6.2 Das Wiener Wundnetz
Ausgangslage
Bereits im Jahr 2015 beschlossen die Stadt Wien und die damalige Wiener Gebietskrankenkasse (heute: Österreichische Gesundheitskasse, ÖGK), ein gemeinsames Projekt zur Verbesserung der medizinischen Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden zu initiieren.
Zur fundierten Erhebung des Status quo wurden strukturierte Interviews mit zentralen Akteur*innen des Gesundheitssystems durchgeführt – darunter Vertreter*innen der Krankenkasse, Hausärzt*innen, Pflegeorganisationen, Ambulanzen sowie der Patient*innenanwaltschaft.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Die bestehende Versorgungssituation wurde von nahezu allen Befragten als unzureichend, kostenintensiv und schlecht koordiniert beschrieben. Dabei wurden insbesondere folgende Problemlagen identifiziert:
- Mangelnde Abstimmung zwischen Versorgungsebenen, etwa zwischen Hausärzt*innen, Spitälern und mobiler Pflege. Diese mangelnde Koordination führte häufig zu sogenannten Versorgungsbrüchen – also Unterbrechungen in der Behandlung, die gerade bei chronischen Wunden schwerwiegende Folgen haben können.
- Unzureichende Kommunikation zwischen Berufsgruppen: Medizinisch relevante Informationen wurden nicht zuverlässig weitergegeben, was zu Doppeluntersuchungen, fehlerhaften Behandlungen oder Verzögerungen führte.
- Fehlende Spezialisierung und Weiterbildung in der Wundversorgung. Viele Ärzt*innen und Pflegefachpersonen verfügten nicht über die notwendige Expertise, um komplexe Wunden leitliniengerecht zu behandeln. Der Aufbau von Fachwissen wurde dadurch erschwert, dass pro Ordination oft nur wenige Wundpatient*innen – etwa drei bis vier pro Quartal – kontinuierlich betreut wurden.
- Verspätete oder fehlende Ursachendiagnostik und Kausaltherapie. Häufig beschränkte sich die Behandlung auf das Symptom Wunde, während die zugrunde liegende Erkrankung – etwa ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus – nicht adäquat therapiert wurde.
- Unzureichende Vergütung der aufwendigen Leistungen. Die Honorierung deckte die zeitintensive, komplexe Behandlung nicht ausreichend ab. Das minderte sowohl die Versorgungskontinuität als auch die Attraktivität einer entsprechenden Spezialisierung im niedergelassenen Bereich.
Inspiration aus dem Ausland
Ein Blick ins benachbarte Ausland – insbesondere nach Deutschland – bot wichtige Impulse für mögliche Lösungsansätze. Dort haben sich regionale Wundnetzwerke etabliert, zumeist in Form gemeinnütziger Vereine, die die interprofessionelle Zusammenarbeit systematisch fördern – zwischen Ärzt*innen, Pflegefachkräften und weiteren Gesundheitsberufen. Eine Studienreise zum Wundzentrum Hamburg unterstrich zwei zentrale Erfolgsfaktoren:
- Abgestufte Versorgungsstrukturen: Eine Zuweisung der Patient*innen an eine dem Schweregrad angepasste Versorgungsinstanz fördert Effizienz und Qualität.
- Vernetztes Arbeiten: Ein kontinuierlicher fachlicher Austausch ermöglicht eine qualitativ hochwertige und koordinierte Behandlung.
Besonders wirksam zeigte sich die Einrichtung spezialisierter extramuraler Zentren, die eine kontinuierliche Versorgung außerhalb des Krankenhauses gewährleisten – und zugleich die Spitalsambulanzen entlasten. Eine vertrauensvolle, kontinuierliche therapeutische Beziehung und die enge Beobachtung des Heilungsverlaufs wurden dabei als zentrale Erfolgsfaktoren identifiziert.
Das Projekt Wiener Wundnetz
Das Wiener Wundnetz ist ein Projekt der Zielsteuerung Gesundheit Wien. Die Zielsteuerung ist ein bundesweit abgestimmtes Instrument zur Verbesserung des österreichischen Gesundheitswesens, verankert in Artikel 15a des Bundes-Verfassungsgesetzes. In der Bundes-Zielsteuerungskommission sind Vertreter*innen von Bund, Ländern und Sozialversicherungen vertreten. Analoge Strukturen bestehen auf der Landesebene – mit Fokus auf die regionale Umsetzung.
