4.4 Ökonomische Implikationen
Chronische Wunden sind nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein erhebliches ökonomisches Problem. In Österreich fehlen systematische Erhebungen zu den Costs of Illness (COI), also den volkswirtschaftlichen Gesamtkosten, die mit der Versorgung chronischer Wunden verbunden sind. Ein validierter Referenzkostensatz, wie er z. B. für einen Hausarztbesuch vorliegt (32,04 Euro), existiert nicht. Zwar sind Leistungstarife für verschiedene Arten von Eingriffen im niedergelassenen und intramuralen Bereich dokumentiert, diese entsprechen aber nicht tatsächlichen Kosten.
Costs-of-Illness-Studien unterscheiden zwischen direkten, indirekten und immateriellen Kosten. Bei den direkten Kosten wird zwischen jenen medizinischen und jenen nicht medizinischen Ursprungs unterschieden:
- Direkte medizinische Kosten entstehen durch Behandlungen, Pflegeleistungen, Medikamente, Verbandstoffe und andere Heilbehelfe. Die meisten internationalen Studien zu Wundkosten beschränken sich auf diese Kategorie, da sie über zentral verwaltete Abrechnungsdaten am einfachsten zu erfassen ist.
- Andere direkte, nicht medizinische Kosten entstehen durch Transport, informelle Pflege, Haushaltshilfen etc.
- Zu den indirekten Kosten zählen Produktivitätsverluste, die durch Ausfälle in der Erwerbstätigkeit, im freiwilligen Engagement oder bei unbezahlten Betreuungs- und Haushaltsaufgaben entstehen. Diese Kosten werden im Zusammenhang mit chronischen Wunden oft vernachlässigt – einerseits aufgrund der (falschen) Annahme, dass die Risikogruppe altersbedingt nicht mehr erwerbstätig ist, andererseits, weil unbezahlte Arbeit tendenziell unterbewertet wird. Die bisher existierenden Studien haben Pilotcharakter, da sie auf kleinen Fallzahlen basieren.
- Immaterielle Kosten entstehen durch die Minderung der Lebensqualität, etwa infolge von Schmerzen oder sozialer Isolation. Es existieren verschiedene Messinstrumente zur Erfassung dieser Kosten – auch im Hinblick auf chronische Wunden. Zudem stellt sich die Frage, inwiefern chronische Wunden auch die Lebensqualität von Angehörigen beeinträchtigen.
Eine internationale Übersichtsstudie aus dem Jahr 2019 zeigt, dass die direkten medizinischen Kosten für chronische Wunden erheblich sind – an erster Stelle stehen diabetesbedingte Amputationen, gefolgt von der Langzeitversorgung bei chronisch-venöser Insuffizienz. Hier fallen Kosten für Hospitalisierung, Rehabilitation und weitere Folgebehandlungen an.
Modellrechnungen auf Basis einer retrospektiven Kohortenstudie mit 196 Patient*innen in Italien mit diabetischen Fußwunden zeigen, dass eine Majoramputation mit 21.065 Euro deutlich teurer ist als eine konservative Therapie, selbst wenn diese über 18 Monate hinweg durchgeführt wird (7649 Euro). Die Vermeidung von Amputationen ist daher auch aus ökonomischer Sicht von großer Bedeutung.
Die gleiche Übersichtsstudie diagnostiziert zudem hohe immaterielle Kosten. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Patient*innen mit chronischen Wunden ist schlechter als jene von Menschen mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD). Vor allem Schmerzen und Mobilitätseinschränkungen führen zu einem Verlust an Lebensqualität. Zusätzlich wird ein Zusammenhang zwischen der Verschlechterung des Wundzustands und der Einschränkung der Lebensqualität dokumentiert.
Welche Kosten in Studien berücksichtigt werden, hängt von der jeweils gewählten Perspektive ab – beispielsweise jener von Sozialversicherungsträgern, Arbeitgeber*innen, betroffenen Personen und deren Haushalten oder der Gesellschaft insgesamt. Zu beachten ist, dass aus der Perspektive der Sozialversicherungsträger nicht zwangsläufig alle direkten Kosten erfasst werden. So errechnete eine Studie aus Deutschland beispielsweise die durchschnittlichen jährlichen direkten Behandlungskosten einer chronischen Wunde auf 8658,10 Euro, wobei 11,87 Prozent dieser Kosten von den Patient*innen selbst getragen wurden.
Für Österreich lassen sich lediglich Quellen, jedoch keine konkreten Summen der Selbstzahlungen ermitteln. Zu diesen Selbstzahlungen zählen Kosten für Selbstversorgungsprodukte, nicht vergütete Verbandstoffe, Heilbehelfe wie etwa ein zweites Paar orthopädischer Schuhe, Rezeptgebühren (sofern nicht befreit), Selbstkostenanteile bei Behandlungen durch Wahlärzt*innen sowie sämtliche Kosten für das private pflegerische Wundmanagement.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die durch chronische Wunden verursachten Kosten in Österreich nicht bekannt sind. Zwar würden sich auf Basis von Pro-Kopf-Umrechnungen internationaler Studienwerte oder durch Multiplikationen von Leistungstarifen rechnerische Werte erzeugen lassen – deren Aussagekraft bliebe jedoch begrenzt.
Handlungsrelevanter sind die Erkenntnisse zu Kostenverhältnissen, Kostentreibern und zur Verteilung der Kostenträgerschaft. Dabei deutet sich eine Diskrepanz in Bezug auf die Ursachen von Amputationen an: Im Gegensatz zu den zitierten Studien weisen die meisten Patient*innen mit Amputationen in Wien eine Diagnose der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) auf – und nicht, wie häufiger international beschrieben, eine Diabetes-mellitus-Erkrankung.