Leitfaden Fassadenbegrünung Startseite wien.gv.at
  • Seiten
    • Leicht verständliche Sprache
    • Domain Policy
  • Icons
    • Bitte nicht lärmen
    • Blaulicht
  • Templates
    • Parkpickerl
    • Public WLAN

2.5 Menschliches Wohlbefinden

2. Einleitung

Luftqualität, Schadstoffbindung und O2-Produktion

Pflanzen tragen auf vielfältige Weise zur Verbesserung der städtischen Luftqualität bei. Durch ihre Filterfunktion und die Produktion von Sauerstoff wirken sie erfrischend und ausgleichend auf das Mikroklima. So erzeugt etwa die Fassadenbegrünung der Stadt Wien – Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark laut Berechnungen (vgl. ENZI & SCHARF, 2012) Sauerstoff für rund 40 Menschen – ein beachtlicher Beitrag zur urbanen Lebensqualität.

Neben der Temperaturregulierung und Luftfeuchtigkeit beeinflussen Pflanzen auch den CO₂-Haushalt: Sie binden Kohlendioxid in erheblichem Ausmaß und geben im Gegenzug Sauerstoff (O2) ab. Die Fähigkeit von Pflanzen, Feinstaub aus der Luft zu filtern, ist wissenschaftlich gut belegt. Allerdings zeigen Studien, dass die tatsächliche Wirkung stark variieren kann und häufig geringer ausfällt als ursprünglich angenommen. Offene Forschungsfragen betreffen insbesondere die Unterschiede in der Filterleistung verschiedener Pflanzenarten, die räumliche Verteilung der Schadstoffe sowie den Einfluss der chemischen Zusammensetzung der Partikel auf deren Anhaftung an Pflanzenoberflächen.

Städtisches Grün erfüllt zahlreiche wichtige Funktionen: es reguliert das Klima, bietet Lebensraum für zahlreiche Arten und verbessert die Aufenthaltsqualität der Bewohner*innen. Die Staubfilterung ist dabei nur ein kleiner, wenngleich positiver, Nebeneffekt – sollte im Gesamtkontext jedoch nicht überbewertet werden (siehe auch LEH, 1993; BRUSE, 1999).

Lärmschutz

Bild dass die Schallreduktion durch Fassadengrün veranschaulicht.
© PFOSER, 2011

Schallreduktion durch Fassadenbegrünung, Musée du Quai Branly Paris © PFOSER, 2011

Der Wirkungsgrad von Vegetation auf die Lärmminderung kann sehr unterschiedlich sein und ist abhängig vom System der Fassadenbegrünung. Im urbanen Bereich ist ein absorbierender Substratkörper nötig, um im Frequenzbereich des Umgebungslärms eine lärmmindernde Wirkung zu erzielen.

Bei einer von der Stadt Wien beauftragten Studie wurden Tröge mit Lochblech im Abstand von 33 cm übereinandergesetzt. Dabei wurde festgestellt, dass bei Trogsystemen aufgrund der Absorptionswirkung des Substrats eine deutliche schallmindernde Wirkung gegeben ist.

Diagramm zur Erläuterung verschiedener Schalldruckpegel
© BAYRISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT

Beispiele verschiedener Schalldruckpegel im Vergleich © BAYRISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT

Korjenic et al. (2021) belegen im Projekt GrünPlusSchule@Ballungszentrum, dass Begrünungen in substratgefüllten Trogsystemen die höchste Schallabsorption erzielen. Vor allem im Frequenzbereich um 1.000 Hz, der von Menschen als besonders laut wahrgenommen wird, absorbiert das verwendete Material Schall besonders effektiv. Die geringste Absorption findet in den tieferen Frequenzbereichen statt. Massive Bauteile haben eine dämpfende Wirkung auf tiefe Frequenzen, während höhere Töne auch von leichteren Elementen wie Pflanzen oder Blätter absorbiert werden.

BalkendiagrammSchutz

Schallabsorptionsgrade der grünen Wände, berechnet auf Basis der Nachhallzeitmessungen © KORJENIC et al., 2021

Foto einer Wandbegrünung für Innenräume
(c) Silvia Kubu, Stadt Wien - Umweltschutz

Ein Grünwandmodul für Innenräume © Silvia Kubu, Stadt Wien - Umweltschutz

Bei Schallabsorptionsmessungen der Versuchsanstalt TGM im Auftrag der Stadt Wien – Umweltschutz wurde eine Grünwand mit Trogsystemen in drei Ausführungen (ohne Lochblech / mit Lochblech / bewässert) untersucht. Es zeigte sich, dass sich nicht nur das Substrat auf die Schallabsorption auswirkt, sondern die Leistung auch durch den Wassergehalt und durch die Trogfront beeinflusst wird. Bei einem realistischen Trogaufbau mit Lochblech und bewässertem Substrat konnte ein Absorptionswert αw = 0,60 und DLα = 4 dB gemessen werden.

