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Gemeinderat, 2. Sitzung vom 23.5.2001, Wörtliches Protokoll  -  Seite 41 von 74

 

mehr als 20-jährigen Prozesses, eines Prozesses, der verschiedene Etappen des Stillstandes und der Bewegung umfasst hat. Man könnte meinen, das ist ein Nachteil. Genau das Gegenteil ist der Fall. Dieser lange, wechselhafte Prozess ist ein Vorteil und eine Stärke dieses Museumsquartiers, und zwar deshalb, weil nicht, wie in den siebziger und achtziger Jahren üblich, ein riesiger, schwer beweglicher, zentralistischer Kulturtanker gebaut wurde, sondern ein vielfältiger Mix unterschiedlicher Einrichtungen entstanden ist, unterschiedlicher Einrichtungen in der Größe, im Inhalt, in der Organisationsform, ein unterschiedlicher Mix, der sich perfekt ergänzt, der aber auch miteinander im Wettbewerb steht, nämlich kein Zentrum, sondern ein Quartier, ein Ort der zeitgenössischen Kunst. Und das ist gut so. Es ist auch gut so, dass nicht eine - wie auch gesagt wurde - Shopping-City der Kunst entsteht, sondern ein international visionäres Vorzeigemodell des kulturellen Pluralismus.

 

Durch diesen langen, wechselhaften Prozess des Entstehens des Museumsquartiers ist es auch möglich gewesen, Fehler der siebziger und achtziger Jahre nicht zu machen, sondern auf aktuelle Entwicklungen der Kunst zu reagieren. Es war von Vorteil, dass nicht irgendwann zu einem Zeitpunkt X in den siebziger und achtziger Jahren eine Planung festgeschrieben wurde und von diesem Zeitpunkt X dann eins zu eins umgesetzt wurde, ohne dass man überprüft hat, wie es weitergeht, sondern das Museumsquartier ist quasi als "work in progress" entstanden, und das ist der Grund für dieses hervorragende Ergebnis.

 

Das Museumsquartier war schon vor dem eigentlichen Baubeginn ein pulsierendes künstlerisches Zentrum. Ich erinnere nur an die Wiener Festwochen, ich erinnere an das Architekturzentrum, an das Kindermuseum, an Kleineinrichtungen, die heute gar nicht mehr im Museumsquartier sind, wie die Lomografische Gesellschaft, die alle schon vor Baubeginn jahrelang für Lebendigkeit und künstlerisches Leben im Museumsquartier gesorgt haben.

 

Durch diese Art des Entstehens ist es möglich gewesen, auf die aktuellen Einflüsse und Entwicklungen der Kunst immer wieder Rücksicht zu nehmen. Und das waren vor allem - und das muss man auch sehr stolz als Wiener Politiker sagen - die Wiener Einrichtungen. Das waren die Wiener Festwochen, das war das Architekturzentrum, das war das Tanzquartier, das jetzt im Museumsquartier geschaffen wurde.

 

Und genau das Tanzquartier ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass erst durch den Prozess der Planung und der Baudurchführung gewisse Entwicklungen möglich geworden sind. Und es war natürlich eine völlig richtige Entscheidung, vor wenigen Jahren zu sagen, das Tanzquartier soll im Museumsquartier untergebracht werden. Aber, Kollege Marboe, es war tatsächlich so, dass es die Bautechniker waren, die uns das im Zusammenhang mit dem Bau der Halle E gesagt haben.

 

Und, Herr Kollege Ebinger, niemand hat jemals daran gedacht, die alte Winterreithalle wegzureißen, also da sind Sie schlecht informiert. Es war immer klar, die bleibt stehen, aber es war notwendig, dass in der Winterreithalle aus technischen Gründen Schlitzwände gebaut werden müssen, die so tief hinuntergehen, dass unten ein Hohlraum entstanden ist, wo uns dann die Bauleute gesagt haben: Da entsteht ein Raum für 350 Leute. Und da haben wir gesagt: Wenn schon ein Raum entsteht für 350 Leute, dann nützen wir ihn als Tanzquartier. Das war eine jener Entwicklungen, die zu diesem positiven Mix geführt haben, und es war natürlich richtig, das Tanzquartier dort unterzubringen.

 

Eine jener Einrichtungen, die eigentlich vorgeführt haben, wie man im "work in progress" im Museumsquartier arbeitet, war und ist das Kindermuseum. Da kam ein ganz kleiner Verein, der nur eine großartige Idee hatte, und hat gesagt: Wir machen ein Kindermuseum. Und sie hatten ganz schlechte Voraussetzungen, sie hatten die schlechtesten Voraussetzungen, die es gab, und haben jahrelang trotzdem unter den widrigsten Bedingungen hervorragende Arbeit geleistet. Sie haben sich auf Grund des Faktums ihres Erfolgs als Fixnutzer noch vor Baubeginn etabliert. Das ist eine jener Einrichtungen, die die Entwicklung des Museumsquartiers sehr geprägt haben. Und wenn heuer das Kindermuseum im Museumsquartier im Definitivum eröffnet wird, dann ist das sehr erfreulich. Dann heißt das, dass mehr als doppelt so viel Flächen zur Verfügung stehen mit so wichtigen Einrichtungen wie WC’s und Nassräumen - das hat es alles bisher nicht gegeben -, dass es möglich ist, einen wesentlich größeren Raum für Wechselausstellungen zu haben, dass es aber auch möglich ist - und das ist weltweit einmalig -, einen fixen Kleinkinderbereich für acht Monate alte bis sechsjährige Kinder zu haben, ein Multimediazentrum und Kinderateliers, in denen das ganze Jahr über gearbeitet werden kann und nicht nur während der Ausstellungen. Und man muss wirklich jenen Damen danken - es waren ausschließlich Frauen -, die das Kindermuseum geführt haben. Das ist vor allem Frau Dr Claudia Haas, der man bei dieser Gelegenheit einfach einmal Anerkennung und Dank aussprechen muss. (Beifall bei der SPÖ, bei der ÖVP und bei den GRÜNEN.)

 

Es waren aber auch Politikerinnen. Der Kollege Marboe hört das sicher jetzt nicht gern, daher sage ich es noch einmal: Das Kindermuseum ist ein gutes Beispiel, dass es durchaus von großem Vorteil sein kann, wenn sich PolitikerInnen in Kulturvereinen engagieren. Und diese Ära, in der das umstritten war, ist jetzt Gott sei Dank wieder vorbei. Wir sind sehr froh, dass sich damals Maria Rauch-Kallat, Friedrun Huemer, Renate Winklbauer, jetzt Sonja Wehsely und Gertrude Brinek als Politikerinnen über die Parteigrenzen hinweg für diesen Verein eingesetzt haben. Und wir alle wissen: Wenn sich hier Politikerinnen nicht so stark gemacht hätten, dann hätte es diese Entwicklung des Kindermuseums nicht gegeben. Das ist das Ergebnis

 

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