«  1  »

 

Landtag, 9. Sitzung vom 21.01.2026, Wörtliches Protokoll  -  Seite 33 von 53

 

vor Weihnachten 2025 gab es eine große Herausforderung. Wir hatten schon wieder sozusagen einen Notfall, das heißt, die Krisenzentren haben zugesperrt. Es gab einen Aufnahmestopp. Keine weiteren Kinder konnten dort Unterschlupf finden, die Kinder wurden auf verschiedene Stellen verteilt. So kann das nicht gehen! Wir brauchen die Krisenzentren als offenen Ort, zu dem Kinder kommen können, wofür sie ja eingerichtet wurden, anstatt das man nicht mehr weiß, was man mit ihnen tun soll.

 

Die erneute Prüfung des Stadtrechnungshofes, die jetzt im Jänner erschienen ist, hat gezeigt, dass von fünf zentralen Empfehlungen zu den Krisenzentren nur eine umgesetzt wurde. Die anderen vier sind noch im Fluss - und das seit 2022. Es gibt weiterhin - und ich wiederhole das sehr oft, damit es wirklich gut einsinkt - personelle Engpässe, hohe Fluktuation und ständig wechselnde Bezugspersonen. Das bedeutet, dass die Kinder, die eh schon in Voller Erziehung sind, ständig neue Bindungsabbrüche haben und dass zusätzliche Verunsicherung geschaffen wird. Statt stabile Beziehungen und intensiven Betreuung zu ermöglichen, werden MitarbeiterInnen in eine permanente Überforderungsspirale gedrängt und sind dann allerhöchstens Feuerwehr.

 

Hinzu kommt, dass in Wien leider auch die ambulante Unterstützung für Familien viel geringer ist als in allen anderen Bundesländern. Ich glaube, wenn wir in Prävention investieren, dann müsste man dort genauer hinschauen und herausfinden: Wie können wir Familien unterstützen, bevor es eskaliert? - In Wien erhalten nur 11,6 Prozent der Familien, die das bräuchten, ambulante Betreuung, österreichweit liegt diese Zahl bei 24 Prozent. Das heißt, Wien bietet weniger als die Hälfte dieser Versorgung. Da sollten wir hinschauen. Es braucht mehr Prävention, damit wir die MA 11 in Zukunft entlasten können. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Besonders erschütternd sind für uns die Berichte über die sieben Jugendlichen, die 2025 in Obhut der MA 11, der Kinder- und Jugendhilfe, verstorben sind. Die Todesfälle zeigen auf dramatische Weise, dass es für konsumierende Kinder zu wenig Prävention und zu wenig therapeutische Angebote gibt, und dass es letztlich zu wenig spezialisierte Unterstützung sowohl für die Jugendlichen als auch für das sozialpädagogische Personal, das sich um diese kümmern soll, gibt. Wenn junge Menschen sterben, während sie eigentlich im Schutz dieser Stadt stehen, dann sagt das etwas über die Handlungsfähigkeit der gesamten Institution aus. Leider wird damit auch das Vertrauen in diese Institution massiv verspielt. Das darf nicht passieren. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Genauso erschütternd ist es, wenn engagierte Mitarbeiterinnen sich nicht anders zu helfen wissen, als abgenommene Kleinstkinder zu sich nach Hause mitzunehmen und sie zu Hause unterzubringen. In diesem Zusammenhang möchte ich ganz besonders den vielen, vielen engagierten Mitarbeiterinnen der MA 11 und ihrer weiteren Institutionen danken, die sich Tag für Tag einsetzen und trotz der schwierigen Konditionen ihre Arbeit fortsetzen. Ohne deren Arbeit wäre das System nämlich längst zusammengebrochen. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Die meisten dieser Fachkräfte erleben die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen durchwegs als sinnstiftend, gesellschaftlich wichtig und von starkem Teamzusammenhalt geprägt. Gleichzeitig berichten sie, dass ihr persönliches Engagement nicht ausreicht, um diese strukturellen Defizite auszugleichen.

 

Diese Entwicklungen zeigen ein System, das nicht verlässlich schützt, sondern nur Mängel verwaltet auf dem Rücken jener, die sich am wenigsten wehren können. Hier geht es um Kinderseelen. Es geht um Jugendliche, die in Wien heute leben und morgen unsere Gesellschaft tragen sollen.

 

Deshalb ist jetzt eine offene Debatte hier im Landtag notwendig, weil die wiederholten Warnungen von Stadtrechnungshof, Kinder- und Jugendanwaltschaft und Volksanwaltschaft über Jahre hinweg ohne ausreichende Konsequenzen geblieben sind; weil die Überbelegung der Krisenzentren, der Personalnotstand und die Versorgungslücken in Krisenzeiten strukturelle Schwächen offenlegen und kleine Einzelmaßnahmen nicht mehr ausreichen; weil die drogenbedingten Todesfälle in staatlicher Obhut eine umfassende, unabhängige Untersuchung und eine Neuaufstellung in der Präventionsarbeit, in der Therapie und in Schutzkonzepten brauchen. Außerdem wäre eine Transparenzoffensive betreffend den Umgang mit Fördermitteln auch nicht schlecht. In meinen Augen ist der Umgang mit den Kindern jedoch viel gravierender als der Umgang mit den Fördermitteln, der zu 80 Prozent bis 90 Prozent großartig funktioniert.

 

Diese Debatte schuldet die Politik den Kindern, den Jugendlichen, den Pflegenden, den SozialarbeiterInnen, aber auch den Eltern, die darauf vertrauen, dass ihnen die MA 11 in einer Situation hilft, in der sie sich selber nicht mehr zu helfen wissen. Wer heute über die MA 11 spricht, der spricht nicht nur über eine Behörde, sondern es geht dabei um konkrete Kinder, konkrete Namen, konkrete Gesichter. Es geht um Kinder, die vielleicht Angst haben, die sich alleine fühlen, die auf Erwachsene angewiesen sind, die wirklich Verantwortung übernehmen und übernehmen können. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Jedes Kind, das in einer überfüllten Krisengruppe schläft, jeder Jugendliche, der in der Obhut der Stadt am Drogenkonsum stirbt, ist quasi ein stiller Auftrag an uns alle, nicht ganz einfach zur Tagesordnung überzugehen. Es braucht jetzt den Mut, hinzusehen, Fehler zu benennen und Konsequenzen zu ziehen - und zwar solidarisch mit den Mitarbeiterinnen, aber kompromisslos im Einsatz für die Kinder in dieser Stadt. Eine Debatte über die Missstände der MA 11 ist kein Angriff auf die Kinder- und Jugendhilfe, sondern die Voraussetzung dafür, dass etwas besser wird. Man muss nämlich hinsehen, damit die MA 11 wieder das ist, was sie eigentlich sein soll: Ein sicherer Ort, der Kinder schützt, der Familien schützt und der unser aller Vertrauen verdient. Dieses Vertrauen muss man einem solchen Ort auch entgegenbringen können.

 

«  1  »

Verantwortlich für diese Seite:
Stadt Wien | Geschäftsstelle Landtag, Gemeinderat, Landesregierung und Stadtsenat (Magistratsdirektion)
Kontaktformular