Gemeindebau

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Sandleiten. Blick über den Nietzscheplatz Richtung Wohnhausanlage, 1928
Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1923
Jahr bis
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung
Benannt nach
Einlagezahl
Architekt
Prominente Bewohner
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Bildname Sandleitenhof2.jpg
Bildunterschrift  Sandleiten. Blick über den Nietzscheplatz Richtung Wohnhausanlage, 1928
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Gemeindebau ist in Wien die volkstümliche Bezeichnung für eine von der Stadtverwaltung errichtete Wohnhausanlage. Es kann sich um einzelne Häuser ebenso handeln wie um große Anlagen mit mehreren Stiegen.

Erste Republik

Als die Sozialdemokraten bei den Gemeinderatswahlen vom 4. Mai 1919 die absolute Mehrheit erlangten, fassten sie zunächst den Plan die Wohnungsnot durch Förderung des Genossenschaftswohnungsbaus zu bekämpfen. Doch auf Grund der Kapitalarmut nach Ende des Ersten Weltkrieges und der wirtschaftlich äußerst kritischen Situation infolge des Auseinanderbrechens der Habsburgermonarchie und der Hyperinflation begannen sie (im Sinne ihrer Kommunalprogramme aus der Oppositionszeit) mit dem Bau subventionierter städtischer Wohnhäuser, um (bei gleichzeitiger Bekämpfung der herrschenden Wohnungsnot) den ärmeren Bevölkerungsschichten Wohnungen mit einem Mindeststandard an Größe und Ausstattung zu erschwinglichen Mieten zur Verfügung zu stellen.

Am 20. Jänner 1923 wurde diese Bautätigkeit (nachdem anfangs Mittel aus Anleihen Verwendung gefunden hatten) durch Einhebung einer zweckgebundenen Wohnbausteuer auf eine neue finanzielle Basis gestellt. Noch im selben Jahr wurde vom Gemeinderat am 21. September ein städtisches Wohnbauprogramm (Bau von 25.000 Wohnungen) beschlossen und so zügig realisiert, dass am 29. Oktober 1926 (zugleich im Sinn einer produktiven Arbeitsmarktförderung) ein Zusatzprogramm von 5.000 Wohnungen beschlossen werden konnte. Diesem folgte am 27. Mai 1927 ein zweites städtisches Wohnbauprogramm (30.000 Wohnungen). Bis Anfang 1934 konnten über 63.000 Wohnungen fertiggestellt werden. Bekannte Beispiele für damals errichtete Gemeindebauten sind der Karl-Marx-Hof im 19. Bezirk und der George-Washington-Hof im 10. und 12. Bezirk. Bis 1934 entstanden etwa 60.000 vom Magistrat vermietete Sozialwohnungen.

Die Stadtverwaltung gab zur Eröffnung von Gemeindebauten oft klassisch gestaltete Broschüren heraus. So wurde für den später so benannten, 1925 eröffneten Lindenhof im 18. Bezirk, Kreuzgasse / Paulinengasse, und den benachbarten Bau Kreuzgasse / Antonigasse ein großformatiges Druckwerk mit 16 Seiten und vier Umschlagseiten publiziert, das den Titel "Die Wohnhausanlagen der Gemeinde Wien im 18. Bezirk, Kreuzgasse" trug. In der Broschüre war die Zeile Gemeinde Wien größer als alle anderen Zeilen gedruckt:

Diese Wohnhausanlagen erbaute die / GEMEINDE WIEN / aus den Mitteln der Wohnbausteuer in den Jahren 1924-1925 / unter dem / BÜRGERMEISTER / KARL SEITZ / und den / AMTSFÜHRENDEN STADTRÄTEN / Hugo BREITNER Franz SIEGEL Anton WEBER

Danach wurden Architekten und Bauleiter genannt; für den Bau Kreuzgasse / Paulinengasse war dies Karl Ehn, der später den Karl-Marx-Hof gestaltete. Ähnlich wurden auch Tafeln an den Bauten textiert.

Zweite Republik

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Wohnbaupolitik des "Roten Wien" der Zwischenkriegszeit bewußt wieder aufgenommen. Bereits im Jahr 1947 wurde neben der notwendigen Wiederherstellung beschädigter Gebäude mit dem Bau der Per-Albin-Hansson-Siedlung ein Neubauprogramm gestartet, welches Jahr für Jahr einen beeindruckenden Output erbrachte. Bis zu Beginn der 1960er Jahre gelang es, die Zahl der Gemeindewohnungen zu verdoppeln. In der Folge erlaubte erreichten die Neubauleistungen pro Jahr teilweise Werte weit über der 10.000er Grenze. Im Gegensatz zur Zwischenkriegszeit wird jedoch seit den 1950er Jahren der geförderte Wohnbau durch den Bau von Eigentums- und Genossenschaftswohnanlagen beziehungsweise von städtischen Wohnanlagen mit erhöhten (gegebenenfalls jedoch im Sinn der Familienförderung gestützten) Mieten ergänzt. Die Zahl der Neubauwohnungen wurde in der Regel nicht mehr von in der Form sich über mehrere Jahre (Legislaturperioden) erstreckende Wohnbauprogramme festgelegt, sondern jährlich im Gemeindebudget, wobei im Lauf der Zeit die Schwerpunkte (Sozialwohnungen, Förderung von Eigentums- und Genossenschaftswohnungen, Miet- beziehungsweise Zinsenzuschüsse) wechselten.

