3.1 Chancen für Versorgungssicherheit, Resilienz und Stärkung der Region
Warum wir unsere Lebensqualität sichern, wenn wir zirkulär wirtschaften
Um hohe urbane Lebensqualität und wirtschaftliche Stabilität auch künftig zu gewährleisten, muss die Stadt als Wirtschafts- und Innovationsstandort Lösungen für zentrale Herausforderungen wie die Sicherung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, Bevölkerungswachstum und geopolitische Unsicherheiten entwickeln.
Zu den relevanten Akteur*innen der Wiener Wirtschaft zählen neben dem produzierenden Gewerbe, dem Dienstleistungsbereich, dem Handel, den klein- und mittelständischen Unternehmen, der Industrie und den Start-ups auch die Arbeitnehmer*innen, die Sozialwirtschaft, die Forschung, die öffentliche Verwaltung auf allen staatlichen Ebenen, die Sozialpartner*innen und die Zivilgesellschaft. Wirtschaft – das sind wir alle.
Einige Wiener Unternehmen befassen sich bereits mit Geschäftsmodellen der Kreislaufwirtschaft, einen Überblick gibt die Wirtschaftsagentur Wien mit einem Online-Report: https://www.wirtschaftsagentur.at/report-kreislaufwirtschaft
Die Wiener Wirtschaft ist hauptsächlich geprägt von Dienstleistungen (tertiärer Sektor, rund 85 Prozent). Nur rund 15 Prozent der Bruttowertschöpfung wird durch innerstädtische Produktion erwirtschaftet (sekundärer Sektor) und die Primärentnahme von Ressourcen innerhalb der Stadtgrenzen ist verschwindend gering. Deshalb ist Wien zum überwiegenden Teil von Rohstoffimporten aus dem restlichen Bundesgebiet, dem EU-Raum und dem globalen Markt abhängig (siehe Abbildung 8).
Resilienz durch Kreislaufwirtschaft
Zirkuläres Wirtschaften bietet Chancen auf mehreren Ebenen. Einerseits werden Unternehmen gegenüber Unsicherheiten entlang globaler Lieferketten resilient aufgestellt, da Kreislaufwirtschaft stärker auf Aufbereitung sowie Wieder- und Weiterverwendung bereits genutzter Ressourcen ausgerichtet ist. Das führt zu einer reduzierten Nachfrage an Primärrohstoffen und Produkten aus dem Ausland und verringert Umweltbelastungen, die bei Abbau, Produktion und Transport entstehen. Andererseits stärkt eine funktionierende Kreislaufwirtschaft heimische Produktions- und Dienstleistungssektoren. Der verstärkte Einsatz von regional anfallenden Sekundärressourcen erhöht die regionale Wertschöpfung.
Diesen Vorteilen stehen aktuell höhere Kosten sowie organisatorische und ordnungspolitische Hürden gegenüber. Diese Hürden gelten allerdings nur für die unmittelbare Umstellung auf eine zirkuläre Wirtschaft: Werden Umweltfolgen des linearen Wirtschaftens eingepreist, so sind zirkuläre Alternativen nicht teurer. Organisatorische Hürden für zirkuläre Lösungen entstehen aktuell aufgrund der an der Linearwirtschaft ausgerichteten Prozesse. Die Kreislaufwirtschaft ist langfristig sinnvoller, kurzfristig aber strukturell benachteiligt. Die unternehmerische Transformation hin zur Kreislaufwirtschaft ist dann gelungen, wenn wirtschaftlicher Erfolg und das Erreichen sozialer und ökologischer Zieldimensionen einander bedingen.
Regional verankert und international vernetzt, positioniert sich Wien als Vorreiterin und europäisches Vorbild für Ressourcenschonung und nachhaltiges Wirtschaften im Kreislauf. Wie zahlreiche Untersuchungen zur Arbeits- und Wirtschaftspolitik Österreichs zeigen, ist all das kein Selbstzweck. Denn Investitionen in Klimaschutz, Klimaanpassung und Kreislaufwirtschaft schaffen und sichern Arbeitsplätze, entlasten mittelfristig die öffentlichen Budgets und sorgen in privaten Haushalten für sinkende Lebenserhaltungskosten. Der technologische Wandel bietet enorme Chancen im Übergang zur Kreislaufwirtschaft, muss aber aktiv gestaltet werden: Für eine gerechte und nachhaltige Transformation müssen technologische Innovationen mit sozialen und organisatorischen Innovationen einhergehen.
Zusammenarbeit in der Metropolregion
Die Metropolregion Wien erhält mit ihren vielfältigen Wirtschaftsstandorten und geeigneten Flächen größere Bedeutung für das Angebot an Produkten und Dienstleistungen als Wien allein. Sie kann sich gemeinsam im internationalen Wettbewerb unabhängiger machen.
Um die Kreislaufwirtschaft zu etablieren, ist ein gemeinsames regionalwirtschaftliches Verständnis über die Wiener Landesgrenzen hinweg wichtig. Es braucht eine enge Abstimmung von politischen Entscheidungsträger*innen, Organisationen und Verbänden, ein attraktives Flächen- und Standortangebot und eine gute Infrastruktur im Stadtgebiet.
Um regionale Produktions- und Marktsegmente gezielt auszubauen, müssen Unternehmen und Gebietskörperschaften zusammenarbeiten. Dabei unterscheiden sich die Kooperationsräume bei den diversen Marktsegmenten und Lieferketten (z. B. in der Lebensmittel-, Bau- und Energiewirtschaft). Sie reichen von kleinräumiger Zusammenarbeit im direkten Stadtumland bis hin zur umfassenden Metropolregion (siehe Abbildung 9).
