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4.2 Diagnosen und medizinische Leistungen

4. Chronische Wunden international und in Wien

Grafik mit Text: Jährlich werden in Wiener Spitälern an über 600 Patient*innen aus Wien Amputationen vorgenommen. Mehr als 70 % davon haben Diagrnosen, die für chronische Wunden typisch sind.
Die stationären Aufenthalte aufgrund wundtypischer Diagnosen gingen seit 2015 stark zurück - von über 22.000 auf knapp unter 14.000. Dies ist größtenteils durch eine Verlagerung in die Spitalsambulanzen erklärbar.

Auch für Wien und für Österreich existiert keine repräsentative, auf einer allgemein akzeptierten Definition beruhende Erhebung. Einrichtungen des (fragmentierten) Gesundheitswesens dokumentieren jedoch Spitalsaufenthalte, Ambulanzbesuche und medizinische Leistungen (seit 2017 auch im niedergelassenen Bereich). Anhand ausgewählter Diagnose-Codes laut ICD-10 lassen sich diese Daten auf Patient*innen mit wahrscheinlichem Bezug zu chronischen Wunden einschränken.

Es handelt sich dabei um administrative Daten, die in erster Linie den medizinischen Ressourcenverbrauch dokumentieren. Ihre Auswertung zu epidemiologischen Zwecken ist mit verschiedenen Limitationen verbunden:

  • Diagnosen sind momentan nur für Spitäler auswertbar. Für Gesundheitsdiensteanbieter*innen außerhalb der Spitäler, d. h. im niedergelassenen Bereich, darunter spezifische Einrichtungen der Wund-, der Diabetes- und der Primär-Versorgung, lassen sich derzeit nur medizinische Leistungen auswerten.
  • Im Spital werden Haupt- und Nebendiagnosen erfasst, davon nur eine Hauptdiagnose. Bei multimorbiden (von mehreren Krankheiten betroffenen) Patient*innen ist aber oft unklar, welche diagnostizierte Krankheit die schwerwiegendere darstellt. Wundpatient*innen sind sehr oft multimorbid.
  • Medizinische Kriterien sind mitunter nicht ausschließlich für die Erfassung ausschlaggebend. In Gesundheitssystemen mit Fallpauschalen, wie dem österreichischen LKF-System (Leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung), gibt es dokumentierte Anreizwirkungen, die zu einer Verzerrung der verrechneten Diagnosen führen.
  • Bei einigen medizinischen Leistungen, die typischerweise bei chronischen Wunden erbracht werden, treten in manchen Jahren Datenbrüche bzw. -schwankungen auf, die auf (noch) bestehende Erfassungsschwierigkeiten oder Änderungen in der Erfassungspraxis hindeuten. So existiert in der Erfassung der Leistung „konservative Behandlung einer chronischen Wunde“ ab 2021 ein Datenbruch. Die letzte dazu berichtete Zahl ist daher aus dem Jahr 2020.

Die Entwicklung stationärer Aufenthalte mit relevanten Diagnosen über die Zeit ist in Abbildung 3 zu sehen. Dafür wurden anhand ausgewählter ICD-Codes Kategorien für sieben Krankheitsbilder, die stark mit chronischen Wunden assoziiert sind, gebildet:

  • Diabetes mellitus mit peripher-vaskulären oder multiplen Komplikationen,
  • periphere arterielle Verschlusskrankheit – pAVK (ICD-Codes: I70.2, I73.9),
  • chronisch-venöse Insuffizienz – CVI (ICD-Code: I87.2),
  • Ulcus cruris (ICD-Code: L97),
  • Dekubitus (ICD-Code: L89),
  • Gangrän (ICD-Code: R02),
  • Krampfadern (Varizen) mit Geschwür mit und ohne Infektion (ICD-Codes: I83.0, I83.2).

Die Spitalsdaten wurden nach diesen Kategorien gefiltert, sodass jeder der in Abbildung 3 farblich unterscheidbaren Bereiche die stationären Aufenthalte mit dem jeweiligen Krankheitsbild darstellt. Wie zu sehen ist, war die periphere arterielle Verschlusskrankheit zwischen 2015 und 2024 das Krankheitsbild mit den meisten stationären Aufenthalten.