Die zentralen Ziele des Projekts Wiener Wundnetz sind:
- Vernetzung der Versorgungseben,
- Aufbau eines abgestuften Konzepts,
- Aufbau einer kontinuierlichen, fachgerechten medizinischen Versorgung im extramuralen Bereich mit klaren Zuständigkeiten,
- Entlastung der Spitalsambulanzen,
- Senkung der hohen Krankheitskosten.
Nach deutschem Vorbild sollte durch die Umsetzung des Projekts ein Netzwerk entstehen, das den fachlichen Austausch zwischen Berufsgruppen und Versorgungsebenen verbessert. Beteiligte Gesundheitsdienstanbieter*innen sollen „mehr miteinander als übereinander reden“. Ziel ist es, gemeinsam Prozesse und Qualitätsstandards zu entwickeln und eine koordinierte Versorgung sicherzustellen – sodass Patient*innen schnell und unkompliziert an den jeweils passenden Versorgungspunkt („Best Point of Service“) vermittelt werden können.
Ein strukturierter Informationsaustausch über die Gesundheitshotline 1450, Fortbildungen, Informationsveranstaltungen, Medienarbeit und Kooperationen mit Vereinen sollen zudem die Bekanntheit des Wiener Wundnetzes bei Patient*innen, Angehörigen und potenziellen Zuweiser*innen stärken.
Versorgungskonzept des Wiener Wundnetzes
Das Versorgungskonzept sieht eine dreistufige Organisation vor (vgl. Abbildung 9). Wichtig ist: Im österreichischen Gesundheitssystem bestehen keine formalen Zugangsbeschränkungen zu bestimmten Versorgungsstufen, was die gezielte Patient*innensteuerung erschwert.
Versorgungsstufe I: Allgemeinmedizin
Diese Stufe bildet den primären Einstiegspunkt für Patient*innen mit chronischen Wunden. Allgemeinmediziner*innen übernehmen hier die erste Weichenstellung – inklusive Diagnostik und Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung. Die Wunde ist meist ein Symptom einer chronischen Grunderkrankung wie Diabetes mellitus, periphere arterielle Verschlusskrankheit, venöse Insuffizienz oder Dekubitus infolge von Immobilität.
Die Wundversorgung erfolgt entweder direkt in der Ordination, mit Unterstützung durch Pflegepersonen, oder in Primärversorgungseinheiten (PVE), wo oft spezialisierte Wundmanager*innen tätig sind. Einzelordinationen können Patient*innen zur reinen Wundversorgung an PVE überweisen. Für nicht gehfähige Patient*innen gibt es im Wiener Wundnetz eine Sonderregelung: Die Fahrt zum Verbandswechsel kann erstattet werden, jedoch müssen Patient*innen den anfallenden Selbstbehalt selbst tragen. Der Selbstbehalt gilt für alle Krankentransporte, mit Ausnahme von Dialyse- und Krebspatient*innen.
Die medizinische Hauskrankenpflege ist integrativer Bestandteil der Versorgungssystemstufen 1 und 2 sowie vor- und nachgelagerte Leistung zu Stufe 3. Die medizinisch-pflegerische Versorgung bei Bewegungseinschränkungen, nach Operationen oder gar Bettlägerigkeit, erfolgt ausschließlich durch DGKP im Lebensumfeld der Betroffenen. Eine Erstanordnung kann bewilligungsfrei sowohl von Einzelordinationen als auch von PVE sowie Wundzentren für ein und denselben Versicherungsfall mit 28 Tagen begrenzt ausgestellt werden. Danach ist bei Bedarf eine chefärztliche Bewilligung unter Beilage von Wundfotos und Angabe des Wundgrades zu beantragen.
Versorgungsstufe II: spezialisierte extramurale Versorgung (Wundzentren und Wundordinationen)
Diese Stufe umfasst chirurgisch geleitete Wundordinationen mit diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger*innen (DGKP) mit Wundausbildung, gegebenenfalls ergänzt durch andere Berufsgruppen (z. B. Diätolog*innen). Die Einrichtungen verfügen über einen Sondereinzelvertrag mit den Kassen – dieser begrenzt nicht wundrelevante Leistungen und stellt gleichzeitig eine wirtschaftliche Attraktivität sicher.