Bis in die 60er Jahre dauerte es, bis der Nachholbedarf gedeckt war (1956: 50.000. Wohnungen nach Kriegsende); ab den 60er Jahren kamen neue technische Methoden zur Anwendung (Fertigteilbau, Umstellung des Wohnbaus auf Serienproduktion; 1960 Gründung der Montagebau GmbH; 1964 Vollendung der ersten Wohnhausanlage aus Fertigteilen in Kagran); die parallelen Baublöcke standen nun in rechtem Winkel zur Straße, die Grünräume öffneten sich zu dieser; der Siedlungsbau wurde durch den sogenannten Rainer-Plan nach rationellen Gesichtspunkten ausgerichtet. Ab Mitte der 60er Jahre entstanden Großanlagen am Stadtrand (ab 1966 Per-Albin-Hansson-Siedlung, ab 1968 Großfeldsiedlung). Für 1978-1982 wurde wieder ein Wohnbauprogramm beschlossen (35.000 Wohnungen). 1980 begannen Instandsetzungsprogramme für ältere städtiche Wohnhausanlagen. Im Oktober 1959 wurde die 100.000. städtische Wohnung (11, Mitterweg) nach Kriegsende übergeben, am 2. Oktober 1981 die 200.000. städtische Wohnung (16, Sulmgasse 2) seit Beginn des kommunalen Wohnbaus.[1]

Zu den bekannten Gemeindebauten dieser Periode zählten der 1953 bis 1959 errichtete Marschallhof in Kaisermühlen (22. Bezirk), die 1947 bis 1977 in drei Teilen errichtete Per-Albin-Hansson-Siedlung (10. Bezirk) und die 1966-1973 ausgebaute Großfeldsiedlung (21. Bezirk).

In den 1980er Jahren wurden kommunale Wohnbauprogramme ausgesetzt, wobei Fertigstellungen von Bauvorhaben bis in die 1990er Jahre liefen. Durch Wohnungszusammenlegungen verringerte sich der Bestand an Gemeindewohnungen ein wenig. Im Dezember 2017 wurde das kommunale Wohnbauprogramm mit dem Spatenstich für "Gemeindewohnungen-NEU" wieder aufgenommen.

Der Stand der Gemeindewohnungen betrug:

  • 1945: 65.568
  • 1954: 96.109
  • 1961: 134.164
  • 1971: 157.629
  • 1981: 181.369
  • 1991: 223.136
  • 2005: 213.649
  • 2012: 210.600[2]

1977 brachte Wolfgang Ambros, damals einer der populärsten Wiener Sänger, das Lied Die Blume aus dem Gemeindebau heraus. Ohne dich wär dieser Bau so grau, schwärmte er darin die schönste Frau von der Vierer-Stiag'n an: Deine Augen so blau / Wie ein Stadlauer Ziegelteich.

Siehe auch

Literatur

  • Hannelore Bandel [Red.]: 60 Jahre Kommunaler Wohnbau. Wien: Compress 1983 (Literaturverzeichnis)
  • Hans Hautmann / Rudolf Hautmann: Die Gemeindebauten des Roten Wien 1919-1934. Wien: Schönbrunn-Verlag 1980
  • Helmut Weihsmann: Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919-1934. Wien: Promedia 1985
  • Maren Seliger: Sozialdemokratie und Kommunalpolitik in Wien. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1980 (Wiener Schriften, 49)
  • Felix Czeike: Wirtschafts- und Sozialpolitik der Gemeinde Wien in der ersten Republik (1919-1934). Band 2. Wien [u.a.]: Wien: Verl. f. Jugend u. Volk 1959 (Wiener Schriften, 11)
  • 50 Jahre sozialer Wohnhausbau. In: Stadt Wien Sondernr. Juni (1971), S. 20 ff.
  • Wiener Stadtbauamt [Hg.]: Die Tätigkeit des Wiener Stadtbauamtes und der Städtischen Unternehmungen technischer Richtung in der Zeit von 1935 bis 1965. Ein Bericht in zwei Bänden. Band 2. Wien: Stadtbauamt 1974, S. 5 ff.
  • Wiener Stadtbauamt 1965-1985. Dokumentation. Hg. von der MD-Stadtbaudirektion. Wien: Compress-Verl. 1988
  • Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien 2006
  • Kurt Stimmer [Hg.]: Die Arbeiter von Wien. Ein sozialdemokratischer Stadtführer. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1988, S. 234 ff.
  • Ursula Schwarz: Die Benennung der Wiener Gemeindebauten von 1919-1945. Dipl.-Arb., Univ. Wien. Wien 1992
  • Manuela Tischler: Der kommunale Wohnbau in Wien 1919-1934. Alternative Modelle des Familienlebens? Dipl.-Arb. Univ. Wien. Wien 1992
  • Andreas Weigl, Zeitreihen zu Ökologie, Soziales, Verwaltung und Freizeit 1945-2002 (Statistische Mitteilungen der Stadt Wien 2003 Heft 2/3), S. 7-96
  • Der Wiener Gemeindebau. Geschichte, Daten, Fakten, Wien o.J.
  • Wiener Zeitung, 23.01.2015, S. 12

Links

Einzelnachweise

  1. Bericht der Rathauskorrespondenz vom 2. Oktober 1981 über die Übergabe der 200.000. Gemeindewohnung durch Bürgermeister Leopold Gratz.
  2. Andreas Weigl, Zeitreihen zu Ökologie, Soziales, Verwaltung und Freizeit 1945-2002 (Statistische Mitteilungen der Stadt Wien 2003 Heft 2/3), S. 22; Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien 2006, S. 170; Der Wiener Gemeindebau. Geschichte, Daten, Fakten, Wien o.J., S. 13