Schulwesen

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Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Schulwesen. Die ersten Schulen Wiens entstanden bei den drei Hauptpfarren der Stadt: St. Stephan (vermutlich schon im 12. Jahrhundert, nachweisbar ab 1237), St. Michael (vermutlich zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts, nachweisbar ab 1350) und am Schottenstift (vermutlich 13. Jahrhundert, nachweisbar ab 1310). Dazu kam eine Schule in dem um 1250 gegründeten Bürgerspital (nachweisbar ab 1384). Alle diese Schulen waren nur für Knaben bestimmt und unterstanden der Gemeinde Wien; die Schule bei St. Stephan (Bürgerschule zu St. Stephan, an der die Stadt Wien ab 1296 den Schulmeister ernennen durfte) hatte einen Lehrplan (überliefert ab 1559), der nach heutigen Begriffen Volksschule und untere Gymnasialstufe umfasste, die drei anderen Schulen waren Trivialschulen (Volksschulen).

Das Lehrpersonal wurde seit dem Ausbau der Universität (1384) von Magistern und Bakkalaren der Artistenfakultät gestellt; zu den Lehrfächern zählte der Unterricht in lateinischer Sprache, die im Mittelalter als die einzig internationale Verständigungsmöglichkeit galt. Musikalisch begabte Schüler wurden zum Gesang bei Gottesdiensten herangezogen; die Kantorei an der Bürgerschule bei St. Stephan hatte dabei (so wie die Schule selbst) eine Vorrangstellung.

Nach der Ausbreitung der Lehre Luthers in Wien im 16. Jahrhundert entstanden zusätzliche Schulen, an denen nur in deutscher Sprache unterrichtet wurde; 1586 ist je eine solche Schule im Margaretenhof am Bauernmarkt und in den Vorstädten St. Ulrich und Rossau nachweisbar. Die 1551 nach Wien berufenen Jesuiten eröffneten 1554 bei ihrem Kolleg Am Hof eine katholische "höhere" Lateinschule, die der Bürgerschule erfolgreich Konkurrenz machte. Die Gemeinde Wien führte 1569-1624 im ehemaligen Bußhaus bei St. Hieronymus eine Volksschule für Mädchen (die bis dahin nur in einzelnen Nonnenklöstern Unterricht erhalten hatten); sie wurde 1624 ins Bürgerspital verlegt. Im Sinne der nach 1620 einsetzenden Rekatholisierung erging 1627 ein Generalmandat, das jeglichen Unterricht protestantischer Prägung untersagte; die Schule bei St. Michael war schon 1620 geschlossen worden. 1629 wurde auf Betreiben der Jesuiten die Zahl der damals in Wien befindlichen Schulen von acht auf zwölf erhöht. 1668 gab es acht Schulen in der Stadt und sieben in den Vorstädten, die der Gemeinde Wien unterstanden und in denen die Jesuiten nur den Religionsunterricht versahen; selbst führten die Jesuiten nunmehr drei Schulen (mit Gymnasialniveau). Wiederholt musste gegen private "Winkelschulen" und gegen die von einzelnen Adeligen auf ihren Freigründen (beispielsweise im Starhembergischen Freihaus auf der Wieden) errichteten Schulen eingeschritten werden. Die 1660 nach Wien (1, Johannesgasse) berufenen Ursulinen eröffneten eine Mädchenschule, die Piaristen (Patres Piarum Scholarum, Väter der frommen Schulen), die sich 1697 in der Josefstadt niederließen, 1701 eine Volksschule für Knaben (nach deren Besuch die Schüler in das von den Jesuiten geleitete Stadtgymnasium übertreten mussten) und 1735 (nach erfolgter Bewilligung) ein Gymnasium. Für die Unterbringung und den Unterricht verwaister und armer Knaben war die von Johann Konrad Richthausen Freiherr von Chaos 1663 letztwillig angeordnete und 1672 realisierte Stiftung bestimmt (Chaossches Stiftungshaus). Für Söhne des Adels reserviert waren folgende als Internate geführten Unterrichtsanstalten: 1546-1578 die Protestantische Landschaftsschule (Landschaft = Landstände) am Minoritenplatz, 1565-1648 die Kaiserliche Landschaftsschule beim Dominikanerkloster, 1689-1749 die landständische Akademie in der Alservorstadt (ständische Landschaftsschule), 1746-1776 die Savoyensche Adelige Akademie auf der Laimgrube und die 1754 gegründete Theresianische Akademie (Theresianum). Zu den Internaten gehörten auch das von den Jesuiten 1554 gegründete und 1623 der Universität angegliederte kaiserliche Konvikt und die, ebenfalls von den Jesuiten gegründeten, zur Heranbildung von Geistlichen bestimmten Konvikte (Pazmaneum, Seminar St. Ignaz und Pankraz, Kroatisches Seminar).

