2.5 Infrastrukturen und Leistungen der Daseinsvorsorge
Wo steht Wien mit den Umsetzungen?
Im Wiener Klimafahrplan sind 4 Hebel identifiziert. Deren Umsetzungsfortschritte werden in diesem Kapitel zusammengeführt.
HEBEL 1: Resilienzanalysen etablieren und Katastrophenschutz umsetzen
Vulnerabilitäts- und Resilienzanalyse kritischer Infrastrukturen
Vulnerabilitäts- und Resilienzanalysen sind Kernaufgaben der Stadt Wien
Risiko- und Vulnerabilitätsanalysen sind wichtige Grundlagen für tiefergehende Analysen und die Gestaltung von Rahmeneinsatzplänen. Dabei stellen übergeordnete Vorgaben der EU und des Bundes eine gute Grundlage dar. So trägt etwa die EU-Richtlinie Resilienz kritischer Infrastrukturen zur Definition und Identifikation der kritischen Infrastruktur bei. Auf österreichischer Ebene soll die EU-RKE-Richtlinie ihre Umsetzung im Gesetz Resilienz kritischer Einrichtungen (RKE) finden. Risikobewertungen des Bundes und der EU werden um Aspekte aus den Wiener Dienststellen ergänzt. Des Weiteren führen alle Unternehmen der Stadt Wien im Rahmen ihrer EU-Berichtspflichten Klimarisikoanalysen durch.
Politische, legistische und klimatische Rahmenbedingungen ändern sich laufend und die Szenarien, die der Vulnerabilitäts- und Risikoanalyse zugrunde liegen, sind nicht starr. Daher erfolgt eine regelmäßige Überarbeitung und Anpassung an die internationalen Rahmenbedingungen. So wird auch die im Februar 2025 veröffentlichte „Omnibus I“-Regelung der EU veränderte Rahmenbedingungen für die Berichtspflichten bringen.
Magistratsweiter Risikobild-Prozess im Gange
Der von der Magistratsdirektion (MD-OS) koordinierte Risikobildprozess (erster Pilotdurchlauf 2025) behandelt Umwelt- und Klimarisiken als eines von sechs Risikofeldern und hilft somit, mit diesen Risiken umzugehen. Alle Dienststellen sind aufgefordert, ihre Top 3-strategischen Risiken bis 2026/2027 und 2030 zu definieren. Mit Fachwissen aus den Dienststellen werden Risiken, Schlüsselfaktoren und Maßnahmen zur Risikominimierung in den sechs Risikofeldern diskutiert. Dies führt zu einem mehrstufigen Entwicklungs- und Entscheidungsprozess, an dem verschiedene MD-Geschäftsbereiche und Entscheidungsträger*innen beteiligt sind. Die Maßnahmen werden sondiert, umgesetzt, evaluiert und durch ein Monitoring begleitet werden.
Abstimmungen von Infrastrukturplanungen sowie Alarm- und Einsatzplänen
Alarm- und Einsatzpläne werden laufend mit viel Erfahrungswissen angepasst
Akute Krisenwarnungsereignisse wie Sturm und Starkregenereignisse verändern sich aktuell und zukünftig mitunter in ihrer Frequenz und Amplitude (Intensität beziehungsweise Ausmaß von Risiken). Infrastrukturpläne werden daher nicht komplett neu konzipiert, sondern entlang von Erfahrungen aus den Einsätzen angepasst. Übergeordnete Einsatzpläne werden etwa um neue technische Lösungen ergänzt oder Maßnahmen integriert, um Abläufe zu straffen und Maßnahmen bei Bedarf schneller durchführen zu können. Außerdem werden Kosten-Nutzen-Analysen für adäquate Maßnahmen durchgeführt. Die Erstellung von Alarm- und Einsatzplänen erfolgt in den Abteilungen und ist nicht zentral gesteuert.
Kartierung und Vorhalten von ungenutzten (Brach-)Flächen für unvorhersehbare Krisenfälle
Ungenutzte Brachflächen für Krisenfälle werden nur in Spezialfällen in Betracht gezogen
Überlegungen ungenutzte (Brach-)Flächen für unvorhersehbare Krisenfälle zu kartieren und vorzubehalten, werden punktuell und themenspezifisch getroffen (zum Beispiel Flächen für Corona Test-Zelte). Lösungen wie die Nutzung von U-Bahn-Wartungsstollen als Abkühlungsorte werden aus Haftungs- und Kosten-Nutzen-Gründen nicht verfolgt.