Der Trend scheint jedoch wie bei den meisten anderen Krankheitskategorien und somit auch insgesamt stark rückläufig zu sein: So ging bei in Wien wohnhaften Personen die Zahl stationärer Aufenthalte wegen oder mit pAVK um 41,4 Prozent zurück (von 13.536 auf 7926).

Rückgänge gab es außerdem bei Diabetes mellitus mit Komplikation um 32,9 Prozent (von 4109 auf 2756) sowie, von wesentlich niedrigeren Niveaus aus, bei CVI (-35,1 Prozent), Ulcus cruris (-56 Prozent) und Varizen mit (entzündeten) Geschwüren (-72,1 Prozent). Lediglich die Aufenthalte mit Dekubitus (Druckgeschwür) und Gewebsnekrosen (Gangrän) gingen nicht durchgehend zurück und lagen 2024 mit 763 und 425 annähernd auf dem Niveau von 2015.

Abbildung 3: Aufenthalte nach ausgewählten Diagnosen mit Bezug zu chronischen Wunden, 2015 bis 2024, Anzahl pro Jahr

Über alle sieben betrachteten Erkrankungen hinweg ging die Zahl der Aufenthalte um 8689 oder 39 Prozent zurück. Dieser scheinbar eindeutige Trend ist jedoch detaillierter zu analysieren und zu hinterfragen. Bei der Interpretation (der Rückgänge in Abb. 3) sind folgende Aspekte zu beachten:

Wie in der obigen Abbildung zu sehen ist, gingen die wundbezogenen stationären Aufenthalte im Zeitraum zwischen 2015 und 2018 von 22.301 auf 17.672 zurück. Diese Verringerung beruhte fast ausschließlich (zu 91 Prozent) auf einer Reduktion der Null-Tages-Aufenthalte (stationären Aufenthalte ohne Übernachtung).

Im Jahr 2018 kam es zur Einführung der Dokumentation spitalsambulanter Leistungen, die seit 2019 verpflichtend ist. Dabei war zu beobachten, dass die dokumentierten wundassoziierten Ambulanzbesuche von 74 (2017) auf 4288 (2018) und anschließend auf 5664 (2019) sprunghaft anstiegen. In den darauffolgenden Jahren der Coronapandemie reduzierte sich sowohl die Zahl der stationären Aufenthalte als auch die Zahl der Ambulanzbesuche.

Was die stationären Aufenthalte betrifft, so zeigt sich, dass diese von einem Ausgangswert von 17.783 im Jahr 2019 auf 14.912 im Jahr 2020 und anschließend auf 13.654 im Jahr 2022 zurückgingen (vgl. Abb. 3). Dieser Rückgang betraf nun fast ausschließlich (zu 92,3 Prozent) Mehr-Tages-Aufenthalte, also jene mit einer oder mehr Übernachtungen.

Im Jahr 2024 lagen die gesamten stationären Aufenthalte mit 13.612 weiterhin auf dem Niveau von 2022. Nach Abklingen der Pandemie kam es also zu keinem Wiederanstieg mehr. Hingegen sanken die Ambulanzbesuche zwar zuerst (von 5664 im Jahr 2019 auf 3317 im Jahr 2022). Anschließend stiegen diese aber wieder an. 2024 fanden 5176 Besuche durch 2132 Patient*innen statt, es wurde also annähernd wieder das Niveau von 2019 erreicht.

Am Beispiel der Versorgung chronischer Wunden ist also zu sehen, dass es in Wien in den letzten Jahren zu einem Rückgang stationärer Aufenthalte (zunächst von Null- und später von Mehr-Tages-Aufenthalten) gekommen ist. Es zeigt sich aber auch, dass dies hauptsächlich auf Verschiebungen innerhalb der Spitäler von stationären zu ambulanten Leistungen beruhte, weil sich Abrechnungsregeln geändert haben bzw. es zur Neueinführung eines ganzen Leistungserfassungs- und Abrechnungssystems für den spitalsambulanten Bereich im Rahmen des etablierten LKF-Systems gekommen ist.

