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Landtag, 6. Sitzung vom 30.06.2011, Wörtliches Protokoll  -  Seite 19 von 69

 

StR Christian Oxonitsch: Welche Bundesland hat die meisten Kindergartenplätze?) Hier hilft es auch nicht, Herr Stadtrat, wenn man die Verantwortung permanent auf den Bund abschiebt, denn da gibt es eine klare Kompetenzverantwortung, da gibt es eine Landeskompetenz.

 

Der Kindergarten, Herr Stadtrat, ist die erste Bildungseinrichtung, wo es eben anfängt. Da ist in Wien viel weitergegangen, absolut, da ist auch auf Bundesebene viel weitergegangen, aber zuständig sind nun mal die Länder, und 600 PädagogInnen fehlen in Wien. Das werden Sie nicht bestreiten können! (Beifall bei der ÖVP. – Zwischenrufe bei der SPÖ.)

 

Gehen wir weiter. An der Basis ist die Volksschule, und auch da ist Wien verantwortlich. Das ist eine gemeinsame Schule, das haben wir auch gestern diskutiert, meine Damen und Herren, das war auch gestern ein Thema, ebenso auch bei der Rechnungsabschlussdebatte. Da frage ich mich: Was ist hier mit einer Reformdiskussion? Wo sind hier die notwendigen Veränderungen? Da haben wir in Wien viele Baustellen!

 

Herr Kollege Vettermann, Sie haben Polen als Beispiel herangezogen. Jetzt frage ich mich: Wie viele Migrationshintergrundkinder gibt es in Polen? Dieser Vergleich hatscht aber ordentlich, Herr Kollege, nicht böse sein! (Beifall bei der ÖVP. – Abg Heinz Vettermann: Viele aus der Ukraine!)

 

In Wien hat jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund, jedes zweite Kind spricht nicht Deutsch als Muttersprache. Wir brauchen eine absolut bessere Unterstützung für diese Kinder. Wir haben aktuell 6 900 Kinder in Wien, die als außerordentliche Schülerinnen und Schüler geführt werden, und wir haben es hier bereits öfter gesagt, dass diese Kinder einfach mitgeschleppt und nicht treffsicher unterstützt werden. Sie werden aus dem Unterricht herausgeholt und, ja, in Deutschkursen gefördert, aber in dieser Zeit versäumen sie den Regelunterricht und haben erneut Defizite. Chancen Geben und effizient Fördern schauen einfach anders aus. Und genau darum geht es!

 

Wir fordern einmal mehr Vorbereitungsklassen, wo diese Kinder echte Chancen bekommen und dann mit allen Möglichkeiten für eine Bildungskarriere in den Regelunterricht einsteigen, meine Damen und Herren.

 

Sie verspielen so die Zukunft dieser Kinder. Aber – das gestehe ich durchaus zu, das hat auch Frau StRin Frauenberger gestern gesagt – die Probleme ziehen sich quer durch. Es geht absolut nicht nur um Kinder mit Migrationshintergrund, es gibt auch Defizite beziehungsweise Förderbedarf bei Kindern, die keinerlei Migrationshintergrund haben.

 

Das sehen wir auch bei Kindern, die Förderbedarf im Kindergarten haben. Auch da braucht die Volksschule bessere Unterstützung, da gibt es Handlungsbedarf bei ganztägigen Angeboten, und ich frage mich: Warum gibt es nicht längst schon mehr ganztägige Angebote in Wien? (Abg Dipl-Ing Rudi Schicker: Wie ist das in Niederösterreich?)

 

Letztes Jahr hat es doch eine Volksbefragung gegeben, bei der gefragt wurde, ob mehr ganztägige Schulen gewünscht sind. Die Bevölkerung hat ganz klar Ja gesagt. Und dann heißt es, ja, in mehreren Jahren gibt es irgendwann einmal mehr ganztägige Schulen. (Abg Dipl-Ing Rudi Schicker: Da sind wir viel besser hier in Wien als in Niederösterreich!) Herr Klubobmann, schau nicht immer auf Niederösterreich. In Wien habt ihr seit ewigen Zeiten die Verantwortung. (Beifall bei der ÖVP. – Abg Dipl-Ing Rudi Schicker: Da sind wir viel besser in Wien! Da müssen wir nicht nach Niederösterreich schauen!) Man braucht nicht immer nur auf andere Bundesländer zu schielen. Anstatt zu sagen, was andere schlechter machen, sollte man besser schauen, wo man selber Verantwortung hat, und dann sagen, was man besser machen kann. (Abg Dipl-Ing Rudi Schicker: Sie sind im 19. Jahrhundert stehen geblieben!)

 

Man kann nur eines sagen: Wenn die Basis nicht stimmt, dann braucht man über weiterführende Schulen gar nicht erst zu sprechen. Man kann nur auf dem aufbauen, was es gibt. Und wenn Lesen, Schreiben und Rechnen nicht beherrscht werden – auch das haben wir schon öfter gesagt –, dann brauchen wir über Weiteres gar nicht zu reden.

 

Dass die Basis schlecht ist, hat der Lesetest gezeigt. Kollege Vettermann hat den Lesetest angesprochen. Da habe ich wenig Hoffnung, meine Damen und Herren. Der Lesetest wäre eigentlich eine gute Initiative gewesen, aber selbst der ist versemmelt worden, es ist gelungen, selbst das in den Sand zu setzen. Ein Viertel aller Wiener Kinder hat da massive Defizite, das ist ein dramatisches Ergebnis. (Abg Dipl-Ing Rudi Schicker: Was haben Sie mit den Lehrern gemacht?) Aber anstatt zu überlegen, wie man da konsequent gegensteuern kann, ist das als PR-Aktion wirklich versemmelt worden, meine Damen und Herren. (Abg Dipl-Ing Rudi Schicker: Die Anzahl der Lehrer ist gekürzt worden!) Da hat es wirklich einiges an Defiziten gegeben. Getestet wurde an der Schnittstelle in der 4. und 8. Schulstufe. (Abg Dipl-Ing Rudi Schicker: Die Frau Gehrer hat die Lehrer in die Pension getrieben!) Ja, Rudi, wir wissen es. (Abg Dipl-Ing Rudi Schicker: Auch die Lehrervertretung der ÖVP war dagegen, dass das gemacht wird!)

 

Die Frage ist: Was kann man konkret tun? Man hat nicht am gleichen Schulstandort Möglichkeiten geschaffen, man hat versäumt, das entsprechend auszuwerten und an der gleichen Schule Maßnahmen zu setzen.

 

Stattdessen werden jetzt zu Schulbeginn Kinder aus dem Unterricht genommen. Sie werden die anderen Schulfächer versäumen (Abg Dipl-Ing Rudi Schicker: Aber wieso denn? Das ist ja jetzt vom Tisch!), um einen Lese-Crash-Kurs zu besuchen. Die Kinder, die ohnehin schwach sind, werden weitere Probleme haben. (Abg Heinz Vettermann: Nach einem Crash-Kurs können sie lesen!) Und dann kommt der Wunsch ans Christkind: Zu Weihnachten sollen alle Kinder entsprechend lesen können. – Also etwas so Naives habe ich selten gehört, meine Damen und Herren.

 

Abschließen darf ich eines sagen: Wir sind offen für wichtige Reformen im Schulsystem, aber, meine Damen und Herren von Rot ebenso wie Grün: Bauen kann man nur auf einem gesunden Fundament, mit einem konkre

 

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