Zu den Aufgaben gehören:
- Erhebung der Wund- und Grunderkrankungssituation,
- Erstellung und Umsetzung von Therapieplänen,
- Organisation von Begleittherapien und differenzierter Diagnostik,
- Patient*innenedukation und Förderung der Selbstkompetenz.
Zuweisungen können jederzeit aus Versorgungsstufe I erfolgen. Wundzentren übernehmen auch die Weiterversorgung aus dem Spital und sichern so die Behandlungskontinuität bei komplexen Wunden.
Versorgungsstufe III: Spitalsambulanzen
Spitalsambulanzen sollen sich auf medizinisch notwendige Fälle und Notfälle (z. B. drohende Sepsis) konzentrieren. Die kontinuierliche Versorgung lässt sich im Wundzentrum oft effizienter organisieren – durch ein konstantes Behandlungsteam aus Ärzt*innen und DGKP.
Den Spitalsambulanzen nachgelagert ist der stationäre Bereich. Je nach Schwerpunkt einer Krankenanstalt kann ein breites Spektrum an hoch spezialisierter Diagnostik, Therapie und Behandlung inklusive der Möglichkeit der intensivmedizinischen Betreuung gegeben sein. Die meisten operativen Eingriffe finden im Rahmen eines stationären Aufenthalts auf einer Bettenstation statt.
Die Rolle der Wundmanager*innen
Wundmanager*innen (DGKP mit Spezialausbildung) sind über alle Versorgungsstufen hinweg zentrale Akteur*innen. Sie führen den Großteil der Verbandswechsel durch, erkennen Veränderungen frühzeitig und sind wichtige Bindeglieder zwischen Patient*innen und Ärzt*innen.
Im Wiener Wundnetz ist die direkte Anbindung der mobilen Pflege an Stufe II essenziell. Bei Verschlechterung der Wunde oder fehlender Erreichbarkeit der Hausärzt*innen sollen Pflegepersonen rasch und unbürokratisch Kontakt zu Wundzentren aufnehmen können – idealerweise auch via Telemedizin (z. B. Wund-Apps). So lassen sich unnötige Spitalstransporte vermeiden und Komplikationen frühzeitig verhindern.

Umsetzung und Weiterentwicklung
In einem ersten Umsetzungsschritt wurde im 4. Quartal 2019 ein spezialisiertes extramurales Wundzentrum (Versorgungsstufe II) in Form einer chirurgischen Gruppenpraxis in der Versorgungsregion 93 (umfasst die Wiener Bezirke 21 und 22) eröffnet. Die Initiative dazu ging ursprünglich von engagierten Ärzt*innen aus, die mit dem Vorschlag eines kassenfinanzierten Wundzentrums an die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) herangetreten waren.
Die Gruppenpraxis wurde in enger Zusammenarbeit zwischen WGKK, Stadt Wien, Kammer der Ärztinnen und Ärzte Wien und den behandelnden Ärzt*innen als Expertisezentrum für chronische Wunden konzipiert. Sie sollte als zentraler Knotenpunkt eines regionalen Versorgungsnetzwerks fungieren. Dafür wurden Qualitätskriterien und Leistungspakete definiert sowie ein eigenes Honorierungsmodell in Form eines Sondereinzelvertrags entwickelt. Die Ausschreibung des Wundzentrums erfolgte in Abstimmung mit der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien.
Mit der Eröffnung des Zentrums wurden erste Netzwerktreffen organisiert, um die relevanten Leistungserbringer*innen – Hausärzt*innen, Pflegepersonen, Spitalsärzt*innen und andere Organisationen in der Region – miteinander zu vernetzen. Gezielt wurden Ambulanzen der fondsfinanzierten Spitäler und Gesundheitszentren, Primärversorgungseinheiten, niedergelassene Ärzt*innen sowie mobile Pflegeorganisationen in den umliegenden Bezirken eingeladen. Zusätzlich wurde ein „Kennenlerntermin“ in der Wundordination vor Ort angeboten. Ziel war es, durch persönliche Begegnungen eine Vertrauensbasis zu schaffen und eventuelle Hemmschwellen abzubauen.
