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Gemeinderat, 11. Sitzung vom 18.02.2026, Wörtliches Protokoll  -  Seite 33 von 119

 

Wer kein Smartphone besitzt, zahlt sozusagen analog mehr. Das ist wirklich unglaublich! Wir haben das im Parlament festgelegt. Das war nicht ganz einfach, wir haben aber erreicht, dass jemand, der digital noch nicht fit ist, einen gleichen Zugang hat. So notwendig, wichtig und richtig die Digitalisierung ist, müssen wir aber auch darauf achten, dass die Gruppen der Bevölkerung - und das sind nicht nur Seniorinnen und Senioren -, die digital noch nicht fit sind, den gleichen Zugang haben und damit keine Mehrkosten verbunden sind. Das ist im Parlament zwar mit Schwierigkeiten, doch letztlich so beschlossen worden.

 

Was aber tut man in Wien? - Statt 3 EUR zahlt man dann halt 3,20 EUR. Das muss man sich vorstellen! Das sind auch gleich wieder 0,20 Cent mehr nur deshalb, weil jemand kein Smartphone hat und nicht in der Lage ist beziehungsweise nicht die Möglichkeit hat, sich das digital zu verschaffen.

 

Der Bürgermeister hat heute auf meine diesbezügliche Frage gesagt, dass es sehr viele Mitarbeiter gibt, die all das erklären und dann helfen. Ich habe diese Mitarbeiter allerdings noch nicht gefunden! Das muss ich sagen. Zu mir kommen nämlich sehr viele Menschen und beklagen beziehungsweise beschweren sich darüber, dass sie schon überall gefragt haben, man ihnen aber nicht sozusagen die Hand gereicht und gezeigt hat, wie das geht, sondern gesagt hat: Rufen Sie die zuständige Stelle an. - Dann hängen die Leute aber wieder in der Schleife, und irgendwann geben sie es auf. Dazu merke ich nochmals an: Grundsätzlich ist es nicht gestattet, dass Menschen, nur weil sie digital noch nicht fit sind, deshalb mehr zahlen müssen. (Beifall bei der ÖVP.)

 

Das ist absolut untragbar. Das ist digitale Bestrafung und Altersdiskriminierung, und beides verstärkt sich gegenseitig. Diese Stadtregierung ist aber dafür und beschließt das.

 

Ich sage Ihnen jetzt, was die wahren Kosten dieser Entscheidung sind. Diese stehen in keiner Bilanz der Wiener Linien, es verhält sich aber so: Eine Seniorin, die einmal pro Woche entweder zum Arzt oder zum Einkaufen fährt oder irgendeinen sozialen Kontakt, irgendeine Freundin oder irgendeinen Freund, treffen möchte, zahlte bisher 156 EUR im Jahr. Jetzt zahlt sie 332 EUR, also um 176 EUR mehr. Sie zahlt statt 156 EUR nun 332 EUR. Und was geschieht, wenn sich die Seniorin das nicht mehr leisten kann? - Sie fährt nicht mehr zum Arzt, sie besucht ihre Freundin nicht, sie bleibt allein zu Hause.

 

Schon jetzt leben 45 Prozent der Wienerinnen und Wiener in Singlehaushalten. Ihr alle könnt euch ja gar nicht vorstellen, was das bedeutet! Fast jeder zweite Haushalt besteht nur aus einer Person. Und wissen Sie, welche Personengruppen in diesem Zusammenhang am häufigsten vertreten sind? - In den meisten dieser Einpersonenhaushalte leben Menschen im Alter von über 65 Jahren. Können Sie sich vorstellen, wie viel Einsamkeit damit verbunden ist? Und genau diesen Personen wird es nun noch schwerer gemacht, am sozialen Leben teilzunehmen beziehungsweise einfach nur zum Arzt zu fahren!

 

Meine Damen und Herren, die Forschungslage ist ganz eindeutig: Eingeschränkte Mobilität im Alter ist ein direkter Risikofaktor für schwere gesundheitliche Folgen, und die Kosten dafür sind weit höher. Haben Sie schon einmal etwas von Drehtürpatienten gehört, Herr Kollege Gara? - Wir haben bereits sehr viel über Drehtürpatienten gehört. Soziale Isolation belastet die Psyche massiv, und in der Folge kommen diese Menschen als Patientinnen und Patienten immer wieder ins Krankenhaus. Vom Krankenhaus werden sie wieder nach Hause geschickt, nach zwei Wochen kommen sie dann aber wieder ins Krankenhaus, wenn die Ursache nicht beseitigt wurde. Die Ursache kann man jedoch nicht beseitigen, wenn man nicht entsprechende Maßnahmen setzt, um tatsächlich zu helfen. Jeder Pflegefall beziehungsweise jeder Krankenhausaufenthalt, der durch soziale Isolation beschleunigt wird, kostet das Gesundheitssystem ein Vielfaches von dem, was die Wiener Linien an Tarifeinnahmen einsparen.

 

Wer hier spart, spart also völlig falsch und produziert Kosten nur eben an einer anderen Stelle und zu einer anderen Zeit. Mit dieser kurzsichtigen Vorgangsweise denken Sie nicht an die Menschen, Sie begünstigen die Entstehung der Pflegefälle von morgen. Und das, meine Damen und Herren, wird uns noch einmal sehr, sehr viel kosten! Das ist keine konstruktive Sozialpolitik, das ist Bilanzverschiebung auf dem Rücken alter Menschen. (Beifall bei der ÖVP.)

 

Deshalb bringe ich heute nicht nur einen, sondern drei Beschlussanträge ein, denn dieses Problem hat drei Dimensionen - und jede davon verlangt Antwort. Erstens geht es um Transparenz. Ich höre das Wort Transparenz immer, gelebt wird diese allerdings nicht. Daher geht es im ersten Antrag darum, dass der Gemeinderat die Wiener Linien auffordert, endlich die Nutzungsdaten offenzulegen. Ich habe die Punkte erwähnt. Das ist sehr einfach zu beantworten. Ein Unternehmen im Alleineigentum der Stadt Wien darf dem Gemeinderat keine Zahlen vorenthalten. Schluss mit der Geheimniskrämerei! Diesbezüglich werden wir heute einen Antrag einbringen. (Beifall bei der ÖVP.)

 

Zweitens geht es um die Beseitigung der Diskriminierung. Der ermäßigte Senioren-Einzelfahrschein muss wieder eingeführt werden. Der Preisaufschlag für analoge Tickets muss abgeschafft werden. Es muss echte Wahlfreiheit geben, ob man zu einem digitalen oder analogen Ticket greift.

 

Drittens: Gesundheit und Teilhabe. Wir fordern eine wissenschaftliche Erhebung über den Zusammenhang zwischen Mobilitätskosten und dem Gesundheitszustand der älteren Wienerinnen und Wiener. Künftig soll bei jeder Tarifänderung eine verpflichtende Folgenabschätzung für vulnerable Gruppen durchgeführt werden.

 

Meine Damen und Herren, vielleicht stehe ich zum letzten Mal da, weil all das gleich geregelt wird. Wenn das aber nicht geregelt wird, dann kann ich Ihnen versprechen, dass ich nicht zum letzten Mal hier stehe. Vielmehr werde ich so lange an dieses Rednerpult zurückkehren bis diese Stadtregierung ihre Verantwortung

 

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