HEBEL 2: Energieversorgungssicherheit gewährleisten
Ausbau des Stromnetzes sowie von flexiblen beziehungsweise hybriden Speicher- und Netzinfrastrukturen
Umsetzungen hierzu werden im Kapitel 1.7 Strom- und Fernwärmeerzeugung erläutert.
HEBEL 3: Wasserversorgung und -entsorgung sicherstellen
Sanierung der Leitungssysteme, Leitungsnetz auf künftige räumliche Verteilung der wachsenden Bevölkerung abstimmen
Strategie „Wiener Wasser 2050“ setzt Maßstäbe für die Wiener Wasserversorgung
Die Wiener Wasserversorgung wird in den nächsten Jahrzehnten ausgebaut, um den Wasserbedarf der wachsenden Stadt langfristig zu sichern. Ein wesentlicher Baustein des Wiener Gesamtplans ist die im Jahr 2022 veröffentlichte Strategie „Wiener Wasser 2050".
Zusätzliche Trinkwasser-Transportleitungen erhöhen Versorgungssicherheit
Um das Wasserleitungsnetz auf die wachsende Bevölkerung und deren räumliche Verteilung abzustimmen, wird das Leitungsnetz durch zusätzliche Hauptleitungen erweitert: Ein erster wichtiger Schritt war die Neurohrlegung der dritten Hauptleitung Nord im Nordwesten Wiens, die 2020 in Angriff genommen wurde. Eine 4. Hauptleitung wird seit März 2022 im Süden der Stadt verlegt und eine 5. Hauptleitung seit Juli 2024 im Westen Wiens. Mit dem Bau dieser 3 neuen Hauptleitungen wird die Leistungsfähigkeit des Transportnetzes und damit die Betriebssicherheit der gesamten Wasserversorgung sichergestellt werden.
Speicherkapazitäten verbessert
Ein zentraler Baustein der Wiener Trinkwasserversorgung und der Bedarfsabdeckung in Spitzenverbrauchszeiten ist die Schaffung zusätzlicher Speichervolumina. Die Erweiterung des Wasserbehälters am Schafberg wurde 2024 fertiggestellt. Die Bauarbeiten für die phasenweise Erweiterung des Wasserbehälters in Neusiedl am Steinfeld (Niederösterreich) von 600 Millionen auf rund 1 Milliarde Liter Wasser haben 2024 begonnen. Der Abschluss der letzten Bauphase ist für 2036 geplant. Diese Maßnahmen erhöhen die Pufferkapazität und ermöglichen es, Schwankungen im Wasserverbrauch – beispielsweise während Hitzewellen – besser auszugleichen. Weitere Projekte, wie die geplante Erweiterung des Wasserbehälters in Liesing sind in Planung.
Rohrnetz wird laufend instandgehalten
Jährlich werden rund 1 Prozent der Versorgungsleitungen in Wien erneuert. Das entspricht ungefähr 30 Kilometer des rund 3.000 Kilometer langen Gesamtrohrnetzes. Die laufende Instandhaltung und Sanierung des Rohrnetzes ist und bleibt ein standardmäßiger und kontinuierlicher Prozess im Aufgabengebiet von Wiener Wasser.
Wasserbehälter dienen als Photovoltaik-Anlagen
In Zusammenarbeit mit Wien Energie werden Flächen um und auf Wasserbehältern für die Errichtung von Photovoltaik-Anlagen genutzt. So wurde bei der Erweiterung des Wasserbehälters Schafberg ein Teil des Grundstücks für die Errichtung einer Photovoltaikanlage zur Verfügung gestellt. Eine 2 Megawatt Peak Photovoltaik-Anlage auf dem Wasserbehälter Unterlaa versorgt 600 Wiener Haushalte mit Sonnenstrom. Im Februar 2025 ging die 939 Megawatt Peak Photovoltaik-Anlage beim Wasserwerk Moosbrunn (Niederösterreich) für die Versorgung von rund 290 Haushalten in Betrieb.
Laufende Sanierung und Kapazitätsanpassungen im Kanalsystem
Sanierung und Kapazitätsplanung ist ureigenste Aufgabe von Wien Kanal
Die Sanierung und Kapazitätsplanung des Kanalsystems sind zentrale Aufgaben von Wien Kanal. Konzepte werden laufend aktualisiert und evaluiert. So werden Speicherkapazitäten aufgebaut, die Sicherheit der Abwassertransportleitungen und die Ausfallsicherheit von Pumpwerken erhöht und eine intelligente Kanalnetzsteuerung implementiert.