Metalltröge mit Bodengranulat, Teil eines Modells einer Fassadenbegrünung
© TGM

Links: Versuchsaufbau im Hallraum zur Messung des Schallabsorptionsgrades nach ÖNORM EN ISO 354; rechts: Messergebnis Schallabsorptionsgrad nach ÖNORM EN ISO 354, © TGM

Behaglichkeit und Lebensqualität

Hitze kann sich auf die Lebensqualität und Gesundheit der Stadtbevölkerung negativ auswirken. Betroffen sind vor allem ältere Bewohner*innen mit geringen sozialen Kontakten sowie niedrigem sozioökonomischen Status, aber auch chronisch kranke Personen und Kinder (WANKA, 2014). Sowohl die Sterblichkeit als auch Krankenstände können durch hohe Temperaturen zunehmen (LEBENSMINISTERIUM, 2012). Hohe Nachttemperaturen führen zu einer verschlechterten Schlafqualität und begünstigen hitzebedingte Gesundheitsprobleme. Wird der UHI-Effekt abgeschwächt, wirkt sich das vor allem in eng bebauten Stadtteilen positiv auf die Gesundheit aus (HOPKINS & GOODWIN, 2011). Die in den Kapiteln „Mikroklima und Luftqualität“ sowie „Lärmschutz“ beschriebenen Effekte wirken sich unmittelbar auf das Wohlbefinden der Stadtbevölkerung aus: Weniger Hitzebelastung entlastet den Körper und trägt dazu bei, dass sich Menschen auch an heißen Tagen wohlfühlen – ein entscheidender Faktor in dicht bebauten, aufgeheizten Stadtgebieten.

Mentale Gesundheit

Eine begrünte Stadt hat positive Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden. Stadtbegrünung kann Müdigkeit und mentale Erschöpfung lindern und allgemein die Aufmerksamkeit erhöhen (KÖRNER et al., 2008).

Stressabbau

Des Weiteren belegen Umfragen, dass Menschen zum Stressabbau bevorzugt eine natürliche Umgebungen aufsuchen. Naturräume werden auch am häufigsten als erholsame Orte genannt (KÖRNER et al., 2008).

Ästhetische Wirkung

Begrünte Gebäude haben eine besondere, eigene Identität, sie sind unverwechselbar und prägen sich in das Gedächtnis der Betrachter*innen ein. Die Fassade verbindet den privaten Innenraum eines Hauses mit dem öffentlichen Außenbereich – und kann Trägerin einer besonderen Botschaft werden. Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten sprechen unterschiedliche Betrachter*innen an und dienen den Hausbesitzer*innen als Ausdruck ihrer Individualität. Durch unterschiedliche Blühphasen, eine damit einhergehende Farbenvielfalt und abwechslungsreiche Strukturen entsteht eine große Variationsvielfalt an optischen Effekten und Wirkungen, die der Fassade einen stark repräsentativen Charakter verleihen.

begrünte Fassade mit selbstklimmendem Wilden Wein
© GREEN4CITIES

Selbstklimmender Wilder Wein © GREEN4CITIES

Sicherheitsgefühl

Studien zeigen, dass Stadtbegrünung das Sicherheitsgefühl der Bewohner*innen steigern und das Auftreten von Kriminalität reduzieren kann (KUO & SULLIVAN, 2001).

Zufriedenheitswerte

Bewohner*innenbefragungen in begrünten Wohnanlagen im Raum Wien zeigen durchgehend hohe Zufriedenheitswerte – sowohl in Bezug auf den Wohnraum als auch auf die gesamte Wohnanlage und ihrem Umfeld. Die positiven Effekte gehen dabei über das rein Ästhetische hinaus: Begrünungsmaßnahmen wirken sich positiv auf die Gesundheit und soziale Kompetenzen aus. Zudem tragen sie maßgeblich zum Empfinden einer lebenswerten Stadt bei (PITHA et al. 2012).

begrünte Fassade mit selbstklimmendem Efeu
© GREEN4CITIES

Auch der Efeu zählt zu den Selbstklimmern © GREEN4CITIES

Aufenthaltsqualität

Begrünung ist attraktiv. Sie wirkt wie ein Magnet für Besucher*innen und wertet Stadträume auf. Durch sie entstehen auf oder zwischen sonst überwiegend versiegelten Flächen kleine Oasen, die als raumerweiternd und beruhigend empfunden werden. Die Aufenthaltsqualität der Freiräume wird so erheblich erhöht und zusätzlich ein Erlebniswert geschaffen.

