Gemeinderat, 16. Sitzung vom 23.06.2026, Wörtliches Protokoll - Seite 37 von 118
mit dem Schild am vergangenen Freitag vor der Kammeroper rief ungeahntes Interesse und Zuspruch aus allen Ecken des politischen Spektrums hervor. (Beifall bei der ÖVP.)
Ich wollte dem herbeiströmenden Publikum, den Künstlern, den Mitarbeitern, aber auch den unbedarften Passanten vor Augen führen, dass diese unnötige Einsparung wieder einmal die falsche Institution betrifft. Der Betrag von jährlich 800 000 EUR Direktförderung, den die Stadt Wien nun aus der Eliminierung der Kammeroper lukriert, steht in keinem Verhältnis zu den 13,6 Millionen EUR Jahresförderung für die Wiener Festwochen. Nur zwei der 35 jüngst abgespielten Festwochenproduktionen weniger und die Kammeroper könnte weiterleben.
Warum ist es so, dass manche Kulturinstitutionen trotz der mehr als prekären Budgetsituation weiterhin aus dem Vollen schöpfen dürfen und andere altbewährte Einrichtungen die Pforten schließen müssen? Scheint es nicht völlig offensichtlich, dass diese Entscheidungen tendenziös und politisch motiviert sind? - Kehren Sie um, Frau Stadträtin! Öffnen Sie diese wichtige Einrichtung nächstes Jahr wieder! Denn ich weiß, ich merke es, wie sehr Sie das Aus der Kammeroper selbst stört. (Beifall bei der ÖVP. - Heiterkeit bei GR Thomas Weber und GRin Dipl.-Ing. Selma Arapović.)
Es ist sparen an der falschen Stelle, genauso wie die 30-prozentige Erhöhung der Musikschulbeiträge, die Einführung einer Einschreibgebühr und das Wegfallen der Geschwisterrabatte ab dem Herbstsemester. Es ist sparen an der fatal falschesten Stelle: bei unserem Nachwuchs, bei unseren Talenten, bei unseren Kindern. Die Stadtregierung darf nicht bei der Förderung der musikinteressierten Jugend ansetzen, um das fehlentwickelte Budget zu sanieren. (Beifall bei der ÖVP.)
Wien braucht signifikant mehr Musikschulplätze. 25 Prozent der Angemeldeten bekommen keinen Platz und stehen auf der Warteliste. Mir ist klar, Frau Stadträtin, dass die Musikschulen in das Ressort der Bildungsstadträtin fallen, aber ähnlich wie die Studierenden an unseren Musikuniversitäten sind sie jener Nachwuchs, der à la longue Wiens Status als Welthauptstadt der Musik garantiert.
Wien darf nicht bei der Bildung und Gesellschaftsteilhabe der Heranwachsenden sparen. Untersuchungen zeigen, dass Musikunterricht die Kreativität der jungen Menschen, die soziale Integration, das Selbstvertrauen und den schulischen Erfolg erheblich steigert.
Ursprünglich war unser Antrag klar darauf ausgerichtet, heute eine deutliche Entscheidung für den Erhalt der Kammeroper einzufordern. Nachdem die SPÖ nun auf uns zugekommen ist und eine Abänderung auf Zuweisung vorgeschlagen hat, nehmen wir dieses Signal zur Kenntnis. Wenn diese Zuweisung ernst gemeint ist, dann darf sie aber nicht nur ein formaler Weg sein, um das Thema zu vertagen. Sie muss vielmehr die echte Möglichkeit eröffnen, die Entscheidung noch einmal inhaltlich zu diskutieren und Alternativen zu prüfen, und muss eine Lösung für den Fortbestand der Kammeroper erwarten lassen. (Beifall bei der ÖVP.)
Wir sind bereit, diesen Weg mitzugehen, aber mit einer klaren Erwartung: Die Zuweisung muss eine Chance zur Umkehr sein, nicht das stille Begräbnis einer traditionsreichen Wiener Kulturinstitution im Ausschuss. Andernfalls sehen Sie mich weiterhin mit diesem Schild durch die Stadt laufen, sehr geehrte Frau Stadträtin. (Beifall bei der ÖVP.)
Kommen wir zu den Wiener Festwochen. Ich habe es heute schon erwähnt, unser 13,6 Millionen EUR teures Festival, die Wiener Festwochen, die vorgestern nach sechs Wochen zum 75.-mal zu Ende gingen. Ab dem Neustart damals im Jahr 1951 galt das ungeschriebene Gesetz, dass das Festival fünf Wochen läuft. In den letzten Jahren wurde das Programm so gestaltet, dass sich die Veranstaltungen heute über sechs Wochen erstrecken.
Ich selbst kam auch heuer wieder mehrfach in den teilweise fraglichen Genuss, viele Produktionen zu besuchen. Mein Eindruck war zwiespältig. Es gab Vorstellungen, bei denen ich im Theater eingeschlafen bin, und welche, die so aufwühlend und negativ provozierend waren, dass ich nachher zu Hause kaum einschlafen konnte. (Heiterkeit bei GR Thomas Weber. - Oh-Rufe bei den GRÜNEN.)
Die Publikumsgespräche erweiterten meinen Horizont insofern, als ich Milo Rau persönlich kennenlernen und mich mit ihm austauschen konnte. Kurzum: Ich wage zu behaupten, mich nicht nur umfassend über das Festwochenangebot informiert, sondern auch vollinhaltlich darauf eingelassen zu haben. Ich kann also, nein ich will mitreden. Es ist mir sehr wichtig, nicht unqualifiziert loszupoltern - ich schaue da einmal in diese Richtung (in Richtung FPÖ) -, sondern konstruktive Kritik zu üben. Woher kommen die Festwochen, und wohin gehen sie?
Provokation war den Festwochen nie fremd, politische und ideologisch motivierte Künstler auch nicht. Das ist alles nichts Neues. Neu jedoch ist seit einigen Jahren - und speziell seit Milo Rau Intendant ist -, dass es so gut wie keine entspannenden Beiträge gibt, keine Aufführungen, die einfach nur unterhalten oder beglücken. (Heiterkeit bei GR Mag. Lukas Burian.) Es mutiert sukzessive zu einem Festival für eine ganz bestimmte linksintellektuelle Elite.
Was fängt ein Durchschnittswiener mit der Freien Republik Wien, mit der Republik der Liebe und mit der Republik des Glaubens an? - Milo Rau verwandelt die Wiener Festwochen von einem reinen Kulturfestival in ein politisches Mitbestimmungsexperiment. Die Stadt Wien sollte als Antwort auf rechtspopulistische Abschottungstendenzen symbolisch in eine offene Republik verwandelt werden, so sein Tenor. Wer schützt die Stadt vor linkspopulistischem Aktionismus? (Beifall bei der ÖVP. - GR Michael Stumpf, BA: Richtig!)
Wenn es nach mir ginge, käme nächstes Jahr die Republik der Hoffnung dran. Zumindest würde dieses Schlagwort noch fehlen. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt, dass diese Abwärtsspirale ins Linkspopulistische ein Ende nimmt. (Beifall bei der ÖVP.)
Milo Rau steht für die radikale Verbindung von Aktivismus und Theater und für politischen Realismus. Er
Stadt Wien | Geschäftsstelle Landtag, Gemeinderat, Landesregierung und Stadtsenat (Magistratsdirektion)
Kontaktformular