Das rund 2.500 Kilometer lange Kanalsystem wird in regelmäßigen Abständen gereinigt und von Ablagerungen befreit. Dabei werden pro Jahr einige Tonnen an Rückständen (Schlamm, Steine, Kies, Schotter von Straßen oder Baumaßnahmen etc.) entfernt.
Moderne Inspektionstechnologien im Einsatz
Wien Kanal setzt ferngesteuerte Hightech-Kameras und 3D-Rohrscanner ein, um den Zustand der engen, unbegehbaren Rohre auf Schäden zu überprüfen (Wien geht voran). Die aufgezeichneten Videos, 3D-Scans und elektronisch erfassten Gutachten und Prüfberichte sind im digitalen Kanal-Informationssystem gespeichert und für die Techniker*innen jederzeit abrufbar. Das Monitoring der Bausubstanz liefert wichtige Information für Entscheidungen über Reparaturmaßnahmen und Investitionen. In Zukunft könnte die Auswertung der Bilder auch mithilfe künstlicher Intelligenz erfolgen.
Bauordnungsnovelle 2023 stärkt die lokale Versickerung und Nutzung
Für die Entlastung des Kanalsystems hinsichtlich Einleitung von anfallendem Niederschlagswassers von Bauwerken, brachte die Bauordnungsnovelle 2023 einen Fortschritt (siehe dazu auch „Aktives Regenwassermanagement“, Kapitel 2.4 Öffentlicher Raum und Gebäude, Hebel 1).
Wien Kanal konzentriert sich auf Überflutungs- und Gewässerschutz
In den vergangenen Jahren hat Wien Kanal wichtige Bausteine zur Optimierung des Überflutungsschutzes geplant und abgeschlossen. Durch die Regelung der Einleitung von Niederschlagswässern in die Kanalisation und den sinnvollen Einsatz von Speicherbauwerken verbessert die Stadt Wien nicht nur die Situation des Überflutungsschutzes, sondern vor allem auch des Gewässerschutzes. Beispiel dafür ist die Erweiterung des Wientalsammelkanal-Entlasters. Der fast 9 Kilometer lange Speichertunnel fängt bei Starkregenereignissen Mischwasserentlastungen aus dem Kanal auf und verhindert damit eine Einleitung in den Wienfluss. Dies dient der Verbesserung der Gewässerqualität und des Gewässerschutzes sowie der temporären Entlastung des Kanalnetzes. Die Bauarbeiten dauern von 2024 bis 2027, der Vollbetrieb erfolgt 2028. Weitere Speicherbauwerke wurden 2020 auch bei der Liesing und 2016 in Simmering fertiggestellt.
Vermeidung von Regenwasser im Kanal beziehungsweise Maßnahmen an der Oberfläche sind wichtige Bausteine zur Bewältigung zukünftiger Herausforderungen
Zusätzlich zu Speicherbauwerken im Untergrund können Maßnahmen an der Oberfläche eine große Wirkung auf die Kanalauslastung haben. Es ist daher das oberste Ziel möglichst wenig Regenwasser in die Kanalisation zu leiten (siehe dazu auch „Aktives Regenwassermanagement“, Kapitel 2.4 Öffentlicher Raum und Gebäude, Hebel 1).
Abwasserwärme wird für Energieproduktion genutzt
Die erste Großwärmepumpe mit 55 Megawatt am Gelände der ebswien Kläranlage bezieht 2 Drittel der benötigten Energie aus der Abwärme des gereinigten Abwassers. Sie produziert zudem Fernwärme für 56.000 Haushalte (siehe dazu auch „Fernwärme dekarbonisieren“, Kapitel 1.7 Strom- und Fernwärmeerzeugung, Hebel 2).
HEBEL 4: Öffentlichen Verkehr sicherstellen
Verminderung der Störanfälligkeit des Straßen- und Schienennetzes gegenüber Extremwetterereignissen
Hochwasser ist und bleibt zentrale Herausforderung
Starkregen- und Hochwasserereignisse und Überflutungen stellen Gefahren und Störungen für das Straßen- und Schienennetz dar. Die Systeme der Straßenentwässerung und auch der öffentlichen Kanalisation ist darauf ausgelegt mindestens ein Starkregenereignis bewältigen zu können, das statistisch gesehen alle 5 Jahre auftritt (5-jährliches Regenereignis).
