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Gemeinderat, 16. Sitzung vom 23.06.2026, Wörtliches Protokoll  -  Seite 45 von 118

 

die in den letzten Jahren so wunderbar und innovativ von Monika Erb geführt wurde, der ich auf diesem Wege - vielleicht schaut sie ja zu - für ihr langes und wichtiges Wirken danken möchte und alles Gute für ihren Unruhestand wünschen möchte. Ich denke, ich kann in unser aller Namen sagen, dass die Monika Erb wirklich einen tollen Job gemacht hat. Natürlich wünsche ich auch ihrem Nachfolger Jürgen Partaj alles Gute. Meine Kollegin Patricia Anderle wird zur Basis.Kultur.Wien noch ein bisschen mehr sagen. (Beifall bei SPÖ und NEOS sowie von StR Stefan Berger und GRin Mag. Mag. Julia Malle.)

 

Aber damit es nicht zu romantisch wird: Demokratie besteht natürlich nicht nur aus Kooperation. Demokratie braucht auch Gestaltung und Initiative der Regierenden. Unsere Stadtregierung wurde gewählt, um Schwerpunkte zu setzen, mutige Entscheidungen zu treffen und die grundsätzliche Richtung einer Gesellschaft, also der Wiener Stadtgesellschaft, vorzugeben. Genau das tut die Fortschrittskoalition aus SPÖ und NEOS.

 

Die Wiener Festwochen sind dafür ein sehr gutes Beispiel, und sie wurden ja heute schon zweimal angesprochen. Sie sind nicht irgendein Kulturprojekt, sie sind das internationale Aushängeschild dieser Stadt. Sie machen Wien zu einem Ort der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit. Sie tragen dazu bei, dass Wien nicht nur Kulturgeschichte bewahrt, sondern selbst Kulturgeschichte schreibt.

 

Nicht jede programmatische Entscheidung wird von allen geteilt, liebe Frau Kollegin Edelmann und auch Kollege Brucker. Ob wir Politikerinnen und Politiker programmatische Entscheidungen gut oder schlecht finden, ist zwar für uns hier in der Beratung von Bedeutung, aber für das Kunst- und Kulturschaffen ist es vollkommen nebensächlich. Das ist auch gut und richtig so, denn Kunst und Kultur bleiben weiterhin frei in dieser Stadt.

 

Frau Kollegin Edelmann, Sie haben suggeriert, die Wiener Festwochen seien auch deswegen ein Problem, weil sie am Wiener Publikum vorbeiproduzieren würden. - Das ist aber nicht der Fall. Ich sage einfach nur eine Zahl: 91 Prozent Auslastung sind eigentlich etwas, das sich hier einen riesengroßen Applaus verdient. (Beifall bei SPÖ und NEOS sowie von GRin Mag. Mag. Julia Malle.) - Bitte.

 

Meine Damen und Herren, Kultur zeigt sich aber nicht nur darin, welche Projekte wir fördern, gute Kultur zeigt sich auch darin, wie wir mit unserer Geschichte umgehen, vor allem dann, wenn sie schmerzhaft ist. Deshalb möchte ich auch zum Karl-Lueger-Mahnmal einige Gedanken äußern. Die Wiener Lösung ist für mich ein gelungenes Beispiel dafür, wie eine demokratische Gesellschaft, eine moderne, zivilisierte Stadtgesellschaft, mit den schwierigen Kapiteln ihrer Vergangenheit umgehen kann. Karl Lueger war ein prägender Bürgermeister dieser Stadt, das muss man anerkennen. Niemand wird bestreiten, dass Wien während seiner Amtszeit infrastrukturell weiterentwickelt wurde, aber ebenso wenig dürfen wir verschweigen, dass seine politische Rhetorik von aggressivem Antisemitismus geprägt war. Seine Demagogie war kein Randaspekt seines politischen Wirkens, sie war ein wesentlicher Bestandteil davon.

 

Wer Geschichte ernst nimmt, muss beides sehen: die Leistungen und die Verantwortung. Die Frage war daher nicht, ob wir über Karl Lueger sprechen und diskutieren, die Frage war, wie wir über ihn sprechen. Genau hier zeigt sich die Qualität der Wiener Lösung. Wir haben nichts verdrängt, wir haben nichts beschönigt, wir haben auch nichts ausgelöscht, wir haben kein Denkmal gestürzt, und wir haben keine Geschichte entfernt, denn kritische Erinnerung entsteht nicht durch Verdrängen, Vergessen oder Löschen. Kritische Erinnerung entsteht durch aktive Auseinandersetzung. In ganz einfachen Worten: Dort, wo nichts ist, ist eben nichts. Am Nichts kann sich keine kritische Auseinandersetzung mehr entzünden. Das ist rein phänomenologisch eine Tatsache. Man kann es auch anders sagen: Das Böse ist, meiner Meinung nach, in erster Linie nicht dazu da, um es zu bekämpfen, sondern um gut daran zu werden. So geht eine demokratische Gesellschaft mit Ihrer Vergangenheit um - nicht mit Empörung oder Verdrängung, sondern mit Dialog, Wissenschaft und Kunst. Das Ergebnis können wir heute am Stubenring sehen. Das Denkmal wurde nicht beseitigt, aber sein Anspruch auf Unantastbarkeit wurde gebrochen. Die Statue wurde um 3,5 Grad geneigt - eine kleine Veränderung, und doch verändert sie alles. Aus einem Denkmal wurde ein Mahnmal, aus einer Ehrung wurde eine Fragestellung, aus Gewissheit wurde Nachdenklichkeit.

 

Herr Wihlidal, der Künstler, spricht von einem Zustand zwischen Stehen und Fallen. Genau das macht die Stärke dieser Intervention aus. Sie erklärt nicht, sie belehrt nicht, sie zwingt niemandem eine Meinung auf, aber sie irritiert, sie fordert heraus, sie lädt dazu ein, Fragen zu stellen: über Antisemitismus, über politischen Populismus, über Ausgrenzung und über unsere Verantwortung heute.

 

Aber genug der Worte! Ich lade Sie ein, sich selbst ein Bild zu machen. Gehen Sie zum Stubenring! Lassen Sie diese Installation, diese neue Realität auf sich wirken! Ob man will oder nicht: Sichtweisen geraten in Bewegung, Wahrnehmungen geraten in Bewegung, Denkmuster geraten in Bewegung. Der Lueger ist immer noch da, aber er thront nicht mehr über den Platz. Er lädt nun dazu ein, befragt zu werden, hinterfragt zu werden, neu betrachtet zu werden. Manchmal sagen 3,5 Grad mehr als 1 000 Worte.

 

Auch ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der MA 7 und der MA 8 sowie auch des Büros der Frau Stadträtin sehr herzlich bedanken, so wie auch der Thomas Weber, natürlich auch bei den wichtigsten Stakeholdern der Kunst- und Kulturlandschaft, nämlich bei den Kulturschaffenden selbst. - Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen noch gute Beratungen. (Beifall bei SPÖ und NEOS.)

 

Vorsitzender GR Mag. Thomas Reindl: Zu Wort gemeldet: GR Dr. Gorlitzer. Zehn Minuten. - Bitte.

 

13.41.22

GR Dr. Michael Gorlitzer, MBA (ÖVP)|: Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Frau Stadträtin, meine Damen und Herren!

 

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