8. Flucht und Frauengesundheit

8.5 11. Plattform-Treffen „Flucht und Alter“

Ältere Menschen mit Fluchtgeschichte bilden nur einen kleinen Teil der geflüchteten Bevölkerung in Wien, sind aber eine wachsende Personengruppe. Insbesondere durch den Ukrainekrieg kommen ältere Geflüchtete nach Wien. Allerdings gibt es bislang wenig wissenschaftliche Forschung zum Thema „Alter und Flucht“, erst recht nicht aus einer Genderperspektive oder einem intersektionalen Blickwinkel. In der Praxis sind besondere Bedarfe und Vulnerabilitäten zu berücksichtigen. Denn ältere Personen sind häufig gesundheitlich stärker belastet, benötigen vielleicht spezielle Ernährung und haben weniger Möglichkeiten, sich ein neues Leben an einem neuen Ort aufzubauen. Zu beachten ist, dass ältere Geflüchtete keine homogene Gruppe sind. Ältere Personen mit Fluchtgeschichte weisen neben Vulnerabilitäten zudem auch Ressourcen auf.

Das 11. Treffen der „Wiener Plattform Frauen – Flucht – Gesundheit“ bot den Rahmen, um Chancen und Herausforderungen in der Betreuung von älteren Menschen mit Fluchtgeschichte in Wien zu besprechen. 97 Personen folgten der Einladung zum fachlichen Austausch am 5. November im Haus Döbling, Häuser zum Leben.

Programm

In sechs Häusern zum Leben werden geflüchtete bzw. vertriebene Menschen betreut. Zunehmend sind darunter Senior*innen, worauf Gastgeber Christian Ellensohn, Abteilungsleiter der Flüchtlings- und Wohnungslosenhilfe der Häuser zum Leben, in seinen Eröffnungsworten aufmerksam machte.

Nadja Asbaghi-Namin von der Wiener Flüchtlingshilfe des FSW erklärte, dass sich zum Zeitpunkt der Veranstaltung 3 679 Senior*innen in der Wiener Grundversorgung befanden. Davon waren 70 %, also der Großteil, Frauen. In ihrem Überblick zeigte sie die Leistungen der Wiener Flüchtlingshilfe auf und sprach über die neuen Zielgruppen und die damit einhergehenden Herausforderungen.

Caroline Niknafs vom Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen berichtete über den Bedarf aus Sicht von Flüchtlingshilfe und Pflege. Ihr Input beruhte auf Interviews und Gesprächsrunden, die sie 2024 mit Fachpersonen in der Pflege sowie mit Fachkräften aus Einrichtungen der Flüchtlingshilfe geführt hat. Dass pflegebedürftige Vertriebene zuerst in Flüchtlingseinrichtungen untergebracht werden, erfordert eine – noch nicht etablierte – Zusammenarbeit von Flüchtlingshilfe mit Pflege und Behindertenhilfe.

Nayla Haddad, Haus Mariahilf – Häuser zum Leben, erzählte aus ihrer Sicht als Teamleiterin eines Hauses, in dem sich geflüchtete und vertriebene Menschen befinden, über die Herausforderungen von älteren Menschen im Rahmen der Grundversorgung.

In Workshops wurden die psychische Gesundheit, die allgemeine Situation der Betroffenen sowie die Probleme von Frauen, die ihre Angehörigen betreuen, erörtert. Die Workshops leiteten Asita Sepanj und Quilla Maria Villca Vincenti, beide vom Gerontopsychiatrischen Zentrum der PSD Wien, Deborah Klingler-Katschnig vom FEM und Caroline Niknafs vom Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen sowie Iryna Grilj und Johanna Pointner, beide von der Volkshilfe Wien. In den Workshops wurden bestehende Hilfsangebote in Wien identifiziert sowie die Herausforderungen in der Arbeit mit älteren Geflüchteten benannt.

Iryna Grilj steht sprechend mit Mikrophon vor zwei Tafeln, auf denen jede Menge handgeschriebene Zetteln gepinnt sind.
Präsentation des Ergebnisses des Workshops Care-Arbeit und Frauen, Iryna Grilj, perspektivo – Beratungsstelle für ukrainische Vertriebene, Volkshilfe Wien, © WPFG

Erkenntnisse im Fokus

Neben altersbedingten Gesundheitsproblemen erleben ältere geflüchtete Frauen den Verlust ihres sozialen Status und Umfelds, sind mit Sprachbarrieren, Einsamkeit, Heimweh und belastenden Wohnverhältnissen konfrontiert. Das höhere Lebensalter multipliziert oft die Perspektivlosigkeit der Betroffenen. Der Versorgung von pflegebedürftigen und kranken alten geflüchteten Menschen stehen allgemeine Herausforderungen im Pflegebereich gegenüber. Geflüchtete Frauen, die ein älteres Familienmitglied betreuen, werden mit den Erwartungen der Gesellschaft und familiärer Care-Arbeit konfrontiert.

Ausgewählte weitere Herausforderungen:

  • Einsamkeit

  • Erzwungenes Zusammenleben in Österreich kann zu möglichen innerfamiliären Konflikten führen, insbesondere bei Zusammenleben auf engem Raum

  • Der Wunsch, im Heimatland zu sterben

  • Sprachbarrieren in ärztlichen Praxen, Krankenhäusern, Tageszentren etc.

  • Tabuisierung psychischer Erkrankungen

  • Pflegende Angehörige stehen nicht bzw. nur eingeschränkt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung

  • Herausforderungen des Pflegebereichs allgemein bei gleichzeitig erhöhtem Betreuungsbedarf von Senior*innen mit Fluchtgeschichte.

Ausgewählte Empfehlungen:

  • Gemeinsame Angebote des Asyl- und Pflegebereichs

  • Ausführliches Clearing schon zu Beginn

  • Ausbau von Angeboten für geflüchtete „fitte“ Alte, dies betrifft sowohl Freizeitangebote wie auch die Möglichkeit für freiwilliges Engagement.