Wundbericht Wien Startseite wien.gv.at
  • Seiten
    • Leicht verständliche Sprache
    • Domain Policy
  • Icons
    • Bitte nicht lärmen
    • Blaulicht
  • Templates
    • Parkpickerl
    • Public WLAN

1.1 Chronische Wunden – eine stille Volkskrankheit

1. Einleitung

Viele Menschen kennen jemanden, der an einer chronischen Wunde leidet, oft, ohne es zu wissen. Denn über Wunden wird kaum gesprochen. Zum einen betrifft die Erkrankung überwiegend ältere Menschen – und Alter macht in unserer Gesellschaft oft unsichtbar. Zum anderen ist die Lebensqualität der Betroffenen häufig erheblich beeinträchtigt: Schmerzen, nässende oder geruchsintensive Wunden, psychische Belastungen und Schlafprobleme erschweren ihre Teilnahme am sozialen Leben. Scham und Rückzug sind verbreitet. Im erweiterten sozialen Umfeld bleiben die Herausforderungen, mit denen Betroffene konfrontiert sind, daher oft unbemerkt – ebenso wie das Ausmaß der Erkrankung insgesamt.

Auch das gesellschaftliche Wissen um chronische Wunden ist begrenzt. Wir assoziieren Wunden meist mit Unfallverletzungen wie einfachen Schürf- oder Schnittwunden oder einem Gewebedefekt durch Quetschungen. Doch die meisten chronischen Wunden entstehen infolge von Erkrankungen mit chronischem Verlauf. Dazu zählen die venöse Insuffizienz, die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), der Diabetes mellitus und bestimmte Krebserkrankungen. Wunden können auch bei Einschränkungen in der Mobilität entstehen, etwa als Druckgeschwüre bei Bettlägerigkeit oder durch langes Sitzen im Rollstuhl. Nach Operationen, durch Infektionen oder unsachgemäße Versorgung kann es zudem zu Wundheilungsstörungen kommen, die chronisch werden können (vgl. Kapitel 3).

Diese Vielfalt an Ursachen trägt auch zu einer „medizinischen Unsichtbarkeit“ von Patient*innen mit chronischen Wunden bei. Es mangelte lange Zeit an klaren Zuständigkeiten und effektiven Behandlungspfaden, was dazu führte, dass Betroffene im System verloren gingen und jahrelang nicht adäquat versorgt wurden.

Eine derartige Situation ist für Patient*innen äußerst belastend und für die Gesellschaft mit unnötigen Kosten verbunden. Hinzu kommt, dass Menschen mit chronischen Wunden häufig an weiteren Erkrankungen leiden. Ihre Behandlung erfordert die lokale Versorgung der Wunde, die Therapie der Grunderkrankung(en) sowie die Behandlung von Komorbiditäten. Entscheidend ist eine Versorgung, die sich an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert – es geht um die medizinische Betreuung von Menschen mit chronischen Wunden und nicht nur um die Behandlung der Wunde selbst.

Bestehende medizinische Versorgungsstrukturen werden diesen Anforderungen bislang nur teilweise gerecht. Der demografische Wandel verschärft diese Herausforderung zusätzlich: Mit einer alternden Bevölkerung nimmt die Zahl der Betroffenen zu, während zugleich Versorgungskapazitäten ausgebaut werden müssen. Somit stellen chronische Wunden schon heute eine bedeutende Herausforderung für das Wiener Gesundheitssystem dar.

In Wien wurden in den letzten Jahren gezielte Maßnahmen gesetzt, um die Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden zu verbessern. Mit dem Aufbau des Wiener Wundnetzes entstand eine regionale Versorgungsstruktur, die spezialisierte fachärztliche Ordinationen mit anderen Gesundheitsdiensteanbieter*innen vernetzt – von der hausärztlichen Versorgung über spezialisierte Ambulanzen und Spitäler bis hin zur mobilen Pflege. Es wird beabsichtigt, die Behandlungsqualität zu erhöhen und Versorgungsbrüche durch besser abgestimmte Prozesse zu vermeiden.

Ziel des vorliegenden Berichts ist eine umfassende Analyse des Status quo der Versorgung chronischer Wunden in Wien. Der Bericht dokumentiert positive Entwicklungen und deren förderliche Rahmenbedingungen, identifiziert weiterhin bestehende Versorgungsdefizite und zeigt konkrete Handlungsoptionen zur weiteren Verbesserung auf.

