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Gemeinderat, 21. Sitzung vom 30.03.2022, Wörtliches Protokoll  -  Seite 28 von 94

 

neutral zu sein, heißt auch nicht, keine politische Haltung einnehmen zu müssen.

 

Ich spreche hier ganz bewusst von müssen, denn sich da durchzuwinden, sich hinter der Neutralität zu verstecken wie hinter einem Schutzschild, das ist in diesem Fall, in diesem Fall eines brutalen und barbarischen Angriffskrieges nicht nur auf die Souveränität und die territoriale Integrität eines anderen Staates, sondern auch auf die Humanität, auf die Menschenrechte, einfach schier keine Option - es ist keine Option!

 

Da ist ganz klare Haltung gefragt, nicht mehr und nicht weniger, ob das die ganz klare Verurteilung dieses brutalen Angriffs von Wladimir Putin betrifft, dass man die Gründe für diese Barbarei keinesfalls irgendwo anders als bei Wladimir Putin und der russischen Regierung sucht, oder aber auch die Frage betrifft, ob es dem Präsidenten der Ukraine ermöglicht wird, wie es in vielen zahlreichen anderen Staaten auch der Fall war, im österreichischen Parlament zu sprechen, damit wir unsere Solidarität, damit wir auch unsere moralische Unterstützung ausdrücken und zeigen können.

 

Warum das alles so wichtig ist, warum ich hier wirklich auf diese Haltung auch poche, warum wir hier humanitäre Hilfe leisten müssen, das könnte ich Ihnen jetzt aus meiner privilegierten Sicht natürlich noch weiter vorreferieren, aber das ist nicht das, was ich machen möchte. Ich möchte gerne einen kurzen Brief einer betroffenen Ukrainerin vorlesen, den diese mir geschickt hat, die nicht aus dem Land geflüchtet ist, sondern sich noch immer dort befindet: „Ich schreibe diesen Brief aus der ukrainischen Stadt Winnyzja. Es ist nicht meine Heimatstadt, ich bin nicht hier geboren und ich habe mich auch nicht dafür entschieden, hier zu leben. Mein Name ist Tanja, ich bin 32 und ich wurde in Mariupol geboren.

 

Wenn Sie mich nach dem Krieg fragen, dann muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, also wir haben nicht daran geglaubt, dass es passieren könnte. Aber irgendwann, als sich die Zeichen mehrten, habe ich begonnen, Angstzustände zu entwickeln, ich hatte schlechte Träume. Ich hatte sogar einen Traum, in dem der Krieg begann und ich mit einer Panikattacke aufwachte. Es war der 2. Februar, der Krieg begann 22 Tage später. Am 24. Februar wachte ich kurz vor den Explosionen in meinem Bett in Kiew auf. Ich wusste bereits, was es war, denn meine Heimat Mariupol war bereits 2014 für einen Monat besetzt gewesen, bis die ukrainische Armee die Stadt befreite. Ich kannte Krieg daher bereits. Ich fing an, mit meinen Freunden in Kiew zu telefonieren, ich rief meine Eltern in Mariupol an und sagte, dass der Krieg begonnen hat. Ich flehte sie an, auf sich aufzupassen. An diesem Tag nahmen mich meine Verwandten mit nach Winnyzja. Seit diesem Tag bin ich hier, meine Eltern sind noch immer in Mariupol, aber der Krieg ist überall, in der ganzen Ukraine. Jeden Tag haben wir mehrere Luftangriffe in verschiedenen ukrainischen Städten, jeden Tag signalisiert eine spezielle App auf unseren Handys: Luftalarm! Gehe zum nächsten Luftschutzbunker!

 

Jeden Tag sterben Menschen. Haben Sie Fotos von meinem Mariupol gesehen? Russische Truppen haben bereits einen sehr großen Teil meiner Heimatstadt zerstört. Sie haben eine Entbindungsklinik bombardiert, in der ich geboren wurde. Zwei Tage nach der Bombardierung ist eben dort eine hochschwangere Frau mit ihrem ungeborenen Kind an ihren Verletzungen verstorben. Sie haben auch das Theater in Mariupol bombardiert, das als Luftschutzbunker für mehr als tausend Menschen fungiert hat. Sie haben es bombardiert, obwohl an zwei Stellen außerhalb des Gebäudes das russische Wort für Kinder in großen Buchstaben auf dem Boden markiert war, um russische Jets zu warnen. 300 Menschen wurden dort getötet - 300!

 

Gestern bekam ich zum ersten Mal seit dem 2. März einen Anruf von meinem Vater, sie haben kein Gas, keinen Strom, kein Wasser und keinen Mobilfunk oder Internetanschluss. Es gibt nur einige wenige Punkte in der Stadt, in der es noch Verbindung gibt, und die Leute gehen dort hin, um ihre Verwandten wissen zu lassen, dass sie am Leben sind. Mein Vater hat mir erzählt, dass er viele tote Menschen gesehen hat. Die Menschen schaufeln Massengräber in ihren Haushöfen, damit später Verwandte herausfinden können, wo ihre Familien begraben sind.

 

Ich habe Ihnen jetzt meine Heimatstadt beschrieben, aber die gleiche Situation ist in Charkiw, in Tschernihiw. Jeden Tag bomben russische Truppen andere ukrainische Städte wie Iwano-Frankiwsk, Lemberg, Cherson, Kiew, überall. Aber wir Ukrainer haben einen starken Geist und den unbändigen Wunsch nach Freiheit.

 

Wir schätzen die Unterstützung ganz Europas und wir brauchen auch die Hilfe Europas, um zusammenzustehen. Lassen Sie keinen Präzedenzfall in Europa zu, lassen Sie Putin nicht gewinnen! Stehen Sie mit uns an der Seite der Ukraine.“ - Dem kann ich nichts mehr hinzufügen. - Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Vorsitzende GRin Dipl.-Ing. Elisabeth Olischar, BSc: Als nächster Redner zu Wort gemeldet ist StR Peter Kraus. Sie sind am Wort.

 

12.00.41

StR Peter Kraus, BSc|: Vielen Dank, Frau Vorsitzende! Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Ich glaube, mir geht’s ähnlich wie meiner Vorrednerin. Wie beginnt man so eine Rede? Vielleicht kann ich vorwegschicken, dass wir diesem Poststück natürlich zustimmen, das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Ich möchte auch woanders beginnen, nämlich bei vorletzter Woche, bei David, der in einem Wiener Hotel im 7. Bezirk, in Neubau, mit einem kaputten Computer sitzt und mich bittet, ob ich ihm nicht bitte helfen kann, den Computer neu aufzusetzen oder zu reparieren. Das ist dann zum Glück auch gelungen, und David hatte nach einigen Tagen endlich wieder Kontakt zu seinen Schulfreunden.

 

David ist mit seiner Mutter aus einem Vorort aus der Ukraine geflohen, er hat seinen Vater zurückgelassen und hat zumindest für die ersten Tage ein sicheres, kurzzeitiges Zuhause in einem Hotel im 7. Bezirk in Wien gefunden. David ist vor einer Welt geflohen, die bis vor Kurzem noch aus Spielen und Schule bestanden hat, die jetzt aus Bomben, aus Raketen, aus Panzern und aus Granaten besteht. Und so wie David geht es gerade ganz, ganz vielen Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern,

 

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