7.5 Sensibilisierung und Fortbildung
Fortbildungsreihe Gewalt macht krank
Gemeinsam mit der Gender- und Diversitätsbeauftragten des Wiener Gesundheitsverbunds (WIGEV), Zeynep Arslan, wurde im Berichtsjahr die Fortbildungsreihe „Gewalt macht krank!“ fortgesetzt. Die beiden Basismodule fanden online statt. Im ersten Basismodul wurden die gesundheitlichen Folgen von Gewalt, die rechtliche Lage, Gesprächsführung, Spurensicherung und die klinische Opferschutzarbeit aufgezeigt. Vorgestellt wurden auch Anlaufstellen für Betroffene mit Vorträgen von Alexandra Grasl-Akkilic, Wiener Programm für Frauengesundheit, Johanna Lischka, Juristin des WIGEVs, Heidemarie Kargl, 24-Stunden Frauennotruf, Hermine Buchegger, Forensic Nurse der Opferschutzgruppe Klinik Ottakring und von Gerichtsmedizinerin Katharina Stolz. Fakten und Praxis in der Arbeit mit Minderjährigen standen auf dem Programm des zweiten Basismoduls, das sich mit Gewalt gegen Kinder und Jugendliche befasste. Mitgewirkt haben Birgit Hofer, Kinder- und Jugendhilfe, Verena Weißenböck, TAMAR – Beratung für misshandelte und sexuell missbrauchte Frauen, Mädchen, Kinder, sowie Hubert Steger, Männerberatung, und Barbara Neudecker von der Fachstelle Prozessbegleitung.
Das Aufbaumodul „Geschlechtsspezifische Gewalt“ am 20. Juni 2024 griff unterschiedliche Aspekte auf: Über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz referierte Ingrid Seczer von der Psychologischen Beratungsstelle im WIGEV. Die Gewalterfahrungen von LGBTIQ+-Personen behandelte Johannes Wahala, Gründer der Beratungsstelle COURAGE. Über ihre Praxis in der Beratung und Behandlung von FGM-betroffenen Frauen berichteten Umyma El Jelede, Medizinerin und Mitarbeiterin von FEM Süd, sowie Gynäkologin Susanne Hölbfer, Klinik Ottakring.
Das Aufbaumodul „Auswirkungen von Gewalt auf die psychische Gesundheit“ fand am 24. Oktober 2024 statt. Sabine Fradl, Psychiaterin, und Mischa Kirisits, klinischer Sozialarbeiter, beide an der Klinik Hietzing tätig, gestalteten einen Workshop rund um Gewalt als Ursache psychischer Erkrankungen und die psychosozialen Aspekte und Folgen von Gewalt.
Insgesamt nahmen 276 Personen an den unterschiedlichen Modulen teil.
Weitere Aktivitäten:
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Beitrag „Gewalt gegen Frauen“ in: „Frauengesundheit in Wien – Kurzbericht“ S. 23-25
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19. April: Vortrag bei der Fortbildungsreihe „Gewalt macht krank“
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10. November: Vortrag bei der Fortbildungsklausur der Neunerhaus-Ambulanz
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2. Dezember: Vortrag im Rahmen der Orange the World-Tage des WIGEV.
Versand der Checkliste
Die aktualisierte „Checkliste bei Gewalt gegen Frauen“ als praktischer Reminder für die Manteltasche von ärztlichem und Pflegepersonal wurde im Berichtsjahr den Wiener Krankenhäusern zur Verfügung gestellt. 64 Ambulanzen für Notfall- oder Unfallmedizin, HNO, Gynäkologie, Dermatologie, Zahnmedizin und Psychiatrie erhielten die Checkliste, um sie an ihre Mitarbeiter*innen zu verteilen.
Handlungsempfehlungen des FGM-Beirats liefern klinisches Know-how
Medizinische Leitlinien zum Umgang mit FGM-betroffenen Patientinnen in Gynäkologie und Geburtshilfe fehlen bislang in Österreich. Der vom Wiener Programm für Frauengesundheit koordinierte FGM-Beirat der Stadt Wien setzte dafür einen wichtigen Impuls: Mit Gynäkologinnen aus drei Wiener Kliniken, mit Hebammen, Frauengesundheitsexpertinnen, Psychologinnen und einer Juristin wurden in einem zweijährigen Prozess die „Handlungsempfehlungen für die Betreuung von FGM/C-betroffenen Frauen und Mädchen in Österreich“ erarbeitet. Als Herausgeber fungiert der FGM-Beirat der Stadt Wien, dem die meisten Autor*innen angehören.
Die Handlungsempfehlungen umfassen medizinisches, geburtshilfliches, psychosoziales und juristisches Know-how zur Betreuung von FGM-betroffenen Schwangeren und Patientinnen. Erklärt wird etwa das medizinische Management von FGM-bedingten Komplikationen wie Fisteln, Harnverlust oder Problemen beim Menstruieren. Weiters, welche Fragen im Anamnesegespräch zu stellen sind, was bei der Aufklärung einer Patientin zu beachten ist, welche operative Therapie individuell empfehlenswert ist. Dass FGM-betroffene Schwangere nicht notwendigerweise per Kaiserschnitt zu entbinden sind und dass operativen Maßnahmen immer auch psychologische Nachbetreuung folgen sollte; kritisch kommentiert werden praktizierte Maßnahmen wie Serienuntersuchungen für jugendliche Reiserückkehrerinnen oder ein Schutzbrief im Reisepass.
