5. Klimaanpassung: Wien wird klimaresilient

5.6 Infrastrukturen & Leistungen der Daseinsvorsorge

Die Wiener Kommunalpolitik setzt seit Langem auf die langfristige Sicherstellung von Leistungen der Daseinsvorsorge und eine entsprechend vorausschauende Planung zentraler Infrastrukturen, die zum Teil von visionären Annahmen über die weitere Bevölkerungsentwicklung ausgingen (wie etwa Otto Wagners Generalregulierungsplan, ausgelegt für eine Metropole von vier Millionen Einwohner*innen). So basiert die Wasserversorgung nach wie vor auf den 1873 bzw. 1910 in Betrieb genommenen Hochquellwasserleitungen, der Wiener Grüngürtel auf der Flächensicherung seit dem Jahr 1905 und der Hochwasserschutz auf den Donauregulierungen der Jahre 1870 bis 1875 bzw. 1972 bis 1988 (bei der mit der Donauinsel auch gleichzeitig ein neues, 21 Kilometer langes Nah­erholungsgebiet in der Stadt geschaffen wurde).

Der fortschreitende Klimawandel bringt auch diese, auf langfristigen Investitions- und Sanierungszyklen beruhenden Infrastrukturen unter Druck:

  • Volatilität erneuerbarer Energien: Bis zum Jahr 2040 soll die Wiener Energieversorgung vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt sein, sodass kein weiteres klimaschädliches CO₂ produziert wird. Gleichzeitig lässt gerade der Klimawandel massive Schwankungen bei der erneuerbaren Energieproduktion erwarten, wenn etwa in langen Trockenperioden weniger Energie aus Wasserkraft zur Verfügung steht oder bei großer Hitze der Wirkungsgrad von Photovoltaikanlagen sinkt – während gleichzeitig der­ Bedarf an Energie für Kühlung steigt.
  • Bedarf an Trink- und Brauchwasser steigt: Hitze und Trockenheit werden auch neue Anforderungen an die Wasserversorgung stellen, etwa durch hohe Tagesspitzen für die Bewässerung von Grünflächen, Gebäudebegrünungen und in der städtischen Landwirtschaft, während der Trinkwasserbedarf durch das Bevölkerungswachstum kontinuierlich ansteigt (und Grundwasserspiegel absinken).
  • Spitzenbelastungen für Kanalsystem: Gleichzeitig bedeuten Extremwetterereignisse wie Starkregenfälle starke punktuelle Belastungen für das Kanalsystem. Lokale Überflutungen (z. B. von Unterführungen oder Unterflurstationen) sind die Folge.
  • Schadensbegrenzung im Verkehr: Im Verkehrsbereich erfordert die zunehmende Hitze die Klimatisierung von öffentlichen Verkehrsmitteln und die Umgestaltung von Stationsbereichen, um die Belastungen vor allem für vulnerable Gruppen gering zu halten. Auch hier gilt es, prioritär nach sozialräumlichen und standortspezifischen Kriterien vorzugehen. Gleichzeitig können auf Straßen und Gleisanlagen physische Schäden durch hitzebedingte Verformungen und damit gehäufte Störungen auftreten.

Vor diesem Hintergrund gewinnt Resilienz, also die Robustheit, Widerstands-, Anpassungs- und Transformationsfähigkeit im Hinblick auf nicht vollständig absehbare Belastungen und Bedrohungen in der Infrastrukturplanung zunehmend an Bedeutung.

Unsere Ziele

Die Wiener Stadtregierung bekennt sich in ihrem Regierungsübereinkommen zu „einer starken, kommunalen Infrastruktur in öffentlicher Hand, damit die grundlegenden Dienstleistungen in gewohnt hoher Qualität für alle Wienerinnen und Wiener leistbar bleiben“ [27].

Umfasst ist hier die Energie- ebenso wie die Trinkwasserversorgung, die Verkehrs- ebenso wie etwa die digitale Netzinfrastruktur.1

Die großen Hebel zur Zielerreichung

Hebel 1: Resilienzanalysen etablieren und Katastrophenschutz umsetzen

  • Vulnerabilitäts- und Resilienzanalyse kritischer Infrastrukturen: Entwicklung von Szenarien und Risikobewertung unter Einbindung von Expert*innen aus unterschiedlichen Fachbereichen. Der Infrastrukturbegriff ist hier möglichst breit zu verstehen und umfasst unter anderem auch den Wienerwald mit seiner Kühlfunktion für die Stadt.
  • Abstimmung von Infrastrukturplanungen (z. B. dezentrale Depots) sowie Alarm- und Einsatzplänen der Einsatzkräfte für den Katastrophenfall (z. B. für Waldbrände und Überflutungen).
  • Kartierung und Vorhalten von ungenutzten (Brach-)Flächen für unvorhersehbare Krisenfälle (z. B. Wartungsstollen der U-Bahn als „Cooling Spots“).

Hebel 2: Energieversorgungssicherheit gewährleisten

  • Ausbau des Stromnetzes sowie von flexiblen bzw. hybriden Speicher- und Netz-
    infrastrukturen,
    um die zunehmende Einspeisung aus dezentralen Energiequellen zu managen, den wachsenden Bedarf durch Wärmepumpen und Elektromobilität und insbesondere Spitzenbelastungen zu bewältigen und für etwaige Ausfallszenarien gewappnet zu sein (Details dazu im Kapitel 4.6 Strom- und Fernwärmeerzeugung).

Hebel 3: Wasserversorgung und -entsorgung sicherstellen

  • Die Wiener Trinkwasserversorgung ist durch die Hochquellwasserleitungen (und ergänzend 29 Grundwasserbrunnen) gewährleistet, der konsequente Schutz der Quellgebiete sichert die Qualität des Wassers. Langfristig ist die laufende Sanierung der Leitungssysteme sicherzustellen und das Leitungsnetz auf die künftige räumliche Verteilung der wachsenden Bevölkerung abzustimmen. Um den zunehmenden Bedarf zu decken, kann die verfügbare Wassermenge durch zusätzliche Rohrstränge bei einigen Quellen gesteigert werden. Gleichzeitig entsteht durch die laufende Erweiterung der Wasserbehälter und deren Speicherkapazitäten ein Puffer, um Schwankungen im Wasserverbrauch (etwa während Hitzewellen) ausgleichen zu können.
  • Laufende Sanierung und Kapazitätsanpassungen im Kanalsystem . Gleichzeitig ist die Entlastung des Kanalnetzes durch Maßnahmen des Regenwassermanagements dringend notwendig (siehe im Kapitel 5.4).

Hebel 4: Öffentlichen Verkehr sicherstellen

  • Verminderung der Störanfälligkeit des Straßen- und Schienennetzes gegenüber Extremwettereignissen.
  • Sukzessive Klimatisierung der öffentlichen Verkehrsmittel, Klimatisierung von unterirdischen sowie Umgestaltung von oberirdischen Stationsbereichen unter Berücksichtigung eines optimalen Witterungsschutzes bei verschiedenen Extrem­wetterereignissen (z. B. Begrünung und Beschattung durch Bepflanzungen bzw. Sonnenschutzfolien an Wartehäuschen sowie Schutz vor Starkregen/Überflutung).


Fußnoten

  1. Auch die Smart City Strategie Wien legt für die einzelnen Infrastruktursektoren, etwa die Wasserver- und -entsorgung, detaillierte Ziele fest.