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Gemeinderat, 11. Sitzung vom 18.02.2026, Wörtliches Protokoll  -  Seite 87 von 119

 

über 4 000 Betretungs- und Annährungsverbote wurden ausgesprochen. Das sind erschütternde Zahlen. Das Erschütternde ist aber, dass das nur die Spitze des Eisberges sein kann. Es gab unlängst eine Studie, dass nur rund 5 Prozent der Betroffenen überhaupt eine Anzeige erstatten. Das heißt, man kann davon ausgehen, dass das tatsächliche Ausmaß um ein Vielfaches höher ist.

 

Das sind tausende Frauen und Kinder, das sind zerstörte Biografien, das sind Demütigungen. Da geht es um Kontrolle, um Angst und im schlimmsten Fall geht es auch um Femizid. Und ja natürlich, wir müssen die Frauenhäuser stärken, da ist Wien gut unterwegs. Wir müssen die Opferschutzeinrichtungen ausbauen, wir müssen Prävention in den Schulen ausbauen, darin investieren. Aber das alleine wird nicht reichen. Deshalb ist da der zentrale Baustein aus unserer Sicht auch die opferschutzorientierte Täterarbeit.

 

Das heißt nicht, dass wir Verständnis für den Täter herstellen wollen, sondern es geht um Schutz und Sicherheit der Betroffenen und um professionelle Begleitung, und das kann eine Koordinationsstelle in Wien leisten. Für den Bund gibt es schon so eine Arbeitsgemeinschaft, aber es braucht in Wien aus unserer Sicht eine Koordinationsstelle für opferschutzorientierte Täterarbeit.

 

Viele Einrichtungen leisten großartige Arbeit, oft nicht gut bezahlt und auch über die Belastungsgrenzen hinaus und, wir kennen das leider alle, abhängig von Projektmitteln. Es ist ja auch in Wien nicht ganz klar, wie es da in manchen Bereichen weitergehen wird. Man hört da auch nicht immer nur Positives, was vom Bund kommt. Abhängig von Projektmitteln und prekär und über Belastungsgrenzen hinaus arbeiten diese Leute in den Einrichtungen jedenfalls trotzdem wirklich großartig weiter, nur müssen wir sie noch mehr unterstützen.

 

Eine Koordinationsstelle würde helfen, Abläufe zu bündeln, Standards herzustellen, Informationsflüsse zu verbessern, dass die Täterarbeit konsequent und opferschutzorientiert erfolgen kann. Kurz, sie würde vielleicht helfen, die Gewaltspirale zu durchbrechen, wahrscheinlich nicht ganz, so ehrlich muss man sein, sie ganz zu beenden, das halte ich für unrealistisch, aber es wäre eine gute Maßnahme, denn Männerarbeit ist kein Nice-to-have im Gewaltschutz, sie ist ein Muss.

 

Solange wir Geschlechterrollen nicht kritisch hinterfragen, wir Männern vermitteln, sie müssten Kontrolle ausüben und stark sein, um jeden Preis keine Schwäche zeigen, solange werden wir Gewalt nicht beenden. Solange Männer nicht lernen, in Krisen Hilfe zu suchen, statt Aggression zu wählen, bleibt dieses Risiko. Solange Täter keine verpflichtenden, professionell begleitenden Programme durchlaufen, bleibt die Wiederholungsgefahr auch real. Gewaltschutz bedeutet aus unserer Sicht auch Männer in die Verantwortung zu nehmen, Strukturen zu verändern, Prävention ernst zu nehmen und deshalb sprechen wir uns mit unserem Antrag für die Stärkung dieser opferschutzorientierten Täterarbeit auch in Wien aus. Eine Koordinationsstelle würde Abhilfe schaffen. Wir freuen uns, dass Sie diesen Antrag im Ausschuss weiter diskutieren wollen und sind gespannt auf Ihren Input dazu. - Danke. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Vorsitzender GR Mag. Thomas Reindl: Zu Wort gemeldet ist GRin Ludwig-Faymann, ich erteile es ihr. - Bitte.

 

18.26.59

GRin Martina Ludwig-Faymann (SPÖ)|: Sehr geehrter Vorsitzender, Herr Berichterstatter!

 

Es ist sehr schade, dass die dringliche Debatte die Postnummer unterbrochen hat, denn wir haben mit Kollegen Ornig begonnen, und ich habe gedacht, das war eine großartige Rede, eigentlich braucht es gar nichts mehr, außer dass es vielleicht noch mehr Männer braucht. Was vielleicht manchen jetzt nicht mehr so in Erinnerung ist, was er gesagt hat, war einfach so unglaublich wichtig, weil ich es nämlich auch wichtig finde, dass Männer sich angesprochen fühlen, sich um diesen Themenbereich zu kümmern.

 

Es freut mich sehr, dass es zumindest bei uns in der Fraktion in den letzten Jahren auch gelungen ist, dass Männer sich dieses Themas annehmen. Ich darf da auch unseren Klubobmann Joe Taucher erwähnen. Und nicht nur der Joe, auch andere Männer bei uns im Klub nehmen sich dieses Themas an. Denn ich habe mich eigentlich die letzten Jahre immer schon gefragt, wie eigentlich wir Frauen dazu kommen, dass wir uns natürlich um die Opfer zu kümmern haben, zu schauen haben, dass es genug Schutzräume gibt und so weiter und so fort, aber wie kommen eigentlich wir Frauenpolitikerinnen oder auch Frauen dazu, uns auch noch der Männer anzunehmen und zu schauen, wie wir jetzt "denen" - unter Anführungszeichen - helfen können.

 

Wo ist eigentlich die große Männerschar - und es sind immer noch mehr Männer als Frauen in politischen Institutionen vertreten -, wo sind die Politiker, die sich stark machen für mehr Täterarbeit, für mehr Männerberatung und so weiter und so fort? - Es hat lange gedauert, dass überhaupt jemand sich der Täterarbeit angenommen hat. Da hat es vor Jahrzehnten auch bei Frauenbewegungen eher große Vorsicht gegeben, dann haben es die Frauen wieder einmal in die Hand genommen. Es wird Zeit, dass sich endlich alle Männer in diesem Saal sich dieses Themas annehmen und nicht die Frauenpolitikerinnen. (Beifall bei SPÖ, NEOS, GRÜNEN und ÖVP.)

 

Der von den GRÜNEN eingebrachte Antrag, den ich inhaltlich natürlich auch unterstütze - man muss es sich aber im Detail anschauen, wie man es denn genau macht -, ist ein sehr guter Vorstoß. Auch uns schwebt schon seit langem mehr Koordination in diesem Bereich vor. Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen und finde es toll, dass in Zeiten wie diesen die Männerberatung hier in Wien keine Kürzung des Budgets hat, sondern in derselben Höhe, und wir haben das Budget verdreifacht, auch wieder die Mittel bekommt, die sie braucht. Dafür auch einen Dank an die Finanzstadträtin, die das letztendlich auch ermöglicht hat, wenn wir dem heute so zustimmen.

 

Ich möchte aber auch nicht unerwähnt lassen, dass es das, was es, wie meine Vorrednerin gesagt hat, auf Bundesebene gibt, auf Wiener Ebene eigentlich schon sehr lange gibt. Ich bin unserer Vizebürgermeisterin und

 

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