5.2 Die Investition in die Zukunft
Zirkularität rechnet sich und sorgt für langfristige Leistbarkeit
Effizienter Materialeinsatz sowie langlebige Konstruktionen und Wartungskonzepte, die Reparaturen und den gezielten Austausch von einzelnen Komponenten ermöglichen, erhöhen die Wirtschaftlichkeit über den gesamten Lebenszyklus. Trennbare Bauteile erleichtern die Wiederverwendung und Reparaturfähigkeit reduziert den Bedarf an neuen Materialien und fördert nachhaltige Bauweisen. Leicht adaptierbare Gebäudestrukturen ermöglichen eine flexible Anpassung an sich verändernde Nutzungen. Ein hoher Vorfertigungsgrad beschleunigt den Bauprozess und minimiert Bauabfälle.
Wien ist seit über 100 Jahren Vorreiterin im Bereich des sozialen und leistbaren Wohnbaus. Rund 25 Prozent aller Hauptwohnsitze befinden sich im direkten Eigentum der Stadt oder vergleichbarer öffentlicher Gebietskörperschaften, weitere 19 Prozent in der Verwaltung gemeinnütziger Wohnbaugesellschaften. Der soziale Wohnbau, der laufend durch hochwertigen Neubau ausgeweitet wird, trägt damit zentrale Verantwortung. Auch die Sanierung und Weiterentwicklung des Bestands folgt den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft, des Werterhalts und der Wirtschaftlichkeit. Das trägt wesentlich zur sozialen Ausrichtung des Wiener Wohnbaus und dem leistbaren Wohnraum in Wien bei.
Die Stadt als Materiallager anerkennen und nutzen
Die gebaute Umwelt Wiens soll als „Materiallager der Zukunft“ genutzt werden, indem Bestehendes bestmöglich erhalten und der Kreislauf zwischen Rück- und Neubau geschlossen wird. Der Abbau und die Verarbeitung von Primärressourcen und Rohstoffen machen einen großen Teil beim Überschreiten der planetaren Grenzen aus (siehe auch Kapitel 1). Gleichzeitig schrumpft die Verfügbarkeit einzelner Rohstoffe aus natürlichen Lagerstätten zunehmend. Zirkuläres Bauen nutzt die Stadt selbst als Rohstoff-Materiallager und senkt dabei den Abbau und Einsatz von Primärressourcen durch die Verwendung von Sekundärmaterialien und gebrauchstauglichen Bauteilen. Bereits verbaute Ressourcen werden nach Ablauf ihrer Nutzungszeit rückgewonnen, hochwertig wiederverwendet und so als Sekundärressource im Kreislauf gehalten.
Effizienz als Grundsatz für das Um- und Weiterbauen von Wien
Dieser Grundsatz bedeutet einen weiterhin sparsamen Umgang mit Fläche sowie ein bestmögliches Maß an Kompaktheit und Nutzungsdichte bei Neubauten. Er umfasst die qualitätsvolle Weiterentwicklung von Bestandsquartieren und Gebäuden, die Reduktion von Leerstand und die Nachverdichtung im Bestand. Effizienz sorgt bei steigender Bevölkerungszahl für größtmögliche Ressourcenschonung beim Um- und Weiterbauen in der Stadt. Sie steht beim zirkulären Bauen auch für „Schlankheit“ – für materialoptimierte Bauteile und Konstruktionen im Hoch- und Tiefbau in jeglicher Hinsicht, bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Weiterentwicklungsfähigkeit und Dauerhaftigkeit. Es geht darum, „mehr mit weniger“ zu bauen – im Hinblick auf optimierte Bauprozesse, die Reduzierung von Materialverlusten in der Herstellung oder den Einsatz und die Kombination von Materialien, die gemeinsam kreislauffähig sind.
Vom Anfang bis zum Ende gedacht: Den Lebenszyklus des Bauwerks berücksichtigen
Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Umnutzbarkeit und Rückbaubarkeit sind wesentliche Bestandteile des zirkulären Bauens. Diese Qualitäten sind von Beginn an sicherzustellen. Bereits in frühen Phasen der Planungs - und Entscheidungsprozesse wird deshalb der gesamte Lebenszyklus des Bauwerks – einschließlich der darin enthaltenen Materialien und technischen Infrastrukturen – berücksichtigt werden.
