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Gemeinderat, 10. Sitzung vom 27.06.2011, Wörtliches Protokoll  -  Seite 49 von 164

 

Gibt es Vorschläge, wer das vielleicht sein könnte? Rudi Stohl, Heinz Kinigadner oder – richtig, Kollege Nevrivy weiß es. (GR Ernst Nevrivy: Ich habe nichts gesagt!) Es war der langjährige Geschäftsführer Lichtenegger, der oberste Boss der Wiener Linien, der in Niederösterreich wohnhaft ist, so wie Zehntausende andere Menschen, die in Wien einer Arbeit nachgehen. Warum fährt der Geschäftsführer, der oberste Boss der Wiener Linien, der uns seit vielen Jahren in millionenteuren Plakatkampagnen erklärt, dass die Wiener Linien die besten Linien für die Fahrgäste bauen, warum fährt dieser GF der Wiener Linien – wie auch viele Arbeiter aus Niederösterreich mit dem Kennzeichen GF – mit dem Auto nach Wien?

 

Dabei hat Herr Lichtenegger eigentlich einen riesengroßen Vorteil, denn die Zentrale der Wiener Linien ist bestens angebunden. Wenn er von der U-Bahn zu Fuß in sein Büro geht, braucht er wahrscheinlich fünf Minuten, trotzdem fährt er mit dem Auto in die Arbeit. Danach fährt er angeblich überallhin mit den Öffentlichen. Nicht einmal das glaube ich ihm, bevor ich mich wundere, denn erstens hat der Herr Lichtenegger garantiert ein Dienstauto, zweitens wird er sich aus seinem luxuriösen Büro in diesem Palast nicht oft hinauswagen, es sei denn, er fährt ins Rathaus, und das würde er mit der Dienstkarosse machen, meine Damen und Herren.

 

Warum macht Herr Lichtenegger das? Weil er gerne mit dem Dienstauto fährt? Oder liegt das nicht vielleicht doch an den Wiener Linien beziehungsweise an den Linien im Raum Niederösterreich, wo der Verkehrsverbund Ost-Region seit vielen Jahren mit Hilfe der Wiener Linien für ein angeblich tolles Verkehrsangebot sorgt? Warum nützt das der Herr Lichtenegger nicht? Die Antwort ist ganz einfach: Weil es nicht geht – es sei denn, man hat Tagesfreizeit und kann für den Weg zur Arbeit, wenn man aus Niederösterreich stammt, zwei Stunden in der Früh und zwei Stunden am Abend aufwenden, und das wird Herrn Lichtenegger zu viel sein. Darum fährt er mit dem Auto zur U3-Station Erdberg und setzt sich dort in sein Büro.

 

Was sagt uns das? Die Antwort ist ganz einfach: Das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln in und um Wien ist nicht so gut ausgebaut, dass wir die Einpendler aus Niederösterreich, das sind einige Zehntausend, zum Umsteigen auf die Öffis bewegen könnten. Das beste Beispiel ist der oberste Boss der Wiener Linien.

 

Hauptverantwortlich ist in diesem Fall natürlich – erstens für die Personalauswahl, zweitens für die Wiener Linien an sich – die Vizebürgermeisterin und Stadträtin Renate Brauner. Sie müsste eigentlich sagen – das Interview hat sie ja sicherlich gelesen –: Aber hallöchen, was ist denn da los? Wieso fährt der Boss der Wiener Linien nicht mit den Öffentlichen zur Arbeit, sondern steigt ins Auto? Da kann doch etwas nicht stimmen! Wir sagen auch, aber hallo, seltsam, warum macht er das nicht? – Stille. (GR Mag Wolfgang Jung: Weil er ein kluges Köpfchen ist!) Weil es einfach nicht geht oder weil sein Dienstauto zu luxuriös ist? – Weil es nicht geht. Das ist nämlich der Grund, warum zehntausende Einpendler aus Niederösterreich Tag für Tag auf das Auto zurückgreifen.

 

Was hat die SPÖ zum Beispiel gemacht, als sie die U2 nach Aspern verlängert hat? Ich habe es schon ein paar Mal angesprochen und muss es euch noch einmal erzählen: Bei vier von fünf Stationen im 22. Bezirk wurden keine Parkplätze in Form einer Park-and-ride-Anlage geschaffen, sondern ganz im Gegenteil: 100 bis 150 Parkplätze wurden vernichtet. Ich habe hier ein paar Bilder mitgebracht, die ich bei einer Radtour geschossen habe, damit keiner sagt, ich würde wieder G’schichtln erzählen. Man braucht nur zu schauen. (Der Redner zeigt entsprechende Fotos.) Hardeggasse: 5 m breite Radwege neben einem 5 m breiten Gehsteig und daneben ein paar Radständer. Da kann eine ganze Kompanie vorbeimarschieren, aber Parkplätze wurden dort vernichtet! Wieder Hardeggasse: Eine Betonwüste unter der Trasse, da dürfen nur Fahrräder oder Fahrzeuge der Wiener Linien durchfahren – natürlich unbenutzt.

 

Donauspital: Radlständer en masse.

 

Für insgesamt 850 Fahrräder wurden bei diesen 5 U-Bahn-Stationen Abstellmöglichkeiten geschaffen, doch sogar in der Radsaison werden, wenn es hoch hergeht, nur 5 Prozent davon benützt. (GR Ernst Nevrivy: Es gibt Radlfahrer!)

 

Aspernstraße: Das gleiche Bild, eine Betonwüste, ein paar Radlständer.

 

Langobardenstraße: ein Rad-Highway, breiter geht es nicht mehr, wäre auch für einen Panzer geeignet. Dafür wurden Parkplätze vernichtet. Natürlich fährt nie jemand dort.

 

Von der anderen Seite, nur zur besseren Veranschaulichung: Aspernstraße – eine Betonwüste. Wenn sich dort Leute hingestellt haben, als die U2 eröffnet wurde, haben sie eine Besitzstörungsklage der Wiener Linien erhalten. – Und da fragen sich SPÖ und GRÜNE, warum wir hier und heute einen Misstrauensantrag gegen die verantwortliche Stadträtin Brauner stellen!

 

Meine Damen und Herren, ich sage es frei heraus: In der jüngeren Geschichte hat es noch keinen Misstrauensantrag in diesem Haus gegeben, der wichtiger und richtiger als der heutige gewesen wäre. Darum ersuche ich – das wurde heute schon gesagt – alle, denen eine Verbesserung des Modal-Split, der Umwelt, der Schadstoff- und Feinstaubsituation in Wien am Herzen liegt, um Zustimmung zu dem Antrag, den unser Klubobmann Mag Johann Gudenus eingebracht hat.

 

Die völlig falsche Tarifpolitik, die die Wiener Linien und damit natürlich auch StRin Brauner verfolgen, ist mit ein Grund dafür, dass so wenige Leute auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen. Die Fahrscheine sind einfach zu teuer. Nachdem die Tarife schon 2007 und 2009 massiv erhöht wurden, steht uns jetzt, 2011, die nächste Erhöhung ins Haus.

 

Diesmal soll der Einzelfahrschein dem Vernehmen nach von 1,80 EUR im Vorverkauf auf 2 EUR und im Fahrzeug selbst von 2,20 EUR auf 2,40 EUR oder 2,50 EUR erhöht werden. Im richtigen Geld waren das jetzt 30 Schilling und werden es dann 35 Schilling sein, die die Fahrgäste der Wiener Linien für eine Fahrt von unter Umständen 5 oder 10 Minuten werden berappen müs

 

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