1765 wurde die lateinische durch die deutsche Unterrichtssprache ersetzt, 1775-1805 aufgrund der "Unterrichtsmethode Gratian Marx" eine Reduzierung auf fünf Klassen vorgenommen. 1770 berief Maria Theresia den Pädagogen Abt Johann Ignaz von Felbiger nach Wien und übertrug ihm als "Generaldirektor des Schulwesens" die Neuordnung desselben. Am 2. Jänner 1771 wurde die Bürgerschule zu St. Stephan zur ersten Muster- oder Normalschule erhoben (dreiklassig), am 6. Dezember 1774 wurde eine "Allgemeine Schulordnung für die deutsche Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämtlichen Erbländern" erlassen (Schaffung der österreichischen Volksschule), 1775 entstand in Wien die erste Normalschule. Joseph II. führte 1781 den Schulzwang und 1787 das Schulpatronat ein, Franz I. 1805 die politische Schulverfassung. Als Vorbereitung zur Normalschule bestand die zweiklassige Trivialschule. 1848 wurde im Zuge der Schaffung des Unterrichtsministeriums auch das Volksschulwesen reformiert (Abschaffung der Normal- und Trivialschulen, Einführung einer sechsklassigen Volksschule, "Grundzüge des öffentlichen Unterrichtswesens" von Unterstaatsssekretär Ernst Freiherr von Feuchtersieben); die Volksschulen wurden in die Obsorge der Gemeinden gegeben. Die Mittelschulreform Thuns brachte 1849 die Erhöhung auf acht Klassen. Eine völlige Umgestaltung brachte das Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869 (achtjährige Schulpflicht, Abschaffung des Schulgelds per 1. Jänner 1870, Übertragung der Schulaufsicht an neugebildete Ortsschulräte). Am 8. Juli 1870 wurden Bürgerschulen eingeführt; 1884 erfolgte die Trennung der Volksschulen in fünfklassige Volks- und dreiklassige Bürgerschulen.

Akademie, Akademisches Gymnasium, Berufsbildende Höhere Schulen, Berufsschulen, Bürgerschule, Einheitsschule, Gewerbeschulen, Gymnasium, Handelsakademie, Handelsschule, Hauptschule, Hochschule, Höhere technische Lehranstalt, Jesuiten, Lehrerbildungsanstalt, Lehrerinnenbildungsanstalt, Mittelschule, Normalschule, Piaristen, Realgymnasium, Realschule, Reichsvolksschulgesetz, Schulbrüder, Schulbuchverlag, Schulordnung, Schulpflicht, Schulreform, Schulschwestern, Schulversuche, Stadtschulrat, Staatsgewerbeschulen, Universität, Volksschule; vergleiche auch Otto Glöckel, Eugenie Schwarzwald.

Literatur

  • Albert Hübl: Die Schulen. In: Geschichte der Stadt Wien. Hg. vom Altertumsverein zu Wien. Wien: Holzhausen 1897-1918. Band 2/2, 1905, S. 946 ff.
  • Albert Hübl: Die Schulen. In: Geschichte der Stadt Wien. Hg. vom Altertumsverein zu Wien. Wien: Holzhausen 1897-1918. Band 5, 1914, S. 331 ff.
  • Leo Kövesi/ Friedrich Jellouschek: Die Schulgesetze des Bundes. 1963
  • Hermann Schnell: Bildungspolitik in der 1. Republik. 1993
  • 100 Jahre Unterrichtsministerium 1848-1948. Hg. vom Bundesministerium für Unterricht und Kultur. 1948
  • Karl König: Das Mariahilfer Schulwesen. In: Das Wiener Heimatbuch – Mariahilf. Hg. von der Arbeitsgemeinschaft des Mariahilfer Heimatmuseums. Wien: Austria Press 1963, S. 175 ff.
  • Ernest Blaschek [Hg.]: Mariahilf einst und jetzt. Wien [u.a.]: Gerlach & Wiedling 1926 (Wiener Heimatbücher), S. 214 ff.
  • Ottakring. Ein Heimatbuch des 16. Wiener Gemeindebezirkes. Hg. von der Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde in Ottakring. Wien: Schulbücherverlag 1924, S. 264 ff.
  • Hans Rotter: Die Piaristenschule. In: Hans Rotter: Die Josefstadt. Geschichte des 8. Wiener Gemeindebezirkes. Wien: Selbstverlag 1918, S. 398 ff.
  • Hans Rotter: Die Entwicklung des Schulwesens in Wien. In: Hans Rotter: Die Josefstadt. Geschichte des 8. Wiener Gemeindebezirkes. Wien: Selbstverlag 1918, S. 401 ff.
  • Christine Klusacek / Kurt Stimmer: Währing. Vom Ganserlberg zum Schafberg. Wien: Mohl 1989, S. 58 ff.
  • Hans Werner Bousska: Abriß der Geschichte des Wiener Schulwesens. In: Meidling. Blätter des Bezirks Museums 23/24 (1989), S. 35 ff.
  • Maren Seliger / Karl Ucakar: Wien. Politische Geschichte 1896 - 1934. Wien: Jugend & Volk 1985 (Geschichte der Stadt Wien, 2), Register
  • Peter Csendes [Hg.]: Österreich 1790-1848. Kriege gegen Frankreich, Wiener Kongreß, Ära Metternich, Zeit des Biedermeier, Revolution von 1848. Das Tagebuch einer Epoche. Wien: Brandstätter 1987, S. 67 f.
  • Ferdinand Lettmayer [Hg.]: Wien um die Mitte des XX. Jahrhunderts - ein Querschnitt durch Landschaft, Geschichte, soziale und technische Einrichtungen, wirtschaftliche und politische Stellung und durch das kulturelle Leben. Wien: 1958, S. 476 ff.
  • Erwin Redl: Schulpolitik in Österreich 1918-1960. Diss. Univ. Wien. Wien 1961