Ressourcenumschlag- und Marktplätze (virtuell und real) für den Austausch regional anfallender Sekundärressourcen beziehungsweise gebrauchter Materialien können nur Schritt für Schritt und unter Einbeziehung aller relevanten Stakeholder*innen entwickelt werden: Gemeinsam mit Industriebetrieben, produzierenden Unternehmen, Dienstleistungsbetrieben, Logistikanbieter*innen bis hin zu Eigentümer*innen von Flächen müssen dabei leistungsfähige, zielgruppengerechte digitale Lösungen entwickelt und am Markt integriert werden. Die Stadt Wien kann hier unterstützend tätig sein, indem sie mit den genannten Stakeholder*innen eine Step-by-Step-Strategie entwickelt und einzelne Pilotvorhaben vorantreibt.
Durch die Vernetzung von Branchen, Unternehmen und Akteur*innen und die Regionalisierung von Angebot und Nachfrage kann der Aufbau der Kreislaufwirtschaft in der Metropolregion Wien gelingen. Die Stadt Wien und ihre Unternehmen können durch gezielte Kooperationen mit der Wirtschaft ihre Rolle als Auftraggeberinnen im Sinne der Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft nutzen. Des Weiteren führt die gezielte Zusammenarbeit mit sozialökonomischen Betrieben (z. B. Reparaturbetriebe) durch die Verknüpfung von sozialen Zielen mit ökologischen Schwerpunktsetzungen zu einem hohen Mehrwert.
„Der Wiener Weg macht Kreislaufwirtschaft zum Motor für Innovation und Wachstum am Wirtschaftsstandort Wien. Durch nachhaltiges Ressourcenmanagement schaffen wir Jobs, stärken lokale Unternehmen und machen unsere Stadt zukunftsfit. Kreislaufwirtschaft ist eine Chance für eine starke Wirtschaft, die Umwelt und Lebensqualität verbindet. Jetzt ist die Zeit, Wien als Vorreiterin einer nachhaltigen und wettbewerbsfähigen Wirtschaft zu positionieren!“
Die 10-R-Grundsätze als Handlungsgrundlage
Oftmals assoziieren viele Menschen die Kreislaufwirtschaft ausschließlich mit dem Thema Abfall. Das Schließen von Ressourcenkreisläufen im Sinne des klassischen Recyclings am Ende der Nutzungsphase ist allerdings nur ein Teil des Konzepts. Die 10-R-Grundsätze beschreiben die verschiedenen Aspekte einer umfassend verstandenen, ökologisch nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise.
Die 10-R-Grundsätze sind handlungsleitend bei der Entwicklung von Instrumenten und Maßnahmen der Kreislaufwirtschaft. Ihre hierarchische Reihung erfolgt entlang ihrer Bedeutung für diese. Die Grundsätze gelten für kurzlebige Produkte (Lebensmittel, Verpackungen, Textilien) genauso wie für langlebige Produkte und Investitionsgüter (Infrastruktur, Gebäude).
Refuse, Rethink and Reduce
Die ersten drei R haben die stärkste Wirkung und erfordern ein grundlegendes Umdenken unseres Wirtschafts- und Konsumverhaltens. Es geht u. a. nachfrageseitig darum, an erster Stelle die Notwendigkeit einer Anschaffung von Produkten zu hinterfragen oder alternative Wege eines Produktnutzens zu gehen (Refuse). Statt Besitz rückt auch die gemeinschaftliche Nutzung in den Fokus – etwa durch Teilen statt individuellem Besitzen (Rethink). Neue Dienstleistungen helfen den Nutzen von Gütern zu erhöhen, die von Beginn an umfassend zirkulär gestaltet („circular design“) und möglichst effizient und ressourcenschonend produziert werden (Reduce).
Re-Use, Repair, Refurbish, Remanufacture und Repurpose
Diese fünf R zielen darauf ab, die Nutzungsdauer auf einem möglichst hohen Wertniveau zu verlängern und bieten eine große Bandbreite neuer Dienstleistungen. Das Wiederverwenden (Re-Use) und das Reparieren (Repair) von Produkten spielen hier eine große Rolle. Alte Produkte wieder aufzubessern und auf den neuesten Stand zu bringen (Refurbish) gehört ebenso dazu wie intakte Teile für neue Zwecke in Produkten mit denselben Funktionen (Remanufacture) oder anderen Funktionen (Repurpose) zu verwenden.
Recycle und Recover
Sollten alle anderen R nicht möglich sein, sind Materialien durch Recycling so weit wie möglich in den Stoffkreislauf zurückzuführen. Nicht vermeidbare Abfälle sollten zur Energieerzeugung (Strom, Fernwärme) verwendet werden, wie das zum Beispiel in den Müllverbrennungsanlagen passiert (Recover).
Die 10-R-Grundsätze dienen als Leitlinie, um technische und biologische Kreisläufe effektiv zu schließen. Stadtverwaltung, Unternehmen und Bevölkerung setzen einzelne dieser Grundsätze bereits um – meist jedoch in den Bereichen „Recycle” und „Recover”. Nun gilt es, das volle Spektrum der 10-R-Grundsätze stärker zu nutzen, insbesondere jene Maßnahmen am Anfang des Produktlebenszyklus, da sie die größte Wirkung entfalten. Diese Grundsätze müssen systematisch in alle relevanten Bereiche und Prozesse integriert werden, um den Wandel zur Kreislaufwirtschaft wirksam voranzutreiben.