Umweltschonung und Kosteneffizienz gehen Hand in Hand und sind wesentliche Kriterien in der Beschaffung. Dafür braucht es leistungsfähige Werkzeuge für die Planungs- und Baupraxis. Die Digitalisierung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Building Information Modeling (BIM) und digitale Zwillinge schaffen die Voraussetzungen für hohe Zirkularität über alle Lebenszyklusphasen eines Bauwerks hinweg: von der Planung und Umsetzung über den Betrieb, die Instandhaltung und Weiterentwicklung bis hin zum wiederverwendungsorientierten Rückbau. So werden Materialkreisläufe geschlossen und Ressourcen optimal genutzt.
WENIGER verbrauchen, LÄNGER nutzen, WIEDER verwenden – die Strategien des zirkulären Bauens
WENIGER verbrauchen: Schonender Umgang mit der Ressource Boden, Minimierung des Verbrauchs energieintensiver (Primär-)Rohstoffe durch Suffizienz- und Effizienzstrategien in der Planung, den Einsatz regenerativer, wiederverwendeter und recycelter Materialien und Bauteile sowie der Einsatz ökologisch hochwertiger Materialien mit möglichst geringer Auswirkung auf die Umwelt, insbesondere hinsichtlich des Treibhausgaspotenzials über den gesamten Lebenszyklus.
LÄNGER nutzen: Verlängerung der Nutzungsdauer durch Modularität und Anpassungsfähigkeit, baukonstruktive Lösungen im Sinne der Dauerhaftigkeit, Vermeidung von Baumängeln durch qualitäts- beziehungsweise vertragskonformes Bauen und einfache Wartungs- und Reparierbarkeit.
WIEDER verwenden: Schließung von Materialkreisläufen durch den Einsatz leicht wiederverwendbarer Baustoffe und Konstruktionsweisen, die einen werterhaltenden Rückbau unterstützen und Basis für den hochwertigen Wiedereinsatz der Materialien sind.
In der Praxis wird beispielsweise auf vorgefertigte, modulare und leicht rückbaubare Bauelemente gesetzt, Alterungsprozesse dürfen sichtbar bleiben, Bauteile sind demontierbar und Kabel oder Leitungen leicht zugänglich verlegt. Damit Reparaturen einfach durchführbar sind, weist die Konstruktion eine Hierarchie der Bauteile nach Lebensdauer auf und ermöglicht einen gezielten Austausch einzelner Komponenten. Ziel ist es, dass am Ende des Bauwerkslebenszyklus so wenig Abfall wie möglich und stattdessen ein Materialkreislauf entsteht.
Dabei tragen unterschiedliche Maßnahmen auf jeweils eigene Weise zur Ressourcenschonung und zum zirkulären Bauen bei – es gibt nicht „die eine“ Lösung. Vielmehr erfordert jede Bauaufgabe eine ganzheitliche Betrachtung, bei der Ort, Funktion, Materialwahl und Nutzungskontext einbezogen werden müssen. Mögliche Zielkonflikte oder Widersprüche sind dabei keine Hindernisse, sondern integrale Bestandteile eines reflektierten und lösungsorientierten Planungsprozesses.
Kooperation und Innovation für die Transformation im Planen und Bauen
Die Umstellung auf eine zirkuläre Bauwirtschaft erfordert einen umfassenden systemischen Wandel und Kooperation entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Aktuell ist der Einsatz neuer Materialien oft günstiger, während ein funktionierender Markt für Sekundärbaustoffe fehlt. Haftungsrechtliche Unsicherheiten erschweren die Wiederverwendung von Bauteilen. Das Verursacher*innenprinzip und die Hersteller*innenverantwortung sind noch kein rechtlicher Standard. Bei Abrissen älterer, nicht kreislaufgerecht geplanter Gebäude verhindert der Einsatz schlecht trennbarer Verbundmaterialien die Wiederverwendung. Downcycling dominiert die Verwertungsstrategien. Es mangelt an Daten, Produktinformationen und konsistenten Bewertungsmethoden für den gesamten Lebenszyklus.
Die Transformation erfordert deshalb Innovation, Engagement und Mut, doch die Alternative – das Festhalten an der Linearwirtschaft – ist weder sozial, ökologisch noch ökonomisch tragbar.
Um zirkuläres Planen und Bauen zum Standard zu machen, braucht es klare Kriterien, was darunter zu verstehen ist. Der Zirkularitätsfaktor (ZiFa) unterstützt dabei als zentrales Werkzeug im Transformationsprozess. Als wissenschaftlich fundiertes Bewertungssystem wurde er im Rahmen des Programms DoTank Circular City Wien 2020-2030 entwickelt und in realen Bauprojekten getestet und weiterentwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die finale Bewertungsmethode, sondern vor allem der Weg dorthin – mit dem Ziel, wirksame Maßnahmen sichtbar zu machen und zirkuläres Bauen konkret und praxisnah umsetzbar zu gestalten.