Vorstädte

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Überblick über die Vorstädte und die 1850 eingeführte Bezirkseinteilung (1865, WStLA, Kartografische Sammlung, P1: 249.3).
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Die Vorstädte bildeten die politische Gliederung des Gebiets zwischen der Stadtbefestigung und der Grenze des Verwaltungsgebiets (Burgfried, Linienwall). Mit der Abschaffung der Grundherrschaften, dem Provisorischen Gemeindegesetz für Cisleithanien von 1849 (es legte fest, dass Vorstädte mit der Stadt selbst jeweils eine gemeinsame Ortsgemeinde zu bilden haben[1]) und mit der darauf folgenden Schaffung der Wiener Bezirke (1850) verlor die alte Einteilung an Bedeutung.

Die neu errichteten Bezirke wurden nach der jeweils wichtigsten Vorstadt, die auf ihrem Gebiet lag, benannt. In Einzelfällen wurden die Vorstädte durch die neuen Bezirksgrenzen geteilt; so gelangte z. B. die alte Alservorstadt letztlich in die Bezirke 8 und 9 mit der Alser Straße als Bezirksgrenze.

Alphabetische Übersicht


Erste Entwicklungsphase (11./12. Jahrhundert)

Zwischen der Burgmauer (Stadtbefestigung) und dem Burgfrieden entstanden "Vorburgen" (alte Bezeichnungen für Vorstädte, vergleiche französisches Faubourg) an den Fernstraßen nach Ungarn (Bäckerstraße-Sonnenfelsgasse [Mauerfunde zwischen Sonnenfelsgasse und Fleischmarkt]), Italien (Weihburggasse, Weihenburg) und Bayern (Kohlmarkt-Wallnerstraße; An der langen Mauer, ferner die Kumpflucke (Kumpfgasse) und die Schaufellucke (Schauflergasse); die erste Stephanskirche (1137-1147; Tauschvertrag von Mautern, Stephansdom) und das Schottenstift (gegründet 1155; Heinrich II. Jasomirgott) lagen noch außerhalb der Mauern, die Erdburg (Erdberg) war noch nicht in den Burgfrieden einbezogen.


Zweite Entwicklungsphase (cira 1200-1529)

Durch die um 1200 erbaute neue Ringmauer (Stadtbefestigung) wurden die oben genannten Bauten und Siedlungen (ausgenommen Erdberg) in das Stadtgebiet einbezogen.

Vor dem neuen Stadtgraben, entlang der Fernstraßen und auf den Donauinseln (oberer und unterer Werd) entstanden neue Ansiedlungen (Lücken) sowie Klöster, Spitäler, Siechenhäuser, Kapellen und Mühlen, dazwischen erstreckten sich Äcker, Wiesen, Weingärten und Lehmgruben (Ziegeleien), die teilweise das Zubehör von Gutshöfen bildeten.

Das gesamte Gebiet war in fünf Sektoren geteilt, die man als Vorstädte bezeichnete und nach Haupttoren der Ringmauer benannt (Vorstädte vor dem Stuben-, Kärntner-, Widmer-, Schotten- und Werdertor). In jedem Sektor übten Vierer die Verwaltungs- und Polizeidienste aus.

Ab 1441 wurde eine Vorstadtbefestigung angelegt, die aber nicht am Burgfrieden, sondern (zum Schutz der verbauten Teile) quer durch die Vorstadtzone verlief.


Dritte Entwicklungsphase (1529-1704)

Am Beginn der Türkenbelagerung 1529 wurden die Vorstädte niedergebrannt.

Vom Wiederaufbau nicht erfasst wurde eine neugeschaffene Bauverbotszone (Glacis), die am Graben der 1531-1672 errichteten Festungsmauer (Stadtbefestigung), begann und bis 1683 immer wieder verbreitert wurde. Als Ersatz für den verlorenen Siedlungsraum wurden landwirtschaftliche Nutzflächen parzelliert und verbaut.