Im ersten Schritt wird der aktuelle medizinische Wissensstand zu Ursachen, Diagnostik und Therapieoptionen chronischer Wunden sowie deren fachliche Organisation dargestellt (vgl. Kapitel 3). Die Behandlung erfolgt heute in unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens und setzt eine enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen medizinischen Fachrichtungen und Gesundheitsberufen voraus. Es fehlt jedoch weiterhin an einer einheitlich akzeptierten Definition des Begriffs „chronische Wunde“, was eine standardisierte Versorgung und eine epidemiologische Vergleichbarkeit erschwert.

Im zweiten Schritt wird die Versorgungssituation in Wien umfassend analysiert und in den Kontext internationaler epidemiologischer Forschungsergebnisse (die für Österreich leider noch nicht vorliegen) sowie versorgungspolitischer Konzepte gestellt (vgl. Kapitel 4.1 und 6.1). Auf Basis von Abrechnungsdaten konnte das Ausmaß der Versorgung zumindest annäherungsweise erfasst werden, wobei erste Muster identifiziert werden konnten. Die Analyse macht deutlich, dass bestimmte Gruppen – etwa Männer oder Personen mit spezifischen Grunderkrankungen wie peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) – besonders betroffen sind. Gleichzeitig gilt es, andere Gruppen wie Frauen mit chronisch-venöser Insuffizienz (CVI), deren Versorgung seltener im stationären Bereich erfolgt, nicht aus dem Blick zu verlieren.

Neben medizinischen und organisatorischen Aspekten rückt der Bericht auch psychosoziale Dimensionen in den Fokus. Befragte Patient*innen wünschen sich mehr Orientierung, einen niederschwelligen Zugang zu qualifizierten Versorgungsangeboten und stabile Betreuungspersonen, zu denen Vertrauen aufgebaut werden kann. Zugleich wird auf den Umstand hingewiesen, dass immer mehr – und disproportional ältere – Menschen in Wien allein leben, was zu zusätzlichen Herausforderungen in der sozialen Unterstützung führt.

Nach einer Übersicht über internationale Versorgungsmodelle wird das Wiener Wundnetz im Detail beschrieben – sein Ursprung, seine Organisation, seine Errungenschaften und die zukünftigen Entwicklungsziele. Mittlerweile erstreckt sich das Netzwerk auf verschiedene Standorte in Wien. Regelmäßige Treffen auf stadtweiter und lokaler Ebene, der direkte Austausch unter Beteiligten und die aktive Mitwirkung von Stadt Wien und Österreichischer Gesundheitskasse (ÖGK) haben das Vertrauen und die Akzeptanz des Netzwerks gestärkt. Dabei zeigten sich positive Effekte: Durch Hospitationsmöglichkeiten für Ärzt*innen und diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (DGKP) wurde die Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Bereich und den Ambulanzen gestärkt. Die Gesundheitsdienstanbieter*innen rund um das Wundzentrum entwickelten unter anderem eigenständig Regelungen für Zuweisungsprozesse und den Informationsaustausch. Bei Schnittstellenproblemen arbeiteten sie aktiv an gemeinsamen Lösungen. Durch klare Zuweisungsstellen mit multiprofessioneller Fachexpertise verbesserte sich die Orientierung von Patient*innen im Gesundheitssystem, was zu einer höheren Zufriedenheit führte. Mittlerweile deckt das Wiener Wundnetz alle Versorgungsregionen ab, was einen Meilenstein in der Versorgung chronischer Wunden darstellt.

Gleichzeitig zeigen Rückmeldungen aus dem Netzwerk, dass einige zentrale Herausforderungen weiterhin bestehen: Die Erstversorgung ist oft unspezifisch, Zuweisungspfade sind nicht klar definiert, der Zugang zum Wundnetz nicht formell geregelt. Auch die Organisation von Weiterverweisungen und Transporten sowie die administrative Handhabung gestaltet sich für Patient*innen und Anbieter*innen oft schwierig. Insbesondere stark eingeschränkte Personen sind von diesen Barrieren betroffen.

Der Bericht schließt mit fünf Handlungsempfehlungen und begleitenden Kernmaßnahmen (vgl. Kapitel 7), mit folgenden Zielen:

  • das Wiener Wundnetz als nachhaltige und lernende Struktur institutionell zu verankern,
  • Patient*innen den Zugang zu spezialisierter Versorgung zu erleichtern und ihre kontinuierliche Betreuung zu sichern,
  • die Umsetzung von Qualitätsstandards im Versorgungsalltag zu ermöglichen,
  • die strategische Planung und die Qualitätssicherung auf Basis valider Daten zu stärken,
  • die soziale Teilhabe Betroffener zu fördern und die Perspektive der Patient*innen systematisch einzubeziehen.