar- chischen Prinzipien der Universität. Es ist "flat hierarchy", es ist offen. Es ist hell, es vereinigt, wenn man so will, die optimistische Art, wie man studieren kann, mit den ganzen technischen Möglichkeiten, die heutzutage ein Bau haben sollte. Diese Architektur ist kommunikativ, diese Architektur vermittelt. Diese Architektur ist ... ganz einfach toll.

* Hip-Hop *
Siegfried Mattl: Das österreichische Filmmuseum in der Albertina war immer schon einer der wichtigsten kulturellen Orte in Wien. Aber seit dem Umbau, der vor wenigen Jahren stattgefunden hat, ist es nun viel mehr geworden als nur einer dieser zentralen Orte. Früher, könnte man sagen, hatte es den Charme einer Kadettenanstalt - in diesem historischen Ambiente. Man ist fünf Minuten vor Vorführungsbeginn gekommen und hat auch das Kino fluchtartig wieder verlassen. Seitdem hier auch die Filmbar eingerichtet worden ist, ist es tatsächlich so etwas wie ein urbaner Ort geworden, ein Ort der Kommunikation. Der besticht noch dazu auch dadurch, dass er sehr viele, man würde sagen, lokale, Wienerische Lösungen sehr raumeffizient gefunden hat. Wie etwa die Besuchernischen, die dazu einladen, tatsächlich auch ein paar Stunden hier zu sitzen. In den Magazinen, die man hier besorgen kann oder in Filmbüchern, die man kaufen kann, zu blättern. Oder einfach Freunde zu treffen und über Film und das Leben zu sprechen.
* rhythmische Musik * * Kinderrufe * * Stimmengewirr *

Niki Glattauer: Nicht dass das jetzt die hässlichste Schule Wiens wäre, aber es ist eine typische Schule Wiens. Nämlich Kasernenschule - ich nenn das immer so. Eine Schule, die aus dem 19. Jahrhundert stammt und heut leider auch genauso ausschaut. Also eines der schlimmsten Dinge an diesen Schulen sind die Gänge. Die sind ja in solchen Schulen mehr oder weniger das Rückgrat der Schule. 30 bis 40 Prozent des Gesamtraums einer solchen Schule ist Gangraum. Und ist eigentlich Verkehrsfläche, die, wie man ja jetzt sieht, die meiste Zeit überhaupt nicht genutzt wird. Während die Schüler sich in kleinen Klassen zusammenpferchen, sind 30 bis 40 Prozent leer. Nur in den Pausen, fünf Minuten lang, spielt sich hier die Hölle ab. Würde man Schulen bauen, die keine Gänge hätten, sondern wo die Räume anders angeordnet wären, käme man mit fünf Prozent Verkehrsfläche aus. Wird leider nicht getan. Sehr viele Schulen stehen unter Denkmalschutz. Wenn man umbauen will, ist der Brandschutz das größte Hindernis. Daher schauen die Schulen so aus.
* Kinder reden durcheinander. *

Niki Glattauer: Das ist eine typische Schulklasse in so einem Haus. Sie misst 63 Quadratmeter, wurde damals so berechnet: ein Quadratmeter pro Kind. 60 Kinder. Eineinhalb Quadratmeter für die Lehrerin oder den Lehrer. Und eineinhalb Quadratmeter für den Ofen. Das ist der Kasernencharakter, den haben wir heute noch. Wir haben zwar keine 60 Kinder mehr - es sind 25, mehr oder weniger. Aber in Wahrheit kann man sich in so einer Klasse nicht rühren. Noch dazu sind die meisten Klassen so angeordnet, dass man in Reihen hintereinander sitzt. Im Zentrum die Tafel, statt dass das Kind im Zentrum wäre. * langsamer Hip-Hop * * Schlüssel klimpern. *

Cecily Corti: Das Haus wurde gefunden, das stand leer. Was im Grunde unglaublich ist, so zentrumsnah. Ich glaube, dass es architektonisch sehr spannend war und eine spezielle Herausforderung. Weil das Projekt ja meint, ganz unterschiedliche Gruppierungen von Menschen miteinander wohnen und leben zu lassen. Sodass Gemeinschaft entstehen kann. In jeder WG leben sowohl Studierende als auch Obdachlose. Es unterstützt, dass Menschen, die außen vorbeigehen, es gar nicht übersehen können, weil es nach vorne springt. Es ist das einzige Haus, das in diesem Straßenzug nicht in einer Linie ist. Es hat ein Lokal, das - das haben wir herausgefunden - früher auch schon mal ein Lokal war. Es gibt Veranstaltungsräume, die ... sowohl für den Austausch und für Lesungen und Vorträge für die hier wohnenden Menschen dienen. Aber auch für die Nachbarn oder überhaupt Menschen, die Interesse an dem Projekt haben. Es gibt ein wunderbares Dachatelier, das heißt, das Dachgeschoss wurde zur Gänze abgetragen. Die Ziegel wurden wiederverwendet, so wie überhaupt alle Materialien wiederverwendet wurden. Das heißt, die Ziegel sind jetzt am Boden in den Werkstätten. Die Dachsparren ... wurden verwendet für die Theke. Es gibt Gemeinschaftsräume wie ein Studierzimmer, es gibt Gemeinschaftsräume in jedem Stockwerk, wo die verschiedenen WGs sind. Gemeinschaftsküchen, einen größeren Raum in jedem Stockwerk, wo Begegnung möglich ist. Also sozusagen Aufenthaltsräume. Jede WG hat aber für sich natürlich ein Badezimmer mit Dusche, eine Toilette und eine kleine Teeküche. Das heißt, in jedem Detail ist sichtbar, in welcher Weise es dem Projekt dient. Und diesem Gedanken, Gemeinschaft entstehen zu lassen von ganz unterschiedlichen Menschen.

Baukultur in Wien

Baukultur bedeutet eine qualitätsvolle Gestaltung der Stadt im breitesten Sinne. Niki Glattauer, Eva Blimlinger, Siegfried Mattl, Sasha Pirker, Tarek Leitner, Gerfried Sperl und Cecily Corti stellen je ein persönliches Beispiel für gute und schlechte Baukultur in Wien vor.

Länge: 18 Min. 29 Sek.
Produktionsdatum: 2016
Copyright: Stadt Wien / MA 19

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