Als Vorstadt bezeichnete man nun nicht mehr geographische Sektoren, sondern abgegrenzte Siedlungen, die der Grundobrigkeit (Grundherrschaft und damit verbundene Verwaltungsbefugnisse) der Stadt Wien, des Landesfürsten, eines Adeligen oder einer geistlichen Institution unterstanden; als Organe fungierten ein von den Hausbesitzern gewählter Grundrichter, ein Ausschuss und ein Grundschreiber.

Von den damaligen Vorstädten unterstanden nur Alservorstadt (ab 1658), Josefstadt (ab 1700), Laimgrube (ab 1623), Landstraße (ab 14. Jahrhundert), Leopoldstadt (ab 1337 beziehunsweise 1688, bis 1371 Unterer Werd), Roßau (ab 14. Jahrhundert), Weißgerber (ab 1693) und Windmühle (ab 1620) der städtischen Grundobrigkeit.

Die Verwüstung der Vorstädte im Türkenjahr 1683 hatte auf die Rechts- und Besitzverhältnisse keinen Einfluss, doch setzte danach eine lebhafte Bautätigkeit in den Vorstädten ein. Durch das Burgfriedensprivileg Leopolds I. vom 15. Juli 1698 (Burgfried) wurden Neubau und Sankt Ulrich (auf Drängen des Schottenstifts, dessen Äbte zur Prälatenkurie der niederösterreichischen Landstände gehörten) und die Josefstadt (die trotz Kaufs durch die Stadt Wien 1700 als ständisches Freigut galt) aus dem Burgfrieden ausgeschieden und der landständischen Steuerhoheit unterstellt.


Vierte Entwicklungsphase (1704-1850)

Der 1704 erbaute Linienwall verlief nur zum Teil an der Burgfriedensgrenze; außerhalb des Walls blieben Teile von Landstraße, Lerchenfeld (dadurch Teilung in Alt- und Neulerchenfeld), Margareten und Wieden, andererseits lagen nun innerhalb des Walls Teile der nicht zum Burgfrieden gehörenden Dörfer Währing (Vorstadt Althan, Himmelpfortgrund, Lichtental, Michelbeuern, Thury), Hernals (der Alservorstadt zugeschlagen), Gumpendorf (Vorstadt Gumpendorf und Magdalenengrund) und Matzleinsdorf (Vorstadt Matzleinsdorf, Margareten, Hundsturm, Hungelbrunn, Laurenzergrund, Nikolsdorf, Reinprechtsdorf), ferner die 1698 ausgeklammerten Vorstädte Neubau, Sankt Ulrich, Josefstadt; als neue Vorstädte entstanden Breitenfeld, Schaumburgergrund und Schottenfeld.

Die letzten landwirtschaftlichen Nutzflächen verschwanden, die nach 1704 angelegten weiträumigen Adelsgärten wurden ab Ende des 18. Jahrhunderts zumeist parzelliert und verbaut. Die Gemeinde Wien kaufte systematisch die Grundobrigkeit über Vorstädte an: Erdberg 1704, Hungelbrunn 1705, Althan 1713, Wieden 1723, Margareten, Matzleinsdorf und Nikolsdorf 1727, Strozzigrund 1746, Michelbeuern und Thury 1786, Altlerchenfeld 1786 beziehungsweise 1810, Reinprechtsdorf 1786 beziehungsweise 1795, Spittelberg 1795, Gumpendorf 1798, Magdalenengrund 1799, Laurenzergrund 1806, Himmelpfortgrund 1825, Jägerzeile 1841 und Hundsturm 1842.

Am Ende dieser Entwicklungsphase standen nur noch sieben Vorstädte unter fremder Grundobrigkeit: Breitenfeld (Schottenstift), Lichtental (Fürstentum Liechtenstein), Mariahilf (Wiener Domkapitel), Neubau (Schottenstift), Sankt Ulrich (Schottenstift), Schaumburgergrund (Graf Starhemberg), Schottenfeld (Schottenstift).


Fünfte Entwicklungsphase (1850-1861)

Die Geschäftsordnung des Magistrats der Stadt Wien vom 6. März 1850 sah den Zusammenschluss der ummauerten Stadt und der 34 Vorstädte zu einem einheitlichen, in Bezirke gegliederten Verwaltungsgebiet vor; mit 1. Juli 1850 war die schon am 31. August 1848 beschlossene Ablösung der grundherrschaftlichen Rechte vollzogen.