Im Verlauf mehrerer Treffen zeigte sich der Erfolg dieser Vernetzungsarbeit: Die beteiligten Gesundheitsdienstanbieter*innen rund um das Wundzentrum entwickelten eigenständig Regelungen für Zuweisungsprozesse und den Informationsaustausch und arbeiteten bei Schnittstellenproblemen aktiv an gemeinsamen Lösungen. Durch die Möglichkeit von Hospitationen für Ärzt*innen und diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (DGKP) wurde die Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Bereich und den Ambulanzen weiter gestärkt.
Die Tabellen 6 und 7 listen alle Mitglieder des Wiener Wundnetzes nach Organisationsform auf.
Tabelle 6: Wundzentren und Wundordination, spezialisierte extramurale Versorgung
Spezialisierte Ordination und ÖGK-Einrichtungen | Adresse | Telefonnummer |
|---|---|---|
Wundambulanz im ÖGK-Gesundheitszentrum Landstraße | Strohgasse 28 | +43 5 0766-1140300 |
Chirurgische Ambulanz im ÖGK-Gesundheitszentrum Favoriten | Wienerbergstraße 13 | +43 5 0766-111722 |
Wundzentrum Wien-Süd | Kundratstraße 6/2. Stock/5 | +43 1 3618170 |
Wundordination Dr. Ausch | Elisabethallee 61–63 | +43 1 9929857 |
Wundambulanz im ÖGK-Gesundheitszentrum Floridsdorf | Karl-Aschenbrenner-Gasse 3 | +43 5 0766-1140200 |
Wundzentrum Wien 22 (WZW22) | Stadlauer Straße 62 | +43 1 2802652 |
Tabelle 7: Primärversorgungseinheiten (PVE) und Ordination mit Wundschwerpunkt im Wundnetz
Primärversorgungseinheiten und Ordination mit Wundexpertise (Wundnetz) | Adresse | Telefonnummer |
|---|---|---|
PVE Karmeliterviertel | Karmelitergasse 4/1, 1020 Wien | +43 1 8903010 |
PVE Margareten „Medloft“ | Wiedner Hauptstraße 120–124/ 5.1, 1050 Wien | +43 1 3945558 |
PVE Sonnwendviertel | Alfred-Adler-Straße 1, | +43 1 6040604 |
PVE Favoriten | Absberggasse 45a, 1100 Wien https://pve-favoriten.at/ | +43 1 6023336 |
PVE Meidling | Eichenstraße 48–54, 1120 Wien | +43 1 8133593 |
PVE Wilhelmstraße | Wilhelmstraße 42, 1120 Wien | +43 1 8122556-0 |
PVE Millennium-Med | Handelskai 94–96/Top 200/ Stiege 4/2. OG/BT1 | +43 1 394394-0 |
PVE Küniglberg | Elisabethallee 61–63, 1130 Wien | +43 1 8772347-0 |
PVE Wien-West | Langauergasse 2, 1150 Wien https://pve-wien-west.at/ | +43 1 8925577 |
PVE Fünfhaus | Goldschlaggasse 59a/33 | +43 1 9825101 |
PVE 18 | Antonigasse 1, 1180 Wien | +43 1 4067284 |
PVE Hausärzte 20 | Jägerstraße 61, 1200 Wien | +43 1 312010 |
PVE Med 20 | Klosterneuburger Str. 99/105, 1200 Wien | +43 1 3329041 |
PVE Donaustadt | Zschokkegasse 140/33 | +43 1 3430132 |
Qualitätssicherung
Eine zentrale Herausforderung bei der Implementierung der Versorgungsstufe II bestand darin, dass es im Bereich der Wundversorgung bislang nur wenige evidenzbasierte Leitlinien und Qualitätsstandards gibt. Auch die Zahl unabhängiger Studien zur Wirksamkeit moderner Verbandstoffe ist begrenzt und erlaubt oft keine eindeutigen Empfehlungen.
Hinzu kommt, dass zwar zahlreiche Wundmanagement-Ausbildungen für diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (DGKP) sowie Ärzt*innen angeboten werden, jedoch keine einheitlichen Ausbildungsstandards existieren. Es fehlt an einem verbindlichen Lehrplan mit festgelegten Inhalten, was die Vergleichbarkeit der Qualifikationen erschwert.
