Stadtbefestigung

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Vogelschauplan von Joseph Daniel von Huber (1769-1773)
Art des Objekts Sonstiges
Jahr von 1150
Jahr bis 1857
Name seit
Andere Bezeichnung Burgmauer, Stadtmauer, Frühneuzeitliche Festungswerke
Frühere Bezeichnung
Benannt nach
Bezirk
Lage
Verkehr
Prominente Bewohner
Besondere Bauwerke
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
Letzte Änderung am  31.05.2017 durch WIEN1\lanm08sch
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Bildname WStLA_KS_Sammelbestand_P1_11.jpg
Bildunterschrift  Vogelschauplan von Joseph Daniel von Huber (1769-1773)
Bildquelle WStLA, Kartographische Sammlung, P1: 11
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0

Begrifflichkeit und Periodisierung

Die erste, um die Mitte des 12. Jahrhunderts errichtete, auf den römischen Lagermauern aufbauende Stadtbefestigung nennt man Burgmauer. Auf diese folgte die um 1200 errichtete, ein circa dreimal so großes Areal umfassende Ringmauer. Schließlich wurde es mit der veränderten Kriegstechnik notwendig, die mittelalterliche Ringmauer in eine frühneuzeitliche bastionäre Festung auszubauen.

Burgmauer

(Mitte) 12. Jahrhundert bis etwa 1200: Der Begriff „Burgmauer“ bezieht sich auf die erste mittelalterliche Stadtmauer, die die frühstädtische Siedlung umschloss. Diese wurde vermutlich während des 12. Jahrhunderts errichtet. Sie dürfte zumindest teilweise auf der Lagerbefestigung von Vindobona aufgebaut sein, von der zu jener Zeit noch Teile erhalten waren bzw. ihrer Flucht folgten. Ein künstlicher Graben verlief im Zuge Graben-Naglergasse; natürliche Begrenzungen boten der durch den Tiefen Graben fließende Ottakringer Bach, ein Donauarm im Zuge Salzgries-Franz-Josefs-Kai und ein durch die Rotenturmstraße fließendes Rinnsal, die Mörung.

Ringmauer

Um 1200 bis 16./17. Jahrhundert: Mit dem 1194 bezahlten Lösegeld für den englischen König Richard I. Löwenherz in der Höhe von 20.000 Mark Silber wurde ein neuer Befestigungsgürtel, die Ringmauer, finanziert. Sie umschloss ein fast dreimal größeres Gelände als die Burgmauer und umfasste viele Anger, Weingärten und Felder. Zu Trasse, Toren, Türmen siehe Ringmauer. Diese Mauer wurde unter Ottokar II. Přemysl fertiggestellt und im 14. und 15 Jahrhundert weiter ausgebaut. Der Herzog mag für die Neubefestigung Wiens auch Geld der Bürger herangezogen haben. Die Mauer hatte eine Länge von fast fünf Kilometern und bestand aus Bruchstein. Mit Ausnahme der Donaufront verlief vor der Ringmauer ein künstlicher Grabenannt. Nach der Fertigstellung der Ringmauer wurde die Burgmauer aufgelassen; nur einige ihrer Tore blieben noch länger erhalten. Bis zur Ersten Türkenbelagerung (1529), bei der sich die Unzulänglichkeit der Stadtbefestigung gezeigt hatte, unterstand diese der vom Rat vertretenen Bürgergemeinde.

Frühneuzeitliche Festungswerke

Aufgrund der ersten Türkenbelagerung wurde die Ringmauer zwischen 1531 und 1672 nach und nach durch einen der damaligen Kriegstechnik entsprechenden Befestigungsgürtel ersetzt. Da Geldmittel fehlten, wurde zwischen 1562 und 1640 nicht gebaut. Als die Osmanen 1650 erneut eine Bedrohung darstellten, wurden die Arbeiten wieder aufgenommen und vor der zweiten Türkenbelagerung 1683 fertiggestellt. Die Festungsmauer besaß zu diesem Zeitpunkt keine Türme, sondern Basteien (vorspringende erhöhte Geschützterrassen), die durch Kurtinen (Mauerabschnitte) miteinander verbunden waren. Der Graben wurde beträchtlich erweitert, in ihm erhoben sich in Abständen Ravelins oder Schanzen (freistehende, nur über Brücken zugängliche Bollwerke). Vor der Stadtbefestigung erstreckte sich ein im Lauf der Zeit mehrfach verbreitertes Glacis. Seither unterstanden Stadtbefestigung und Glacis dem Landesfürsten (zuletzt dem k. k. Militärärar), was bei der Aufhebung der Stadtbefestigung (1857) zu einem langen Rechtsstreit darüber führte, wem die Parzellierung und der Verkauf der Bauparzellen zustand.

