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Landtag, 9. Sitzung vom 21.01.2026, Wörtliches Protokoll  -  Seite 32 von 53

 

Erstes Zitat: "Man ist nur noch Feuerwehr. Man kann nicht mehr das tun, wofür man ausgebildet wurde, nämlich wirkliche Beziehungsarbeit zu leisten, Kinder verstehen, ihnen helfen, ihre Traumata bearbeiten. Stattdessen geht es darum: Wer kriegt heute Essen? Wer schläft wo? Wer ist gerade in einer Krise? Die Qualität der Arbeit leidet massiv."

 

Eine andere ehemalige Mitarbeiterin berichtet von Schichten mit bis zu acht Kindern allein in einer Wohngruppe, in der gleichzeitig ein Kind gewalttätig und ein anderes traumatisiert ist. Sie muss entscheiden: "Um wen kümmere ich mich zuerst?"

 

Ein weiteres wiederkehrendes Motiv in Erfahrungsberichten ist die Frustration darüber, dass für Kinder keine geeigneten Folgeplätze vorhanden sind. - Dazu wiederum ein Zitat: "Ich habe mich intensiv für ein Kind eingesetzt, und dann gibt es keinen Platz. Das Kind kommt in ein noch überfüllteres Krisenzentrum. Irgendwann kann ich nicht mehr mit gutem Gewissen sagen: Ich stelle den Kinderschutz sicher. Das ist ein Gefühl, das viele zur Kündigung treibt."

 

Beschäftigte erleben, dass ihre Expertise, ihre Zeit und ihre emotionale Investition nicht zu besseren Outcomes für die Kinder führen, weil systematisch an den spezifischen Stellen Plätze fehlen. Es gibt keine Angebote und keine ausreichenden Strukturen.

 

Auch auf Bewertungsplattformen und in Interviews wird immer wieder gewarnt, dass die Diskrepanz zwischen der Verantwortung, die Personen haben, und der entsprechenden Wertschätzung sehr frustrierend ist. Das bedeutet konkret: Zu lange Dienste und Nachtdienste ohne angemessene Kompensation; zu wenig Raum für Supervision und professionelle Reflexion; das Gefühl, dass politische Entscheidungsträger das Ausmaß dieser Belastung nicht verstehen; ein System, das Mangelverwaltung statt Schutz betreibt, während Fachkräfte die volle Verantwortung für die Kinderseelen tragen.

 

Ein häufig geäußerter Satz ist - ich zitiere: "Es ist nicht die Arbeit mit den Kindern, die mich raushaut, sondern es ist das System, das mich ausbrennt."

 

Erhebungen und Berichte aus den Fachverbänden zeigen, dass sich Burnouts durch die Kinder- und Jugendhilfe ziehen. Immer wieder liest man von chronischer Überlastung ohne realistische Aussicht auf Verbesserung, hoher emotionaler Belastung durch traumatisierte Kinder, unzureichenden Ruhezeiten und Erholungsmöglichkeiten und dem Gefühl, dass jahrelange Warnungen des Stadtrechnungshofes, der Volksanwaltschaft und der Kinder- und Jugendanwaltschaft nicht zu ausreichenden Konsequenzen führen.

 

Das mündet in eine Spirale, die wir kennen: Beschäftigte kündigen, weil ihre Gesundheit leidet, das Personal wird knapper, die Belastung für das verbleibende Team wird noch größer, es gibt noch mehr Kündigungen.

 

Trotz aller Kritik wird in den Erfahrungsberichten deutlich, dass sehr viele MitarbeiterInnen gerne bleiben würden, wenn sich die Bedingungen ändern würden. Sie wollen gute Arbeit leisten, sie wollen Kinder schützen, sie können aber nicht unbegrenzt gegen ein überlastetes System mit Personalnotstand ankämpfen.

 

Ein Satz, der sich durch viele Berichte zieht: "Wenn es strukturelle Entlastungen gäbe, wenn Personalstellen wirklich endlich besetzt wären, wenn ich nicht permanent in der Krise wäre, dann würde ich gerne bleiben. Aber so kann ich nicht mehr."

 

Diese Erfahrungsberichte von MA 11-MitarbeiterInnen zeichnen ein Bild von engagierten Fachkräften, die in einem strukturell zerbrochenen System arbeiten und merken, dass ihre Liebe zur Arbeit nicht ausreicht, um dieses System zu flicken. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Das ist eine tief verstörende Botschaft, und das muss uns als PolitikerInnen aufrütteln. Deshalb haben wir unsere Dringliche Anfrage formuliert - und zwar nicht nur deshalb. Sie werden gleich wissen, warum noch.

 

Die Kinder- und Jugendhilfe trägt - wie wir wissen - die Verantwortung in dieser Stadt, die Kinder zu schützen, Familien zu stärken und jedem jungen Erwachsenen und jedem jungen Menschen ein sicheres, gewaltfreies und würdiges Aufwachsen zu ermöglichen. Wo Eltern überfordert sind, wo Gewalt, Vernachlässigung oder Sucht das Leben bestimmen, soll diese Institution ein Schutzraum, eine Anwältin und verlässlicher Halt gerade für jene sein, die keine Stimme haben beziehungsweise deren Stimme zu leise ist. Wenn ausgerechnet dort, wo Kinder Sicherheit finden müssten, selbst Gefahr und Überforderung und mangelnde Fürsorge sichtbar werden, dann ist eine offene, schonungslose Debatte keine Option mehr, sondern Pflicht. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Die Kinder- und Jugendhilfe ist gesetzlich dazu verpflichtet, bei Kindeswohlgefährdungen einzugreifen, Kinder zu schützen und ihnen in Krisenzentren, in Wohngemeinschaften und in der Krisenpflege eine sichere und stabile Umgebung zu bieten. Die Kinder- und Jugendhilfe sollte Familien frühzeitig unterstützen, damit es gar nicht erst zu einer Fremdunterbringung kommt, und dort, wo Herausnahme notwendig ist, Verlässlichkeit, Kontinuität und Perspektiven sichern. Das ist der Kern der Verantwortung dieser Stadt gegenüber den Kindern und Jugendlichen in dieser Stadt.

 

In den vergangenen Jahren wurde leider immer wieder vom Stadtrechnungshof, von der Kinder- und Jugendanwaltschaft und von der Volksanwaltschaft auf gravierende Missstände hingewiesen: Chronische Überbelegung, Personalmangel, und Empfehlungen, die über Jahre nicht umgesetzt worden sind. Noch 2023 - und ich wiederhole das gerne, weil das immer wieder erschreckend ist - gab es eine Überbelastung von 112 Prozent in den Krisenzentren der Kinder- und Jugendhilfe. Im ersten Halbjahr 2024 waren es 120 Prozent, und heute ist aktuelle Zahl gekommen: 2025 ist die Überbelastung auf 123,7 Prozent gestiegen, ist also noch etwas höher. Das heißt, es gibt keine Entlastung, sondern sozusagen eine zunehmende Verkrisung der Situation. Die Situation wird immer belastender für alle Beteiligten. So kann es nicht weitergehen in dieser Stadt! Es tut mir wirklich leid, das sagen zu müssen. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Sie wissen das, ich habe es am Vormittag schon kurz erwähnt, doch ich möchte es noch einmal sagen. Auch

 

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