Spital zu St. Marx

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Spital zu St. Marx 1801 (Ausschnitt aus dem Titelbatt eines Verzeichnisses von Spenden an das Spital zu St. Marx).
Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1270
Jahr bis 1945
Andere Bezeichnung Siechenhaus St. Marx, Bürgerversorgungshaus St. Marx
Frühere Bezeichnung Siechenhaus St. Lazar
Benannt nach Hl. Markus
Einlagezahl
Architekt
Prominente Bewohner
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
Letzte Änderung am  18.08.2017 durch WIEN1\lanm08swa
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Bildname BSF_Gutthaeter_Titelblatt_StMarx.jpg
Bildunterschrift  Spital zu St. Marx 1801 (Ausschnitt aus dem Titelbatt eines Verzeichnisses von Spenden an das Spital zu St. Marx).
Bildquelle WStLA, Bürgerspitalfonds, B1/1
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0
BezirkStraßeHausnummer
3Rennweg95
3Viehmarktgasse2
3Dr.-Bohr-Gasse2-8
3Landstraßer Hauptstraße173-175

frühere Adressierung

Derzeit wurden noch keine frühere Adressen zu diesem Bauwerk erfasst!

Derzeit wurden noch keine Konskriptionsnummer zu diesem Bauwerk erfasst!
Der Spitalskomplex 1824 auf dem Stadtplan, Anton Behsel (1820-1825).

Siechenhaus St. Lazar bzw. St. Marx, Spital St. Marx, Bürgerversorgungshaus St. Marx (3, Landstraßer Hauptstraße 173–175, Rennweg 95, Viehmarktgasse 2, Dr.-Bohr-Gasse 2–8, Konskriptionsnummer Landstraße 572). Über die Gründungsumstände des Siechenhauses ist nichts bekannt. Es dürfte spätestens um 1270 bestanden haben und trug zunächst die Bezeichnung St. Lazar(us). Für eine in der älteren Literatur erwähnte Verbindung mit dem Lazarusorden finden sich keine Hinweise. Im 14. Jahrhundert wurde die Bezeichnung St. Marx (Markus) üblich, die sich wahrscheinlich vom Kapellenpatrozinium ableitet. Wie die anderen beiden mittelalterlichen Wiener Siechenhäuser, St. Hiob zum Klagbaum und St. Johannes in der Siechenals, befand es sich an einer städtischen Ausfallsstraße im Bereich der Burgfriedensgrenze und diente zur Isolierung von Personen mit ansteckenden Krankheiten, vor allem Lepra.

Das zerstörte Spital St. Marx während der Ersten Osmanenbelagerung 1529. Ausschnitt aus: Rundansicht von Wien, Niklas Meldeman (1530).
1622 datiertes Typar des Spitals mit dem Namen gebenden Markuslöwen.

Dem Siechenhaus stand ein Wiener Bürger als Pfleger vor, dem der landesfürstliche Amtmann in der Scheffstraße als Vogt übergeordnet war. Spätestens nach der Ersten Osmanischen Belagerung von 1529 scheint St. Marx unter städtische Aufsicht gekommen zu sein. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt dürfte auch das Siechenhaus Klagbaum mit St. Marx vereinigt worden sein. Im Zug der Belagerung wurde das Siechenhaus zerstört und seine Insassinnen und Insassen vermutlich kurzfristig im neuen Bürgerspital in der Stadt untergebracht. Spätestens 1540 war die Einrichtung wieder so weit hergestellt, dass sie bezogen werden konnte. Erst 1562 konnte die zerstörte Kirche wieder aufgebaut werden. Zu weiteren Ausbauarbeiten kam es 1581, 1586 und 1600.

In die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts fällt die Umwandlung von St. Marx in ein Spital, das vorranging der Behandlung einer damals neu auftretenden Krankheit diente: der Syphilis („Franzosenkrankheit“). Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts lassen sich dort auf die Behandlung von Syphilis spezialisierte Wundärzte nachweisen, die von der Medizinischen Fakultät der Universität entsprechend geprüft worden waren. Das Spital wurde im 17. Jahrhundert von einem sogenannten Obervater geleitet, dem als Superintendenten bezeichnete Amtsträger aus dem Inneren Rat zur Aufsicht und Kontrolle übergeordnet waren. Wie viele damalige Fürsorgeeinrichtungen verfügte auch St. Marx über einen eigenen Wirtschaftsbetrieb (Wälder, Äcker, Wiesen, Gärten, Weingärten, Brauhaus, untertänige Häuser usw.).

Im Zug der Zweiten Osmanischen Belagerung von 1683 wurde das Spital wiederum schwer in Mitleidenschaft gezogen und schließlich 1706 gemeinsam mit Klagbaum dem Bürgerspital inkorporiert. Dadurch konnte einiges an Personal und auch die eigenen Superintendenten eingespart werden. St. Marx unterstand nun dem Bürgerspitalmeister und den Superintendenten des Bürgerspitals. Die Leitung vor Ort hatte ein sogenannter Hauspfleger inne.