Um dennoch klare Qualitätskriterien für extramurale Wundzentren zu etablieren, orientierte sich das Wiener Wundnetz unter anderem am Wundsiegel der Initiative Chronische Wunden (ICW) aus Deutschland. Die ICW ist ein von Expert*innen gegründeter Fachverein, der umfassende Standards und Qualitätsanforderungen für verschiedene Versorgungsebenen definiert und entsprechende Einrichtungen zertifiziert. Auch wenn das ICW-Wundsiegel auf das deutsche Gesundheitssystem abgestimmt ist, gelten viele der formulierten medizinischen Anforderungen systemunabhängig als international anerkannt.
Alle Wundzentren im Wiener Wundnetz haben sich im Rahmen ihrer Verträge verpflichtet, innerhalb von drei Jahren eine solche Qualitätszertifizierung (ICW oder vergleichbar) durchzuführen. Das Wundzentrum WZW22 hat diesen Schritt bereits vollzogen und als erstes extramurales Zentrum in Österreich erfolgreich eine ICW-Zertifizierung erhalten.
Netzwerkentwicklung
Das Wiener Wundnetz ist ein freiwilliger Zusammenschluss unterschiedlicher Gesundheitsdienstanbieter*innen, die ein gemeinsames Interesse an der Verbesserung der Wundversorgung teilen. Die Teilnahme am Netzwerk ist mit keinerlei formellen Verpflichtungen verbunden.
Ziel und Organisation
Zentrales Anliegen des Netzwerks ist es, die beteiligten Akteur*innen besser zu vernetzen, bestehende Schnittstellenprobleme und Versorgungsengpässe sichtbar zu machen und gemeinsam an konkreten Lösungsansätzen zu arbeiten. Darüber hinaus bietet das Netzwerk eine strukturierte Möglichkeit, Anliegen und Verbesserungsvorschläge direkt an die verantwortlichen Institutionen – insbesondere die Sozialversicherung und die Stadt Wien – heranzutragen.
Die Organisationsstruktur des Netzwerks ist bewusst offengehalten. Die Koordination und administrative Betreuung liegt bei den Zielsteuerungspartnern (Wiener Gesundheitsfonds und Krankenversicherungsträger). Diese wurden von den Netzwerkmitgliedern explizit mit folgenden Aufgaben betraut:
- Organisation und Moderation der Netzwerktreffen,
- Konzeption und Umsetzung von Fortbildungen,
- Öffentlichkeitsarbeit und Informationsmaterialien für Fachpersonal, Patient*innen und Netzwerkmitglieder.
Der Aufbau eines eigenständigen Vereins – wie er bei vergleichbaren Versorgungsnetzwerken in Deutschland üblich ist – wurde aus Gründen des zusätzlichen Verwaltungsaufwands mehrheitlich abgelehnt.
Netzwerktreffen als zentrales Austauschformat
Die regelmäßig stattfindenden Netzwerktreffen (einmal pro Quartal) sind das zentrale Austauschformat. Sie dienen dem besseren gegenseitigen Verständnis der jeweiligen Arbeitsrealitäten und Herausforderungen in der Wundversorgung. Häufig werden bestehende Probleme im Versorgungssystem – etwa Versorgungsbrüche, Kommunikationsdefizite oder unklare Zuweisungspfade – erst durch den Erfahrungsaustausch in diesen Treffen für alle Beteiligten sichtbar.
Berichte aus der täglichen Praxis helfen, konkrete Probleme zu identifizieren und gemeinsame Lösungsvorschläge zu entwickeln. Gleichzeitig ermöglichen die Treffen eine bessere Abstimmung von Zuweisungsprozessen und Informationsflüssen zwischen den verschiedenen Berufsgruppen und Versorgungsstufen.
Auch die Diskussion von Datenanalysen, die zur Qualitätsentwicklung im Netzwerk beitragen, findet in diesem Rahmen statt. Die Möglichkeit zur aktiven Mitgestaltung wird von den Teilnehmenden als sehr positiv bewertet: Sie trägt zu einem erhöhten Engagement und einer höheren Zufriedenheit mit der Versorgungssituation bei.
Fortbildung
Das Wiener Wundnetz bringt seine fachliche Expertise auch in die Fortbildung ein. So gestalten Mitglieder des Netzwerks regelmäßig Beiträge im Rahmen etablierter Veranstaltungsformate wie dem MedMonday der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Darüber hinaus werden auf Anfrage auch Referent*innen aus dem Wundnetz für Bezirksärzt*innentreffen oder andere fachspezifische Veranstaltungen vermittelt. Die ÖGK unterstützt die Vortragenden bei Bedarf auch organisatorisch – etwa bei der Planung, Koordination oder Bewerbung solcher Fortbildungsveranstaltungen.