Amputationen zählen zu den stationären Leistungen, da es sich um schwerwiegende Eingriffe handelt, die sich kaum in den ambulanten Bereich verlagern lassen. Sie können als letzte Konsequenz erforderlich werden, wenn chronische Wunden unzureichend oder zu spät behandelt wurden. Ziel einer Amputation ist es, das weitere Absterben von Gewebe und die Ausbreitung eines Gangräns zu verhindern. Für das Jahr 2024 weist die stationäre Dokumentation der Spitäler 827 Amputationen („Leistungserbringungen“) an den unteren Extremitäten von 630 Wiener*innen aus. 2017 waren es noch 799 Amputationen an 610 Personen, dazwischen schwankte die Zahl. Abbildung 4 zeigt die Entwicklung nach Lokalisation.

Abbildung 4: Amputationen bei Wiener*innen, nach Lokalisation (untere Extremitäten), 2015 bis 2024, Anzahl pro Jahr

In Anbetracht der fehlenden Verlegbarkeit blieben die stationär vorgenommenen Amputationen (Abbildung 4) also auf relativ stabilem Niveau – im Unterschied zu den wundassoziierten Aufenthalten (Abbildung 3). Nur ein kleiner Teil der Zehenamputationen ist in der obigen Grafik nicht enthalten. Diese wurden nicht stationär vorgenommen, sondern von niedergelassenen Fachärzt*innen für allgemeine und orthopädische Chirurgie, welche 2017 zusätzlich an 193 und 2023 an 152 Wiener*innen Zehenamputationen durchführten.

Fälle schwerwiegender Diagnosen und Leistungen blieben also, wie Amputationen und Gangrän zeigen, in ihrer Häufigkeit stabil und wurden weiter vorwiegend stationär behandelt. Andere wundtypische Diagnosen und Leistungen wurden aber öfter auch spitalsambulant behandelt bzw. abgerechnet. Die sieben wundtypischen Krankheitsbilder zusammengenommen, hatten im Jahr 2024 laut Dokumentation 9294 Wiener*innen stationäre Aufnahmen und 2132 Wiener*innen spitalsambulante Kontakte (2020: 9548 stationär, 1527 ambulant).

In niedergelassenen Organisationsformen (Wundzentren, PVEs, Einzelpraxen etc.) wurden in manchen Jahren ebenfalls viele wundtypische Leistungen erfasst: Daten aus der „Business Intelligence“ der SV verzeichnen im Jahr 2020 in Wien unter dem Titel „konservative Behandlung einer chronischen Wunde“ 167.572 Kontakte durch 54.251 Patient*innen. Dies entsprach zum damaligen Zeitpunkt 3,3 Prozent der erwachsenen Bevölkerung der Stadt. „Konservative Behandlungen“ wurden ausschließlich im niedergelassenen Bereich dokumentiert: in allen Bezirken und zu einem hohen Anteil (39,7 Prozent) auch von Allgemeinmediziner*innen. Außerdem von „selbstständigen Ambulatorien“ (5,6 Prozent), Hauskrankenpflegeorganisationen (3,1 Prozent) und Fachärzt*innen (52,2 Prozent), darunter vorwiegend Dermatolog*innen, aber auch Fachärzt*innen für Chirurgie oder Orthopädie.

Zusammenhänge zwischen einer Grunderkrankung und möglichen medizinischen Folgen lassen sich am Beispiel der Verbindung zwischen Amputationen im Bereich der unteren Extremitäten und den oben angeführten sieben Krankheitsbildern gut illustrieren. Denn fast 9 von 10 Amputationen erfolgen in den großen Spitälern Wiens, wo auch die damit assoziierten Diagnosen detailliert erfasst werden. In Tabelle 3 findet sich dazu eine Aufschlüsselung.

Tabelle 3: Wiener*innen mit Amputation, davon mit wundtypischer Hauptdiagnose, absolut

Wie zu sehen ist, wiesen Wiener*innen, bei denen eine Amputation durchgeführt wurde, am häufigsten eine periphere arterielle Verschlusskrankheit als Hauptdiagnose auf – ein Ergebnis, dass sich mit Erhebungen aus Großbritannien deckt. Eine substanzielle Anzahl an Amputationen wurde auch an Personen mit Diabetes mellitus sowie mit Gangrän durchgeführt. Viel seltener wurde an Personen mit Ulcus cruris, Dekubitus und CVI (als Hauptdiagnose) eine Amputation durchgeführt.

