9.5 Gesundheit von lesbischen und bi-/pansexuellen Frauen
Projektleitung: Ulrike Repnik
Die Gesundheit wird wesentlich von gesellschaftlichen und sozialen Faktoren beeinflusst. Hinsichtlich der Gesundheit von lesbischen, bi-/pansexuellen bzw. queeren Frauen bedeutet dies u. a. auch folgende Aspekte mitzudenken:
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Lange Zeit wurde Homosexualität in Österreich strafrechtlich verfolgt. Erst 1971 wurde das Totalverbot von Homosexualität abgeschafft. „Ersatzparagraphen“ wurden eingeführt, der letzte wurde erst vor 22 Jahren abgeschafft.
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Queere Menschen werden immer noch diskriminiert. In einer aktuellen österreichischen Befragung gaben 89 % der LGBTIQ+ Befragten an, sich in mindestens einem der abgefragten Lebensbereiche diskriminiert gefühlt zu haben.
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Im privaten Bereich, also beim Zugang zu Güter und Dienstleistungen (z. B. beim Mieten einer Wohnung) gibt es immer noch keinen gesetzlichen Diskriminierungsschutz in Österreich.
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Diskriminierungserfahrungen können zu Stress führen („Minority Stress“). Stress wirkt sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit aus. Dies kann zu einer verinnerlichten Homo- bzw. Binegativität führen.
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Angst vor Diskriminierung kann zu einer verminderten Nutzung von Versorgungs- und Vorsorgeangeboten im Gesundheitsbereich führen. Aktuelle Daten für LGBTIQ+ Personen in Österreich bestätigen dies: „Insgesamt gaben 49 % der Personen an, einen der genannten Bereiche trotz gesundheitlichen Bedarfs vermieden zu haben. Etwas mehr als ein Viertel der Befragten gab an, Fachärzt*innen vermieden zu haben aus Angst, nicht gut behandelt zu werden. Jede vierte Person hatte bereits Allgemeinmediziner*innen vermieden, jede fünfte Psychotherapeut*innen bzw. psychosoziale Unterstützungseinrichtungen sowie Kliniken oder Gesundheitszentren.“
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Bis 1990 wurde Homosexualität als Krankheit definiert. Aber „mit der Abschaffung der ‚Störung Homosexualität‘ ist noch keine ‚Gesundsprechung‘ verbunden. Der Krankheitsdiskurs wirkt weiter und bestimmt therapeutische wie Alltagsrealitäten.“
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Unsere Gesellschaft ist heteronormativ ausgerichtet. Ein Beispiel ist die heterosexuelle Voreinnahme: Es wird automatisch davon ausgegangen, dass die andere Person heterosexuell ist. Outen oder nicht? Diese Fragen müssen sich queere Personen daher ständig stellen. Auch in Wien ist ein hoher Prozentsatz von LGBTIQ+ Personen bei ihren Ärzten/Ärztinnen und auch im Spital nicht out.
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Lesbische, bi-/pansexuelle Cis-Frauen sind von geschlechtsspezifischen gesellschaftlichen Ungleichheiten, z. B. Gender Pay Gap, ebenso betroffen wie heterosexuelle Frauen. Laut „Queer in Wien“-Studie (2015) liegt das Einkommen von (lesbischen) Cis-Frauen unterhalb des österreichischen Medianeinkommens und (lesbische) Cis-Frauen sind besonders in niedrigen Einkommensquartilen stark vertreten.
Vor diesem Hintergrund müssen Daten zu LGBTIQ+ Gesundheit betrachtet werden. So schätzen z. B. LGBTIQ+ Personen in Österreich ihren Gesundheitszustand deutlich schlechter ein als die Bevölkerung im Durchschnitt, insbesondere 15- bis 29-Jährige. 60 % der lesbischen Befragten hatten bereits Suizidgedanken.
Wien hat seit 1998 eine Anlaufstelle für queere Personen: die Wiener Antidiskriminierungsstelle für LGBTIQ+-Angelegenheiten. In einer gemeinsamen Konferenz mit dem Wiener Programm für Frauengesundheit zum Thema lesbische und bisexuelle Gesundheit im Jahr 2018 wurden entsprechende Trainings für das Gesundheitspersonal angeregt. Die aktuelle österreichische Befragung bestätigt dies: Ein sensibles und geschultes Personal im Gesundheitsbereich hat für LGBTIQ+ Personen eine hohe Bedeutung.
Dieser Artikel wurde 2024 im Kurzbericht „Frauengesundheit in Wien“ der Stadt Wien – Strategische Gesundheitsversorgung veröffentlicht.
Literatur:
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Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (Hg.): LGBTIQ+ Gesundheitsbericht 2022, Wien 2023
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Dennert, Gabriele: Die gesundheitliche Situation lesbischer Frauen in Deutschland, Herbolzheim 2005
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Pöge, Kathleen u.a.: Die gesundheitliche Lage von lesbischen, schwulen, bisexuellen sowie trans- und intergeschlechtlichen Menschen, Journal of Health Monitoring, 2020/5, März, Robert Koch-Institut Berlin
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Schönpflug, Karin u.a.: „Queer in Wien“. Stadt Wien Studie zur Lebenssituation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersex Personen (LGBTIs), Wien 2015, digital.wienbibliothek.at/wbrup/content/pageview/3109039