begrünte Fassade mit diversen Pflanzenarten
© GREEN4CITIES

Grüne Wand © GREEN4CITIES Biodiversität, Flora & Fauna

Fotos von einem Schmetterling und Wacholderdrosseln an Grünfassaden.
(c) Stadt Wien - Umweltschutz bzw. BRODOWSKI-FOTOGRAFIE.DE

Links: Admiral auf Efeu verweilend © Stadt Wien – Umweltschutz, rechts: Wacholderdrosseln im Efeu sitzend © BRODOWSKI-FOTOGRAFIE.DE

Grün bedeutet Leben. Solches entwickelt sich auch im Fassadengrün. Die vielfältigen und abwechslungsreichen Gestaltungsmöglichkeiten von Bauwerksbegrünungen tragen zur biologischen Vielfalt in den Städten bei: Sie schaffen neue Lebensräume und ökologische Nischen, in denen vielfältige Wechselwirkungen stattfinden und stärken so das ökologische Netzwerk im urbanen Raum.

Die begrünten Strukturen können sich zu wertvollen Lebensräumen entwickeln: Je nach Gestaltungsart bieten sie Lebensraum für Insekten und Spinnen. Diese bilden – zusammen mit den Früchten der Pflanzen – eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel (BRENNEISEN et al., 2010). Durch gut geplante Begrünungen entstehen Nischen für bestimmte Vogelarten und Kleinsäugetiere. Für den Artenschutz sind solche Begrünungen besonders wertvoll, da sie seltene und geschützte Tierarten anlocken können. Wie gut die Begrünungen von den Tieren angenommen werden, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Ist der Lebensraum störungsarm?
  • Werden verschiedenste Pflanzenarten verwendet und angemessen verteilt?
  • Welche Substrattypen kommen zum Einsatz?

Eine gute ökologische Anbindung an bestehende Grünstrukturen ist dabei ebenfalls entscheidend. Wenn zu große Entfernungen zu ähnlichen Biotopen bestehen, entsteht ein Inseleffekt, der es manchen Tierarten erschwert oder sie gar daran hindert, den neuen Lebensraum anzunehmen. Abhilfe können sogenannte Trittsteinbiotope schaffen. Diese helfen Entfernungen zu überbrücken und verschiedene Lebensräume miteinander zu verbinden. Fassadenbegrünungen sind wichtige Netzwerkbausteine, die eine Brücke zwischen horizontalen Grünflächen und Dachbegrünungen schaffen. Um eine hohe Artenvielfalt zu erreichen ist es förderlich, indigene Pflanzenarten zu verwenden (Co-Evolution), die begrünte Fläche möglichst groß und heterogen zu gestalten und in der Planung systemisch einen konsistenten Übergang zwischen Technik und Zielvegetation zu schaffen.

Fassadenbegrünungen bieten Tieren (STOCKER, 2013):

  • Fressplätze
  • Verstecke
  • Verpuppungsorte
  • Paarungsräume
  • Nistplätze
  • Aussichtspunkte
  • Witterungsschutz
  • Kletterhilfen (Siebenschläfer)

Beispiel für die Artenvielfalt an Hedera helix (Efeu)

Vögel (Nahrung und Brutplatz)

FRUCHT (Jänner – April)

in Ranken

in Ranken und Nischen

Rotkelchen

Gartenrotschwanz

Hausrotschwanz

Amseln

Drosseln

Stare

Amseln

Gelbspötter

Girlitz

Grünfink

Heckenbraunelle

Klappergrasmücke

Singdrossel

Zaunkönig

Honigbienen

Wespen

Diverse Wildbienen

Efeu-Seidenbienen

Insekten

Raupenfutter

Nektar (September – Oktober)

Pollen

Kugelblumen-Blütenspanner

Zwerg-Blütenspanner

Nachtschwalbenschanz

Steppenheiden-Spannereule

Südl. Eichen-Baumspanner

Zweifleckiger Baumspanner

u. a.

Bienen

Wespen

Schwebefliegen

Gem. Nessel-Zünslereule

C-Falter

Admiral

u. a.

Honigbienen

Wespen

Diverse Wildbienen

Efeu-Seidenbienen

Vogelanprall an Glasflächen

Bei der Kombination von Fassadenbegrünungen mit Glasflächen sollte auf eine ganzflächige Markierung des Glases zum Schutz der Vögel geachtet werden. Eine teilflächige Markierung ist nicht ausreichend (DOPPLER, WUA, 2016).

Die ONR 191040 „Vogelschutzglas – Prüfung der Wirksamkeit“ (2010) definiert die Wirksamkeit von Vogelschutzglas.

Sie umfasst durchsichtiges Glas sowie andere durchsichtige Materialien und ist jedenfalls bei der Planung zu berücksichtigen.

Mehr Informationen und Beispiele finden Sie in der Broschüre „Vogelanprall an Glasflächen – Geprüfte Muster“ der Wiener Umweltanwaltschaft.