Gemeinderat, 16. Sitzung vom 23.06.2026, Wörtliches Protokoll - Seite 52 von 118
Als Nächste zu Wort gemeldet ist GRin Weninger. Gewählte Redezeit: acht Minuten. - Bitte schön.
GRin Katharina Weninger, BA (SPÖ): Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Frau Stadträtin, sehr geehrte Damen und Herren!
Für mich gibt es beim Rechnungsabschluss Fragen, die fast noch ein bisschen interessanter sind als die Zahlen. Zahlen sind natürlich wichtig, gerade in Zeiten eines angespannten Budgets. Es geht aber nicht nur darum, wie viel man ausgibt, sondern es geht vielmehr auch um die Fragen: Wofür gibt man das Geld aus? Wofür entscheidet man sich? Und vor allem: Was sind die Gedanken dahinter?
Wien hat sich entschieden, Kultur nicht als Luxus zu behandeln, nicht als Dekoration, nicht als das, was übrigbleibt, wenn alles andere bezahlt ist. Wien behandelt Kultur als Infrastruktur, so grundlegend wie Schulen, so notwendig wie öffentlicher Verkehr. Wien behandelt Kultur als etwas, das diese Stadt erst zu unserer Stadt macht. Oder es in den Worten unserer Finanzstadträtin bei ihrer gestrigen Rede auszudrücken: "Diese Veranstaltungen sind Nahrung für die Seele und ein ganz wichtiger Beitrag zur Lebensqualität in unserer Stadt. " (Beifall bei der SPÖ.)
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist eine politische Entscheidung. Und der Rechnungsabschluss 2025 zeigt, was diese Entscheidung in der Praxis bedeutet - und zwar auch unter echtem Budgetdruck. Ja, manche Projekte wurden verschoben, und es wurden sogar manche Mittel gekürzt. Das sagen wir offen. Die Grundstruktur hat aber gehalten, und das ist kein Zufall. Dafür möchte ich mich bei unserer Stadträtin bedanken, die in diesen schweren Zeiten die Förderungen nicht mit dem Rasenmäher gekürzt hat, sondern die Sache wirklich mit Fingerspitzengefühl angegangen ist - und zwar - was ich für besonders wichtig halte - immer im Dialog mit den Kulturschaffenden. (Beifall bei der SPÖ.)
Es gibt Prinzipien, nach denen die Kulturpolitik in unserer Stadt funktioniert. Erstens: Kultur gehört allen - und zwar wirklich allen. 831 000 Menschen haben 2025 das Wien Museum besucht. Das sind fast so viele wie im Rekordjahr der Wiedereröffnung. Was aber zieht die Menschen hin? - Nicht Stadtgeschichte im Glaskasten, sondern Stadtgesellschaft, die sich selbst ansieht. Wir haben heute schon von der tollen Ausstellung "Kontrollierte Freiheit. Die Alliierten in Wien" mit ZeitzeugInnen gehört. Oder: "Fleisch" war eine Ausstellung, bei der hinterfragt wurde, was auf unserem Teller landet, wer das produziert und was das über Geschlechterrollen und Klassenfragen verrät.
Die community gallery im Wien Museum ist mit Ausstellungen wie "30 Jahre Augustin", "Die philippinische Community in Wien" oder " Das System der Essenszustellung" ein Museum, das nicht fragt: Wer kommt zu uns?, sondern: Wessen Geschichten erzählen wir? - Das macht den Unterschied.
Dasselbe gilt für das Kinderliteraturfestival. Eine Woche, 8 500 BesucherInnen, 200 000 EUR Förderung, Lesungen, Theater, Workshops. Und ab 2025 liegt der klare Fokus auf früher Mehrsprachigkeit, weil Wien eine vielsprachige Stadt ist, weil das keine Herausforderung ist, sondern unsere Stärke, und weil Lesekompetenz keine Frage der Herkunft sein darf.
Das zweite Prinzip lautet, dass Verlässlichkeit auch eine Form von Respekt ist. Kunst braucht Zeit, Kunst braucht Planbarkeit. Wer jährlich um das Überleben kämpft, kann keine gute Kunst machen. Das weiß jede und jeder, die oder der schon einmal in diesem Bereich gearbeitet hat. Auch im Hinblick darauf freue ich mich, dass wir weiter auf mehrjährige Förderungen zählen können. Wir wissen nämlich, dass Verlässlichkeit auch Wirkung zeigt. So feiert zum Beispiel die Alte Schmiede ihr 50-jähriges Jubiläum, das bedeutet ein halbes Jahrhundert Literatur, etablierte Namen, junge Stimmen - und zwar österreichische und internationale. Das funktioniert nicht trotz der Förderung, sondern das funktioniert genau wegen der Förderung und wegen ihrer Kontinuität.
Das TEATA zeigt zum Beispiel, was das konkret bedeutet. Es gibt eine neue künstlerische Leitung unter Sara Ostertag, und gleichzeitig fand eine Grundsanierung um knapp 2,2 Millionen EUR statt. Davor gab es Wasserschäden, veraltete Haustechnik, also das ganze Programm. In der Zwischenzeit spielt das TEATA an fünf Wiener Bühnen weiter. Die erste Uraufführung "Das Ende ist nah" nach Amir Gudarzi erfolgte auf Deutsch, Persisch und Arabisch. Das ist kein Notbetrieb, sondern das ist eine Kompanie, die weiß, dass Wien sie hält und sie somit arbeiten kann.
Drittens: Wien lässt niemanden fallen. Gerald Pichowetz, Gründer des Gloria Theaters, stirbt im Juni 2024 plötzlich. Das Haus steht monatelang an der Kippe. Was macht die Stadt? - Sie sucht. Und sie findet in Claudia Rohnefeld eine Nachfolgerin, die das Haus von innen kennt. Die Stadt stellt 470 000 EUR bereit. Die Wiedereröffnung findet bereits im März 2026 statt. Es gibt keine großen Schlagzeilen, kein Triumphgeheul, sondern das Haus lebt ganz einfach weiter. - Das ist kulturpolitisches Handwerk, und das ist schwieriger, als es klingt.
Auch das Tanzquartier Wien hat eine neue künstlerische Leitung. Die Eröffnung erfolgte bei freiem Eintritt. Die Halle G war ein wilder Garten. Tanz und Performance waren eine sinnliche, körperliche, gemeinsame Erfahrung - und zwar nicht nur für ein Fachpublikum, sondern für unsere Stadt.
Und noch ein viertes Prinzip prägt unsere Kulturpolitik: Wien wartet nicht, Wien kommt zu den WienerInnen. Das ist für mich eine der stärksten kulturpolitischen Aussagen unserer Stadt. Wiener Kulturpolitik sitzt nicht in der Innenstadt und wartet, dass die Menschen kommen. Sie geht hin, in die Bezirke, in die Grätzel, zu den Menschen, die nicht selbstverständlich ins Theater gehen, weil der Weg zu weit ist, weil vielleicht das Ticket zu teuer ist oder weil sich die Menschen vielleicht manchmal nicht gemeint fühlen.
Das Volkstheater macht das seit 1954 - Volkstheater in den Bezirken, 15 Spielstätten quer durch die Stadt. Und mit Jan Philipp Gloger, der seit Herbst 2025 künstlerischer Direktor ist, bekommt dieser Bereich noch einmal mehr Gewicht.
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