Virgilkapelle

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Virgilkapelle 2015
Art des Bauwerks Sakralbau
Jahr von 1220
Jahr bis
Andere Bezeichnung Virgiliuskapelle
Frühere Bezeichnung
Benannt nach Hl. Virgil
Einlagezahl
Architekt
Prominente Bewohner
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
Letzte Änderung am  10.03.2017 durch WIEN1\lanm08swa
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Bildname Virgilkapelle 01.jpg
Bildunterschrift  Virgilkapelle 2015
Bildquelle Kollektiv Fischka/Kramar mit Sabine Wolf / Wien Museum
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0
BezirkStraßeHausnummer
Innere StadtStephansplatz

frühere Adressierung

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Grundriss der Virgilkapelle (weiß) und der Maria-Magdalena-Kapelle (rot) im heutigen Straßenplaster.

Virgilkapelle (auch Virgiliuskapelle; 1, U-Bahnstation Stephansplatz)


Baugeschichte

Auf dem ehemaligen Stephansfreithof, direkt neben der Stephanskirche gelegen, wurde die heute so genannte Virgilkapelle ursprünglich möglicherweise als Unterbau einer Kapelle begonnen. Die erste Bauphase wird um 1220/1230, also in die Regierungszeit Leopold VI. datiert. Sechs massive Pfeiler, zwischen denen halbrunde Nischen ausgemauert wurden, bildeten einen unterirdischen Raum mit der beachtlichen Höhe von etwa elf Metern. Nachdem dieser ursprüngliche Plan aufgegeben worden war, baute man in einfacherer Form weiter. Die Nischen zwischen den sechs Pfeilern wurden mit Spitzbögen überwölbt, sodass darauf ein rechteckiger Raum errichtet werden konnte. Um 1246 stattete man die Kapelle mit den noch heute sichtbaren roten Fugenmalereien und großen Radkreuzen in den Nischen aus.

Es gibt für diese Phase keine baulichen Hinweise auf eine Treppe, über die man ihn auf einfache Weise hätte betreten können. Ein hölzerner Einbau ist denkbar. Licht kam in dieser Bauphase von Fenstern im oberen Bereich, durch die man vom Stephansfreithof aus hinabblicken konnte. In der Mittelachse der Kapelle, genau vor der Ostnische, befindet sich ein Brunnen, dessen Innenseite mit Steinen ausgekleidet ist und zu dem es möglicherweise einen gegenüberliegenden zweiten Brunnen gab. Wann genau im Tiefgeschoß Wasserstellen angelegt wurden und ob dies praktische oder liturgische Gründe hatte, ist ungeklärt. Vergleichsbeispiele kennt man von Krypten in einigen französischen Kathedralen oder etwa dem Dom von Speyer, wo sie mit der Heilkraft benachbarter Reliquien in Verbindung gebracht werden.

Die Virgilkapelle heute (links) und eine Rekonstruktion des Baues Mitte des 13. Jahrhunderts, vor Einziehung des heute bestehenden, gotischen Gewölbes vor 1300 (rechts).


Kapelle der Familie Chrannest

Nennung der Virgilkapelle als Besitz der Familie Chrannest. Urkunde des Andre Chrannest, Kaplan an der Virgilkapelle, vom 2. Februar 1340 (WStLA, Hauptarchiv Urkunden, U1: 213)

Erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts belegen schriftliche Quellen erstmals die Nutzung des Baues als Kapelle. Eine Ablassurkunde Erzbischof Konrads von Salzburg aus dem Jahr 1307 nennt die damals dem Heiligen Virgil geweihte Kapelle auf dem St. Stephansfreithof (außer Virgil war die Kapelle den Heiligen Ruprecht und Ulrich sowie den vier Marienfesten geweiht). 1340 bezieht sich Andre Chrannest in einer Urkunde auf die Virgilkapelle und bezeichnet sie als seines Vaters Kapelle, die auf dem Stephansfreithof unter dem Neuen Karner liegt. Andres Vater war der Münzmeister Wernhard Chrannest (1295-1313 genannt), Bruder des Bürgermeisters Heinrich Chrannest. Die Familie stammte vielleicht aus Salzburg und war im Tuchhandel zu Reichtum gelangt. Andre war Pfarrer in Ruprechtshofen und selbst Kaplan an der Virgilkapelle.

