Sammellager Kleine Sperlgasse 2a

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Vorbereitung eines Deportationstransportes im Hof des Sammellagers Kleine Sperlgasse 2a. Fotoalbum des SS-Scharführes Josef Weiszl aus dem Jahr 1942.
Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1941
Jahr bis 1942
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung
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Einlagezahl
Architekt
Prominente Bewohner
Quelle
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Bildunterschrift  Vorbereitung eines Deportationstransportes im Hof des Sammellagers Kleine Sperlgasse 2a. Fotoalbum des SS-Scharführes Josef Weiszl aus dem Jahr 1942.
Bildquelle LG Wien, Vg 8c Vr 871/55
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0
BezirkStraßeHausnummer
2Kleine Sperlgasse2a

frühere Adressierung

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Kartenausschnitt aus Wien Kulturgut

Von Februar bis März 1941 und von Oktober 1941 bis Ende Oktober 1942 fungierte das Haus als Sammellager der für die Deportationen zuständigen „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ im Rothschildpalais (4., Prinz-Eugen-Straße 20-22).

Vorgeschichte

Das Gebäude wurde 1875 als Schulgebäude der Stadt Wien erbaut. Es war Teil eines größeren Gebäudekomplexes mit mehreren Schulen. Die Adresse 2A diente zunächst als Volksschule und im Weiteren auch als Mädchenhauptschule. Nach dem „Anschluss“ wurde die Kleine Sperlgasse 2A vom Stadtschulrat zu einer der so genannten Judenschulen bestimmt. Die Auflösung und Zusammenlegung verschiedener „Judenschulen“ führte dazu, dass ab November 1940 auch eine Knabenhauptschule im Gebäude bestand. Ab Dezember 1940 musste die Israelitische Kultusgemeinde Wien die Schule von der Stadt Wien mieten und führen. Nach nur 2 Monaten wurde die Schule geschlossen. Im Februar 1941 mussten die jüdischen Schülerinnen und Schüler in die Schule in der Castellezgasse 35 übersiedeln.

Das Sammellager Kleine Sperlgasse („Sperlschule“)

Im Februar 1941 errichtete die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ im Schulgebäude in der Kleinen Sperlgasse ein Sammellager, wo Jüdinnen und Juden vor ihrer Deportation interniert wurden. Das Sammellager in der Kleinen Sperlgasse 2A war das größte und am längsten bestehende Sammellager. Die Mehrheit der 45.451 Deportierten aus den Jahren 1941-1942 wurde von der Sperlgasse aus deportiert. Mehrere Quellen dokumentieren die schlechten Bedingungen im Sammellager und auch die Verzweiflung der Internierten, von denen einige im Lager Selbstmord begingen. Eine der eindrücklichsten Quellen dazu ist das Gedicht des Holocaust Überlebenden Otto Kalwo (1918-2008), der für kurze Zeit auch als jüdischer „Ordner“ im Lager gearbeitet hatte.

"Die Sperlschule summt" (Gedicht von Otto Kalwo)

Tausende Juden sind für einen Ostentransport bereitgestellt worden. Bewegung erfüllt das Haus. Treppauf, treppab, so wandern die Unruhigen. Alte Kranke werden in die Zimmer geschleppt und auf verwanzte, ausgenommene Matratzen fallen gelassen. Da liegen sie, hilflos, die matten Augen in eine Welt gerichtet, die sie nicht mehr verstehen. Sie wollen noch zu ihren Kindern ins Ausland kommen, sie sehen und küssen und vor Wiedersehensfreude lächeln... Es ist nichts daraus geworden. Sie werden nach Osten fahren. In ein Getto. So spinnen sie ihre Gedanken fort. Ausland, Kinder, Osten...[...] Die Sperlschule summt. Ein Geflüster geht durch die Eingeweihten, leitenden Juden: „Brunner kommt!“ Der Namen des gefürchteten [sic] legt sich wie ein Alpdruck a[u]f die Juden. Der Todesengel kommt! Er bestimmt, ob du oder du morgen ins Elend fährst. Kommission ist angesagt. Die Gänge werden gewaschen, das Kommissionszimmer aufgeräumt – Betreten blickt man sich an. Das letzte Stadium rückt heran. Die Entscheidung. Das Summen und Raunen in den Zimmern wird stärker, Nervosität macht die Insassen einander unleidlich. [...] „Gibt es eine Zurückstellung?“ Das ist die Fragen, die sie beherrscht. [...][1]


Das Sammellager wurde mit dem Ende der großen Deportationen Ende Oktober 1942 aufgelöst.

Nachnutzung

Nach Schließung des Sammellagers erhielten die Mädchenvolkschule Pfarrgasse 33 und die Jungenvolkschule Leopoldgasse 3 das Gebäude zugesprochen. Anfang 1943 begannen die Renovierungsarbeiten. Am 28. August 1943 wurde der Unterricht in der Kleinen Sperlgasse 2a als öffentliche Schule der Stadt Wien wieder aufgenommen. Das Gebäude ist heute eine öffentliche Volksschule.

Literatur

  • Markus Brosch, "Jüdische Kinder und LehrerInnen zwischen Hoffnung, Ausgrenzung und Deportation. VS/HS Kleine Sperlgasse 2a, 1938-1941, Diplomarbeit Universität Wien, Wien 2012.
  • Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) (Hg.), Jüdische Schicksale. Berichte von Verfolgten. Erzählte Geschichte, Bd. 3., Wien ²1993.
  • Shoshana Duizend-Jensen, Jüdische Gemeinden, Vereine, Stiftungen und Fonds. "Arisie-rung" und Restitution, Historikerkommission, Bd. 21,2, Wien / München 2004.
  • Dieter J. Hecht/Eleonore Lappin-Eppel/Michaela Raggam-Blesch, Topographie der Shoah. Gedächtnisorte des zerstörten jüdischen Wien, Wien 2015.
  • Otto Kalwo, Evakuiert, Deggendorf 1945, Yad Vashem Archives (YVA) O.33/1408.
  • Eleonore Lappin-Eppel / Katharina Soukup / Johann Soukup (Hg.), Rita Maria Rockenbauer. „Zu lesen wenn alles vorüber ist“ Rita Maria Rockenbauer, Briefe 1938-1942, Wien 2014.
  • Doron Rabinovici, Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag, 2000.
  • Herbert Rosenkranz, Verfolgung und Selbstbehauptung. Die Juden in Österreich 1938-1945, Wien 1978.

Einzelnachweise

  1. Fußnotentext

Dieses Gedicht verfasste Otto Kalwo wenige Monate nach seiner Befreiung im DP-Lager Deggendorf. Otto Kalwo, Evakuiert, Deggendorf 1945, Yad Vashem Archives (YVA) O.33/1408.