Dennoch gibt es Bereiche, wo die Straßenentwässerung das Wasser nicht aufnehmen kann. Dort wird im Anlassfall reagiert. Zudem gilt das Ziel, bei jeder Umgestaltung und Sanierungsmaßnahme die Resilienz zu erhöhen.
Wiener Linien sind mit einem Hochwasserschutzplan ausgestattet
Für die Verminderung der Störanfälligkeit des U-Bahn-Netzes erhöhen die Wiener Linien gerade ihre Schutzmaßnahmen und verbessern weiterhin ihre Hochwasserschutzpläne. Dieser Plan wird derzeit anhand der Starkregenereignissen im Herbst 2024 evaluiert und angepasst.
Langfristige straßenbauliche Vorkehrungen hinsichtlich Störanfälligkeit des Schienennetzes der Straßenbahnen werden zum Beispiel mit versickerungsfähigen Grüngleisen getroffen. Es gilt das Ziel, bei jeder Sanierungsmaßnahme die Resilienz zu erhöhen.
Klimatisierung der öffentlichen Verkehrsmittel und Umgestaltung von Stationsbereichen
Fortschritte bei der Klimatisierung und Fahrzeugmodernisierung spürbar
Die Wiener Linien setzen seit Jahren Aktivitäten zur Klimatisierung ihrer öffentlichen Verkehrsmittel. Neue Fahrzeuge werden nur noch mit Klimatisierung gekauft.
Da Schienenfahrzeuge eine deutlich längere Lebensdauer haben als Busse, dauert es bei Straßenbahnen und U-Bahnen länger, bis der Fuhrpark auf klimatisierte Fahrzeuge umgestellt ist. Auf den Linien U1 bis U4 sind alle Züge des Typs V vollklimatisiert. Es sind auch noch die älteren Silberpfeile im Einsatz. Diese haben keine Klimaanlage, werden aber seit 2022 durch den neuen X-Wagen abgelöst. Dieser ist serienmäßig mit Klimaanlage ausgestattet. Da die U6 größtenteils an der Oberfläche unterwegs und damit besonders betroffen ist, wurden alle Züge mit Sonnenschutzfolien und die ältere Generation der U6-Züge mit neuen Klimageräten nachgerüstet. Seit Sommer 2020 sind alle Züge der U6 vollständig klimatisiert.
Bei der Straßenbahn ist etwas mehr als jede zweite Fahrt klimatisiert. Die älteren Hochflur-Straßenbahnen (Type E) werden schrittweise durch neue, serienmäßig klimatisierte Modelle ersetzt. Bei der ersten ULF-Generation, die keine Klimaanlage hat, senken spezielle Sonnenschutzfolien die Temperatur im Fahrzeug um bis zu 4 Grad Celsius. Außerdem sorgen Lüftungskiemen vor den Seitenfenstern für Luftaustausch und Abkühlung. Bis 2026 werden 146 neue Flexity-Garnituren die Flotte der klimatisierten Straßenbahnen ergänzen. Die Flexity-Züge sind standardmäßig mit einer Klimaanlage ausgestattet.
Zu weniger frequentierten Zeiten, wie am Wochenende oder in den Ferienzeiten, sind die Intervalle länger und dementsprechend weniger Fahrzeuge im Einsatz. Hier versuchen die Wiener Linien hauptsächlich klimatisierte Fahrzeuge einzusetzen.
Alle neuen Wartehäuschen bekommen Gründach
Über 2.000 der insgesamt 4.100 Haltestellen sind derzeit mit Wartehäuschen/Wartehallen als Witterungsschutz ausgestattet. Alle Wartehallen, die neu errichtet oder an bestehenden Standorten ersetzt werden (bereits über 200 Standorte), sind mit einem Sedum-Dach ausgestattet. Bestehende Konstruktionen werden nicht nachgerüstet. Vorteil der Sedum-Dächer ist ihr vergleichsweise geringer Pflegeaufwand. Große Hitzereduktionen lassen sich damit nicht erzielen, sie tragen dennoch positiv zum Mikroklima bei. Aufwendigere Konstruktionen werden an Einzelstandorten umgesetzt.