Telemedizin
Mit der zunehmenden Vernetzung der Wundbehandler*innen im Rahmen des Wiener Wundnetzes wurde auch der Bedarf nach einer raschen, datenschutzkonformen Kommunikationsmöglichkeit deutlich – insbesondere für den Austausch medizinischer Informationen wie Wundfotos, die eine schnelle Therapieentscheidung unterstützen können.
Bei der Auswahl eines geeigneten Tools für den Testbetrieb wurden folgende Anforderungen definiert:
- berufsgruppenübergreifende Nutzbarkeit (unabhängig von verwendeter Dokumentationssoftware), inklusive Anwendung in der mobilen Pflege,
- Zertifizierung als Medizinprodukt,
- Erfüllung sicherheitsrelevanter Anforderungen der Sozialversicherung,
- einfache Anwendung und geringer Zeitaufwand (insbesondere keine Doppeldokumentation).
Für einen sechsmonatigen Probebetrieb wurde die Wund-App „Dermicus“ ausgewählt und auf freiwilliger Basis von Mitgliedern des Netzwerks getestet. Diese App ermöglicht sowohl den Versand von Wundfotos und Textnachrichten via Tablet oder Smartphone (vergleichbar mit einem Messenger-Dienst) als auch die Auswertung und Bearbeitung der Bilder am PC. Eine integrierte KI-Funktion kann z. B. automatisiert die Wundgröße bestimmen. Die Daten lassen sich unkompliziert in bestehende Dokumentationssysteme integrieren, zudem können Statistiken und Auswertungen generiert werden.
Trotz ihrer Vorteile wurde die App im Versorgungsalltag kaum genutzt. Insbesondere vonseiten der mobilen Pflege wurde der notwendige (wenn auch minimale) Zeitaufwand für die Dateneingabe als Hürde genannt.
Am Ende der Testphase wurde „Dermicus“ zwar grundsätzlich als hilfreich eingestuft, jedoch als nicht wirtschaftlich tragfähig für die breite Anwendung im Wiener Wundnetz eingeschätzt. Anders im Gesundheitsverbund der ÖGK: Dort – etwa im Hanusch-Krankenhaus und in den ÖGK-Gesundheitszentren – wurde die App als effiziente Lösung für die Wunddokumentation und Informationsübermittlung bewertet und dauerhaft implementiert. Die Option zur Kommunikation mit externen Partner*innen über „Dermicus“ bleibt bestehen, sofern diese über einen entsprechenden Account verfügen.
Fazit
Mittlerweile ist das Wiener Wundnetz auf alle drei Versorgungsregionen Wiens ausgeweitet worden – also jene Unterteilungen Wiens, die für die Gesundheitsplanung genutzt werden – und wächst weiter. Aus vielen Einzelinitiativen ist eine vernetzte Gemeinschaft mit Wiedererkennungswert entstanden. Neben den quartalsweise stattfindenden großen Netzwerktreffen werden bei Bedarf auch sogenannte Grätzeltreffen auf Bezirksebene organisiert. Diese lokalen Treffen finden statt, wenn es aktuelle Anlässe gibt – etwa neue Mitglieder im Netzwerk – oder wenn von den Beteiligten ein spezifischer Austauschbedarf gemeldet wird.
Obwohl anfangs Skepsis im Hinblick auf den zeitlichen Aufwand der Netzwerkaktivitäten bestand, wurde der regelmäßige Austausch zunehmend als gewinnbringend erlebt. Heute wird der Nutzen der Netzwerktreffen nicht mehr infrage gestellt. Themen und Anliegen für die Tagesordnung können von allen Mitgliedern eingebracht und gemeinsam diskutiert werden. Als besonders motivierend empfinden viele Gesundheitsdienstanbieter*innen die Möglichkeit, über das Wundnetz Verbesserungen für die tägliche Arbeit anzustoßen. Positiv hervorgehoben wird auch die direkte Beteiligung von Stadt Wien und ÖGK an den Netzwerktreffen, da so persönliche Ansprechpartner*innen für institutionelle Anliegen zur Verfügung stehen und sich die Beteiligten „gehört“ fühlen.
