4.3 Statik
Um die Sicherheit zu gewährleisten, muss beim Einsatz größerer Klettergerüste und „Living Walls“ die statische Belastbarkeit der Fassade geprüft werden. Neben dem Eigengewicht der Pflanzen (siehe: Häufig verwendete Kletterpflanzen) und der Konstruktion sind auch physische Einwirkungen wie Schnee-, Eis- und Windlasten hinzuzurechnen. Vor dem Einsatz selbstklimmender Kletterpflanzen sollte des Weiteren der Zustand des Fassadenputzes geprüft werden. Besonders wichtig ist dabei die Intaktheit und Qualität der bestehenden Putzschicht. Bei der Planung der Wuchskonstruktion gilt es – vor allem bei starkwüchsigen Schlingpflanzen – der Stabilität und Befestigung besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die gesamte Konstruktion inklusive Fundament muss auf die maximale Last ausgelegt werden. Dabei sind zu berücksichtigen: die Dimensionierung der Begrünung sowie alle möglichen Lasteinwirkungen. Für die statischen Berechnungen sollten unbedingt Fachleute hinzugezogen werden. Überprüft werden sollte dabei
- die Lastenannahmekapazität der Fassade,
- die Intaktheit der Fassade bei Bestand,
- die Möglichkeit, Lasten über den Boden abzutragen,
- das Eigengewicht der Konstruktion, das Gewicht der Pflanzen, das wassergesättigte Substratgewicht sowie Wind-, Eis- und Schneelasten.
Bei der Montage von Rankgerüsten, Blumentrögen oder Bewässerungssystemen an der Fassade sind folgende Normen zu berücksichtigen:
- ÖNORM EN 2023-1-3: Eurocode 1 – Einwirkungen auf Tragwerke; Teil 1-3: Allgemeine Einwirkungen – Schneelasten
- ÖNORM EN 2024-1-4: Eurocode 1 – Einwirkungen auf Tragwerke; Teil 1-4: Allgemeine Einwirkungen – Windlasten
Bei der Lastannahme von Begrünungssystemen sind Vertikal- und Horizontallasten zu berücksichtigen. Diese Kräfte bestimmen die Dimensionierung und Anzahl (Punktenetz) der Verankerungen zur tragenden Wand. Bei Selbstklimmern ist darauf zu achten, dass ausreichend Haftung durch ihre Haftorgane vorhanden ist, denn freihängende oder auskragende Pflanzmassen, die häufig im höheren Alter auftreten, können zu einer Loslösung von Pflanzteilen oder gar der gesamten Pflanze führen.
Vertikale Lasten
Die einwirkenden Kräfte auf vertikale Begrünungen setzen sich zusammen aus:
- Eigengewicht des Begrünungsaufbaus im wassergesättigten Zustand
- Gesamtgewicht der Pflanzen (siehe: Häufig verwendete Kletterpflanzen)
- Wind-, Eis- und Schneelast
Die entstehenden Lasten werden über die Unterkonstruktion des Systems und die Verankerungen in die Fassade abgeleitet. Daher muss die Fassade über eine entsprechende Tragfähigkeit verfügen, um zusätzliche Konstruktionselemente sicher aufnehmen zu können. Durch ein verstärktes Dickenwachstum im Alter und folgender Gewichtszunahme (Holzgewicht) mancher Kletterpflanzen sind verstärkte Zugbelastungen der Rankseile und Verankerungen zu beachten.




Horizontale Lasten
Starke Belastungen entstehen durch Windeinwirkung, vor allem bei dichter Belaubung, die eine besonders große Angriffsfläche bietet. Bei bodengebundenen Fassadenbegrünungen liegt die horizontale Last meist über dem Wintergewicht, das sich aus dem Eigengewicht der Pflanze inklusive Schnee- und Eislast zusammensetzt. Die Windeinwirkung kann durch umgebende Bebauungen oder an Randlagen unterschiedliche Werte aufweisen. Zahlreiche Versuche in Windkanälen haben jedoch gezeigt: die Pflanze ist ein durchlässiges, biegsames, verformungsdynamisches System. Die Blattmasse ist statisch daher nicht als geschlossene Fläche zu rechnen.
Werkstoffbedingte Materialspannungen der Rankhilfen können sowohl bei bodengebundenen als auch bei fassadengebundenen Begrünungen dazu führen, dass Kletterhilfen aus den Verankerungen gerissen werden oder Spannkonstruktionen beginnen durchzuhängen. Es muss daher sichergestellt werden, dass Halterungen die wärmebedingte Bewegung von Putz und Fassadenmaterialien nicht blockieren. Diese Qualitätssicherung muss von fachlich geschultem Personal erfolgen. Detaillierte Informationen bietet unter anderem die ÖNORM DIN 18202 – Toleranzen im Hochbau – Bauwerke (Austrian Standards, 2013).