Gemeinderat, 16. Sitzung vom 23.06.2026, Wörtliches Protokoll - Seite 40 von 118
Förderung für das Dschungel und für das ZOOM Kindermuseum.
Kinderkultur ist wichtig, denn wer als Kind lernt, dass Widerspruch erlaubt ist und dass die eigene Meinung zählt, der wird auch in späteren Jahren nicht so verführbar für einfache Antworten werden. Eine Investition in Kinderkultur ist eine Investition in das Immunsystem unserer Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, dass wir Kinderkultur fördern. (Beifall bei NEOS und SPÖ.)
Kultur braucht mehr als Projekte, Kultur braucht auch ganz konkret Räume. Mit dem ATELIERHAUS auf dem Otto-Wagner-Areal entstehen langfristig Arbeitsplätze, Werkstätten, Residenzen, ein Ort, an dem Kunst und Kultur dauerhaft produziert werden. Das ist in Wirklichkeit Resilienzpolitik. Wir fördern nicht das fertige Werk, sondern wir sichern Bedingungen, unter denen Kultur überhaupt erst entstehen kann.
Dazu gehört auch - großartig - der Wiener Filmstandort. 2025 verzeichnete der Filmfonds Wien ein Rekordjahr mit 14,8 Millionen EUR, die in 179 unterschiedliche Filmprojekte geflossen sind. Auch hier sei eine wichtige Bemerkung gemacht: Kultur und Wirtschaft sind keine Gegensätze. Wer Kultur fördert, der fördert auch Arbeitsplätze. Wer Kultur fördert, der fördert Wertschöpfung und erhöht die Standortattraktivität. Kunst und Kultur sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
Wir haben im Jahr 2025 auch die Konzeptförderung für die freie Szene weiterentwickelt. Theaterhäuser mit fester Infrastruktur sind in die institutionelle Förderung gewechselt. Die Konzeptförderung gehört damit jenen, denen sie gebührt, nämlich den freien Gruppen. Das schafft in Wirklichkeit mehr Spielraum, das schafft mehr Fairness und für jene, die die Wiener Kulturszene abseits der großen Häuser lebendig erhalten, auch mehr Planbarkeit.
2025 war aber auch ein Gedenkjahr. 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Wien Museum hat daher mit einer großartigen Ausstellung - "Kontrollierte Freiheit. Die Alliierten in Wien" - gezeigt, wie eine Stadt sich ihrer eigenen Geschichte stellt, wie aus Besatzung, Zerstörung und Neuanfang eine demokratische Identität Österreichs entstanden ist, ohne Beschönigung, ohne Wegschauen.
Wenn wir von Gegenkultur reden, wir setzen auch ein wichtiges Zeichen. Das Jüdische Museum Wien, das älteste jüdische Museum der Welt, hat 2025 sein 130-jähriges Bestehen gefeiert. Das Jüdische Museum wird auch in Zukunft von uns nicht nur weiterhin unterstützt werden, sondern auch gestärkt werden. Erlauben Sie mir an der Stelle auch der Barbara Staudinger und dem Team des großartigen Jüdischen Museum Wien meinen herzlichen Dank auszusprechen, für das, was sie machen. Ihr macht großartige Arbeit, das Jüdische Museum ist wichtig für uns als Stadt. (Beifall bei NEOS, SPÖ und GRÜNEN.)
Wir investieren auch in die laufende Sanierung des Stadttempels, eines Herzstückes der jüdischen Community in Wien. 10,5 Millionen EUR Gesamtkosten - ein Drittel davon tragen wir in Wien. Bei seinem 200-jährigen Jubiläum 2026 wird er saniert sein. Auch das ist ein wichtiges und sehr klares Signal. Wir stehen zu unserer jüdischen Geschichte, wir stehen zu unserer jüdischen Gegenwart, und wir stehen zum jüdischen Leben im Wien der Zukunft.
Kulturpolitik zeigt sich aber nicht nur an den großen Leuchtturmprojekten, sie zeigt sich auch an den vielen Orten, die Kultur tragen, an den Häusern der Wien Holding beispielsweise, an der Kunst im öffentlichen Raum, aber auch an der Club- und Nachtkultur, die für viele junge Wienerinnen und Wiener die erste niederschwellige Begegnung mit Kunst und Kultur überhaupt ist. Nicht alles auf wenige Prestigeprojekte setzen, sondern ein dichtes lebendiges Netz quer durch Wien! Eine Stadt wie Wien ist dann kulturell reich, wenn sie möglichst vielen unterschiedlichen Menschen die Möglichkeit gibt, an Kultur teilzuhaben.
Kultur muss auch etwas tun, was eine wichtige Aufgabe von Kunst und Kultur ist, nämlich nicht nur bestätigen. Kulturpolitik ist immer dann gefährdet, wenn sie vereinfacht wird, wenn Kunst und Kultur nur noch nach unmittelbarem Wissen bewertet werden. Wenn Kultur auf Gefälligkeit, auf Eindeutigkeit, auf politische Verwertbarkeit reduziert werden soll, dann sind Kunst und Kultur gefährdet. Wir erleben das immer wieder. Da wird Kunst, die aneckt, als verzichtbar abgetan. Da wird verlangt, Kultur müsse sich für irgendetwas rechtfertigen, müsse nützlich sein, müsse gefallen. - Nein, das ist eine Verengung, vor der ich warne. Kunst in brauchbar und in überflüssig zu sortieren, die Zugehörigkeit vor Qualität zu stellen, die Erwartung von Neugier - das ist in Wirklichkeit nicht Kulturpolitik, das ist in Wirklichkeit Kontrolle von Kunst und Kultur. Das ist nichts, was ich in Wien haben möchte. (Beifall bei NEOS und SPÖ.)
Das Motto muss daher sein: Kultur ermöglichen, statt sie zu normieren, Räume öffnen, statt Inhalte vorzuschreiben, und einer Gesellschaft vertrauen, die mit Vielfalt umgehen kann, auch mit Vielfalt, die möglicherweise manche irritiert! Wer in Kultur investiert, der investiert in unsere Demokratie. Kunst und Kultur sind das Immunsystem unserer Gesellschaft. Dort, wo Kunst Fragen stellen darf, hat Propaganda ein Problem. Dort, wo Kultur widerspricht, finden in Wirklichkeit autokratische Systeme keine Ruhe. Dort, wo Vielfalt lebt, verliert der Populismus seine Giftzähne.
Wer früh erlebt, dass Debatten und Denken öffentlich sein dürfen, dass man einen Widerspruch aushalten kann, der wird auch weniger anfällig für die einfachen Antworten und für die vorgefertigten Weltbilder. Das ist der Grund, warum jeder Euro, den wir in Kultur investieren, ein gut investierter Euro in Freiheit, in Menschenrechte, in die Vielfalt und in unsere Demokratie ist.
Der Rechnungsabschluss 2025 zeigt für mich: Wir haben es in diesem Jahr geschafft, die Vielfalt der Kulturszene zu sichern, die Teilhabe an Kultur zu ermöglichen und die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Ich finde, dass wir darauf stolz sein können. Ich freue mich auf die Debatte und auf ein gutes Jahr 2026. - Vielen Dank. (Beifall bei NEOS und SPÖ.)
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