Das Wundzentrum entlastet einerseits die umliegenden Spitalsambulanzen, andererseits profitieren die Patient*innen, da mit dem Wundzentrum erstmals eine fixe Anlaufstelle mit kontinuierlicher fachgerechter Betreuung für chronische Wunden zur Verfügung steht. Diese Behandlungskontinuität war vorher weder durch die Hausärzt*innen noch durch die zeitlich befristete medizinische Hauskrankenpflege oder die Spitalsambulanzen mit wechselndem ärztlichen Dienstpersonal gegeben.
Durch den persönlichen Kontakt, das Diskutieren von Problemen und die gemeinsame Suche nach Lösungen konnten bisher nicht nur bestehende Probleme deutlich sichtbar gemacht werden, sondern auch tatsächliche Verbesserungen herbeigeführt werden.
Auch wenn schon beachtliche Verbesserungen erzielt werden konnten, besteht weiterhin Handlungsbedarf. Zum einen sollten Prozesse weiter ausgebaut werden.
Zentrale Anlaufstelle für die Betroffenen
Aktuell besteht das Problem, dass der Zugang zum Wiener Wundnetz nicht standardisiert ist. Ziel ist es, die Gesundheitsberatung 1450 als zentrale Anlaufstelle sowohl für Patient*innen als auch für Behandler*innen zu etablieren.
Bei der Frage „Wohin mit einer Wunde?“ soll die Hotline:
- wohnortnahe Terminvereinbarungen in PVE oder Wundzentren ermöglichen,
- medizinische Basisinformationen zu chronischen Wunden bereitstellen (Was ist zu tun? Was ist zu vermeiden?),
- konkrete Anlaufstellen für eine weiterführende Diagnostik benennen — idealerweise inklusive direkter Buchungsmöglichkeit.
Standards entwickeln und dokumentieren
Ein zentraler Entwicklungsschritt für das Wiener Wundnetz besteht darin, gemeinsam mit den Netzwerkpartner*innen verbindliche Standards für die Überleitung von Patient*innen von einer Versorgungsebene zur anderen zu definieren.
Ziel ist ein schriftlich fixierter Konsens, der regelt:
- welche Informationen bei einer Überleitung weitergegeben werden sollen,
- welche Berufsgruppen oder Organisationen diese Informationen erhalten,
- und welche Inhalte an mit- und weiterbehandelnde Gesundheitsdienstanbieter*innen übermittelt werden müssen.
Ein Beispiel: Bei der Entlassung aus dem Spital sollte nicht nur eine pflegerische Nachbetreuung durch die medizinische Hauskrankenpflege (MedHKP) veranlasst, sondern auch eine ärztliche Zuständigkeit klar benannt werden.
Viele dieser Praktiken werden im Netzwerk bereits informell umgesetzt. Ein nächster Schritt besteht darin, diese Best-Practice-Beispiele systematisch zu erfassen, zu verschriftlichen und gemeinsam als Standardprozesse zu verabschieden.
Dasselbe gilt für die Behandlung chronischer Wundpatient*innen. Es sollen standardisierte Abläufe (Standard Operating Procedures oder SOPs) entwickelt werden, z. B. für:
- die Erstbegutachtung der Wunde,
- die Indikatoren und den Ablauf im Hinblick auf Überleitungen in andere Versorgungsstufen.
Als Grundlage für diese SOPs dienen:
- die aktuelle Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF),
- der österreichische Qualitätsstandard „Integrierte Versorgung chronischer Wunden“,
- bewährte Verfahren und Erfahrungen aus dem Wiener Wundnetz.
Auch wenn viele Abläufe bereits ohne formale Festlegung gut funktionieren, könnten schriftlich dokumentierte SOPs künftig als Vorlage für ähnliche Netzwerkinitiativen in anderen Bundesländern oder für andere Versorgungsbereiche dienen.
Kontinuität und Weiterentwicklung des Netzwerks sichern
Es muss darauf hingewiesen werden, dass das Wundnetz an sich eine informelle Institution ist und die Netzwerkkoordination auf einem zeitlich begrenzten Projekt beruht. Die wichtigste Zielsetzung bleibt darum, den regelmäßigen Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsdiensteanbieter*innen aller Versorgungsebenen aufrechtzuerhalten – und damit dem Wiener Wundnetz eine gemeinsame, gut hörbare Stimme gegenüber Entscheidungsträger*innen im Gesundheitswesen zu geben.