6.11 Wien hat gegurgelt – gemeinsam haben wir Geschichte geschrieben
Beitrag von Richard Gauss
Das Wiener Gesundheitsziel 5 zielt auf die Stärkung der Gesundheitskompetenz ab. Prävention, Früherkennung und Behandlungsabläufe bei epidemiologisch relevanten Krankheiten gezielt zu optimieren, ist der Kern des Wiener Gesundheitsziels 6. Das Wiener Gesundheitsziel 9 fokussiert auf den Aufbau von Gesundheitsmonitoring. Das Best-Practice-Beispiel „Alles gurgelt“ bildet unter Beachtung der Querschnittsaspekte Gendergerechtigkeit und gesundheitliche Chancengerechtigkeit all diese Ziele in einem Projekt ab.
Die Stadt Wien reagierte auf die Covid-19-Pandemie mit einer proaktiven, wissenschaftlich fundierten und sozial gerechten Strategie. Wien setzte im Vergleich zu anderen Städten Europas auf breite PCR-Testungen für die gesamte Bevölkerung, während viele andere Städte und Regionen primär Antigentests nutzten. Die Stadt Wien setzte hier auf die Expertise von Virolog*innen, Mediziner*innen und Universitäten. Auch wenn PCR-Tests teurer und logistisch komplexer sind, wurden diese aufgrund der höheren Sensitivität verwendet.
Mit dem Projekt „Alles gurgelt!“ wurde ab 2021 ein weltweit beachtetes Modell etabliert, bei dem die Bevölkerung gratis PCR-Testkits erhielt, die Tests zu Hause durchführen konnte und das Testergebnis binnen 24 Stunden digital bekam. Es ermöglichte niederschwellige und regelmäßige Tests, die auch asymptomatische Fälle frühzeitig erkannten. Die Testungen waren kostenfrei und für alle zugänglich, unabhängig vom Einkommen oder Wohnort. Die Tests wurden in 14 Sprachen erklärt, um auch migrantische Communitys einzubinden.
Die Ausrollung von „Alles gurgelt!“ war eine logistische und organisatorische Großleistung, die in mehreren Schritten erfolgte und Wien europaweit zum Vorreiter bei PCR-Screeningprogrammen machte. Innerhalb kürzester Zeit wurde eine umfangreiche Test- und Logistik-Infrastruktur aufgebaut, mit über 900 Abgabestellen und einem digitalen System für die Ergebnisübermittlung und den Grünen Pass.
Beginn war im März 2021 mit der Inbetriebnahme der ersten beiden Laborpavillons; innerhalb weniger Wochen arbeiteten rund 500 Mitarbeiter*innen im Labor, um täglich bis zu 50.000 Proben auszuwerten. Der Erfolg des Pilotprojektes zeigte, dass der niederschwellige Zugang mit Testkits für zu Hause und einer Abgabe in Supermärkten praktikabel und userfreundlich war. Im Sommer 2021 erfolgte die Erweiterung der Laborkapazität auf 500.000 Proben täglich. Bis Ende 2021 waren rund 19 Millionen Proben ausgewertet.
Parallel zum Testprogramm setzte Wien auf rasche Impfkampagnen, Maskenpflicht in Innenräumen und gezielte Maßnahmen in vulnerablen Bereichen (Pflegeheime, Schulen).
Zudem kommunizierte Wien regelmäßig mit klaren Zahlen und Botschaften, oft abweichend von Bundesvorgaben, wenn die Stadtregierung strengere Maßnahmen für notwendig hielt.
Rückblickend können folgende Learnings für den Umgang mit der Covid-19-Pandemie festgehalten werden:
- Frühzeitige, flächendeckende Teststrategien sind entscheidend.
- Digitale Infrastruktur ist ein Schlüssel zur Pandemiebekämpfung.
- Transparente Kommunikation schafft Vertrauen.
- Öffentliche Gesundheit braucht logistische Exzellenz.
- Soziale Gerechtigkeit muss im Zentrum stehen.
- Flexibilität und Lernfähigkeit der Verwaltung sind maßgeblich.
- Pandemien sind globale Ereignisse – lokale Lösungen zählen.
Richard Gauss ist Leiter der Abteilung Strategische Gesundheitsversorgung der Stadt Wien (MA 24), Bereichsleiter für Finanzmanagement der Geschäftsgruppe Soziales, Gesundheit und Sport sowie Geschäftsführer des Wiener Gesundheitsfonds.