Gemeinderat, 10. Sitzung vom 20.01.2026, Wörtliches Protokoll - Seite 32 von 103
nicht einmal der Rede wert, mit 250 000 EUR wunderbar durchzufinanzieren gewesen.
Vergleichbare andere Veranstaltungen in Europa schaffen es, existierende Kunstbiennalen - Venedig, die Documenta in Kassel, Berlin, die Manifesta - mit Klimaschwerpunkten auszustatten. Aber nein, wir in Wien brauchen eine eigene Klima Biennale, obwohl die Stadt nahezu bankrott ist, eine kostspielige eigene Klima Biennale. Sollten wir dieses Projekt nicht schon lange überdacht haben? - Danke schön. (Beifall bei der ÖVP.)
Vorsitzende GRin Marina Hanke, BA: Als Nächster zu Wort gemeldet ist Herr GR Weber. - Bitte.
GR Thomas Weber (NEOS): Vielen lieben Dank, sehr geehrte Frau Vorsitzende! - Frau Berichterstatterin, Frau Stadträtin!
Ich habe eine große Freude, dass wir heute das Thema Kultur zum Schwerpunkt genommen haben, weil ich solche kulturpolitische Grundsatzdebatten - nicht nur über einzelne Projekte, sondern auch ganz grundsätzlich über Kulturpolitik zu sprechen - tatsächlich für ganz, ganz essenziell und wichtig für unsere Gesellschaft halte. Der französische Philosoph Joseph Joubert hat einmal gesagt: "Kultur ist nichts Sichtbares, sie ist das unsichtbare Band, das die Dinge zusammenhält." - Ich finde, dass das gerade in Zeiten wie diesen besonders spürbar ist, und besonders wichtig in Zeiten, in denen global vieles gleichzeitig in Bewegung kommt, in denen politische, soziale und wirtschaftliche Gewissheiten brüchig werden, in denen sich Gesellschaften neu orientieren müssen, und nicht zuletzt auch in Zeiten, in denen Gesellschaften oft an sich selber zweifeln.
Genau in solchen Zeiten ist Kultur mehr als ein Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklung. Sie ist ein Raum, in dem eine Gesellschaft sich selbst befragen kann, kritisch, offen, vielstimmig und im Idealfall auch lernfähig. Kultur ist nicht nur das, was wir sehen. Kultur ist nicht nur Bühne, sie ist nicht nur Ausstellung, sie ist nicht nur Konzert. Sie ist der physische und der ideelle Ort der Begegnung, der Ort des Austausches und vor allem ist Kultur auch immer ein Ort des Zuhörens. (Beifall bei NEOS und SPÖ.)
Kultur ist also ein Ort, in dem Unterschiede sichtbar werden dürfen, die auch nicht immer sofort aufgelöst werden müssen. Es ist ein Ort der Selbstvergewisserung, individuell aber auch gesellschaftlich. Deshalb ist Kulturpolitik so zentral, weil sie im Kern die Frage berührt, wie wir als Stadt miteinander leben wollen. Wir sprechen bei Kultur also von einer tragenden Säule unserer Stadt und unserer Gesellschaft. Wir sprechen bei Kultur über das, was uns als Menschen zusammenhält, über die Merkmale, die uns als Stadt unterscheidbar machen, über die Frage, ob unsere Gesellschaft auch in Zukunft pluralistisch, lernfähig und demokratisch bleibt.
Kultur, ich sage es immer wieder, ist kein Luxus, sie ist eine gesellschaftliche Infrastruktur. Und wie bei jeder Infrastruktur gibt es da eine ganz zentrale politische Frage, nämlich: Wer hat Zugang zu dieser Infrastruktur? - Im Idealfall schafft Kulturpolitik Räume, in denen zum Beispiel Kinder nicht geprüft oder benotet oder bewertet werden, in denen bei kulturellen Projekten, bei Workshops, bei Theaterarbeit, bei Ausstellungen, bei partizipativen Formaten Kinder erleben, dass ihre Sichtweise nicht richtig ist oder falsch ist, sondern dass ihre Sichtweise relevant ist.
Kulturpolitik schafft aber auch Räume für ältere Menschen und sagt damit, dass sie auch Teil der Gesellschaft sind, dass Kultur nicht an ein gewisses Einkommen, an ein gewisses Alter, an eine gewisse Herkunft gebunden ist. Genau deshalb sind diese grundsätzlichen kulturpolitischen Debatten wichtig, weil wir darüber reden, wie wir als Gesellschaft pluralistisch, lernfähig und demokratisch bleiben. Diese Frage können wir auch sehr zentral an diesen drei Poststücken, über die wir heute reden, festmachen, nämlich am Künstlerhaus, am KunstHaus und am Verein Depot. Diese drei Fälle stehen in Wirklichkeit exemplarisch dafür, welche zentralen Aufgaben Kulturpolitik hat, nämlich die Vermittlung, die Teilhabe, aber auch den öffentlichen Diskurs.
Beim Künstlerhaus geht es um eine sehr traditionelle Institution. Kulturpolitisch ist sie aber heute nicht nur wegen ihrer Geschichte interessant, sondern vor allem auch wegen der Funktion, die das Künstlerhaus in der Gegenwart hat. Es ist mehr als ein Ausstellungsort, es ist ein Ort der Vermittlung, des Lernens, der Begegnung und ein zentraler Baustein einer inklusiven, zukunftsgerichteten Kulturpolitik. Gerade für Kinder und für junge Menschen ist das Künstlerhaus ein Ort, wo zeitgenössische Kunst nicht nur abstrakt bleibt, sondern zugänglich wird.
Kunstvermittlung bedeutet im Künstlerhaus nämlich nicht Antworten vorzugeben, sondern Fragen zuzulassen, nicht zu erklären, wie man Kunst richtig versteht, sondern zu zeigen, dass bei Kunst vor allem immer die eigene Wahrnehmung zählt. Für viele junge Menschen ist der Kontakt mit Kunst nicht irgendein individueller Museumsbesuch, sondern genau ein solcher Workshop, eine solche Schulführung, ein solches gemeinsames Arbeiten, wie es im Künstlerhaus erlebt werden kann. (Beifall bei NEOS und SPÖ sowie von StRin Mag. Veronica Kaup-Hasler.)
In diesen frühen Jahren entscheidet sich eigentlich schon, ob Kultur als etwas Fremdes gesehen oder als Teil des eigenen Lebens wahrgenommen wird. Ich meine, wer kulturelle Teilhabe ernst nimmt, der sollte das so machen, wie im Künstlerhaus, nämlich nicht mit fertigen Ausstellungen, sondern mit der Möglichkeit, sich selber auszuprobieren, Fragen zu stellen, eigene Zugänge zu entwickeln.
Besonders wichtig ist dabei, dass die Künstlerhaus-Vermittlung nicht eindimensional denkt, nämlich sich nicht nur an junge Menschen richtet, sondern beispielsweise auch gezielt Programme für Seniorinnen und Senioren anbietet. Das ist kulturpolitisch interessant, gerade in einer Stadt wie Wien, weil wir demographisch vielfältig sind, die Stadt wird älter. Darum ist es auch eine ganz bewusste kulturpolitische Entscheidung, Kultur nicht nur für jene zu machen, die ohnehin kulturell assoziiert sind, sondern für Menschen in unterschiedlichen Lebensbereichen.
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