Das Spital St. Marx mit dem Marxer Linienamt (oben). Gegenüber des Linienamtes das dem Spital gehörige Gasthaus. Die Insassinnen und Insassen waren vor allem im Trakt rechts untergebracht. Die eingezäunte, unten rechts zu erkennende Fläche diente der Reinigung der Betten. In dem Gebäudeteil, das unten an den großen Garten anschloß, befand sich der Trakt für die Wöchnerinnen und "Narren". Ausschnitt aus dem 1778 im Druck erschienenen Huber-Plan.
Das Spital St. Marx, Ausschnitt aus dem Stadtplan, Joseph Anton Nagel (1773), erschienen 1780. Gut zu erkennen der Friedhof um der Spitalskirche.

Das Bürgerspital lagerte nach der Inkorporierung verschiedene Insassengruppen nach St. Marx aus. Nachdem zunächst Personen mit der „hinfallenden Krankheit“ (Epilepsie) dorthin gebracht worden waren, folgten Ende 1715 die Schwangeren und Wöchnerinnen sowie auch die sogenannten Narren (mental Beeinträchtigte und psychisch Kranke). Personen mit Geschlechtskrankheiten sowie mit solchen, die ähnliche äußerliche Symptome hervorriefen, wurden weiterhin dort behandelt („venerische“ und „corrosivische“ Kranke). Das Spital St. Marx versorgte im Schnitt um die 300 Personen.

Gemeinsam mit dem Bäckenhäusel bildete St. Marx die beiden Krankenhäuser des Bürgerspitals. Für die medizinische Versorgung der Insassinnen und Insassen standen ein akademisch gebildeter Arzt („Physikus“) und ein handwerklich ausgebildeter Wundarzt zur Verfügung. Die zum ganz überwiegenden Teil ledigen Schwangeren und Wöchnerinnen wurden von einer Hebamme betreut. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts fand in St. Marx auch geburtshilflicher Unterricht statt. Der Umgang mit den „Narren“, den „mit der Lustseuche behafteten“ Personen und auch den ledigen Schwangeren und Wöchnerinnen in St. Marx erfuhr ab der Mitte des 18. Jahrhunderts vermehrt Kritik von aufklärerischer Seite.

Der Trakt am Garten des Spitals diente der Unterbringung der "Narren" in kleinen Zellen und der Gebärzimmer im ersten Stock. Die Erweiterung, für die der vorliegende Plan um 1760 angefertigt wurde, kam nicht zustande.
Für die Unterbringung der Schwangeren und Wöchnerinnen sowie der „Narren“ war eigens ein neuer Gebäudetrakt errichtet worden (genannt „Schwangerhof“). Ein Teil der „Narren“ war dort in Käfigen („Kottern“) untergebracht und mit Ketten fixiert. Die in den 1720er Jahren geplante Errichtung eines eigenen Findelhauses zur Entlastung des Haupthauses des Bürgerspitals wurde nicht in die Tat umgesetzt. Im Lauf des 18. Jahrhunderts kam es zu weiteren teils realisierten, teils auch nur angedachten Erweiterungen. Das Spital verfügte über einen eigenen Friedhof, auf dem auch die in Klagbaum Verstorbenen beigesetzt wurden (nicht zu verwechseln mit dem heutigen, erst 1784 belegten St. Marxer Friedhof).
Ab 1784 wurde das Spital St. Marx als Versorgungshaus adaptiert.
Im Zug der das Armen- und Krankenwesen betreffenden Reformen Josephs II. kamen die Insassinnen und Insassinnen von St. Marx größtenteils in das 1784 neu eröffnete Allgemeine Krankenhaus, zu dem auch ein Gebärhaus und ein „Tollhaus“ (heute Narrenturm) genannt) gehörten. Nach einer kurzen Umbauphase wurden hingegen 1785 versorgungsbedürftige Bürger und deren Angehörige aus dem Bürgerspital nach St. Marx überstellt. Das nunmehrige Bürgerversorgungshaus wurde vom Spitalamt geleitet und über den neu geschaffenen Bürgerspitalfonds finanziert. Diese Aufgabe behielt St. Marx bis zum Jahr 1861, als die Insassinnen und Insassen in das neu erbaute Bürgerversorgungshaus (9, Währinger Straße 45) übersiedelten, das an der Stelle des abgerissenen Pestlazaretts erbaut worden war. Der wohl berühmteste Bewohner des Bürgerversorgungshauses St. Marx starb am 2. Oktober 1850: Josef Madersperger, Erfinder der Nähmaschine.
Innenhof des Spitals St. Marx (1820).
Das St. Marxer Areal 1843. Die vom Versorgungshaus genutzten Teile sind in rosa, die vom Brauhaus St. Marx genutzten in braun eingezeichnet.

Das Areal und Brauhaus von St. Marx erwarb 1857 der Bierbrauer Adolf Ignaz Mautner, der das Brauhaus schon früher gepachtet und schließlich 1857 hatte. Ab dieser Zeit erfolgte die Umgestaltung der gesamten Realität, die sich zu einer der größten Bierbrauereien Österreichs entwickelte. Nach der Fusion mit der Schwechater und Simmeringer Brauerei 1913 erfolgte 1916 die Auflassung der Brauerei St. Marx. Die Gebäude wurden 1945 durch Bomben zerstört und nach dem Krieg durch einen städtischen Wohnhauskomplex ersetzt.