Da die Vertreter von 15 bisherigen Vorstädten gegen die Grenzen der neuen Bezirke (die sich zum Großteil nicht an die alten Vorstadtgrenzen hielten) und gegen die Fusion der Vorstadtsvermögen mit dem Budget der Stadt protestierten, untersagte Franz Joseph I. am 6. Dezember 1851 die Aktivierung der bereits gewählten Bezirksvertretungen. Es blieben daher die bisherigen Vorstädte vorläufig unter städtischer Obrigkeit bestehen, die Grundrichter und Ausschüsse amtierten aber weiter.

Am 20. Dezember 1857 befahl der Kaiser den Abbruch der Stadtbefestigung; das bisher den kaiserlichen Behörden unterstellte, Stadt und Vorstädte trennende Glacis wurde zur Verbauung (als Teil des geplanten ersten Bezirks) bestimmt und am 14. Mai 1859 dem Stadterweiterungsfonds übertragen.

Am 29. Juni 1861 konnten schließlich die 1851 gewählten Bezirksvertretungen ihre Tätigkeit aufnehmen. Damit traten die acht Bezirke an die Stelle der bisherigen Vorstädte; der Bezirk Wieden wurde am 8. Oktober 1861 geteilt (Margareten), sodass es nunmehr neun Bezirke gab.

Aufgrund jüngster wissenschaftlicher Forschungen ergeben sich für die Bevölkerungszahlen der Vorstädte neue Erkenntnisse: Bevölkerungsgeschichte, Bevölkerung.

Siehe auch Häusernummerierung.