Über die typischen Grunderkrankungen hinweg zeigt sich also, dass Amputationen mehrheitlich mit einer davon (oft pAVK) in Zusammenhang stehen. Tabelle 4 schlüsselt dies noch weiter auf.

Tabelle 4: Wiener*innen mit Amputation, Anteil mit wundtypischen Basiserkrankungen, gesamt und verteilt auf Hauptdiagnosen, in %

In jedem Jahr ab 2017 wiesen ungefähr 70 Prozent der im Spital Amputierten eine dieser Krankheiten auf. 2024 waren unter 630 Betroffenen 45 Prozent mit pAVK, 16,3 Prozent mit Diabetes mellitus, 7 Prozent mit Gangrän und 1,4 Prozent mit Ulcus cruris (als unspezifischer Diagnose). Der Rest (30 Prozent) hatte eine andere Diagnose, die nicht unbedingt mit chronischen Wunden in Verbindung stehen muss, z. B. akute Verletzungen nach Unfällen, bösartige Neubildungen oder Muskel-Skelett-Erkrankungen.

Um die betroffenen Personen noch weiter zu charakterisieren, kann eine Aufschlüsselung nach demografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht und Herkunft erfolgen. Dabei kann eine Unterscheidung von Amputation betroffener Wiener*innen mit und ohne wundtypische Basiserkrankung vorgenommen werden.

Es zeigt sich, dass Wiener*innen mit Amputationen zum größten Teil männlich und 60 Jahre oder älter sind: 2017 waren es 66,4 Prozent, bis 2024 stieg der männliche Anteil der Betroffenen auf 70,3 Prozent an. Der Anteil der Frauen sank dementsprechend von 33,8 Prozent auf 29,7 Prozent leicht. Die Altersverteilung blieb ab 2017 fast stabil, wobei der Anteil der Personen im Alter über 60 an den Betroffenen immer um die 80 Prozent, jener im Alter von 15 bis 60 Jahren knapp unter 20 Prozent betrug. Nur vereinzelt wurde jemand im Jugendalter amputiert.

Tabelle 5 fasst die Zahlen für die Jahre 2017 bis 2024 zusammen:

Tabelle 5: Wiener*innen mit Amputation, Alters- und Geschlechtsverteilung, 2017 bis 2024 (kumuliert), absolut und in %

Man sieht, dass über den ganzen Zeitraum hinweg wesentlich mehr Männer (n = 3559) als Frauen (n = 1499) betroffen waren. Außerdem waren Männer mit 21 Prozent verglichen mit Frauen (15 Prozent) öfter bereits im mittleren Lebensalter betroffen.

Menschen mit einem wundtypischen Basisleiden sind bei einer Amputation öfter über 60 Jahre alt. Personen, bei denen eine Amputation aus anderen Gründen erfolgt, ereilt dieses Schicksal häufiger schon früher im Leben: 26,7 Prozent von ihnen hatten die Amputation bereits im Alter zwischen 15 und 60 Jahren. Auf Personen mit wundtypischem Basisleiden traf dies nur zu 16 Prozent zu.

Der Anteil nicht österreichischer Staatsbürger*innen unter den amputierten Wiener*innen ist seit 2017 um knapp 4 Prozentpunkte auf 13,3 Prozent angestiegen. Dies ist unabhängig davon, ob eine wundtypische Erkrankung vorlag oder nicht.

Der Anteil der in Wien Ansässigen an den in österreichischen Spitälern Amputierten betrug ab 2017 immer etwas mehr als ein Sechstel. 2024 lag der Anteil bei 15,3 Prozent, 2017 waren es noch 16,2 Prozent. Der Bevölkerungsanteil Wiens an der österreichischen Gesamtbevölkerung beträgt hingegen über ein Fünftel (2024: 22 Prozent). Daher ist die rohe Rate der Amputierten je Einwohner*in bei Wiener*innen etwas niedriger (3,1 je 10.000 Einwohner*innen im Jahr 2024) als bei Österreicher*innen insgesamt (4,5 je 10.000 Einwohner*innen).