Spätestens um 1300 war es zu wichtigen Baumaßnahmen an der Kapelle gekommen. Im hinteren Bereich wurde jenes Gewölbe eingezogen, das heute noch sichtbar ist. Das über der Virgilkapelle entstandene Geschoß, das nur wenig unter Bodenniveau lag und vom Stephansfreithof aus zugänglich war, diente zunächst als Karner, d.h. es wurden die Gebeine aus den aufgelassenen Gräbern des Stephansfriedhofs verwahrt. 1486 schlossen Bürgermeister und Rat der Stadt Wien mit dem Deutschen Orden einen Vertrag, der die Nutzung eines Kellers des Deutschordenshauses, das an den Stephansfreithof grenzte, als Karner erlaubte. Der Karner ober der Virgilkapelle wurde in der Folge wohl aufgelassen und diente ab da der Gottleichnamsbruderschaft als Andachts- und Versammlungsort. 1589 ist dort der Gottesleichnamsaltar explizit genannt. Über Virgilkapelle und Karner wurde im 14. Jahrhundert die Maria-Magdalena-Kapelle errichtet, der Sitz der Schreiberzeche. Als die Maria-Magdalena-Kapelle 1781 nach einem Brand abgerissen wurde, füllte man die unterirdischen Räume mit ihrem Bauschutt. Der Bau geriet in Vergessenheit.


Ein Museum des Mittelalters

Die Virgilkapelle wurde 1973 im Zuge des U-Bahnbaues wiederentdeckt und als Museum (Außenstelle des Wien Museums) in die U-Bahn-Station Stephansplatz integriert. Die Kapelle war durch eine Glaswand auch von der U-Bahn-Station aus einsehbar. Der Grundriss von Virgilkapelle und Maria-Magdalena-Kapelle wurde im Straßenpflaster des Stephansplatzes nachgezeichnet. 2008 musste die Virgilkapelle aus konservatorischen Gründen geschlossen werden. Es erfolgte ein Umbau, indem die Glaswand abgebrochen wurde, damit von hier aus der neue Zugang erfolgen kann. Im Dezember 2015 konnte die sanierte Virgilkapelle als „Museum des Mittelalters“ wieder eröffnet werden. Der estnische Komponist Arvo Pärt hat aus diesem Anlass eine „Kleine Litanei“ komponiert.


Literatur

  • Albert Camesina: Die Maria-Magdalena-Capelle am Stephansfreythof. In: Berichte und Mitteilungen des Altertums-Vereines zu Wien. Band 11. Wien: Gerold 1870, S. 216 ff.
  • Marina Kaltenegger, Patrick Schicht: Die "Virgilkapelle". Bauhistorische Untersuchungen im Vorfeld der neuen musealen Präsentation. In: Fundort Wien. Berichte zur Archäologie. Wien: Phoibos Verlag 18 (2015), S. 242 ff.
  • Michaela Kronberger [Hg.]: Die Virgilkapelle in Wien. Baugeschichte und Nutzung. Wien: Phoibos Verlag 2016
  • Gertrud Mossler: Die Ausgrabungen des Bundesdenkmalamtes. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege. Hg. vom Österreichischen Bundesdenkmalamt. Horn/Wien: Berger / Wien/München: Schroll 1. 28 (1974), S. 144 ff.
  • Richard Perger: Zur Geschichte des neuen Karners und der Kapellen St. Virgilius und St. Maria Magdalena auf dem Wiener Stephansfreithof. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege. Hg. vom Österreichischen Bundesdenkmalamt. Horn/Wien: Berger / Wien/München: Schroll 1. 28 (1974), S. 153 ff.
  • Richard Perger / Walther Brauneis: Die mittelalterlichen Kirchen und Klöster Wiens. Wien [u.a.]: Zsolnay 1977 (Wiener Geschichtsbücher, 19/20), S. 69 - 72
  • Marlene Zykan: Zur kunstgeschichtlichen Bedeutung der neuentdeckten Unterkirche. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege. Hg. vom Österreichischen Bundesdenkmalamt. Horn/Wien: Berger / Wien/München: Schroll 1. 28 (1974), S. 160 ff.


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