Pfarrzugehörigkeit

Eigene Hauspfarre, siehe: St. Marx (Pfarre)


Quellen


Literatur

  • Michael Altmann: Das Wiener Bürgerspital. Zur Erinnerung an die Eröffnung des neuen Bürger-Versorgungshauses in der Alservorstadt. Wien: Selbstverlage des Bürgerspitalamtes 1860, S. 65 ff.
  • Elfriede Drexler: Studien zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Rechtsgeschichte der mittelalterlichen Spitäler Wiens. Hausarb. Univ. Wien. Wien 1950, S. 111 ff.
  • Gustav Gugitz: Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien. Hg. vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Band 4: Profane Topographie nach den 21 Bezirken (2.–21. Bezirk). Wien: Jugend & Volk 1958, S. 58 f.
  • Joseph Holzinger: Hausgeschichte des Bürgerspitals zu Wien. Unveröffentlichtes Manuskript 1857–1860 [WStLA, Handschriften: A 240], Teil 2/2
  • Sonia Horn: Wiener Hebammen 1643–1753. In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 59 (2003), S. 35–102 (zu St. Marx S. 86, 94 ff.)
  • Renata Kassal-Mikula [Hg.], Steinerne Zeugen. Relikte aus dem alten Wien. Wien: Eigenverlag 2008 (Katalog zur Sonderausstellung des Wien Museums, 346), S. 216–223
  • Wilhelm Kisch: Die alten Straßen und Plätze von Wiens Vorstädten und ihre historisch interessanten Häuser. (Photomechan. Wiedergabe [d. Ausg. v. 1888]). Cosenza: Brenner 1967, Band 2, S. 526
  • Die Landstraße in alter und neuer Zeit. Ein Heimatbuch. Hg. von Landstraßer Lehrern. Wien: Gerlach & Wiedling 1921, S. 199, 246, 257
  • Melanie Linöcker: „der unzucht und lastern derbey entspringende krankheit“. Syphilis und deren Bekämpfung in der Frühen Neuzeit am Beispiel des Wiener Bürgerspitals St. Marx. Saarbrücken: VDM, Müller 2008
  • Hans Markl: Kennst du alle berühmten Gedenkstätten Wiens? Wien [u.a.]: Pechan 1959 (Perlenreihe, 1008), S. 136 f.
  • Lorenz Novag: Das Bürgerspital und das Versorgungs-Haus zu St. Marks in Wien. Wien: 1820
  • Richard Perger / Walther Brauneis: Die mittelalterlichen Kirchen und Klöster Wiens. Wien [u.a.]: Zsolnay 1977 (Wiener Geschichtsbücher, 19/20), S. 261 ff.
  • Sarah Pichlkastner: Insassen, Personal und Organisationsform des Wiener Bürgerspitals in der Frühen Neuzeit. Eine Projektskizze. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 123 (2015), S. 117–132 (zum Spitalmeister S. 123–125)
  • Sarah Pichlkastner: Eine Stadt in der Stadt. InsassInnen und Personal des frühneuzeitlichen Wiener Bürgerspitals – eine Studie anhand exemplarischer Untersuchungszeiträume [in Arbeit befindliche Dissertation an der Universität Wien, geplanter Abschluss 2019]
  • Friedrich Karl Freiherr von Rokitansky: Die Wahrheit über St. Marx. 1935
  • Martin Scheutz / Alfred Stefan Weiß, Spital als Lebensform. Österreichische Spitalordnungen und Spitalsinstruktionen der Neuzeit. Band 2: Editionsteil. Wien [u. a.]: Böhlau Verlag 2015 (Quellenedition des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, 15/2), S. 946 ff. (Instruktion Hauspfleger 1706), 956 ff. (Instruktion Wundarzt 1707), 965 ff. (Instruktion Hebamme 1719), 986 ff. (Instruktion Obervater 1715), 1020 ff. (Instruktion Bierschreiber 1709), S. 1022 ff. (Instruktion Braumeister 1710)
  • Leopold Senfelder: Öffentliche Gesundheitspflege und Heilkunde. In: Alterthumsvereine zu Wien [Hg.], Geschichte der Stadt Wien. Band 6: Vom Ausgange des Mittelalters bis zum Regierungsantritt der Kaiserin Maria Theresia, 1740, Teil 3. Wien: Holzhausen 1918, S. 206–290 (zur medizinischen Versorgung in St. Marx S. 250 f.)
  • Christian M. Springer / Alfred Paleczny / Wolfgang Ladenbauer: Wiener Bier-Geschichte, Wien [u. a.]: Böhlau Verlag 2016, S. 44 ff.
  • Karl Weiß: Geschichte der öffentlichen Anstalten, Fonde und Stiftungen für die Armenversorgung in Wien. Wien: Selbstverlage des Gemeinderathes 1867, S. 18 f., 91 ff., 248 ff., 268 ff.