Einzelnachweise

  1. RGBl. Nr. 170 / 1849, § 2 Provisorisches Gemeindegesetz für Cisleithanien

Literatur

  • Walter Sauer: Grund-Herrschaft in Wien 1700-1848. Zu Struktur und Funktion intermediärer Gewalten in der Großstadt. [Kommentar zu den Karten 4.3.2. und 4.3.3. des Historischen Atlas von Wien]. Wien: J & V [u.a.] 1993 (Kommentare zum Historischen Atlas von Wien, 5), Zugl.: Habil.-Schr., Univ. Wien, 1991
  • Andreas Weigl: Eine Neuberechnung der Bevölkerungsentwicklung Wiens nach Bezirken 1777-1869. In: Wiener Geschichtsblätter. Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 1946 - lfd. 50,1995, S. 219 ff.
  • Robert Messner: Die Leopoldstadt im Vormärz. Historisch-topographische Darstellung der nordöstlichen Vorstädte und Vororte Wiens auf Grund der Katastralvermessung. Wien: Verband der Wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs 1962 (Topographie von Alt-Wien, 1)
  • Robert Messner: Die Landstrasse im Vormärz. Historisch-topographische Darstellung der südöstlichen Vorstädte und Vororte Wiens auf Grund der Katastralvermessung. Wien: Verband der Wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs 1978 (Topographie von Alt-Wien, 5)
  • Robert Messner: Die Wieden im Vormärz. Historisch-topographische Darstellung der südwestlichen Vorstädte und Vororte Wiens auf Grund der Katastralvermessung. Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 1982 (Topographie von Alt-Wien, 7)
  • Robert Messner: Mariahilf im Vormärz. Historisch-topographische Darstellung der westlichen Vorstädte Wiens (südliche Hälfte) auf Grund der Katastralvermessung. Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 1982 (Topographie von Alt-Wien, 6)
  • Robert Messner: Die Josefstadt im Vormärz. Historisch-Topographische Darstellung der westlichen Vorstädte (nördliche Hälfte) und westlichen Vororte Wiens auf Grund der Katastralvermessung. Wien: Verband der Wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs 1973 (Topographie von Alt-Wien, 3)
  • Robert Messner: Der Alsergrund im Vormärz. Historisch-Topographische Darstellung der nordwestlichen Vorstädte und Vororte Wiens auf Grund der Katastralvermessung. Wien: Verlag Notring 1970 (Topographie von Alt-Wien, 2)
  • Felix Czeike: Die Entwicklung der Inneren Stadt bis zum Fall der Basteien. In: Handbuch der Stadt Wien. Wien: Verlag für Jugend und Volk 1935-2005. Band 87,1973, S. 3/3ff., besonders S. 5 ff.
  • Ferdinand Opll: Der Wiener Burgfried. In: Ferdinand Opll: Der Burgfried der Stadt Wien. Studien zum Kompetenzbereich des Magistrats vor und nach der Türkenbelagerung von 1683. Wien: Deuticke 1985 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, 15)
  • Ferdinand Opll: Alte Grenzen im Wiener Raum. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1986 (Kommentare zum Historischen Atlas von Wien, 4)
  • Karl August Schimmer: Vollständige Beschreibung von Wien, dessen Eigenthümlichkeiten, innere und äußere Gestaltung, Merkwürdigkeiten, amtliches und Geschäftsleben, Industrie, Handel und Gewerbe, Kunst, Literatur und geselliges Leben. Wien: Sollinger 1848, S. 115 ff.
  • Bundesdenkmalamt [Hg.]: Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Wien. II. bis IX. und XX. Bezirk. Wien 1993
  • Felix Czeike: II. Leopoldstadt. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1980 (Wiener Bezirkskulturführer, 2)
  • Felix Czeike: III. Landstraße. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1984 (Wiener Bezirkskulturführer, 3)
  • Felix Czeike: IV. Wieden. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1979 (Wiener Bezirkskulturführer, 4)
  • Wolfgang Mayer: V. Margareten. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1982 (Wiener Bezirkskulturführer, 5)
  • Felix Czeike: VI. Mariahilf. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1981 (Wiener Bezirkskulturführer, 6)
  • Wolfgang Mayer: VII. Neubau. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1983 (Wiener Bezirkskulturführer, 7)
  • Felix Czeike: VIII. Josefstadt. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1980 (Wiener Bezirkskulturführer,8)
  • Felix Czeike: IX. Alsergrund. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1979 (Wiener Bezirkskulturführer, 9)
  • Helmut Kretscher: Landstraße. Geschichte des 3. Wiener Gemeindebezirks und seiner alten Orte. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1982 (Wiener Heimatkunde, 3)
  • Helmut Kretscher: Mariahilf. Geschichte des 6. Wiener Gemeindebezirks und seiner alten Orte. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1992 (Wiener Heimatkunde, 6)
  • Elfriede Faber: Neubau. Geschichte des 7. Wiener Gemeindebezirks und seiner alten Orte. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1992 (Wiener Heimatkunde, 7)
  • Renate Wagner-Rieger: Das Wiener Bürgerhaus des Barock und Klassizismus. Wien: Hollinek 1957 (Österreichische Heimat, 20), S. 94 ff.
  • Hans Markl: Kennst du alle berühmten Gedenkstätten Wiens? Wien [u.a.]: Pechan 1959, S. 112 ff.
  • Hans Markl: Die Gedenktafeln Wiens. Wien: ABZ-Verlag 1949, S. 68 ff.
  • Adalbert Klaar: Die Siedlungsformen Wiens. Wien: Zsolnay 1971, S. 42 ff.
  • Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer. Band 3/1: Wien. 1. - 12. Bezirk. Salzburg: Residenz-Verlag 1990
  • Rudolf Weyr: Wien - Zauber der Vorstadt. Wien [u.a.]: Zsolnay 1969 (Eine Stadt erzählt, Große Reihe, 3)
  • Leopold Schmidt: Zwischen Bastei und Linienwall. Wiener Vorstädte und ihre Gäste. Wien: Wiener Verlg. ²1947
  • Robert Waissenberger [Hg.]: Studien 79/80 aus dem Historischen Museum der Stadt Wien. Wien [u.a.]: Jugend und Volk 1980 (Wiener Schriften, 44), S. 108 ff.

Spezialliteratur bei den Stichwörtern der Vorstädte.