Die Autorinnen sind:
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Susanne Hölbfer, Maria Kastanek-Dungl, Janina Harbort, Klinik Ottakring – Gynäkologisch-geburtshilfliche Abteilung
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Birgit Anker, Klinik Landstraße – Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe
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Alexandra Ciresa-König, Universitätsklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe Innsbruck
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Alexandra Grasl-Akkilic, Wiener Programm für Frauengesundheit
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Umyma El Jelede, Elisabeth Hanusch-Mild, Marisa Rosanelli und Hilde Wolf, FEM Süd Frauengesundheitszentrum/FGM/C-Koordinationsstelle
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Katharina Kreindl, Hebammenzentrum Wien
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Stephanie Lehner und Johanna Sengschmid, Österreichisches Hebammengremium
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Karin Windsperger-Taheri, Daniela M. Dörfler, Universitätsklinik für Frauenheilkunde Wien
Vorgestellt wird die Publikation anlässlich des Internationalen Tags gegen FGM 2025. Sie ist als Download-Dokument sowie als digitale Publikation abrufbar.
FGM-Beirat der Stadt Wien
Im vom Frauengesundheitsprogramm organisierten FGM-Beirat finden sich Gynäkologinnen sowie Vertreterinnen von Ärztekammer, Hebammengremium, FEM, FEM Süd und Rotes Kreuz (beide FGM/C-Koordinationsstelle genauso wie von der Stadt Wien-Abteilungen Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitsdienst, Frauenservice, Integration, weiters die Kinder- und Jugendanwaltschaft und die Menschenrechtsbeauftragte der Stadt. Einen Gaststatus hat die Sektion III im Bundeskanzleramt für Frauenangelegenheiten. Ziel ist es, Präventionsarbeit und die medizinische Versorgung FGM-betroffener Frauen und Mädchen zu vernetzen und zu unterstützen. Bei beiden Treffen 2024 sorgten spannende Beiträge von Expertinnen für Diskussionsstoff:
Am 23. April präsentierten Katharina Ornetsmüller, WU Wien, Team Prof.in Pabel, und Marisa Rosanelli, FEM Süd, Österr. FGM/C-Koordinationsstelle, eine Judikaturanalyse zur Asylrechtssprechung. Diese war mithilfe des Studierenden-Vereins Vienna Law Clinics realisiert worden. Untersucht wurde, ob und wie FGM als anerkannter Asylgrund in Asylrechtsentscheidungen berücksichtigt wird. Demnach wurden elf von 79 Bundesverwaltungsgerichtshof-Entscheidungen positiv entschieden und es wurde Asyl wegen drohender FGM im Herkunftsland gewährt, und einmal wegen drohender Reinfibulation. Der Präsentation folgte eine intensive Diskussion, unter anderem darüber, dass die Einstellung und der Bildungsgrad der Mutter und der Großmutter, kaum des Vaters, als Maßstab herangezogen wird, ob ein Mädchen als FGM-gefährdet betrachtet werden muss.
Am 2. Oktober stellten Elena Jirovsky-Platter, Anna Maukner und Suad Mohamed die Ergebnisse der ersten österreichischen Prävalenzstudie zu FGM vor, die das Public Health Institut der MUW in Kooperation mit FEM Süd umgesetzt hat. Damit wurde eine langjährige Datenlücke in Österreich geschlossen. Aktuelle Zahlen siehe Unterkapitel 7.2 – Geschlechtsspezifische Gewalt in Zahlen. Die Studie umfasste auch eine Onlinebefragung des Gesundheitspersonals sowie qualitative Interviews mit Personen aus FGM-betroffenen Ländern. Unter den Ärzt*innen gibt es engagierte „Einzelkämpfer*innen“. Doch der Großteil der Fachpersonen würde mehr Fortbildung benötigen. Kinderärzt*innen fühlen sich unwohl dabei, Familien auf FGM anzusprechen. Es wurden auch 100 Personen aus FGM-betroffenen Ländern interviewt.
Als Patientinnen fühlen sich die befragten Frauen einem Othering ausgesetzt und als Studienobjekt bestaunt. Sie vermissen spezielles Wissen bei den Ärzt*innen, die von sich aus FGM nicht ansprechen würden. Beklagt werden Sprachbarrieren/fehlende Dolmetschangebote im ärztlichen Gespräch sowie bei der OP-Aufklärung.
Community-Vertreter*innen vermissen räumliche und finanzielle Ressourcen bei ihrer Aufklärungsarbeit in den Communitys. Sie arbeiten oft ehrenamtlich. Viel Bedeutung messen sie der Awareness-Arbeit mit Männern bei, um eine Haltungsänderung zu erreichen.