Abfolge der Basteien und Tore: Biberbastei, Bibertor, Dominikanerbastei (Bürgerbastei, Stadtbastei), Stubentor (Stubenbastei), Braunbastei (auch Untere Paradeisbastei), Wasserkunstbastei (auch Heunerbastei, Obere Paradeisbastei), Kärntnertor, Augustinerbastei (Kärntner Bastei), Burgtor, Burgbastei (verstärkt durch den Spanier; Spanische Bastei), Löwelbastei (Landschaftsbastei), Mölkerbastei, Schottentor, Schottenbastei (Eckbastei), Neutor (ursprünglich Neues Werdertor), Elendbastei (Arsenal- oder Münnichbastei), Große Gonzagabastei (Wasserschanzbastei), Fischertor (Schanzeltor), Kleine Gonzagabastei (Unterer Fall), Rotenturmtor.

Abfolge der Ravelins oder Schanzen: Judenschanze, Biberravelin (Biberschanze), Stubenschanze, Dachslochschanze, Kärntner Ravelin (Kärntner Schanze), Augustinerravelin, Burgravelin, Ziegelschanze, Schottenravelin (Schottenschanze), Neutorravelin (Neutorschanze), Wasserschanze.

Veränderungen 1770-1857

1770 entstand zwischen Biber- und Dominikanerbastei das Hauptmauttor. Nach den Sprengungen durch die Franzosen (vor ihrem Abzug 1809) trug man alle Ravelins sowie die Burgbastei ab. 1817-1824 wurde die Festungsmauer zwischen Löwel- und Augustinerbastei bis zur heutigen Trasse Opernring-Burgring-Dr.- Karl-Renner-Ring vorverlegt und das Neue Äußere Burgtor errichtet. 1854-1857 wichen die Biber- und die Dominikanerbastei dem Bau der Franz-Joseph-Kaserne. Auf Anraten des Bürgermeisters Stephan von Wohlleben hob Franz I. 1817 den Charakter Wiens als Festung auf, womit die Basteien ihres militärischen Zwecks entkleidet waren und größtenteils zur Promenade freigegeben wurden.

Auflassung

1857: Am 20. Dezember 1857 ordnete Franz Joseph I. den Abbruch der Befestigungen und die Verbauung des Glacis' an. Der Abbruch erfolgte überwiegen 1858-1864, Reste verschwanden 1870-1875 und 1884 (Bastei; dort genaue Abbruchdaten). Die Parzellierung, den Grundstücksverkauf und die Verbauung übernahm der 1859 geschaffene Stadterweiterungsfonds (Ringstraße, Ringstraßenära, Ringstraßenzone, Stadterweiterung).

Vorstädte

Videos

Wiens historisches Stadtzentrum 1529-2010 (YouTube)

Literatur

  • Wendelin Boeheim: Das Befestigungs- und Kriegswesen. In: Geschichte der Stadt Wien. Hg. vom Altertumsverein zu Wien. Wien: Holzhausen 1 (1897), S. 262 ff.
  • Otto Brunner: Zur Geschichte der Stadt Wiens im Mittelalter. In: Monatsblatt des Vereins für Geschichte der Stadt Wien. Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 1919-1938. Band 8 (1926), S. 154 ff.
  • Ludwig Eberle: Wien als Festung. In: Heinrich Srbik / Reinhold Lorenz: Die geschichtliche Stellung Wiens 1740-1918. Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 1962 (Geschichte der Stadt Wien, Neue Reihe, 1) 4 (1911), S. 218 ff.
  • Gustav Gugitz: Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien. Hg. vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Band 1: Geschichte, historische Hilfswissenschaften, Festungswerke und Kriegswesen, Rechtswesen, Kulturgeschichte, Sittengeschichte. Wien: Touristik-Verlag 1947, S. 124 ff.
  • Paul Harrer-Lucienfeld: Wien, seine Häuser, Geschichte und Kultur. Band 2, 1. Teil. Wien ²1952 (Manuskript im WStLA), S. 1 f.
  • Paul Harrer-Lucienfeld: Wien, seine Häuser, Geschichte und Kultur. Band 2, 1. Teil. Wien ²1952 (Manuskript im WStLA), S. 15
  • Walter Hummelberger, Kurt Peball: Die Befestigungen Wiens. 1974
  • Walter Hummelberger: Die Befestigungen Wiens. Wien [u.a.]: Zsolnay 1974 (Wiener Geschichtsbücher, 14)
  • Adolf Kutzlnigg: Das Befestigungs- und Kriegswesen. In: Heinrich Srbik / Reinhold Lorenz: Die geschichtliche Stellung Wiens 1740-1918. Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 1962 (Geschichte der Stadt Wien, Neue Reihe, 1) 2/1 (1902), S. 284 ff.
  • Ferdinand Opll: Alte Grenzen im Wiener Raum. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1986 (Kommentare zum Historischen Atlas von Wien, 4)
  • Ferdinand Opll, Heike Krause, Christoph Sonnlechner: Wien als Festungsstadt im 16. Jahrhundert. Zum kartografischen Werk der Mailänder Familie Angielini. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2017
  • Richard Perger: Straßen, Türme und Basteien. Das Straßennetz der Wiener City in seiner Entwicklung und seinen Namen. Wien: Deuticke 1991 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, 22)